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Samstag, 4. September 1915.
klbend-Ausgabe.
Nr. 412. ♦ 63. Jahrgang.
Der Krieg.
von den östlichen Kriegsschauplätzen«
Die Durchbruchsschlacht bei Gologory.
Mehr als die Hälfte einer russischen Division gefallen.
Berlin, 4. Sept. (Zeus. Bin.) über die Durchbruchsschlacht von Gologory in Ostgalizien wird dem „B. L.-A." noch mitgeteilt: Die jetzige Offensive bei Gologory begann am 27. August. Dieser Kampf wurde heldenhaft von dem Preßburger 5. Korps geführt. Um 8 Uhr morgens begann die Artillerievorbereitung, über die sich gefangene russische Offiziere wie folgt geäußert haben: Mit Schrecken erinnern wir uns der furchtbaren Schlacht. Mit unheimlicher Präzision fielen die Gcschoffe der schweren Geschütze in Abständen von wenigen Schritten genau in unsere Schützengräben, alles vernichtend und verschüttend. Die tapfere russische Division, die sich im Kriege den glorreichen Namen „die Eiserne" erworben hat, vermochte selbst bei dem größten Heldcnmute nicht mehr, die Stellung zu wahren. Mehr als die Hälfte der Division fiel. Gegen einen Feind, der über eine so ausgezeichnete Artillerie verfügt, werden wir niemals aufkomme» können.
5 3 /. Millionen Gesamtverluste der russischen slrmee.
Basel, 4. Sept. (Zens. Bln.) Laut „Basler Nationalztg." betragen die russischen Verluste von Kriegsbeginn bis zum 15. August 223 172 Offiziere, wovon 43124 getötet und 161443 verwundet worden sind; 18 665 werden vermißt. Die Gesamtverluste an Mannschaften betragen schätzungsweise 51/2 Millionen.
Der neue Militärkommandant von Warschau.
Stuttgart, 4. Sept. (Zens. Mn.) Zürn Kommandanten von Warschau wurde dem ..Staatsanzeiger" zufolge Generalmajor v. K i n z e l b a ch ernannt. Geheimer Kriegsrat von Wunderlich wurde als Intendant nach Warschau berufen.
Die deutsche Zivilverwaltung in Russisch-Polen.
Br. Berlin, 4- .Sept. (Erg. Drahtbericht. Zens. Bln.) Tie Einrichtung von Bürgermeisterämtern des besetztem russisch-polnischen Gebiets wirb schnell durchgeführt. Zum Bürgermeister von Cholm ist der jetzige Staatsanwalt Friedrich Becker in Kaiserslautern ernannt Morden.
Ein österreichischer Generalgouverneur in Russisch-Polen.
w. T.-B. Wien, 4. Sept. (Nichtamtlich.) Generalmajor d. Diller ist zum Generalgouverneur der in österreichisch- ungarischer Verwaltung befindlichen Gebiete Ruffisch-Polens ernannt worden.
Bulgarische Glückwünsche zum Fall von Brest-Litowsk.
Budapest, 4. Sept. (Zens. Bln.) Der zweite Präsident der bulgarischen S 0 b r a n j e richtete nach dem Fall von Brest-Litowsk an den deutschen Kaiser ein Begrüffungs- telegramm, in dem er der Hoffnung Ausdruck gab, daß Bulgarien mit Recht Vertrauen in die Gerechtigkeitsliebe des Kaisers sehe. Aus dieses Telegramm ist von: Kaiser durch die Sofioter Gesandtschaft eine in herzlichen Worten- gehaltene Erwcherung eingetroffen.
Neue rusiischc Oberstkommandiereude.
W. T.-B. Bern, 4. Sept. (Nichtamtlich.) Aus Petersburg wird gemeldet: Generaladsutant Rußki,
der Chef der russischen 6. Armee, ist Wvm Ober- kommandierenüen der Armeen der Nord- fr 0 n t und General der Infanterie Evert. Kommandeur der 4. Armee, zum Oberkommandierenden der Armeen der Westfront ernannt worden.
Der russische Kriegsminister zum Ministerpräsidenten ausersehen-
Br Kopenhagen, 4. Sept. (Erg. Drahtbericht. Zens. Bin.) „Rjetsch" will zuverlässig missen, daß Kriegs- mittister Polimanow als Nachfolger Goremykins zum Ministerpräsidenten ausersehen ist. Wenn die WM auf den Kriegsminffter anstatt aus Kriwoschein gefallen sei, so liege der Grund darin, daß die außerordentlichen Verhältnisse eine energischere Leitung erfordern, als von Kriwoschein zu erwarten wäre, der erst kürzlich eine lange und ernste Krankheit überstanden hat.
Rückkehr der Einwohner Rigas.
Br. Petersburg, 4. Sept. (Eig. Drahtbricht. Zens. Bln.) Der Spozialberichterstatter der ..Börsenzeitung" Meldet aus Riga, daß die Bewohner der Stadt die Erlaubnis hätten, nach Riga zurückzmkommen.
Eine Drohung Rußlands an seine Verbündeten.
Br. Ofenpest, 4. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Sie der „Az Est" aus Sofia meldet, hat Rußland seinen Verbündeten offiziell mitgeteilt, daß es sich zu einem Separatfrieden entschließen werde, wenn die Tardanellenakt ron nicht schleunigst
erst>Igreich beendet werde.
Zum Besuch der deutschen und russischen Gefangenenlager.
W. T.-B. Kopenhagen, 4. Sept. (Nichtamtlich.) Die drei deutschen Damen, welche die dänischen Vertreter des Roten Kreuzes bei dem Besuch der deutschen Gefangenenlager in Rußland begleiten sollen, sind hier eingetroffon, wohingegen die drei Russinnen erst am 5. September von Petersburg hierher abreisen werden. Die Königin empfing gestern die drei deutschen Damen in Audienz. Gleichzeitig empfing die Königin sechs delegierte Herren des Roten Kreuzes und daraus den Konferenzrat Dithmer, der als Leiter der Kriegsgesangenen.tbteilung des Roten Kreuzes alle Verhandlungen mit den russischen und deutschen Behörden in dieser Sache geführt hat.
Der Krieg gegen England.
Unsere v-voote an der Arbeit.
W. T.-B. London, 4. Sept. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Der britische Dampfer „C h u r st 0 n", 2470 Tonnen groß, ist versenkt worden. Die Besatzung ist gerettet.
Gin großes U°Boot.
Chriftiania, 4. Sept. (Zens. Bln.) Am Samstagabend um r/„7 Uhr wurde von Stavanger aus ein großes deutsches Tauchboot vor der J.idernküste beobachtet. Es tvar ein Boot von riesigem Umfang. Plötzllich entdeckte es einen schwedischen Dampfer, der Nordwest fuhr. Das Unterseeboot, welches mit voller Fahrt ging, jagte dem Schweden nach ließ ihn aber ungehindert weiterfahren, als es seine Nationalität erkannt hatte. Täglich passieren Ll-Boote die Jädernküfte. Das zuletzt gesehene über» trifft jedoch alle anderen an Größe.
Die bisher versenkten englischen Handelsschiffe;
W. T.-B. London, 4. Sept. (Nichtamllich. Reuter.) Die
Anzahl der britischen Handelsschiffe, die bisher von den Deuffchen versenkt worden sind» beträgt 131. Es handelt sich um meist kleine, alte, langsame Schiffe von der Flotte von 11328 Schissen nach Lloyds Register vom Jahre 1914. Der Zahl nach macht das ein Prozent der Flotte aus. (So sagt Reuter, um die Pille zu versüßen. Anm. d. W. T.-B.)
Drei Dampfer in einer Woche versenkt.
W. T.-B. London, 4. Sept. (Nichtamtlich.! Amtlich wird gemeldet: In der am 1. September endigenden Woche wurden drei Dampfer mit einem Gesamttonnemnhalt von 6757 Tonnen versenkt.
Zwei britische Dampfer gesunken.
London, 4. Sept. (Zens. Bln.) „Lloyd" berichtet, daß die britischen Dampfschiffe „W h r t e f i e l d" und ,.R 0 u - maine" gesunken sind. Die Besatzungen wurden an Land gebracht.
„13 13" wieder flott gemacht.
W. T.-B. Kopenhagen, 4. Sept. (Nichtamtlich.) Das englische Unterseeboot „E 1 3" wurde gestern früh bei Saltholmen flott gebracht: es wird nach Kopenhagen abtransportiert, wo es bis Kriegsschluß bleibt.
Lin neuer engiis«^er „Erfolg".
Die deuffche meteorologische Station ans Spitzbergen
geplündert. — Die Besatzung gefangen genommen.
ap. Bergen, 4. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) In D r 0 n t h e i m ist kürzlich die Nachricht eingetroffen, daß die deutsche meteorologische Station in der E r 0 tz b a y von Spitzbergen von den Engländern geplündert und teilweise zerstört worden ist. Die deuffche Besatzung wurde gefangen genommen. Gegenwärtig liegen acht englische Kriegsschiffe an der Küste von Spitzbergen.
Grcy geht wieder auf Urlaub.
Rotterdam, 4. Sept. (Zens. Bln.) Wie Londoner Blätter melden, geht Sir Edward Grey Ende dieser Woche wieder für 14 Tage auf Urlaub. Lord C r e w e wird interimistisch die Geschäfte des Auswärttgen Amts leiten.
Frontreisen euglischcr Munitionsarbeiter.
W. T.-B. Paris, 4. Sept. (Nichtamtlich.) Wie die Blätter aus London melden, hat die Regierung, um den Arbeitern und Angestellten der Munitionsfabriken die Wichtigkeit ihrer Aufgabe deutlicher vor Augen zu führen, beschlossen, Abordnungen von je sieben in verschiedenen Fabrikattonsmittelpunkten ausgewählten Arbeitern während der Monate September und Oktober auf einige Tage an die Front zu senden, wo sie die Anlagen besichtigen sollen. Die Führer der Trade Unions werden gleichfalls zur Teilnahme an diesen Reisen aufgefordert.
Ter Sterlingkurs sinkt weiter-
Kopenhagen, 4. Sept. (Zens. Bln.) Aus New York wird telegraphiert: Trotz der Ankunft großer Mengen Gold und amerikanischer Wertpapiere aus London ist der Sterlingkurs weiter gefallen. Er steht jetzt aus 4,60. Es wird berichtet, daß weitere 20 Millionen Dollar Gold und mehrere Millionen Dollar Wertpapiere von England nach Amerika unterwegs find. In der letzten Zeit stad im ganzen
über 200 Millionen Dollar Gold in Amerika cmgekommen, davon 14 Millionen aus Japan und China und 130 Millionen aus England, Frankreich und Kanada.
Herrn Bordens Zuversicht.
W. T.-B. London, 4. Sept. (Nichtamtlich.) Die „Times" berichten aus New D 0 rk: Der kanadische Minister» Präsident wurde bei seiner Ankunft in New Uork von einem Berichterstatter ausgefragt. Er sprach die Überzeugung aus, daß sein Besuch in England zu einer engeren Zusammenarbeit der Dominion mit der englischen Regierung in den verschiedenen Dingen, die den Krieg betreffen, führen werde. Nicht nur in England, sondern auch im ganzen Reich herrsche tief st es Vertrauen in den Ausgang des Kriegs. Ministerpräsident Borden teilte ferner mit, daß mit der Admiralität ein Abkommen zur Verschiffung der reichen kanadischen Ernte nach überseeischen Märkten geschlossen worden sei, wovon man sehr befriedigende Ergebnisse erwarte.
Englische Zriedensstimmungen.
Aus London sind soeben zwei Nachrichten zu uns gekommen, die in gewissem pikanten Gegensatz zuein" ander stehen. Die eine spricht davon, daß Lord Ktchener, der englische Kriegsminister, erbost über die beständigen Niederlagen seines Vertrauensmannes Sir John Hamilton, die Absicht habe, selbst nach dem Mittelmeer abzureisen, um den Oberbefehl an den Dardanellen zu übernehmen. Die andere berichtet von wütendery Angriffen der „Times" gegen die englische Heeresleitung in einenr Artikel, der die Theorie verficht, daß Frankreich und Flandern Englands Haupt- kriegsschauplatz seien und die ganze Kriegführung Englands sich als eitel Stümperei Herausstellc. Di« beiden Meldungen spiegeln die augenblicklich in England herrschende Verwirrung und Ratlosigkeit aufs schönste Wider. Die Pause, die die Regierung von der Parlamentsvertagung in den öffentlichen Erörterungen erwarten konnte, wind mit den heftigsten Debatten in Zeitungen und Versammlungeu über die allgemeine Wehrpflicht und die Frage, was Englands Aufgabe rn diesem Kriege sei, ausgefüllt. Man kann sich ein Bild von der herrschenden Stimmung machen,. wenn man erwägt, daß die Regierung zwar gegen die Arbeiterorgane, die ihre Politik verurteilen, mit Haussuchungen und gerichtlichen Verfolgungen vorging, es aber nicht wagt, auch nur durch die Zensur der -maßlosen Kritik der „Times", wie überhaupt der Northclifse- Poesse Zügel anzulegen.
Von besonderem Interesse für uns ist der Umstand, daß diese Debatten so merkwürdig mit anderen Presseäußerungen zusanrmenfallen. die auf Friede n s- st i m m u n g e n in einflußreichen Londoner Kreisen schließen lassen. Der „Economist", die angesehenste Finanzzeitschrist Englands, die rnit den Wünschen der Gwßftnanz und der Führer in Handel und Industrie wohl vertraut ist, hat es verraten, daß rnan sehr froh lväre, zu einem Ende des Krieges zu kommen, ehe die lebte „silberne Kugel" verschossen ist. Diese Äußerungen fielen anläßlich des offenen Briefes, mit demSirEdward Grey die R e ich s t aq s r ed e des deutschen Kanzlers beantwortet hat- Man wivd aber gut tun, die Äußerung des Londoner Finanzorgans nicht zu überschätzen, da sie auf alle Fälle viel weiter geht, als es den politischen Zielen der Regierung entspricht. Aber als Symptom soll man sie immerhin nicht überscheu, gerade weil sie mit jener Kundgebung des für die äußere Politik verantwortlichen Ministers znsammen- fällt. In dieser ist neben der Besorgnis, Englands sinkende Sympathien bei den Neutralen neu zu beleben, eine gewisse Düüdigkeit und htesignierth-eit des Dons ausgefallen, -die von dem unbegrenzten Hochmut und der^ Z-rschmettcrungslust in den früheren Äußerungen englischer Minister seltsani obsticht. Man hört nichts mehr von der früher als ganz selbstverständlich hinge- gvstellten Theorie, daß England die Oberherrschaft (supremncv) über die Meere beanspruche und allen anderen Mächten gegenüber dauernd ausüben müsse. Das Thema wird plötzlich in seltsamer Weise verschoben und England die Rolle zugcwiesen, die -anderen Staaten! vor einer Oberherrschaft Deutschlands zu schützen, indem England sich mit Vergnügen zu Abmachungen ii&et ihie Ichheit der Meere herbeilasse. Dos klingt freilich, als ob England für den koni,menden Friedenskongreß von vornherein die Sympathien aller beteiligten und nicht beteiligten Staaten aus seine Seite bringen wollte. Sind die Entschlüsse der englischen Staatsmänner auch noch keineswegs auf Frieden gerichtet, so verrät sich in solchen Kundgebungen doch, wie ihnen innerlich zumute ist- Auch die scharfen Erwiderungen, zu denen die Andeutung des Reichsschatzsekretärs Helfferich von der durch uns zu verlangenden Kriegsentschädigung Anlaß gegeben hat, gewähren einen ähnlichen Einblick in den Seelenzustand, der drüben herrscht. Man denkt doch
