Einzelbild herunterladen
 

«rfd

bntd

V-st

tl. Jahrga««.

eint in z»ri Ausgaben. — BezugS-Pret»: den Verlag SO Pfg. monatlich, durch di« » Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beibt Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgaffe 27.

19,000 Abonnenten.

Nnzeigen-Prei-r

Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklame» die Pctitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.

« _ 3Lmtrt lim« für die Abend.NuSgade bis 12 Uhr mittags, für die Morgen. Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. - Für die Aufnahme später eingerttchter Anzeigen zur nächst-

erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzeigen-Äufnahmc an bestimmt vorgcschriebenen Tagen wird *«>«« Gewähr übernommen, icdoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Mg». 330. verlagv-Fernfprecher Re. 2«».

Abend - Ausgabe.

Reife - Abonnements

auf das

„Wiesbadener Tagblatt"

rsnnen täglich begonnen werden und kosten wöchentlich bei frgier Zustellung in's tzaus

mch Brtrs in DeuWand und Vesirrreilh-Ungarn 60 Ug.

^ .. im Ausland.. . 90 „

Bestellungen beliebe man genaue lvohnungsadreffe beizufügen.

Der Verlag des Wiesbadener Tagblatts.

Politische Merslcht.

Die Ruhezeit der sauren Gurke scheint uns in dieser politisch bewegten Zeit versagt zu sein. Obwohl der Kaiser sich längst aus seiner Nordlandsreise befindet, der Reichskanzler und preußische Ministerpräsident im Bade weilt, und auch die Staatssekretäre und Minister die Fsight aus der Öffentlichkeit angetreten haben, will fr« politische Flut, die Mitte Juni mit den Wahlen ihren Höhepunkt erreicht hatte, noch immer nicht abebben. Sogar die Person des K a i s e rs, der doch fern an den Gestaden der wild-pittoresken norwegischen Westküste weilt, wird zur Verstärkung der politischen Hochflut herangezogen. In der vergangenen Woche ist die Nach- rrchtensabrikation in bezug auf angebliche Äußerungen des Kaisers, in bezug aus dessen Stellung zur Sozial- idemokratie förmlich im Großbetrieb gehandhabt worden, und die Offiziösen waren stark mit Dementieren be­schäftigt.

Auch bei dem umfangreichen Nachrichtenapparat, der von Rom aus in Funktion getreten ist, hat man sorgsam die Spreu vom Weizen sondern müssen. Wer wollte auch alles für bare Münze nehmen, was die römische Presse über die bereits auf zwei Wochen ausgedehnten „letzten Augenblicke" des P a p st e s teils berichtet, tells gefabelt hat. Gewiß ist es wunderbar, welchen Widerstand der Körper des Dreiundneunzigjährigen der Krankheit und dem Alter entgegengesetzt hat, aber der Sagenkranz, der in Gestalt neu verfaßter lateinischer Oden, geistvoller Be­merkungen und der üblichen „letzten Worte" um den greisen Patienten gewoben worden ist, stellt allzu starke Ansprüche an die Gläubigkeit des Gemüts. Wenig er­freulich ist auch der Streit der Ärzte um die Behandlung des Papstes und noch weniger erfreulich der schon jetzt

Samstag» den 18. Juli.

mit Heftigkeit geführte Kampf um die Nachfolge Leos XIII. .

Heftigen politischen Kämpfen geht das Königreich Sachsen entgegen, oder richtiger gesagt, es befindet sich schon mitten drin. Die leitenden Kreise in Sachsen schicken sich an, aus dem Ergebnis der Reichstagswahlen zu lernen. Die erschreckende Tatsache, daß von 23 sächsi­schen Wahlkveisen 22 einen Sozialdemokraten als Ver­treter in den Reichstag entsandt haben, hat die sächsische Regierung zur Einkehr veranlaßt, der eine Umkehr folgen soll. Sieben Jahre zu spät hat man in Sachsen einge­sehen, daß die Beseitigung des alten Landtags­wahlrechts, die einer Wahlentrechtung der unbe­mittelten Bevölkerungsschichten gleich kam, ein Fehler war, wie er schlimmer kaum gemacht werden konnte. Jetzt will die sächsische Regierung eine Kommission einsetzen, um das neue Wahlrecht einer Reform zu unterziehen, aber das Vertrauen in die Wirksamkeit dieser Kom- missionsreform ist nur gering.

Hoffentlich kommt bei der Wahlrechtsreform in Sachsen mehr heraus als bei der sogenannten „Reform" des preußischen Landtags­wahlrechts. Das neue Reglement für die Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhanse. beschränkt sich auf eine Anzahl formeller oder doch politisch belangloser Ver­besserungen, von denen manche von manchen für Ver- Wimmbesserungen gehalten werden. Des weiteren wollen wir hoffen, daß die gegen das Urteil des Oberkriegs­gerichts in Sachen Hüssener eingelegte Revision von Erfolg begleitet sein wird. Die milde Verurteilung des Fähnrichs Hüssener hat in den weitesten Kreisen eine nur zu berechtigte Mßstimmnng erregt. Jedenfalls kann der Fall Hüssener nicht als abgetan betrachtet werden, sondern die blutigen Vorkommnisse in Essen werden zweifellos den nächsten Reichstag beschäftigen.

Der Reichstag wird sich unter anderem auch mit dem deutsch-kanadischen Zollkonflikt zu be­fassen haben, schon deshalb, weil am 31. Dezember das Handelsprovisorium mit England abläuft. Das von der englischen Regierung veröffentlichte Blaubuch über die deutsch-englischen, bezw. deutsch-kanadischenVerhandlungen hat erwiesen, daß die deutsche Regierung mit ebenso viel Korrektheit wie Mäßigung vorgegangen ist und daß die Schuld an dem deutsch-kanadischen Konflikt auf Seiten der Gegenpartei liegt. Es bleibt abzuwarten, ob die gesunde Vernunft in den Köpfen der englischen Staats­männer unterdes so große Fortschritte machen wird, daß die Herstellung eines modus vivendi mit England zu ermöglichen ist.

Daß dergleichen bei ein wenig gutem Willen zu er­reichen ist, zeigt die plötzlich eingetretene Abrüstung zwi­schen der Türkei und Bulgarien, die sich soeben noch bewaffnet bis an die Zähne gegenüberstanden.

RebakttonS-Fernsprrcher N». S2. 1903.

Offenbar hat inan in Bulgarien, wo auch Merlei Leute vom Schlage Chamberlain umherlausen, erkannt, daß es gewagt wäre, da banque zu spielen. Auch sonst lauten die Nachrichten vom Balkan beruhigender. In Makedonien scheint die Ausruhrbewegung nachzu- lassen, in Serbien herrscht wenigstens äußerlich Ruhe, und in Griechenland ist die neueste Kabinetts» trisis glücklich beendet — bis zur nächsten!

Der Zustand des Papstes.

hd. Berlin, 17. Juli. Nach einer römischen Depesche des „B. T." heißt es, die Kardinäle hätten die Ärzte ge­beten, den Papst nicht rnit weiteren Operasionen zu guälen, da sein Los ja doch besiegelt sei. Tie meiste Be­sorgnis flößt immer die zunehmende Erschöpfung ein. Im Laufe der Nacht nahm der Papst etwas flüssige Nahrung, während des Tages soll er auch etwas stste Nahrung erhalten. Auch heute wird der Kranke eine Zeitlang im Lehnstuhle zubringen dürfen. Wenn keine Komplikationen eintreten, so begibt sich Mazzoni erst am Abend wieder in den Vatikan. Der Papst hörte auch heute früh die Messe und folgte derselben mit besonderer Inbrunst; während er die Gebete nachsprach und sich verneigte, stützten ihm Lapponi und Centra den Kopf.

wb. Rom, 17. Juli. Die Ärzte fanden heute morgen den Papst, der „Tribuna" Zufolge, lvie gestern in sehr gedrückter Stimmung. Er liegt im Bett, steht aber von Zeit zu Zeit aus. Als er gestern im Lehnstuhl saß, bat Mazzoni, den Papst photographieren zu dürfen. Dev Papst erlaubte es lächelnd. Mazzoni machte 12 Auf­nahmen. Dem „Giornale d'Jtalia" zufolge hörte der Papst morgens eine Messe und- sprach leise Gebete. Die Ärzte machen keine Vorhersage über die Dauer dieses Zustandes.

hd. Berlin, 17. Juli. Einer Depesche der „Rassischen Zeitung" aus Rom zufolge überraschten die gestern sich bemerkbar machenden Symptome wiederanstretend-er Organ-Funktionen die Ärzte, so daß der Glaube an eine nahe bevorstehende Katastrophe erschüttert ist. Mazzoni erklärt, es sei nicht ausgeschlossen, daß der gegenwärtig« Zustand sich noch geraume Zeit erhalte.

hd. Berlin, 18. Juli. Gestern bat der Papst, wie dem „B. L.-A." aus Rom telegraphiert wird, fast den ganzen Nachmittag geschlafen. Er fühlt sich wieder Wähler und spricht mit Zuversicht von seiner Genesung. Professov Lapponi erklärte einein Journalisten, der Lungen-Pro- zeß sei gelöst und der pleuritische Prozeß im entschiedenen Rückgang. Man dürfe also annehmen, daß alle organi­schen Funktionen sich wieder beleben werden. Es sei aber die Befürchtung nicht ausgeschlossen, daß nun an Stelle der Krankheit ein Zustand des physischen und auch in-

Arbeit.

Roman von Maria Schade.

<10. Fortsetzung.)

Der Aristokrat sah an seinem tadellosen Rock hinunter, als wolle er sage::: HM-e ich meine anständigen Kleider dazu, daß ich sie in einer schmierigen Werkstatt be­schmutze?!

„Haben Sie schon viel Aufträge für Kaiserstandbilder gehabt?" fragte er dann, indem er Meerbach heraus­fordernd fixierte. Der Baron war nämlich der Ansicht, daß die Knust nur einen Wert habe, wenn sie zur Ver­herrlichung des Thrones diene.

Der Bildhauer schüttelte den Kopf.

„Bis jetzt habe ich für solche Bestellungen nicht Zeit gehabt. Allerdings befinden sich gegenwärtig ein paar Büsten dieser Art in meinem Atelier. Aber ich lasse sie von meinen Schülern anfertigen."

Ist wurde dunkelrot. Sie fühlte, daß dieses Gespräch um jeden Preis abgebrochen werden müsse. In ihrer Hast fand sie nicht gleich ein passendes Thema. Als ein­ziger Ausweg blieb ihr nur das Wetter.

„Nein, dieser Regen!" seufzte sie. „Man wird ganz nervös."

„Ein regnender Himmel", sagte der Baron, „ist wie eine weinende Frau. Da man den Träum beider macht­los gegenübersteht, so bleibt einem nur noch übrig, sie zu bewundern."

„Au!" machte der Kommissionsrat.

„Was wissen Sie Epikuräer von Tränen?" fuhr der Baron fort. „Wenn Sie einmal Tränen im Auge ge­spürt haben, so war doch nur eine zu scharf papricierte Sauce daran schuld."

Die Tischgesellschaft brach in schallmdes Gelächter aus. Aber trotzdem die Heiterkeit so laut war, hatte sie doch etwas Gezwungenes.

Ter junge Künstler empfand immer deutlicher das Peinliche seiner Lage. Er aß an dem Tische eines Mannes, dessen Frau er liebte. Er genoß die Gastfreund­schaft eines Hauses, dessen Frieden er zerstören wollte. Sein gesundes Gefühl, das noch nicht unter modernen

zersetzenden Einflüssen gelitten hatte, sagte ihm, daß es eine unwürdige Nolle sei, die er spiele. Jeder Schluck, ;eder widerte ihn an. Alle die Leckereien, aus denm das r-eiche Menu zusammengesetzt war, hatte er vorübergehen lassen. Er wußte kaum, daß es Krebssuppe, . Austern, Kaviar und Bachforellen gegeben hatte. Mit Sehn­sucht sah er dem Ende der Zeremonie entgegen. Er machte sich Vorwürfe, die Einladung angenommen zu haben. Sein erster Gedanke beim Empfang der Aufforderung zum Diner war auch eine sofortige Ablehnung gewesen. Nach der letzten Begegmmg mit Ist erschien es ihm eine Unmöglichkeit, ihrem Gatten freundschaftlich ur' harm­los gegenübertreten zu können. Aber dann harte eben der Gedanke an Jsi ihn umgestimmt. Er mußte sie Wiedersehen. Sie würde jetzt nicht wieder sein Atelier be- such-en, das wußte er. Und doch war eine Aussprache not­wendig. Vielleicht war es ihr Wunsch, daß er kam. Also mußte er dieses Opfer bringen. Er brachte es ja seiner Liebe. Und ihre Nähe beglückte ihn auch jetzt wie immer. Heimlich berührte er zuweilen unter dem Tische das grüne Kleid. Und so leise auch die Berührung war, Jsi merkt es doch. Denn er fühlte das Beben des schlanken Körpers an seiner Seite.

Als die Poularden serviert wurden, rückte der Ge­lehrte sichtlich unruhig aus dem Stuhle hin und her. Man wußte, daß nun das bereits versprochene Angebinde kam, — der allgemein gefürchtete Toast. Und er kam auch mit aller Geschmacklosigkeit des Ausdrucks, mit aller umständlichen Breite, die man an dem Professor zur Ge­nüge konnte. In überschwenglichen Worten lobte er die reichen Verdienste des Geburtstagskindes. Man war froh, als endlich das Hoch erscholl.

Die Gläser klangen aneinander. Die Stimmen schwirrten.

Meerbach stammelte seinen verspäteten Glückwunsch, als er mit dem Hausherrn anstieß.

Ter klopfte ihm jovial aus die Schulter.

„Ich hoffe, mein junger Freund", sagte er in herz­lich klingendem Tone, „daß ich noch oft die Freude haben werde. Sie als Gast meines Hauses zu begrüßen."

Vor den Auaen des Künstlers drehte es sich-

Jsi trat zu ihm,

Ihre Gläser klangen an einander: -ein seltsamer Ton — halb wie ein erstickter Schrei.

Worauf hatten sie angestoßen? Auf das Wohl des Mannes, den sie hintergchen wollten.

Sie sahen sich air. Ihre Gesichter waren bleich.

Meerbach mußte sich abwenden.

In der Hand der jungen Frau bebte das Glas.

Das Diner war zu Ende.

Man begab sich in das Spielzimmer.

„Sind Sie befriedigt?" fragte der KommissionsraL den Baron, der nachlässig neben ihm ging. „Ich bin es im vollsten Maße. Ruprechts verstehen was von der Sache, das mutz man sagen."

„Ach was!" brummte der Aristokrat.. „Sie ist kalt wie eine Hundeschnauze. Frauen und Cigarren ähneln sich in gewisser Hinsicht. Wenn ihnen das Feuer fehlt, sind sie ungenießbar." Und dabei griff er nach- der Havanna, die der Diener präsentierte, und steckte sie in Brand.

Man lehnte herum, die Mokkatasse in der Hand, die man nirgend recht unterzubringen wußte.

Ruprecht setzte sich an den mit grünem Tuche be­schlagenen Spieltisch.

„Meine Herren!" rief er. „Ist Ihnen ein Particchen gefällig?"

„Natürlich-! — Mit dem größten Vergnügen!"

Der Baron und der Kommissionsrat traten sogleich heran. „Herr Meerbach, darf ich Sie auffordern, uns beim Skat als vierter Mann Gesellschaft zu leisten?"

Der Künstler verbeugte sich leicht vor d-enr Hausherrn-

„Bedaure unendlich. Aber ich spiele nicht."

„Ach so . . . Tut mir sehr leid . . . Dann müssen Sie schon die Güte haben, sich so lange mit meiner Frau zu unterhalten . . . Unser Professor pflegt nach Tisch immer ein bißchen zu ruhen . . ."

„Nehmen Sie auf mich keine Rücksicht — absolut nicht!" rief der Gelehrte. „Ich suche mir etwas Les­bares . . . Sie haben da ganz interessante Sachen . ."

Jsi hatte sich über das Billard gebeugt, das in der Mitte des Zimmers stand. Durch ihre weißen Hände glitten die Kugeln.