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Moderne russische UolKswohlpflege.

Man ist nicht gewöhnt, aus Rußland von volksbe- glückenden Neuerungen zu hören, denn dort ist noch immer „der Himmel hoch und der Zar weit". Um so überraschender klingt die Nachricht, daß seit einigen Jahren eine Bewegung im Zuge ift, die auch für die orderen Kulturstaaten manches Vorbildliche birgt. Es handelt sich vor allem um die Gründung von Volks- thcatern in des Wortes wirklicher Bedeutung. In den letzen drei bis vier Jahren sind nicht nur in größeren um kleineren Provinzstädten Volkstheater wie die Pilze 'cmi der Erde geschossen, sondern selbst in ganz kleinen Dö'.fern Diese haben ihre Mniaturtheater mit Bauern als Schauspieler und Zuhörer. In einem Dorftheater des Gouvernements Samara führt man sogar Opern auf mit einem wohlgeschulten Bauernorchester und einem dreisig Mann starken Bauernchor. Die Emtrtttsgebuhr in deses Theater beträgt mir eine Kopeke. Bauern er- bauer. die Torftheater, Bauern malen die Dekorationen und lersertigen die Kostüme, vom Schullehrer emgeubte Bauem und Bäuerinnen sind die Mitwirkenden. In der Segel singen nur die Helden und Heldinnen m Kostümen, die übrigen Mitspielenden erscheinen tn ihren öewöhilichen Trachten. Der Eintritt m viele dieser jTheate.- ist ganz frei, einige geben nur die Kmdervor-

stelluncen unentgeltlich. ^ „ T ,

Mm wird fragen, wie sich diese Theater erhalten. Nun dmn, die meisten werden durch die gemeinsamen Bemühingen von Privatgesellschaften und öffentlichen Körpershaften erhalten. In vielen Gegenden, werden >die Volistheater auf von der Munizipalität geschenktem Boden «baut. Viele bekommen aus den Steuergeldern Subventionen, aber die meisten erhalteii sich selbst. Jede

russische Lokalbehördc, die über eigene Fonds verfügt, hat zu dem Erfolg dieser bedeutungsvollen Bewegung ihr Scherflein beigetragen. , , .

Es ist in den Semstwos (Stadtvertrettmgen) Sitte geworden, die Geburts- und Todestage hervorragender Männer durch Stiftung populärer Vortragskurse oder durch Errichtung von Freibibliotheken, billigen. Arbelter- Speisehäuserri und Volkstheatern zu feiern. ^n Odessa zum Beispiel wurde anläßlich der 1000-fahngen ^oüe,- feier des heiligen Methodius ein Dolkstheater eröffnet. Im ersten Jahre seines Bestandes wurden 34 Vor- stellungcn gegeben, welche von 28 000 Personen besucht wareii, die fast alle dem Arbeiterstande angeh orten. ^?n Jekaterinoslaw stehen mit dem ^ Theater eine Vortrags­halle, ein Konzertsaal, eine Freibibliothek, ein Museum, eine Turnhalle und ein Kindertheater, in welchem gratis Pantomimen aufgefühR, werden, in Verbindung. Eine Besonderheit Rußlands sind auch die Fabrikstheater, dre von reicheii Industriellen zum Wohle ihrer Arbeiter er-

Interessant ist, daß die Anregung zur Volkstheater bewegung aus Sibirien kam. 1884 spendete ein Millionär in Tomsk eine größere Summe, mit welcher der Lotal- ausschutz des Vereins der „Erziehungsfreunde" eme Anstalt errichtete, an welche sich ein kleines Theater für Arbeiter anschloß. Der Versuch gelang so vortrefflich, daß sich die Einkünfte der Gesellschaft verdreifachten, das Theater erweitert werden mußte und man ein Museum und mehrere Schulzimmer anfugen konnte. Zu derselben Zeit trat in St. Petersburg eine Gesellschaft ins Leben, welche Feste für die arbeitenden Klassen ver­anstaltete. Den Hauptanziehungspunkt dieser Feste bildeten Bühnen im Freien, auf welchen Sänger, Dekla- matoren und Clowns auftraten. All das konnte man für nur 25 Pfennig sehen und hören! Der Erfolg war ein Mvn halte mit einem Kapital van

weniger als 3000 Mk. begonnen und 1900 war die Gesellschaft' bereits im Besitze- eines. Reservefonds von 340 000 Mk., obgleich sie aus dein Reinerträgius zwei Freibibliotheken mit Lesezimmern errichtet hatte Jetzt ist sie dabei, billige Volksbadehäuser und Schlittschuh­laufplätze auf der Newa zu errichten. ,

1894 begannen die Mäßigkeitsvereme L.eeanstalten in?- Leben zu rufen. Hier wurden nichtberauschende Getränke und leichte Mahlzeiten zu Selbstkostenpreisen an Arbeiter abgegeben. Diese Anstalten mußten aber nach kurzer Zeit geschlossen oder in Freibüchereien um- gewandelt werden. Ta die Volkstheater so glänzend ein geschlagen hatten, beschlossen die Mäßigkeitsvereine, im Anschluß an die Teeanstaltcn Bühneii zu errichten. .

Nach den amtlichen Regierungsberichten erfreuen sich die Volksfeste. Volkstheater, Konzerte, Vorlesungen eines derartigen Auklanges bei den Arbeitern, daß sie sich

nicht nur bezahlt machen, sondern auch bedeutende Rein­erträgnisse ergeben. „ . .

Jedes Städtchen hat seinen Mäßigkettsverem und jeder Bezirk einen offiziellen „Mäßigkeitshilter'. Diese Vereine haben verschiedene Bestimmungen.; ihr Haupt­zweck ist jedoch, auf jede mögliche Art gegen die „rrunk- siicht anzukämpfen. Da allgeinein angenommen wird, daß die Trunksucht hauptsächlich infolge Mangels an guter Ernährung und rationellen Volksvergnugungen so sehr überhand genommen hat, greift der kluge Finanz- minister auf das alte römische panem et circenses zurück Die Aufgabe dieser Mäßigkeitsvereine ist es, für billige Volksnahrung und Volksunterhaltung zu sorgm. Die Hauptstädte gehen mit gutem Beispiel voran ^n einem au^rhalb Moskaus gelegenen „Volkshause zum Beispiel bekommen Arbeiter schon für zehn Pfennig Unterkunft für die Nacht und, für 50 Pfennig pro Dag ganze Verpflegung. Unter einem solchen Volkshaus versteht man ein Arbeiterrestaurant mit Klub, Bibliothek und Vergnügungssaal. Diese Wirtschaften sind gut be­leuchtete und gelüftete, peinlich sauber gehaltene, große Speisesäle, in welchen jedem Besucher Wasser, Sdlfe und ein Handtuch frei zur Verfügung stehen; ste sind vom frühen Morgen bis zum späten Abend geöffnet, Früh­stück-, Mittag- und Abendbrot werden zu gleich billigen Preisen verabreicht und stets in bester Qualität, ^n einem dieser Moskauer Volkshäuser befindet sich auch ein Arbeitsvermittelungsbureau. ,

Das St. Petersburger Vereinsvolkshaus ist nach dem Muster des Londoner Volkspalastes gedacht. Das alte Nischni-Nowgoroder Ausstellungsgebäude, das knapp an der Newa in einem herrlichen Park steht, wurde dazu eingerichtet. Uralte schatttge Bäume, saftige Rasenplätze und farbenprächtige Blumenbeete erfreuen das Auge der Desucher. Der Bau ist in fünf Abteilungen geteilt: die große Eintrittshalle, die Speiseräume, den KonzertsmA, das Theater und den Lesesaal. Der Eintritt m alle fünf Räume kostet'20 Pfennig. Der Durchschnittspreis eine?' reichlichen und schmackhaften Mittagessens be­ziffert sich ebenso hoch. Im Theater haben 2000 Zu­schauer Platz, und es ist täglich besetzt. Man kann sich kaum eine aufmerksamere und dankbarere Zuhörerschaft vorstellen als diese armen Arbeiter, die mit wahrer Der- ztoeiflung in den Mienen dasitzen, wenn es dem Helden des Stückes schlecht ergeht, und in einen Begeisterungs­sturm ausbrechen, wenn er über den Feind siegt. Wenn das Stück zu Ende ist, tauschen die Zuhörer lebhaft ihre Ansichten aus; das Theater hat eben den Zweck, den Be­suchern neue Ideen auf angenehme Art zugänglich zu machen und sie zum Nachdenken anzuregen.

Tie Regierung unterstützt diese Veranstaltungen aus dem Reinerträgnis des Spiritusmonopols. Die Provinz­vereine bekommen jährlich 50 000, die St. Petersburger

Feuilleton.

Eine

Ern WckschrMler.

naurwissenschastlich - gastronomische Alexius Becker.

Studie von

In der Gewässern der meisten Länder Mitteleuro­pas lebt en Krustentier, das zu den vom menschlichen Gaumen stts begehrten Leckerbissen gehört: der KrebS. Freilich nimmt er sich in seinem schmutzig-dunkelbraunen Rock beim asten Anblick ganz und gar nicht gefällig am-; allein um o schmucker wird er, nachdem er Bekannt schaft gemaöt mit siedendem Wasser und einige Zett dann verblieben ist. Dann hat sich nämlich die bisherige garstige Fade in lachendes Sattrot umgewandelt,- gar­niert man «ne Schüssel hübsch aufgebauter .Krebse gar noch mit eiiem Kranz grüner Petersilie und fugt an passender Stelle hier und dort ein Sträußlein davon ein, so gewiint auch das Auge Teil an den Wonnen, die dem Mchen zugedacht werden. Denn wie trefflich Krebse mundn, darüber ist heute alle Welt einig, vorausgesetzt natürlich, daß sie richtig zubcrettet sind und man beim Kais auf eine Art gestoßen ist, die wirklich ge­gessen zu weÄen verdient. ^ _ ,, ,

Da dies Krustentier sein Dasein unbeobachtet von dem forschenken Auge des Menschen hinspinnt, war es auch möglich, daß so viele fabelhafte und oftmals gerade­zu unsinnige Äerüchte in Umlauf kommen konnten. DaS gilt besonder; von der Nahrungsweise des Krebses. Entgegen der allgemein herrschenden Ansicht nimmt dieser niemal; faulendes oder stinkendes Fleisch zu sich; sogar frisches nur im äußersten Notfälle. Umso er- wünshter sind ihm Fische und Frösche, die aber stets noch lebend sein müssen, wofern sie seinen Appetit erregen sollen ebenso als Gemüse kalkhaltige Vegetabilien, wie Klee und Esparsette, Luzerne und Schoten. Schließlich vxrzeirt er auch wohl in dem Drange, seinem Organis­mus möglichst viel von dem diesem so notwendigen Kalksosf zuzuführen, den eben abgeworfenen Panzer und, ein echter Kannibale, sogar die eigenen Kinder. Auf tiefen letzteren Umstand wird man als Erklärungs- aruw zurückkommen müssen, wenn sich die Krebszucht hin rid wieder so ungünstig gestaltet. Es gibt eben i

kaum ein Tier, das so viele Feinde hat wie der Brauu-

rock unten auf dem sumpfigen Grunde des Wasserlaufes. Die Räuber unter den Fischen, also Hecht und Zander, Wels und Barsch, machen beständig Jagd auf ihn, der Fuchs erspäht ganz genau die Löcher, die jener sich zum Aufenthalt wählt, und sogar der Hund weiß das saftige Fleisch unseres Krustentieres zu schätzen. Dazu kömmt noch neuerdings die sogenannte Krebspest, eine arg ver­heerende Seuche, die ganze Wasserläufe ihres bis da­hin so reichen Bestandes beraubt. Was Wunder, daß der Mensch selber von Jahr zu Jahr weniger auf seine Kosten kommt, wenn er die ersehnte und von ihm oft mit so großer Mühe erzüchteten Beute mit so vielen andern, die von gleicher Jagdlust beseelt sind» teilen muß!

Der Krebs haust während der ganzen Wintermonate fast ununterbrochen in seinem Schlupfwinkel. Erst zu Beginn der warmen Jahreszeit verläßt er diesen, hautet sich dann mehrmals im Sommer, am häufigsten im ersten Jahre seines Daseins, wo dieser Vorgang achtmal statt- sindet, allmählich jedoch wesentlich seltener Nbrigenv hat die Äsung darauf großen Einfluß- ,e mehr Kalkstoffe er zu sich nehmen kann, um so schneller vollzieht sich die Schalenbildung - und dementsprechend leichter die Häu­tung Diese selber stellt einen ebenso wichtigen wie für den Forscher überaus interessanten Vorgang vor. Wenn der Panzer den Höhepunkt des Wachstums erreicht hat, erscheinen die Tiere matt, träge, voll Unbehagen. Plötz­lich kommt es über sie wie Nervosität und Wounerausch; sie ahnen, daß ihnen gewissermaßen eine Verjungung des gesamten Organismus bevorstehe und können nun kaum den Augenblick erwarten, wo diese emtreten wird. Nichtsdestoweniger ist der Häutungsprozetz selber für sie mit nicht geringen Schmerzen verknüpft. Immer enger wird das Panzerkleid, immer straffer umschließt es den Körper Der arme Gesell streckt und dehnt sich; er sucht eben so schnell wie möglich aus einer Hülle zu kommen, die ihm unkleidlich dünkt. Plötzlich ein Knistern, ein Knattern — ein Krach! Der Panzer ist der Lange nach in der Rückenrinne geplatzt. Eiligst schlüpft der Krebs vollends heraus, entledigt sich dann der Scheren und des Schwanzes, wie wir etwa Schuhe und Strümpfe aus- ziehen, und ist nun gänzlich unbekleidet. Bis der neue Panzer wieder hinreichend hart geworden, verbleibt er ' jetzt in seinem Erdloch. Dann aber stolziert er hurtig

und stets beutebeflissen in seinem Revier hin und her, kreuz und quer.

Wenn ich von Krebsen spreche, so kommen selbstver­ständlich immer nur die so begehrten Eüelkrebse in Be­tracht, also die Art der großen krustentragenden Familie, die beim Kochen sowohl oben als auch unten röttiche Farbe annimmt. Ungleich minderwertiger ist ein Ver­wandter von ihnen, der Steinkrebs. Er kommt in stark­strömenden Gewässern vor, die über steinigen Grund dahinjagen, und hat die Eigenschaft, daß er sich, gekocht, nur auf der oberen Seite rötet. Augenblicklich, wo Krebse so teuer und infolge der vielfachen Gefahren, von denen sie umstellt werden, verhältnismäßig selten sind, tischt man übrigens Steinkrebse selbst in den besten Restaurants auf. Auch dem Geschmacke nach stehen lene den Edelkrebsen übrigens entschieden nach. Noch ge­ringer zu bemessen ist der Dohlenkrebs, ein blaßbciuiger Gesell, der glücklicherweise auf germanischem Boden ziem­lich selten ist. Trotzdem sucht man ihn unerfahrenen Hausfrauen womöglich als leckere Seltenheit in Marlt- korb und Kochtopf zu schmuggeln; doch braucht man nurk- lich nickt Gourmet zu sein, damit man herausstude, wie sehr zu seinem Nachteil sich dieser Krebs von seinen vor- nelui.cn Verwandten unterscheidet. Allenfalls kenn man ihn zu Suppen und Saueen verwenden, weil hier die niederen Zrütten den nötigen Halt zu geben vcrm.gcu. Das n.'Uiot vor allem ducch Beifügung von Nli.per Vi-lter „nt dem sich in dieser Hinsicht so sehr bewähr-ui:., Liebt.',s Fi-sttch-Extrakt.

Bon dem Reichtum an Edclkrebscn in den deutschen Gewässern, wie er ehedem geschildert wurde und ohne Zweifel auch tatsächlich vorhanden war, vermag man sich heute kaum noch einen Begriff zu machen. Zumal tn den Wasserläufen des Nordens wimmelte cs von mesen schmackhaften Krustentieren. Ein Bericht aus dem Jahre 1718 meldet: „Unter vielen Ländern Deupchcands hat wohl die Mark Brandenburg den größten Krebsfang, wie denn des Sommers kein Tag nicht hingehet, da nicht die aus Berlin abgehenden Posten und Fuhren etne Quantität dieselben mitnehmen." Die Oderkrebse ge­nossen eben schon damals ihren Weltruf, und Kuriere brachten Körbe davon unablässig nach London und Paris. Nächstdem waren die Krebse des Donaugebiete» am meisten begehrt. Ungarn und das Erzherzogtum Oster-