Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.
Ms. 323. Morgen-Ansgahe.
Donnerstag, den 16. Juli.
öl. Jahrgang. 1V03.
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Unser Leben schauend flelebt, ist unsere Ernte gehalten. t Carl Hauptmann. ff
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(27. Fortsetzung.)
Leutnant Lämmchens Abenteuer.
Eine heitere Geschichte von G. v. Stokmans-GermaniS.
Lämmchen verneigte sich. „Ganz wie Sie befehlen."
„Dann sagen Sie mir vor allem, wie kamen Sie auf die sonderbare Idee, mir in so auffälliger Weise eine Aufmerksamkeit zu erweisen?"
„Das Auffällige konnte ich nicht voraussehen, und eine Aufmerksamkeit sollte es auch nicht sein."
Sie lachte nervös. „Ja, was denn sonst in aller Welt?"
„Ein Sühneversuch."
„Aber Sie haben mich doch nicht erzürnt, mir nichts
getan."
„Doch, mein gnädiges Fräulein, wenn auch unfreiwillig. Haben Sie die Verwüstung in dem Garderoben- schrank noch nicht bemerkt?"
Ein Licht schien ihr aufzugehen. „Allerdings", sagte sie, „mein bester Hut ist vernichtet und das eine Kleid erheblich angesengt."
„Der Attentäter bin ich."
„Wirklich? Nun, mir ahnte so etwas — aber der Schaden ist leicht verschmerzt — mit Ihrer Sendung haben Sie viel mehr Unheil angerichtet."
„Wieso, wenn ich fragen darf?"
„Das ist nicht so leicht gesagt, doch ich will ganz offen gegen Sie sein, es ist am besten so", und nach einer Pause fuhr sie, mit einem Seufzer fort:
„Der Zufall hat Ihnen ein Geheimnis verraten, das ih bisher wohl gehütet habe, und dessen weitere Bewahrung für mich -— und für einen anderm von großer Wichtigkeit ist. Daß wir die Wahrheit nicht offen_ bekennen dürfen, ist uns ein großer Schmerz; wir leider, unter dem Schweigen, das wir beobachten müssen, und werden glücklich sein, wenn der Augenblick gekommen ist. der demselben ein Ende macht. Mein Vetter Max und ich lieben uns seit Jahren und sind schon seit Monaten verlobt, seine Mutter hat ihn aber für seine reiche Schwägerin Lies bestimmt, und ehe diese nicht anderweitig untergebracht, das heißt verlobt oder verheiratet ist, dürfen wir es nicht wagen, mit unseren Ansprüchen hervorzutreten. Täten wir es, wir würden augenblicklich getrennt. Leider sind wir beide noch von seinen Eltern abhängig, und eine arme Nichte als Schwiegertochter paßt nicht in die ehrgeizigen Zukunftspläne, welche die Baronin von Twielen- dorf für ihre Kinder hegt."
Lämmchen nickte. „Ich dachte mir so etwas."
„Natürlich", fuhr Mannia fort, „fühlen wir zuweilen das Bedürfnis, uns unbemerkt zu sehen und zu sprechen, und da Max den geheimen Doppelzugang zur Bibliothek kannte, bnutzten wir ihn, um uns zu treffen."
„Doppelzugang?" fragte Lämmchen erstaunt.
„Gewiß. Sie haben ja die beiden großen Bilder ge
sehen. Hinter jedem von ihnen verbirgt sich eine geheinie Tür."
„Auch hinter dem lächelnden Kavalier?"
„Genau so, wie hinter der Dame. Der eine Gang führt in mein Zimmer, der andere in die Kanzler. ^ Von dort aus begab sich mein Vetter in die Bibliothek.
«Und Sie schlüpften, durch den Wandschrank?"
„Ganz richtig! Unglücklicherweise waren wir nicht
vorsichtig genug; man sah von außen, daß die Mbliothek erleuchtet war, und hörte in Tante IUppchens Zlinmer, das darunter liegt, allerhand Geräusche, ^zhren sprrrtist- scheu Anschauungen gemäß glaubte dre gute Alte, dasselbe rühre von ruhelosen Geistern her, und ich bestärkte sw in diesem schönen Glauben, aber auch andere wurden aus- merksam, und schließlich wagten wrr nicht mehr, dahm zu gehen, aus Furcht vor Entdeckung. Die Einquartierung, die Unruhe im Hause kam dazu; kurz, mein Vetter, bu hinter seiner scheinbaren Passivität eme große Leideii- schaftlichkeit verbirgt, und überhaupt_ nicht zu den geduldigen Leuten gehört, befindet sich jetztm einer ganz anormalen Verfassung und gefährlichen Stimmung. Ew ist leicht erregt, mißtrauisch, eifersüchtig, quält sich und mich mit Zweifeln und Verdächtigungen, die ihm frühe, ganz fern lagen, und ist immer drauf und dran seine Selbstbeherrschung zu verlieren. Seine Lage ist auch wirklich nicht beneidenswert und ich meinerseft» mutz alles vermeiden, was dieser unglückseligen Stimmung Nahrung gibt."
Lämmchen neigte zustimmend das Haupv „Mein gnädiges Fräulein", sagte er, „ich verstehe Sie vollkommen und bitte ©ie, auf mich keine Rücksicht mehr zu nehmen. Lassen Sie Ihren Verlobten vollkommen klar sehen, schildeni Sie chm mein Abenteuer, erzählen Sw ihm meine dummen Streiche, zeigen Sie ihm, ivelch ein harmloser, törichter Mensch ich bin, und sorgen Sie nur dafür, daß er diese seine Wissenschaft für sich behalt.
Mannia blickte ihn strahlend vor Dankbarkeit cm.
Ach" sagte sie, „wie Sie meine Wünsche erraten, gerade darum wollte ich Sie bitteii. Ich hatte Ihnen Schweigen gelobt und wollte auch Max gegenüber mem Versprechen halten, aber die Sonderbarkeit der Umstände führt so leicht zu Mißverständnissen, und ich wünschte sehnlichst, ihm alles erklären zu durfm. — Die Blumensendung hat ihn so sehr verstimmt. Überhaupt, ich führe eit dem Tode meiner Eltern kein beneidenswertes Da- sein, sondern eine Art Doppelexistenz, die meine ganze Kraft und Umsicht in Anspruch nimmt und die schwMten Anforderungen an mich stellt. Ich kämpfe um mem Gluck, um meine ganze Zukunft, und es wäre hart, wenn mir noch in letzter Stunde der Preis verloren ginge."
Lämmchen war voll warmer Teilnahme. „Nein", sagte er, „das soll, darf und wird nicht geschehen, und statt Ihre Lage zu verschlimmern, wie ich es bisher un- bewußt tat, möchte ich Ihnen von Herzen gern helfen, Ihnen und Baron Max in die Hände arbeiten. Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen, sagen Sie mir, wie ich meinen Dank gegen Sie abtragen, was ich tun soll, um Sie dem ersehnten Ziel näher zu bringen?" '
Mannia blickte ihn prüfend und gedankenvoll an, dann sagte sie mit plötzlichem Entschluß:
„Räumen Sie den Stein des Anstoßes aus dem Wege,
- heiraten Sie meine Cousine Magdalis."
„Ich?-" Er machte ein ganz entsetztes Gesicht.
Mannia lächelte. „Natürlich", sagte sie, „der Gedanke erschreckt sie, — er ist Ihnen neu und ungewohnt, amr betrachten Sie die Möglichkeit einmal genauer und Sie werden sehen, daß sie gar nicht so entsetzlich ist. >;ch nehn'>e an, Ihr Herz ist noch frei?"
„Ganz frei!" beteuerte er. , „
„Sie wissen aus eigener Erfahrung iiicht, wao Liebe ist?"
„Gott fei Tank, nein; ich kenne sie nur vom Hörensagen." . „ . . .
„Das ist sehr schön, dann werden Sie finden, daß Sympathie, Vertrauen und Verehrung zu einer glücklichen Ehe genügen." # ,
„Aber ich will ja gar nicht heiraten/
„Wirklich nicht? — Ich denke doch, zumal wenn Sie eine Frau bekommen, die eine unendlich gutmutige, anspruchslose und bequeme Gattin sein und Ihnen außerdein ein großes Vermögen zubringen würde."
Lämmchen blickte sie fast angstvoll an..
„Ach", meinte er, „ich bin kein Mitgiftjä^r und eigne mich weder zum Freier, noch zum Kurmacher, ich bin der geborene, alte Junggeselle."
Mannia lächelte. ’ ' • . - „
„Das scheint nur so; versuchen Sie es einmal, sich in eine andere Situation hineinzudenken und^ ich bm über- zeugt: — Sie können, was Sie wollen. —- ,
„Ihre Frau Cousine kann ja einen anderen heiraten.
— weshalb soll ich gerade das Opfer sein? Der Rittmeister zum Beispiel."
„Ist doch bereits verlobt." .
Verlobt?" Lämmchen sah sie einen Augenblick ganz betroffen an und wollte lebhaft widersprechen Dann fiel ihm ein. daß er nicht das Recht habe, den Irrtum aus- zuklären und Wacht, seiner Ehescheu wegen, doch nicht aU Bewerber zu rechnen sei. So sagte er nun nnch einigem
^^Allerdings, ich vergaß, auf den Rittmeister ist nicht zu rechnen, aber wenn Sie meinen Freund Panthenau
unterstützen wollten ..." '
Mannia unterbrach ihn. „Das. habe ich ^tcm. Baron, aber ohne jeden Erfolg. Meine Tante macht alle Bemühungen zu schänden. Sie läßt niemand en an dm arme Lies heran. Herr von Panthenau bemmmt sich aber auch gar zu auffallend, während sre . stockte.
In den Augen der Baronin gar nicht in Betracht kommen können", ergänzte Lämmchen mit eineni Anflug von Bitterkeit Mid zugleich stieg ein Gefühl trotzigen Widerspruchs in ihm auf, Mannia aber sagte erfreut:
„Ganz recht, das heißt, Sie erregen wemgswns nicht von vornherein ihren Verdacht, und sind gerade darum in der Lage, ungehindert vorzugehen."
„Aber Ihre Frau Cousine selbst?"
„Ist eine Frau, die nickst wählt, sondern sich Wahlen läßt! Außerdem weiß ich. Lies hat sie sehr gern, Baron;
— ihre sensitive Natur fühlt sich von der gleichgestimmten Seele angezogen, und neuerdings fällt es mir auf. wie oft sie sich bei Tisch im Gespräch an Sie wendet.
(Fortsetzung folgt.)
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