Einzelbild herunterladen
 

Wiesbademr Sagblatt.

_ t m „ A rr. 97 Rnzcigen-Prei-r

si. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. - BczugS-Prei»: durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post s Mk. SO Pfg. viertel,ahrlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasie 27.

19,000 Abonnenten.

Die einspaltige Pctitzcile für lokale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeige» 2» Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg.»

Petitzeile für für auswärts 1 Mk.

Ameigen - Annahme ULMüMLL bfc Ke£tXiif£ &»"S?rbtt (Sc&r'iibnt—,TbS Jorge* getragen.

Po. 326. Berlags-Kernfprecher Ro. 296*.

Donnerstag» den 16 . Juli.

RebaktionS-Fernfprecher No. 62.

1963.

Abend■Ausgabe.

Jur Geschichte des Kirchenstaates.

Eine vielbesprochene' Äußerung, welche Papst Leo XIII. auf seinem Schmerzenslager tat, war das gegenüber dem Kardinal Ferrata ausgesprochene^ Be­dauern, daß es ihm in seinem 25-jährigen Pontifikat nicht gelungen sei, die weltliche Macht des Papsttums wieder herzu­stellen — den Kirchenstaat von ehe­dem wieder ins Leben zu rufen.

Diese Äußerung Leos XIII. läßt erkennen, daß auch er, dessen Weis­heit es verstanden hat, sich mit allen weltlichen Fürsten in allen wichtigen Fragen zu verständigen, den steten Wunsch und die Hoffnung gchegt hat, daß das Papsttum seine welt­liche Machtstellung wieder erhalte.

Es sind nunmehr 33 Jahre ver­gangen, daß der Kirchenstaat auf­gehört hat, zu existieren, denn der letzte Rest des Patrimonium Petri (italienisch: 8tato della Chiesa,

Stato Pontificio, StatoRomano), welches nur noch aus der Stadt Rom mit der Comarca, der Lega­tion Velletri und den drei Lega­tionen Viterbo, Civitavecchia ^und Frosinone bestand, wurde im Sep­tember 1870 dem Königreich Italien einverleibt, nachdem ein Plebiscit mit überwältigender Mehrheit sich für die Einverleibung ausgesprochen hatte.

In unserer beistehenden Karte nun bringen wir unseren Lesern einen Überblick über die ehemalige Ausdehnung des Kirchenstaates und seine territoriale Verringerung im Laufe der Geschichte. Die ver- schieden«! Verluste, welche der päpstliche Stuhl an seinem italie­nischen Länderbesitz erfuhr, sind aus derselben ohne weiteres er­sichtlich (vergl. die Zeichener­klärung). Seine Entstehung ver­dankt der Kirchenstaat einer Schenkung des Karolinger Königs Pippin, welch letzterer im Jahre 764 Stephan III. (Bischof von Rom) gegen Übertragung der Merowinger Krone und Erteilung des Patriziats und der Schirmvogtei über die römische Kirche .die zum Patrimonium Petri gehörigen Landstriche überließ.

Letztere, auch Ducat von Rom genannt, umfaßten das Gebiet von Civitavecchia im Norden bis Derracma un Süden. Karl der Große bestätigte dem Papst Hadrian 774 diese Schenkung und erweiterte dieselbe m der Weise, daß das Gebiet nunmehr int Norden Ms zum Trasimenischen See reichte und sich auch weiter nach Osten ausdehnte, hingegen im Süden um einen kleinen Test verringert wurde. Im Laufe der Jahrhunderte, wah­rend all der verschiedenen Romfahrten der deutschen Kaiser und im Verlaufe jener zahlreichen Kriege, die sich

Republik San Marino. Es geschah dies formell mit der

weiteren Einverleibung der Provinzen Ancona, Urbino, Marcerata, Camerino am 2. April 1808 durch Dekret Napoleons; unter Pius .VII. war der Kirchenstaat für einige Zeit überhaupt aufgelöst und wurde wieder auf­gerichtet, als Napoleon, durch die Schicksalsschläge, von 1813 gezwungen, die Unterstützung des Papstes brauchte. Der italienische Krieg von 1859 war das Zeicksen für eine neue Erhebung im Kirchenstaat, in welchen! die Be­völkerung unter einem willkürlichen Regiment, einer drückenden Steuerlast und unter einer sehr vernach­lässigten Finanzwirtschaft zu leiden hatte. Am 18. Sep­tember 1860 kam es zur Schlacht zwischen dem italieni- scheu und dem päpstlichen Heere, welche mit der Nieder­lage des letzteren endete und die Abtretung eines weiteren Gebietes, welches den Kirchenstaat auf seine ursprüngliche Grenze normierte, im Gefolge hatte. 1864 verpflichtete sich Italien gegenüber Frankreich zum vorläufigen Der- zicht auf die Einverleibung auch dieses letzten Teiles des Kirchenstaats, wonach die französischen Schutztruppen aus Rom abzogen. Die Wiederkehr dieser Besatzung ver- anlaßte jedoch 1867 der unglückliche Zug Garibaldis; dis französischen Truppen unter Failly trafen noch rechtzeitig ein, um Garibaldi die bekannte schwere Niederlage von Mentana beiznbringen. Erst der deutsch-französische Krieg brachte Italien in die Lage, den Kirchenstaat nun- mehr gänzlich einzuverleiben, da Frankreich naturgemäß gezwungen war, seine sämtlichen Truppen nach dem Kriegsschauplatz zurückznziehen. Am 20. September 1870 zogen die italienischen Truppen in Rom ein. Die offizielle Einverleibung erfolgte am 9. Oktober auf Grund der Volksabstimmung vom 2. Oktober.

Arbeit.

Roman von Maria Schade.

(8. Fortsetzung.)

Sie wußte, daß sie ihrem Schicksale entgegen ging Schritt um Schritt. . , . ■

Langsam stieg sie die Treppe hrnab, Auf jeder Stufe blieb sie stehen. Auf jeder Stufe ein Gedanke. Und doch trieb es sie vorwärts,, trotz all dieser Gedanken.

Sie ging durch den Garten.

Ter Kies naß, dunkel. Zuweilen ballte er sich unter ihren Füßen.

Sie stand vor der Mauer. Tie sah grau aus, ver­wittert. Der wllde Wein hing herunter in zerzausten Strähnen, wie das Haar eines Weibes, in dem die Nach! gewühlt hat.

Auf der Bank, auf dem Tische davor stand Wasser — ein schmutziges Wasser, das von der grauen Mauer heruntergelaufen war. , .

Ist stieg auf die Bank. Ihr Kleid tauchte rn die trübe

Lake.

Sie stemmte die Hand auf die Mauer. Ein Schwung. Ihre Füße berührten die Leiter.

Die Sprossen feucht, schlüpfrig. Vorsichtig mußte sie sich heruntertasten.

Auf der letzten Sprosse glitt sie aus. Sie frei. Sie raffte sich in die Höhe.

Ihre Hände waren naß, ihr Kopf benommen von dem dumpfen Modergerüche, der ihr aus der. dunklen Erde entgegengedrungen war.

Sie schüttelte sich in innerem Ekel. ..

Der Atem des Sterbens, der Fäulnis hatte sie ange­haucht.

„Nein, leben, leben", flüsterte sie.

Dann lief sie über den Hof.

Die Tür zur Werkstatt knarrte, als täte sie sich nur ungern auf. — Ter. Vorhang rauschte . . .

Ein Schrei — halb Schreck — halb Jubel .• , -

auf italienischem Boden, abspielten. erfuhr der Kirchen­staat eine größere Ausdehnung, allerdings mit wechseln­dem Geschick. Die größte territoriale Ausdehnung kenn­zeichnet die dicke, schwarze Linie auf unserer Karte. Von diesem umfangreichen Gebiet verlor das Papsttum 1806 zunächst den nördlichen Teil, südlich des Po bis zur

Sie lagen sich in den Armen.

Seine Küsse fielen auf ihr Gesicht, ihren dtacken, ihre Hände, dicht — ganz dicht.

Sie suchte sich nicht von chin^zu befreien. Fest klammerte sie sich an seine Brust. Seinen Atem sog sie ein in gierigen Zügen. ' . ; .

Das alles erschreckte sie nicht. Sie hatte es ja er­wartet. Sic wußte, daß es so kommen mußte. Tausend­mal hatte sie sich in wachen Träumen so mit ihm ge­sehen. Sogar die Schläge seines Herzens hatte sie zu hören gelaubt. . _ „ ,, .

Jetzt hörte sie nichts. Nur seine Nähe fühlte sie. Und dieses Gefühl verschlang alles andere.

Er war's, der zuerst aus diesem Taumel wieder zum Bewußtsein erwachte. , ..

Seine Arme fielen von ihrem Körper herab.

„Ist", flüsterte er. „Ist!" .. . . ,

Und es war, als wäre er nur dazu da, immerfort diesen einen Namen zu stammeln.

Sie war erschöpft. Sie setzte sich auf. den Marmor- block.

Er warf sich vor ihr nieder. Er umklammerte ihre

^Urc hob den Kopf. Triumphierend blickte sie empor zu dem ungeheueren Weibe.

Sie dachte an ihren ersten Besuch in dein Atelier, und wie der Künstler damals vor dem toten Koloß gekniet. Mit welchen Gefühlen hatte sie, die Lebendige, daneben gestanden, ungewürdigt -— kaum beachtet! Wie hatte sie die steinernen Füße gehaßt, die er umschlang! Jetzt war ihr heißer Wunsch in Erfüllung gegangen. Jetzt kniete er vor ihr. Und die andere — stand daneben.

Sie hatte gesiegt, sie — die winzige Jsi.

Die steinernen Züge sahen auf sie herab — unerbitter- lich stolzunerbitterlich streng.

Die kleine Frau ängstigte sich. Wie Schutz suchend beugte sie sich hinab zu dem Manne, der vor ihr kniete. Sie drückte das Gesicht in sein Haar-

„Wie ich dich liebe!" hauchte sie.

Gm Protest der Heidelberger Frauen.

Vom Verein Frauenbildung-Frauenstudium werden wir ersucht, nachstehendes zum Abdruck zu bringen, und bei der prinzipiellen Bedeutung der Angelegenheit, die eine der heikelsten und wichtigsten Kulturfragen energisch anschneidet, zögern wir nicht, dem Ersuchen zu willfahren.

Folgende von 255 Heidelberger Frauen aller Kreise Unterzeichnete Eingabe wurde am 12. d. M. dem Groß- herzoglichen Bezirksamt eingereicht:

„Es ist zu unserer Kenntnis gelangt, daß an Stelle der beseitigten öffentlichen Häuser in der Jakobsgasse wiederum ein Bordell an der Speyerer Landstraße einge» richtet ist oder demnächst eröffnet und von der Behörde, im Widerspruch mit dem 8 180 des Strafgesetzbuches, ge. duldet werden soll.

Wir Unterzeichneten Heidelberger Frauen protestieren gegen eine derartige Institution, da wir dieselbe als eine erneute Konzession an die weibliche und männliche Zuchtlosigkeit, außerdem aber als eine Schmach und Herabwürdigung unseres Geschlechts beurteilen.

Die Mitglieder des hiesigen Frauenbundes zur Hebung der Sittlichkeit, die sich seit Jahren mit der Rettungsarbeit an den gefalle nen Mädchen beschäftigen,

Ter Mann stand auf. Er reckte sich in die Höhe. Wie groß er war! — Und doch hatte er vor ihr ge- kniet! Jsi schmiegte sich an ihn.

Regungslos blickten sie auf das unermüdlich arbeitende Weib, als erwarteten sie, daß der bewegungs- lose Mund sprechen sollte.

Endlich brach Meerbach das Schweigen.

„Was soll nun aus uns werden?" sagte er.

„Was aus uns werden soll?" Jsi schmiegte sich dichter an ihn. „Soll denn aus zwei Glücklichen noch etwas leer den?"

Er umschlang sich von neuem. Aber seine Umarmung war jetzt ruhig.

„Bin ich lange fort gewesen?"

Sie hauchte es dicht an seinem Munde.

„Eine Ewigkeit."

„Und die Verwandte, denke dir, ist noch immer nicht gestorben."

Es klang fast komisch. Er mußte lächeln.

„Da sollte ich nun sitzen und auf den Tod warten. Und dabei brannte ich doch vor Sehnsucht nach dem Leben! — Weißt du, was für mich das Leben ist — mein Leben?" Ihre Wange berührte die seine. Er fühlte ihre Wimpern dicht an seinem Augenlide. „Du bist es — du . .. ."

„Jsi . . ." stammelte er. „Jsi ... ich habe dir etwas zu sagen."

„Laß", flehte sie, „laß mich zuerst sprechen!"

Sie trat von ihm fort. Bis dicht an die Statue ging sie. Da blieb sie stehen.

„Weißt du. warum ich dich so grenzenlos liebe? — Grad hier will ich sprechen — im Schatten deiner Arbeit. Denn die", nur schüchtern zeigte sie einpor zu dem steinernen Weibe, „die geht's ja auch an. — Auf dem Lande fuhren wir einmal aus. Es war glühend heiß. Tie Sonne tat weh. Wir fuhren über die Stoppeln. Ter Wagen schwankte. Auf dem Felde arbeiteten.die Leute. Sie luden das Getreide auf die Wagen. Die schienen zu brechen unter der Last. Da sah ich eine Frau . . . Sie band gerade eine Garbe. Im ersten Augenblicke glaubte