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323. verlagS-Fernfprecher No. 2968.
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1902 .
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Sozialpolitisches.
Die Chirurgie ist heute bis zu dem Grade fortgeschritten, daß gewöhnliche Knochenbrüche nicht zu alter Personen bei rechtzeitiger und ordnungsmäßiger Krankenhausbehandlung regelmäßig so vollständig ausgeheilt werden, daß schon nach ziemlich kurzer Zeit alle. die Erwerbsfähigkeit beeinträchtigenden Folgen beseitigt sind. Trotz dieses erfreulichen Standes der ärztlichen Kunst findet, wer mit der Verwaltung einer Beruss- genossenschaft zu tun hat, unter den seiner Fürsorge andertrauten Rentenempfängern eine große Zahl von Der- letzten vor, bei denen gewöhnliche Arm- oder Beinbrüche koch nach vielen Jahren, nicht selten für die ganze Lebensdauer, starke Erwerbsbeschränkungen., oft gänzliche Gebrauchsunfähigkeit der vom Unfall betroffenen Gliedmaßen hinterlasfen haben. Ein solch ungünstiger Heilerfolg ist, wie Landesrat Breithaupt in Posen in der Rümmer vom 11. Juli der „Arbeiterversorgung" ausführt, in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle auf ein zu spätes Einsetzen einer sachgemäßen ärztlichen Behandlung zurückzuführen. Die Schuld daran trägt weniger die Berufsgenossenschaft als die im höchsten Grade zu bedauernde Rechtslage, wonach die Berufs- genossenschaften erst vom Beginn der vierzehnten Woche an zur Fürsorge für den Verlebten vervflichtet sind. Innerhalb der ersten dreizehn Wochen, der wichtigsten Periode für das gesamte Heilverfahren, ist der Verletzte vom Gesetz nicht auf die Berufsgenossenscha-st, sondern auf Hilfe von anderer Seite verwiesen. Das Bedenkliche des Rechtszustandes wird in etwas gemildert durch den § 76e des .Krankenversicherungsgesetzes, der den Be- cufsgenossenschaften das Recht gibt, schon innerhalb der
FemUeton.
berliner Brief.
Allerlei Berliner Spezialitäten. — I« Treptow. — Das Wäger, rad. — Berliner Dampservcrkehr. — Die Abtei. — Klernstaotc- reien. — Knusperchen nnb seine Mitbewerber.
Von einigen Berliner Spezialitäten möchte ich heute mit Ihnen plaudern. Nicht etwa vom Riesen Machnow, „dem größten Menschen, der je gelebt", der nun schon ein paar Monate Tag für Tag in lebensgroßem Konterfei an den Anschlagsäulen prangt und dem es bei seinen Dimensionen natürlich nicht schwer gefallen ist, auch in die „höchsten Kreise" zu gelangen — wie neulich ans einem Wohltätigkeitsfest im Reichskanzler- Palais —; auch nicht non „Aga", der „schwebenden Jungfrau", soll dieser Brief handeln, über die sich, wie die Anschlagsäulen ebenfalls verkünden, Berlin nun „bereits im sechsten Monat den Kops zerbricht", und nicht von „Ab-Aü", dem „schwebenden Manne", der im Begriff steht, Aga aus dem Felde zu schlagen. Ich will auch nicht zu einer Wanderung durch die Berliner Spezialitäten- Sommergärten etnladen, wo der biedere Handwerksmann an der Seite seiner Gattin und seines Töchterleins die sonst verbotenen Früchte leichtgeschürzter Couplets naschen darf. Oder doch: — in einen dieser Gärten begleiten Sie mich, bitte. Er liegt draußen in Treptow an der Oberspree, wo man auch einige der Berliner Spezialitäten, die ich eigentlich im Sinne habe, studieren kann. In Treptow kann man in Wahrheit ganz Berlin treffen, nicht jenen arroganten Literarur- und Kunst-Klüngel, der sich gern so nennen läßt nach dem Vorbild von Tout-Paris, sondern alle Schichten der Berliner Gesellschaft) denn hier in Treptow ist durch eine Anzahl von Lokalen verschiedenster Gattung für die verschiedensten Ansprüche gesorgt. Da haben wir zunächst einen jener billigen Sommergärten mit Speziali- täten-Theater bei freiem Eintritt, wo die Bewohner der nahegelegenen östlichen Stadtteile ihr Bedürfnis nach erlaubter und nach verbotener Kunst befriedigen können: die erlaubte stellen harmlose, kleine Einakter dar, bei denen die Dekoration in Shakespearefcher Einfachheit gehalten ist) die verbotene jene manchmal ziemlich stark gepfefferten Couplets kurzröckiger Vorstadt-Soubretten,
ersten zehn Wochen bas Heilverfahren auf ihre Kosten zu übernehmen. Der Gesetzgeber hat hiermit den Berufsgenossenschaften wenigstens die Möglichkeit eröffnen wollen, von vornherein ein einheitliches, von derselben Stelle aus gelestetes, zu demselben Ziele führendes Hellverfahren einzuleiten und durchzuführen. Ems jährlich wiederholte Statifstk des Reichs-Verstcherringsamtes gibt Ausschuß darüber, in welchem Umfange dre Berufs- genossenschaften sich schon in der Karenzzeit der Ver- letzten annehmen. Danach« haben von den 60 gewero- lichen Berufsgenossenschaften annähernd alle, von den landwirtschaftlichen etwa zwei Drittel von dem Rechte Gebrauch gemacht, die Verletzten schon innerhalb der Karenzzeit auf eigene Kosten behandeln zu lassen, Aber so überwiegend die Zahl der Berufsgenossenschaften ist, die grundsätzlich die Zweckmäßigkeit einer frühzeitigen Übernahme des Heilverfahrens anerkennen, so verschieden ist doch bei den einzelnen Ber-ufsgenossenschaften die Anzahl der Fälle, in denen tatsächlich die Übernahme erfolgt. Was zunächst die gewerblichen Berufsgenossenschaften anlangt, so haben im Jahre 1901 rn mehr als 1000 Fällen die Fürsorge übernommen: Die Papier- Verarbeitungs-Berufsgenossenschaft in 1012 Fällen, die Knappschaftsberufsgenossenschaften in 1555, die Brauerm- und Mälzerei-B erufs geno ssenschaft in 3019 Fällen. 49 Berufsgenossenschaften haben weniger als 100 Fälle, davon 20 weniger als 10 Fälle aufzuweisen. Von den landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften haben in mehr als 100 Fällen die Fürsorge übernommen: dre Westfälische in 138, die Brandenburgische in 139, die Rheinische in 154. die Poseniche in 172, die Schleswig- Holsteinische in 284, die Schlesische in 824 Fällen. 14 landwirtschaftliche Berufsgenossenschaften Wersen weniger als 10 Fälle aus, davon 9 nur einen einzigen Fall. Es bleiben also zahlreiche Unfälle übrig, in denen trotz des Bedürfnisses einer einheitlichen, möglichst frühzeitigen und durchgreifenden Behandlung zunächst drei-, zehn Wochen lang entweder nichts oder nicht das geschieht, was im Interesse der Verletzten und der Berufs- genossenschaften erwünscht ist. Am wenigsten da, wo es nach Lage der Gesetzgebring am nöstgsterr wäre, nämlich auf dem Lande, wo regelmäßig nicht die relativ brauch- baren Krankenkassen, sondern die Gemeinden oder die Verletzten selbst die Vorläufer der berufsgcnossenschaft- lichen Fürsorge sind. Wenn man nun die Überzeugung gewinnt, daß eine bedeutend häufigere Übernahme der Fürsorge seitens der Berufsgenossenschaften erwünscht ist, so wird dieser Wunsch nur dadurch in Erfüllung gehen können, daß man den Berufsgenossenschaften eine günsstgere Stellung einräumt, indem man sie von dem frühzeitigen Eingreifen nicht durch die Aufbürduug zu hoher Kosten zurückhält.
Die IWMernaWWlng als IWale Gefahr.
So manche Nachtseite der heust gm sozialen Zustände zeigt, wenn man ihre Herkunft deuten will, auf das Heer der halbwüchsigen Burschen hin: Cherchez la
jeunesse! Und Arthur Dir hat Recht, wenn er den Komplex der hierher gehörigen Fragen. zu einem „Problem der Jugendlichen" stempelt (in seiner lesens- werten Schrift „Die Jugendlichen in der Sozial- und Kriminalpolitik", Jena, Gustav Fischer). Die Bedeutung der Jugendfürsorge und Jngendvernack)- lässigung darf nicht unterschätzt werden, denn heute schon ist in den der Jugendentwickelung so gefährlichen Großstädten die Altersklasse um das 20. Jahr mehr als doppelt so stark, wie es im Durchschnitt des Staates der Fall ist. Die Auflehnung der Jugend gegen das Recht nimmt aber leicht eine epidemische Form an, weil die Zeit der gefährlichen Unreife und des nicht genug bewachten Überganges aus der freien Kindheit zur Selbst- Verantwortung zu leicht verderbltcheu Einflüssen sich erschließt und daun weit in das Mannesalter hinein kaum mehr gut zu machende Folgen äußert. Die Kriminal» statisstk zeigt die ganze Größe des Problems. Während die Zahl der Zuchthäusler überhaupt in den letzten 20 Jahren trotz der starken Bevölkerungszunahme um 20 % zurückgegangen ist, hat die Zahl der jugendlichen Verbrecher eine starke Steigerring aufzuweisen, und zwar so, daß 1899 auf 100 000 der jugendlichen Civil- bevölkerung über 700 Verurteilungen kamen, während es 1882 nur 568 waren. Und dabei nehmen, was sozialpolitisch am meisten zu denken gibt, die Rückfälle einen recht großen Raum ein; denn während die Steigerung bei den erstmalig Bestraften 1/17 betrug, betrug sie bei den Vorbestraften 1/3, und ettva die Hälfte dev späteren schweren und gewerbsmäßigen Verbrecher ist vor dem 20. Lebensjahr mit dem Gefängnis in Berührung gekommen. Und da diese erschreckenden Tatsachen in erster Linie auf eine falsch geführte „Tatenlust" zurück- zuführen sind, so ist ja ihre wirksame Bekänipfung verhältnismäßig nicht schwer, wenn man sich nur nicht länge» den notwendigen Maßnahmen verschließen wollte.
Zweierlei Richtung hat die Aufgabe: eine heilende und eine vorbeugende.
Die Jugendlichen. die sich schon gegen das Gesetz vergangen haben, müssen einer schonenden sozialem Therapie unterzogen werden, die ihnen zwar den Ernst ihres Fehltritts vor Augen führt, ihnen aber nicht den letzten Funken der Ehre vernichtet. Solange das Kind die Schule besucht, soll seine Tat zwischen den Wänden der Schule bleiben. Wenn es die Schule verläßt, mutz es wissen, daß es noch nicht mit einem Kainszeichen behaftet ist, das ihm von vornherein ungünstigere Aus-
die, was ihnen an Eleganz der Kleidung fehlt, dirrcl Mangel an Stimme zu ersetzen suchen: hier ist das Vergnügen auf dem Höhepunkte, wenn etwa Familie S>pie- secke zusammen mit Familie Zademak dem Kunstgenüsse lauschen und bei besonders schlüpfrigen Stellen Herr Spiesecke und sein Freund Zademak sich mit der Miene raffinierter Lebemänner verschmitzt anlächeln, während Frau Zademak besorgt auf Fräulein Spiesecke und Frau Spiesecke nicht minder besorgt auf die blonde Unschuld Fräulein Zademaks blickt. Im Grunde aber durchläuft die ganze Gesellschaft ein angenehm-gruseliges Gefühl, das sich aus der Empfindung der eigenen Solidität und der heimlichen Freude an verbotener Frucht zusammcn- setzt. In diesen Theatern verzehrt man mttgebrachtc „Stullen" und trinkt schales Bier. Gegenüber liegen zwei Lokale, beide an der Spree, die beide auf einer höheren Stufe stehen und auch unter sich wieder eine Steigerung darstellen insofern, als man in dem einen vorwiegend „warm" ißt und die Bowle eine große Rolle spielt, während in dem anderen Bier, allerdings „dunkles" — was für feiner gilt, auch wenn es kein Münchener ist —, das Durchfchnittsgetränk bildet, und außerdem die Jugend in dem großen, staubigen Saale iinumer- brocheu tanzt. Es ist unglaublich, was für eine Tanzlust in den Berliner „kleinen Mädchen" steckt! Da drehen sie sich, vielfach aus Mangel an Tänzern zwei Mädchen zusammen, unermüdlich nach den Klängen dünner Musil im Saale in stickiger Atmosphäre herum, mit glücklichem Lächeln, im Schweiße ihres Angesichts, ob auch das Thermometer im Saale ein viertelhundcrt Grad anzelgt, während draußen dre Abendluft vom Wasser die langersehnte Kühle heranweht. Aber das Tanzen bildet nicht den einzigen Anziehungspunkt hier in Treptow: sind rvir doch an den Ufern der Spree und „ein Vergnügen eigner Art" ist bekanntlich eine Wassersahrt. Und Wasserfahrten ganz eigner Art gibt es hier auf dem schmalen Flußarm, der durch die kleine gegenüberliegende Abtei- Insel hier gebildet wird: Treptow kennt nämlich als Beförderungsmittel im feuchten Element nicht bloß Ruder-, Segel- und Motorboot (der Berliner sagt: Motübr-Bootß sondern auch das Wasserrad: eine
Art Fähre, die durch zwei mittels Tretens bewegte Räder getrieben wird. Diese Wasserräder, die in dieser Form . natürlich nur ein Spielzeug sind, haben sich merkwür
gerweise nur in Treptow eingebürgert, an den zahl- ichen anderen Gartenlokalen der Oberspree sucht man
- vergebens. Man sollte denken, dieser Typ des Tret- wtors müßte sich durch geschickt kombinierte llbertra- ingen noch bedeutend vervollkommnen lassen. Der anale Wasserarm ivtrd stets durch einige solcher ziem- h plumpen Wasserräder und durch viele kleine Ruderlote, die meist von liebenden Pärchen besetzt sind, bebt. Die Spree ist hier ziemlich breit und hat lebhaften erkchr. Im großen und ganzen aber ist der Wasser- rkehr in Berlin noch auf einer sehr niedrigen Stufe, nn cs hat sich leider noch keine ernsthafte Konkurrentin t großen „Stern"-Gesellschaft aufgetan, so daß diese,
, Besitze beinahe des Monopols, sich keine große Mühe i geben braucht. Die Dampfer sind wenig elegant, und
- fahren weder häufig, noch lange genug. Wenn ich nicht re, fährt wochentags nach V 2 9 Uhr abends kein Dampfer ehr über Treptow hinaus stromaufwärts. Die Gesell- )aft tut nichts, um dem Publikum entgegenzukommen, ad so ist der Verkehr sowohl auf der Spree wie aus :r Havel, den ebenfalls die „Stern"-Gcsellschaft besorgt, och durchaus unentwickelt. Nur an Sonntagen ist er :oß, und dann erweisen sich die Beförderungsmittel als rrchaus unzureichend. Die Folge ist eine gefährliche berfüllung der Dampfer. Eine Kontrolle findet nicht rtt. Die Menschen werden zusammengepsercht, so lange l irgend geht. Ich bin einmal in einem kleinen Dainp- r gefahren, der so voll war, daß ohne die musterhafte risziplin der Passagiere sicher das größte Unglück pas- ert wäre, das kleine Fahrzeug ging so tief, daß das Deck nun 1 Fuß über dem Wasserspiegel war, und die ge- ingste Unruhe an Bord hätte das Boot sicher' zum entern gebracht. Aber das ist auch so eine von den berliner Spezialitäten, diese Seelenruhe, mit der der ierliner die Qualen des sonntäglichen Verkehrs erträgt. !ur selten hört man ernsthaftes Schimpfen oder Entästung, meist hilft man sich mit Witzen über die augen- lickliche Unbequemlichkeit hinweg. Wenn eine kapital- räftige Gesellschaft aber einmal die Reorganisation des ^ampservcrkehrs auf unseren schönen Wasserstraßen, en Flutzlüufen und Sceen bei Berlin, in dre Hand ähme, nach modernen Grundsätzen: Billigkeit, Bequem- ichkeit, Häusigkeit und Schnelligkeit, so dürfte sie des aoralischen und des finanziellen Erfolges sicher sein
