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AN. 324. Berlags.Fernfprechcr No. LSbS.
Mittwoch» de« 13. Juli.
RedaktionS-Fernfprecher N». S2.
1803.
Abend-Ausgabe.
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Die Ermittelung des Kapitalvermögens im preußi- schen Staat fand zum letzten Male aus Anlaß der Veranlagung zur Ergänzungssteuer für die Periode 1902/04 statt und ergab für die Zensiten mit mehr als 3000 Mk. Einkommen, denn weiter ist die staatliche Steuerstatistik in diesen Teil der Materie bis jetzt leider noch nicht eingedrungen, ein Kapitalvermögen von nicht weniger als 28 788,26 Millionen Mark.
Unser Regierungsbezirk Wiesbaden ist hieran mit 3 211 795 917 Mark beteiligt, das sind 11,16 % vom Kapitalvermögen des preußischen Gesamtstaats und 56,22 % von dem gesamten steuerbaren Vermögen des Staats, ivelches für die Ergänzungssteuerperiode 1902/04 auf 53 222,06 Millionen Mark festgestellt worden ist. Mit diesen Verhält:,iszahlen 11,16 und 56,92 % nimmt unser Regierungsbezirk unter den 36 Regierungsbezirken des preußischen Staats weitaus die erste Stelle ein, so daß wir in diesen Beziehungen verhältnismäßig also hochgünstig gestellt sind.
Auf die Städte und das platte Land unseres Regle- rungsbezirks verteilt sich unser Betrag, zusammengestellt mit den Ergebnissen der Vorperiode 1899/1901, wie folgt:
1899/01 1902/04.
2 812 138138 Mk. 95 447 098 „
3 104 705 066 Mk. 107 447 098 „
Städte » »
Land . - ______ _
zusammen . 2 907 585 236 Mk. 3 211 795 917 Mk.
Die Zunahme war mithin nach beiden Richtungen eine recht erfreuliche und blieb hinter derjenigen der Einwohner-Kopfzahl verhältnismäßig nichts weniger als
zurück. Mit der Ziffer von rund 3 211/8 Millionen Mark Privatvermögen steht unser Regierungsbezirk Wiesbaden im preußischen Staate wiederum weitaus an erster Stelle, naturgemäß abgesehen von der ^ Stadt Berlin mit ihren Ausnahmeverhältnissen und ihrem privaten Kapitalvermögen von 4 035,38 Millionen Mark.
Unter den Städten unseres Regierungsbezirks schließt sich in dieser Beziehung unser Wiesbaden rmt einem privaten Kapitalvermögen von 775 772 512 Mk. an Frankfurt a. M. mit einem solchen von 2 067 385 691 Mark an. Die 4 hessen-nassauischen Stadtkreise stehen für 1902 in dieser Beziehung in folgender Reihe, und zwar:
Frankfurt a. M. . . > 2 067 385 691 Mk.
Kassel. 311 438 998 „
Wiesbaden. 775 772 512 „
Hanau. 66 475 866 „
so daß wir also unsere an Einwohnerzahl vor uns stehende ProvinzialhauptstadtKassel hinsichtlich desBetrags des privaten Kapitalvermögens um mehr als das Doppelte überragen.
Ter Betrag unsrer Stadt Wiesbaden war bei den bisherigen 5 Ermittelungen des Kapitalvermögens der folgende, und zwar:
1895 ..... 548 258 579 Mk.
1896 ..... 661 176 060 „
1897 ..... 610718867 „
1899/01 .... 678713632 „
1902/04 .... 775 772512 „
Die Vorwärtsbewegung war also eine stetige und namentlich in de:r beiden letzten Perioden verhältnismäßig auch ganz beträchtliche, eine Tatsache, die auch für später den besten Hoffnungen Raum gibt.
Was ram weiter die Stellung unserer Stadt mit ihrem Ergebnisse für 1902 unter den an Kapitalvermögen hervorragendsten Städten des preußischen Staates airbelangt, so geht dieselbe aus folgender Zusammenstellung hervor:
4500,95 Millionen Mark 2067,39 1279,28 921,19 786,99 775,77
wir im Staate die 6. Stelle ein
Berlin
Frankfurt a. M Charlottenburg Köln . . . Breslau . . Wiesbaden und so fort, so daß
nehmen. An Einwohnerzahl zur Zeit die 26. unter den preußischen Stadtkreisen, nehmen wir hinsichtlich der Höhe des in unserer Stadt vertretenen Privatvermögens unter den letzteren hiernach einen außerordentlich hervorragenden Platz ein, da nicht weniger als 19 bevölker- tere Stadtkreise als Wiesbaden uns in dieser Hinsicht den Vorrang lassen müssen.
Der Zustand des Papstes.
hd. Rom, 14. Juli. Bei der Thorax-Untersuchung gestern abend wollte Mazzoni dein Papst Hoffnungen machen, indem er behauptete, das Ergebnis der Untersuchung sei gut. Es mag sein, erwiderte der Papst, aber die Töne sind dumpf. Lapponi begab sich heute vormittag 10 Uhr nach Hause, um nach seiner erkrankten Tochter zu sehen. Das beweist, daß die Katastrophe noch nicht direkt bevorsteht. Der „Tribuna" zufolge werden gleich nach dem Ableben des Papstes die Kardinale Gotti und Macchi das Testament öffnen und den Schreibtisch und die Möbel des Papstes versiegeln.
hd. Berli«, 14. Juli. Der „B. L.-A." meldet aus Rom: Professor Mazzoni teilte mit, daß der Papst bei Bewußtsein ist. Er sprach am Morgen noch klar. Man spricht von der Notwendigkeit eines dritten Einstiches, den man heute vornehmen will. Die entsetzliche Schwüle, die heute infolge des Sirocco über Rom lagert, dürfte die Auflösung befördern. Dennoch erklärte mittags Kardinal Rampolla, daß es bei der großen Widerstandskraft des' Schwerkranken zur Zeit nicht möglich sei, Bestimmteres zu sagen. Der Todeskampf könne sich eventuell noch mehrere Tage hinziehcn.
bä. Berlin, 15. Juli. Das gestern abend 8 Uhr 15 Minuten ausgegebene Bulletin über das Befinden des Papstes lautet: Der Tag verlief ziemlich ruhig mit kurzen Perioden geringer Depression. Puls sch-lvach, 88, Atmung 32, Temperatur 36,8. Die Kräfte beginnen langsam, aber sicher ab zun eh men. — Von ärztlicher Seite wird noch mitgeteilt, der Patient befindet sich meist im Delirium und muß geschüttelt werden, wenn man ihn zeitweise wecken will. Hände und Füße sind geschwollen. Die fortschreitende Urämie ist erwiesen und die Atemnot in starker Zunahme begriffen. Der Patient wünscht beständig Sauerstoff. Die Jnjektie- rungen von Digitalis und Kampferöl in zunehmenden Dosen rufen wenig oder gar keine Reaktion mehr hervor. Es ist Diarrhöe eingetreten. Der Kranke vermag sich weder aufzurichten noch nmzudrehen. — Einer römi- schen Depesche des „B. L.-A." zufolge hat sich der Papst auch gestern den Anordnungen der Arzte nicht gefügt. Man hatte ihm unbedingte Ruhe anempfohlen. Er hat aber vormittags feinen Beichtvater und den spanischen Bischof Vivez enipfangen, der ihm den Segen des Franziskaner-Ordens überbrachte, wofür der Papst dankte und über den Orden den pontifikaren Segen aussprach. Nachmittags empfing der Papst mehrere Kardinäle, mit denen er 10 Minuten lang sprach. Er fühlte sich jedoch dann so schwach, daß er plötzlich wie bewußtlos dalag und sich nicht regte. Man injizierte ihm daher Kampfer und Digitalis, rieb ihm die Hände und Schläfe mit aromatischen Essenzen ein und brachte ihn auf diese Weise wieder
Arbeit.
Roman von Maria Schade.
<7. Fortsetzung.)
Warum suchte sie seiner Begleitung auszuweichen?
— Weil sie sich nicht init ihm zeigen wollte. — Vielleicht fürchtete sie, daß ihr Mann es sah. — Dieser Mann . .! Vor einem Narren also sollte er sich verstecken. Das mutete sie ihm zu?
„Ich werde an Sie denken — viel." Sie sprach ganz leise, fast im Flüsterton. „Um die Mittagszeit, wenn ich weiß, daß Sie allein sind, werde ich bei Ihnen sein — immer."
Also das war's! In Gedanken wallst sie bei ihm sein, aber i:ur in Gedanken. In Wirklichkeit scheiite sie sich, mit ihm über den Hof zu gehen. Kein Opfer wäre ihm zu groß gewesen. Und sie rechnete ängstlich mit dem guten Ton. Eigennützig dachte sie nur an sich, wenn es einmal galt, ihn ein paar Augenblicke länger glücklich zu machen. Er forderte Liebe. Und was sie ihm gab, war
— Mitleid. Am Ende war es auch nur Mitleid, was sie
stoch einmal hierher getrieben hatte?-- Sie war ge
kommen, wie man zu einem Sterbenden kommt, von dem man weiß, daß nmn ihn nicht wiedersieht.
Nein, das wollte er nicht. So ließ er sich nicht abspeisen. Einen: Narren hatte sie sich an den Hals geworfen. Und bei einem Manne wie er geizte sie!
Hans Meerbach war für gewöhnlich nicht stolz. Nie überhob er sich, obgleich das Lob, das man ihm von allen Seiten spendete, ihn wohl hätte eitel machen können. Aber in diesem Augenblicke wuchs fein Selbstbewußtsein.
Jsi stand dicht an seiner Seite. Er fühlte ihre Nähe.
Die machte ihn unsicher.
Er öffnete den Mund. Kein Laut drang hervor. Wie im Krampf umklammerte er die kleine Tonfigur, die noch immer seine Hände hielten, als suche er an diesem winzi- gen Gegenstand einen Halt.
„Schonen Sie doch das niedliche Ding!" Das war ihre Stimme. „Haben Sie Mitleid und zerbrechen Sie es nicht."
Gehorsam lösten sich seine Finger von der Tonslgur.
Sie hatte um Schonuiig gebeten^ Sie hatte gefleht,
sie nicht zu zerbrechen.
Wollte er sie denn zerbrechen?
Gewiß, ihr ganzes Leben. Alles, was ihr bis jetzt lieb und teuer gewesen war, mußte in Scherben zu ihren Füßen liegen. 'Das forderte er. War das nicht unbarm- herzig? — — Seine Stirn glühte.
„Gehen Sie!"
Und sie ging.
VI.
Das Ruprechtsche Haus lag da wie in der Siesta.
Vor allen Fenstern waren die grünen Jalousieen heruntcrgelassm. Die große Eingangstür, die sonst immer weit geöffnet stand, war geschlossen. Die beiden Karyatiden, die auf ihren nackten Rücken _ den Erker trugen, machten den Eindnick, als ob sie schliefen. Und die kleinen, flötenblasenden Götter, die unterhalb die Fenster verzierten, schienen ihrem Beispiele zu folgen.
Ein großer Traum.
Alles schien darin versunkm. Auch der vornehme Garten.
Ringsum kein Laut. Nur das immer sich wiederholende Geräusch der fallenden Tropfen in dem Wasser- Hecken der Fontäne wie die einförmige Melodie eines Schlummerliedes.
Lüstern huschte die Sonne über den Rasen. Aber sie fand nichts, das sich nach ihren Strahlen gesehnt hätte. Es schlief ja alles. Wie ein Eichkätzchen kletterte sie um die Stämme der Bäuine. Sie setzte sich zwischen die Blätter. Sie wollte mit ihnen spielen. Aber die waren so schläfrig. Sie rührten sich Nicht einmal. Sie glänzten nur.
Durch diesen verträumten Garten irrte eine Gestalt, in einen langen weißen Rock gehüllt. Es sah aus, als habe sich inmitten dieser verschlafenen Umgebung ein Nachtwandler verirrt. Sein Gang so seltsam, sehnsüchtig.
Und es war auch die Sehnsucht, die Hans Meerbach immer um die Mittagszeit in den Ruprechtschen Garten trieb. Wenn die Schüler fort waren, hielt er es in dem Atelier nicht mehr aus. Die Stille, die ihn sonst beglückte, schien ihn jetzt zu erdrücken. Die große Einsamkeit, die er
mit dein steinernen Weste teilen mußte, wurde ihm unerträglich. Er floh sein Werk, von dem er früher unzer- trennbar geivesen war. In den unbeweglichen marmor- neu Zirpen las er einen Vorwurf. Warum thie
fremd geworden? schimen sie zu sprechen. Tein Buck, der sonst so klar war, ist jetzt verschwommen. Dome Hand ist unsicher. Das fühle ich an dem Zittern des Meißels
Er schleuderte den Meißel von sich, dm Schlägel. Er stürzte fort, über den Hof. Die Leiter umklammerte er. Auf jeder Svrosse blieb er stehen. Jede Sprosse eine Er- innerung an sie. Er sprang über die Mauer.
Nun stand er da — in ihrem Garten. Er suchte. Alle Plätze suchte er auf. von denm sie gesprochen. Dort in der Laube hatte sie oft gesessm. Er betastete die Bank, den Tisch, die Stühle. Er schlich zu der Fontane. Sie liebte das Wasser. Er beugte den Kopf darüber. W:e feiner Regen sprühte es ihm in das erhitzte Gesicht. _ Ev tauchte die Hand in dasBeckm. Hier hatten ihre weißm Finger gespielt, hier, hier . . .
Er taumelte weiter. Da auf dem Kieswege hatte der Saum ihres Kleides gelegen. Vor dm geschnittenen Hecken blieb er stehen. Er starrte in das Gewirr der Äste. Er suchte nach einer Erinnerung an sie. Und wäre es auch nur ein Faden ihres Gewandes gewesen, der darin hängen geblieben. So suchte er alle Tage.
Dann blieb er fort. Mittag um Mittag verstrich, ohne daß er i:och einmal in den einsamen Garten ge- kommeii wäre.
Er hatte das versprochene Lebenszeichen von ihr er. halten: eine Postkarte. Darauf in schlechtem Farben, druck das einstöckige Gutshaus mit iiiedriger Terrasse uiid einer kleinen Vorfahrt. Weiter unten die Kirche des Torfes, das Schulhaus, der Krug. Diese Bilder nahmen fast die ganze Fläche der Karte ein. Nur in einer Ecke war mit unregelmäßigen Buchstaben geschriebm: Herz- lichen Gruß! Darunter staiid ein großes I.
Das war alles. Nicht einmal ihren Namen hatte sie ausgeschrieben.
Er tobte. Er wollte die Karte zerreißen. Und doch preßte er die Lippen darauf. Er wollte sie von sich i weit. weit, damit er sie nie wieder sähe. Und
