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Samstag, 4. September 1915.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 411. 63. Jahrgang.

Die Eroberung der Heftung Grodno.

Der Brückenkopf bei Lennewaden in Nurland gestürmt. Russische Mißerfolge bei Wilna. feindliche Nachhuten bei Grodno geworfen. 3400 Gefangene. Die Jasiolda überschritten.

Näher dem Serethabschnitt.

Der Tagesbericht vom 3. September.

W. T.-B. Großes Hauptquartier, 3. Sept. (Amtlich.)

westlicher Rriegsschauplatz.

Bei Souchez wurde cim französischer Handgranaten­angriff abgcwiesen. Erfolgreiche Sprengungen in Flandern und in der Champagne.

Gestlicher Rriegsschauplatz.

Heeresgruppe des GeneralfeldmarschaNs von ^indenburg.

Unsere Kavaüerre stürmte gestern den befestigten und von Infanterie besetzten Brückenkopf bei Lennc- wadcn (nordwestlich von Friedrichstadt). Sie machte dabei 3 Offiziere, 350 Mann zu Gefangenen und er­beutete 1 Maschinengewehr-

Auf der Kampffront nordwestlich und westlich von Wilna versuchten die Russen unser Vorgehen zum Stehen zu bringe». Ihre Vorstöße scheiterten unter un­gewöhnlich hohen Verlusten.

Südöstlich von Mercez ist der Feind geworfen.

Zwischen dem Augustowcr Kanal und dem Swislocz ist der Riemen erreicht. Bei Grodno gelang es unseren Stnrmtruppen durch schnelles Handeln über den Rjemen zu kommen und nach Häuserkampf die Stadt zu nehmen. 400 Gefangene wurden eingebracht. Die Armee des Generals v. Gallwitz brach den Widerstand feindlicher Nachhuten an der Straße Alekezyce (südöstlich von Odelsk-Swislocz). Die Heeresgruppe nahm gestern ins­gesamt über 3000 Russen gefangen und erbeutete ein Geschütz und 18 Maschinengewehre.

Heeresgruppe des Generalfeldmarfchaüs

Prinz Leopold von Bayern.

Der Kampf um de» Austritt der Versolgungs- kolonne aus den Sumpfcngen nördlich von Pruzana ist im Gange.

Heeresgruppe des GeneralfeldmarfchaAs von Mackensen.

In der Verfolgung ist dir Jasiolda bei Sielce und Bereza-Kartusk und die Gegend von Antopol (30 Kilo­meter östlich von Kvbrpn) gewonnen- österreichisch- ungarische Truppen dringen südlich des Bolato Dubo- woje »ach Osten vor.

Südöstlicher Rriegsschauplatz.

Die Armee des Generals Grafen Bothmcr nähert sich kämpfend dem Sereth-Abschnitt.

Oberste Heeresleitung.

*

weitere Einzelheiten über die Eroberung.

Der, Ausbau der äußeren Fortsgürtel französische Arbeit!

8. Berlin, 3. Sept. (Eig. Meldung. Ze>ns. Bln.) Die Werke der Festung Grodno bestanden aus einem inneren und einem äußeren Fortsgürtel. Der Ausbau des äußeren Gürtels, der nicht weniger als 60 Kilometer Umfang hatte, war auf französischen Wunsch mit französischem Geld und zeitweise unter Auf­sicht einer französischen Militärkommission erst unmittel­bar vor dem Krieg begonnen und noch während des Kriegs fortgesetzt worden. Die Werke erstrecken sich bis aus das diesseitige N j e m e n u fe r. Der deutsche An­griff hatte sich auf diese Westfront gerichtet. Rach der Erstürmung der beiden ersten Forts griff der Angriff dann weiter nach Norden über, bis am Donnerstag die ganze Westfront in unseren Händen war. Die Werke wurden teils von uns gestürmt, teils von den Russen geräumt. Seit Donnerstag fanden auch in der Stadt bereits Häuserkämpfe statt. Um diese Zeit hatten aber bereits zwei deutsche Divisionen den Njeme» überschritten. Überall in Militärkreisen galt Grodno als stärker und schwerer cinzunchmen als selbst Nowogeorgijewsk. Eine überaus glänzende Waffcntat ist daher die schnelle Überwältigung auch dieser letzten aroßen russischen Festung.

Oie Bedeutung Srodnos.

Grodno, das letzte Überbleibsel an der star­ken russischen Westfront, ist nun auch in deutsche Hand gefallen. Das war vorauszusehen, nachdem, wie der vorhergehende Tagesbericht der Obersten Heeres­leitung meldete, irorddeutsche Landwehr die Forts 4 und 4a stürmte und so die Russen zwang, die übrigen Werke der vorgeschobenen Westfront sogleich zu räumen. Grodno hat, wenn auch nur in beschränktem Matze, seinen Zweck für die Russen erfüllt. Hierfiir bürgt schon seine Bedeutung als S ta >d t und Festung. Grvono ist die Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements am rechten Ufer des Njemen und liegt an der Bahn St. Petersburg-Warschau. Mit seinen mehr als 50 000 Einwohnern treibt es lebhaften Handel und Industrie. Zusammen mit dem Gouvernement kam >die Stadt Grodno, nachdem sie bis 1795 zu Polen gehört hatte, 1796 zusammen mit Wilna als russische Provinz an Rußland. Hier legte 1795 der letzte polnische König 'eine Krone nieder. Nicht ganz die gleichsBsdeutung wie als Stadt hat Grodno als polnische Festung. Im Gegensatz zu allen anderen Waffenplätzen des westlichen Rutzland liegen die fünf Hauptwerke von Grodno auf dem östlichen Ufer des Njemen, zwei weitere auf. dein 'üblichen, kein einziges jedoch auf dem westlichen, Deutschland anr nächsten. Aus diesem Umstande erklärt sich auch der besondere Charakter dieser Festung. Sie scheint in den Absichten der russischen Heeresleitung eine rein defensive Rolle zu spielen, ist keine Ausfallspforte gegen Westen, bedingt durch das ungangbare Gelände zwischen ihr und dem westlichen Nachbar. Mit Brest- Litawsk ist Grodno als eine Festung der inneren russi­schen Verteidigungslinie zu bezeichnen, für deren Halt den Russen sowohl Zeit wie auch die nötigen Mittel sthlten, weil der deutsche Stotz in das russischeHerz fuhr, gleich nachdem der schützende Autzenpanzer durch­schlagen 'war. Die aus den 90er Jahren stammenden permanenten Forts sind :n den letzten Jahren mo­derner ausgebaut worden; insbesondere soll seit Beginn des Krieges der äußere Fortsgürtel eine ganz b e t r ä ch t li ch e Erweiterung erfahren haben. Die Feldstellungen auf dem Westuser stellten eine ansehnliche Desensivkraft dar. Die Not der Zeit wird auch hier energisch die helfende Hanid angelegt haben. In dem Augenblick jedoch, wo am 18. August Kowno siel, war der Wert der westlichen Feldstellungen Grodnos -cruf den Nullpunkt herabgesun­ken. Dem energischen Druck der Sieger von Kowno gaben die Russen am 18- August auf der Linie «Suwalki- Kalwaria nach und räurnten sie. Durch das weitere Vordringen der Armee Eickchorn auf Wilna verlor Grodno die Bahnverbindung mit dieser Staidt. Nach­dem die von Süden heranrückenden Heere Bialostok öurchichritten hatten, war die vereinsamte Festung nur auf die eine Strecke nach dem Osten, nach Minsk, an­gewiesen. Jetzt schoben sich auch die Angreifer näher heran an Grodno, durchschritten am 28. das Wald­gelände östlich Augustow nnd erstüvnlten am 29. den Brückenkopf bei Lipsk. Dieser drohenden Einschnürung gegenüber war die Eroberung von Grodno nur mehr die Frage weniger Tage, Aus den russischen und eng­lischen Zeitungen dieser Tage wurde bereits auf die be­vorstehende Räumung vorbereitet. Die Schnellig­keit und Tapferkeit unserer Truppen haben den russischen Entschluß erheblich beschleunigt. Mit Grodno haben wir einen wichtigen Eisenbahn- rnotenpunkt nach Westen, Süden nnd Norden dichter hinter unterer erheblich verkürzten Frontlinie gewonnen. Die einzige Sperre auf den Wasserstraßen zwischen Bug und Ostsee ist gefallen- Der Wasserver­kehr bildet eine starke Entlastung unseres östlichen Bahn- uetzes. Die wohlhabende Stadt ist auch wirtschaft­lich ein brauchbarer Stützpunkt. Wir können unser zahlreiches Belagerungsinaterml nrm an anderen Punkten verwenden. Groß ist die Einbuße sür Ruß­land in moralischer Hinsicht, da cs nun auch das letzte gegen uns erbaute Bollwerk an Deutschland verlor, dl.

t

Zur Lage in Minsk.

Br. Petersburg, 3. Sept, (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Der Gouverneur von Minsk gibt bekannt, daß die Flüchtlinge aus den westlichen Gegenden in Minsk nicht verbleiben dürfen, sondern weiter o st- wärts befördert werden müssen.

Die Russen an die Serethlinie zurückgewichen. widerstand des Feindes im südpolnischen Festungsdreieck. Gefechte im Eirolsr Grenz­gebiet und im Raume von Flitsch.

ver österreichisch-ungarische Tagesbericht.

YV. T.-B. Wien, 3. Sept. (Nichtamtlich-) Amtlich verlautet vom 3. September, mittags:

Russischer Rriegsschaupla»

In Ostgalizien ist der Gegner überall an die Serethlinie zurückgewichen. Unsere Armeen Verfvlgcn.

An der Reichsgrenze nördlich Z a l o s z e und Mich B r o d y sowie im Raume östlich Dubno und im wol- hynischcn Festungsdreicck stellte sich der Feind neuer­lich an ganzer Front. Unsere Truppen befinden sich im A n g r i s f.

Auch bei unseren an der oberen Jasiolda fechten­den Streitkräften dauern die Känlpse fort. Die Russen wurden aus einigen am Rande des Sumpfgebiets ange­legten Verschanzungen geworfen.

Italienischer Rriegsschauplatz;

Die auf dem südwestlichen Kriegsschauplatz im all­gemeinen eingetrctcne Ruhe hielt auch gestern an.

Im Tiroler Grenzgebiet kam es bei der Mandron- hüttc (am obersten Val di Genova) und südlich Mori zu kleineren Gefechten, die mit dem Zurückgehen des Fein­des endeten-

Im Raume von Flitsch und an einigen anderen Stellen der küstenländischen Front fanden Geschütz- und Minenwerferkämpse statt. Abends schlugen unsere Trup­pen einen heftigen Angriff auf den Sndteil des Tol- meiner Brückenkopfes ab.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. H ö f e r, Feldmarschalleutnant.

68 °/o des russischen Gffizierbestandes verloren!

Br. Petersburg, 3. Sept. (Eig. Drahtbericht. Jens- Bln) Vorgestern hat in Petersburg das Militär- und Marinekomitee die Beratungen begonnen über die Mit­tel und Wege, um dem O f f iz i e rs m a n g e l im Feldheere abzuhelsen- Der Kriegs mini st er hat dem Komitee eine Denkschrift vorgelegt, aus der hervorgeht, daß die russische Feldarmee bisher an Toten, Verwundeten und Gefangenen 68 Prozent ihres Offi­zierbestandes cingebüßt bat.

Ter Überfluß an deutschen Soldaten.

W. T.-B- London, 3. Sept. (Nichtamtlich.) Der Peters­burger Korrespondent derMorning Post" hält die Berech­nungen russischer Offiziere, daß Deutschland neue Soldaten nicht mehr aufbringen könne und die letzten Mann­schaften im Felde habe, für unzutreffend. Der Korre­spondent glaubt Grund für einen Überfluß von deutschen «oldaten darin finden zu sollen, daß Deutschland die Wahr­heit über die Zunahme der Bevölkerung seit Jahrzehnten verheimlichte. Hier findet der Statistiker ein interessantes Thema für eine Doktorarbeit.

Die Ausbreitung der Cholera in Petersburg.

Br. Petersburg, 3. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Nachdem sich in den jüngsten zwei Wochen die Cholera­erkrankungen in Petersburg auf 20 bis 25 pro Tag gehalten hatten, sind sie gestern laut Angabe der Stadtsanitätsverwal­tung plötzlich auf 65 Fälle gestiegen. Die effektiven Ziffern sind aber ungleich höher, da nur die in die Krankenhäuser eingelieferten Kranken registriert werden.

Beseitigung verschiedener Härten gegen die russischen Juden.

W- T.-B. Petersburg, 3. Sept. (Nichtamtlich.) DaS Amtsblatt veröffentlicht einen Erlaß des Ministers deS Innern, ver den Juden bis zur gesetzlichen Neuregelung der Bestimmungen über ihre staatsbürgerlichen Verhältnisse ge­stattet, in allen Städten des Kaiserreiches zu wohnen, mit Ausnahme der Hauptstädte und derjenigen Ortschaften, die der Verwaltung der Ministerien des Hofes und des Krie­ges unterstehen.

*

Serbische Truppenzusammenziehungen an der bulgarischen Grenze.

Wien, 3. Sept, (Jens. Bln.) Aus Sofia wird gemeldet: Die serbische Heeresleitung versammelt an der Grenze Bul­gariens große-Tr uppenmassen, weil Serbien durch den drohenden Einfall bulgarischer Banden dazu gezwungen worden sei.