WiesbsökM
si. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. - BerugS-PreiS: durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch du " 9 Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
19,000 Abonnenten.
Nnzeigen-PreiSr Die einspaltige Pctitzeile für lokale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 SBfq. — Reklamen die Peiitzcile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.
Anzeigen-Annahme FKLMSSS “ £ S'SS'Ä/LÄL
Helfe - AbonnementZ
auf das
„wierbadener Tagblatt"
kSnnen täglilh begonnen werden und kosten wöchentlich bei freier Zustellung in's Haus
nach Vrlen in MMM und Orllerreiltz-Msaru 60 Vfg.
.. „ im Ausland . . . - 90 ..
Gestellungen beliebe man genaue Wohnungsadresse beizufügen.
Der Verlag des Wiesbadener Tagblatts.
Politisches aus England.
Unser Londoner n.-Korrespondent schreibt unterm
Eiw^bekannte deutsche Zeitung bemerkte gelegentlich der Besprechung des Loubetschen Besuches m London, der König Edward wäre doch nicht die Null, als me man ihn ost hinstellte, denn mit seiner Reise nach Paris hatte er s Zt. die Initiative ergrissen und nnt großem Geschick die nun zur Tatsache gewordene lenglrich-franzostsche entente cordiale herbeigeführt. So meldete hier wenigstens soeben ein telegraphischer Auszug aus jenem Artikel, der wenn er Mr. Chamberlain und seinen Kollegen rm Ministerium zu Gesicht gekommen sein, sollte, ohne Zweifel deren Heiterkeit erregte. Ter König von England besuchte Paris auf ministerielle Anordnung, genau so, wie er ca*f ®nmiv einer solchen bisher Berlin in einer Weise mied, die unter gewöhnlichen Sterblichen als ein grober Verstoß gegen Anstand und gute Sitte gelten wurde. Vielleicht wird uns jene über englische Verhältnisse so wunderbar informierte Zeitung eines Tages noch nachträglich Mitteilen, der südafrikamfllM Krreg, der der Königin Viktoria bekaniitlich das Herz gebrochen, wäre von der greisen Monarchin und nicht von Chamberlarn angezettelt worden. Daß Edward VII. gern nach Serne- babel ging, unterliegt keinem Zweifel, bedeutete es , doch für ihn eine Art Rückkehr nach „Alt-Heidelberg'. bei, der er aber die Wahrnehmung machte, daß es mit einer Krone auf dem Kopfe heutzutage, nicht mehr so leicht ist, sich zu amüsieren als zur Zeit, gewisser, allezeit ungenierter Herren unter seinen königlichen Vorfahren. Uber die Beweggründe Englands, sich Frankreich abermals zu nähern, ist eine große Fülle des Unsmnes geschrieben
worden, d. h. in den ausländischen Zeitungeri, indes die einheimischen zumeist behaupteten, der Drang, mit dem lieben, so sympathischen Nachbarn ein freundnachbarliches Verhältnis zu unterhalten, hätte die Veranlassung zu dem englischen Entgegenkommen gebildet. Die Franzosen gingen noch einen Schritt weiter und erklärten, engttsch- ranzösische Interessen kollidierten in keinem ^le der Welt. Mons. Eugäne Etienne lieferte sogar den fchla- genden BewÄs dafür, indem er hervorhob, daß die, Räumung Ägyptens durch England zunächst selbstverständlich wäre! In Siam hätten die Briten den Franzosen nur die vollständige Kontrolle des Mekongtales elnzuranmen und in Afrika ihnen lediglich genug Gebiet abzutreten, um eine Verbindung zwischen seinen Besitzungen rm nördlichen Teile des schwarzen Erdteiles, herzustellen, beziehungsweise die Grenze zwischen dem Niger und dem Tschadsee festzustellen. Tie Neuen Hebriden verlangen sie nur zur Hälfte und wünschen ein Mandat „zu erhalten, um Marokko gegen sich selbst beschützen zu dürfen. Was schließlich Neufundland anbctrisst, , so fordert Mons. Etienne zunächst nichts, denn er erklärt, England müsse da den ersten Schritt zur Lösung der Frage selbst unternehmen, und danach bliebe vielleicht höchstens noch zu wünschen übrig, daß sich Großbritannien zur Deckui^ aller etwaigen Unterbilanzen im französischen Staats- Haushalt iii der Zukunft verpflichtete. Eine vorzügliche Basis für die entente cordiale wäre also vorhanden, denn den Einpfang des Ex-Präsidenten Krüger im Elys6e uiid alles, was die Frairzosen über die Uiimen,chlichteit der Engländer im südafrikanischen Frieden gesagt und geschrieben haben, ist vergeben und vergessen. In Deutschland, wo Krüger berechtigt war, auf eine warme offizielle Aufnahme zu rechnen, wurde ihnr England zu Liebe s. Zt. die Tür gewiesen. Deutsche Interessen kollidieren nirgends mit den englischen, aber der Haß gegen Deutschland wird in Großbritannien systematisch geschürt, an
S 'Ach, weil seine Presse s. Zt. gleich der der übrigen t ihrem Abscheu und Entsetzen über das unmenschliche Treiben der Engländer in Südafrika Ausdruck gegeben hatte Gerade darum scheint es, als führte Mr. Chamberlain, der allein in Frage kommt, im Zusammenhang mit Frankreich etwas ganz Besonderes im Schilde.
Dentsches Reich.
* Deutscher Kriegerbund. Der dreißigste Abgeord uetcntag des Deutschen Kriegerbundes, zu dem Vertreter von Kriegerverbänden aus allen Teilen Deutschlands eingetroffen sind, wurde durch den Vorsitzenden, General der Infanterie v. Spitz, durch eine Rebe eröffnet, in der er besonders die Notwendigkeit der Bekämpfung der Sozialdemokratie darlegte, und die mit
einem Hochrufe auf den Kaiser, die verbündeten Fürsten und die freien Städte schloß. An den Kaiser wurde olgendes Telegramm abgesandt: „Euerer kaiserlichen
Majestät legen die zum 30. Abgeordnctentage des Deutschen Kriegerbundes versammelten Abgeordneten von 1 400 000 ehemaliger Soldaten ehrfurchtsvollen Grug an den Stufen des Thrones nieder. Mit den erneuten Ausdrücken der unverbrüchlichen Treue und steten Gehorsams erklären die Führer der Kriegerverbänöe des Bundes den festen Willen, den monarchischen Sinn und die Liebe zum Vaterlande unter den Kameraden zu pflegen, damit sie als zweite Armee im Bürgerrocke Eurer Majestät auf dem Wege folge, auf dem Allerhöchst- dieselbe das deutsche Volk zur Größe und zum Ruhme ühren." Als Ort des nächsten Abgeordnetentages wurde Kiel gewählt.
* Zwischen Bayern und Preußen ist eine Vereinbarung getroffen worden, wonach beide Staaten sich gegenseitig Mitteilung machen, wenn in dem einen Staate an einen Einwohner des anderen Vermögensobjekte anfallen, die in dem anderen Staate zur Kapital- rentensteuer herangezogen werden.
* Zur Bekämpfung des Kurpfuschertums veranstaltet die Regierung mit Hilfe der Ärztekammern eine Umfrage. Uber die Ergebnisse wird von der Medizinal- abteilung des Kultusministeriums folgendes mitgeteilt: „Die zur Beantwortung der Hauptfragen von den einzelnen Ärztekammern veranlaßtcn Rundfragen durch entsprechende Fragebogen haben zwar bedauerlicherweise seitens der besonders interessierten Arzte nur eine geringe Beantwortung gefunden, immerhin aber ern sehr schätzenswertes Material geliefert, welches durchaus geeigiret und ausreichend erscheint, die in den letzten Jahren tatsächlich eingctretene starke Vermehrung des Pfuschertums festzustellen und gleichzeitig auf die hohen Gefahren hinzuweisen, welche der Gesamtheit der Bevölkerung durch das Pfuschertum in sanitärer und materieller Hinsicht erwachsen. Wie groß die Zahl der Kurpfuscher in den einzelnen Bezirken ist, erhellt schon aus der Mitteilung, daß im Regierungsbezirk Breslau z B. allein 228 Kurpfuscher festgestellt worden sind und 98 erwiesene, durch sie veranlaßte Gesuudheitsschadi- gungen, darunter 17 Todesfälle. . . Erwägt man, daß sich an der Beantwortung der von der Breslauer Ärztekammer in Umlauf gesetzten Fragebogen unter den im Regierungsbezirk vorhandenen 715 Ärzten nur 58 und zwar 20 aus der Stadt Breslau und 38 aus den übrigen Kreisen des Bezirks beteiligt haben, so wird man ein- räumcn müssen, daß diese Zahlen eine beredte Sprache führen. Die ans gleichem Anlaß von der Ärztekammer der Rheinprovinz und der Hohcnzollernschen Lande veranstaltete Enquete hatte das Ergebnis, daß von 2851 im Bezirk dieser Kammer vorhandenen Ärzten, welche aus 539 Wohnorte verteilt sind, nur 86 Berichte aus 71 Wohn- orten eingingen, welche das Vorhandensein von 288 Kur-
Feuilleton.
Akute und chronische Krankheiten und deren Behnndlnngsweisen.
Von Dr. med. H. Balder.
Es lebte einmal — eigentlich ist es nur ein paar Jahre her — ein Mann im Land der biederen Sachsen, der eines schönen Tages eine neue KrankheitSlehre und eine unfehlbare Diagnostik unter die Leute brachte. Krankheit ist das Vorhandensein von „Fremdstoffen" im Körper. Diese lagern sich zumeist im Unterleib ab, hier beginnt dre Gärung" und setzt sich rasch nach oben oder unten fort. Aus diesen Hauptthesen konstruierte dann der Larenpraktiker „folgerichtig" ein Allheilmittel: alle. Krankheiten, melcben Namen sie auch führen mögen, heilt das „Frot- tier-Sitzbad". Und der „Heilkundige", der nicht rm Fegefeuer des Staatsexamens geseufzt hatte, verkündete werter frisch und froh der leidenden Menschheit: „Und durch diese Jremdstoffe werden die Körperformen verändert, was am m-steu an der engsten Stelle", am Hals und Gesicht, wahrnehmbar ist."" Nun können wir Arzte das Stethoskop und den Perkussionshammer bei Serie legen, dre Reagens- aläfer verschlagen: ins Gesicht schreiben die Krankherten iKÄ Kuhn-weiß jfe Mg»***, seiner „Gesichtsausdruckskunde' ist das Wort. Irrtum
6Eft So» Siegel der Größe und der Wahrheit ist dre Ern- Die hier skizzierte „Neue Herlkunst < ?> aber t . f ) ie"iie6e Einfalt geschrieben, die nicht wägt, sondern
ÖJrJrtli'A i-> Er-.b»U-n
sicher Forschung Halt macht, sondern «nt Srebenmerlen- siiefeln tapfer ins Land der Romantik reitet.
Eine edle Himmelsgabe" preist Schiller „das Licht des Auges". Und seiner Augen Licht stellt der Arzt zum ersten in den Dienst des Kranken. Den, ersten Akt einer methodischen Untersuchung, die Inspektion, vollzieht es faü allein und führt den Arzt oft schon auf dre richtig. Ährte Die erfahrenen Kliniker wahnen ihre Schüler immer wieder von neuem, die Augen aufzuschlagen und treu zu beobachten.
„Was ist Ihnen, meine Herren, an der Kranken besonders ausgefallen?" fragte einmal Professor v. Leyden die aufgerufenen Kandidaten. . „ „
Der eine murmelte etwas von Lage und Haltung der Patientin, in tiefes Schweigen hüllte sich der andere.
„Daß Sie mich so freundlich begrüßt hat", antwortete
lächelnd der Geheimrat. ,
Aber einem Patienten an der Nase ansehen zu wollen, woran er leide, ist Scharlatanerie. Der ^rzt soll Naturforscher bleiben, und als solcher hat er dre Pflicht, stets zu zweifeln, um immer wieder zu prüfen und das Richtige zu ermitteln.
Bet jeder Krankheit, bah Jhr's wißt,
Des Leibes Stofs verändert ist,
Weil fälschlich oder inkomplet Des Stoffes Wechsel vor sich geht —
Knüttelverse, die ja wohl, wenn ich nicht irre, der bekannte Professor Bock auf dem Gewissen hat. Hiernach liegt das Wesen der Krankheit in einer Veränderung des Stoffes, oder wir können auch sagen, alle Krankheiten sind materiell begründet; und an dieser einfachen, klaren und dem Volke leicht zugänglichen Anschauung dürfen wir selbst im Zeitalter der Bakteriologie sesthalten.
Wenn mir „Gesundheit" als die normale Tätigkeit aller Organe, verbunden mit dem subjektiven Gefühl der Widerstandsfähigkeit und Lebensfreude definieren, so bedeutet „Krankheit" jede Funktionsstörung innerer oder äußerer Organe, jedes Abweichen vom normalen Zu-
* tatt ®er kranke Organismus kann nur wieder in den Normalzustand geführt, geheilt werden, wenn er den materiellen Krankheitsstoff aus sich entfernt, die Bakterien, diese Ubcrkerlchen par excellence, und ihre toxischen Stoffwechselprodukte vernichtet und ausscheidet. Hierzu aber mutz der Körper die gesamten bekannten und bisher noch unbekannten Wehr- und Hülfskrafte mobil
""^Tiese abnorme Kraftanstrengung, dieser Kampf des Organismus mit dem Krankheitsgift tritt besonders deutlich bei den akuten Krankheiten in die Erscheinung. Der Körper ist in Aufruhr, es gärt und kocht in fernem Innern, und die Lebenskraft lodert auf in Sturm und Glut. Die akuten Krankheiten zeigen uns mehr ern tätiges, als ein leidendes Bild, der Organismus ist rn lerdenschast-
licher Aktion, die Naturheilkraft kämpst erbittert mit dem Krankheitsstoff. Darum nennt Rauste die akuten Krankheiten treffend „Heilkampfkrankheiten".
Bei den chronischen Krankheiten hingegen, die schon ihrer Bezeichnung nach einen schleichenden, schleppenden Charakter anfweisen, haben wir mehr ein leidendes, als ein tätiges Bild vor uns, es übernnegt eine Hcrabstnn- mung, ein Darniederliegen, eine Erschöpfung der Lebenskraft'. Auch hier versucht der Körper, ferne Schutz- und Wehrkraft gegen den Feind zu entfalten, aber der Versuch mißlingt. Die Merkmale des Versuchs liegen vor, nimmer die des Gelingens: denn alle Krankheiten, re akuten wie die chronischen, setzen sinnlich wahrnehmbare Zeichen, Symptome, ab. Diese aber sind bei den akuten Krankheiten weit mehr ausgeprägt als bei den chronischen. , . _
Bei den akuten Krankheiten treten zumal zwei Symp- tome in den Vordergrund: die Entzündung und das
Fieber. Schon die Alten redeten von vier Merkmalen der Entzündung: von Bubor, der Rötung, »on Calor, i«c Hitze, von Tumor, der Schwellung, und Dolor, dem Schmerz. Als fünftes, was immer Virchow betonte, kommt noch die Functio laesa, die funktionelle Storung,
^"^Das wesentliche Moment der Entzündung ist der Hin- drang des Blutes nach dem betroffenen Organ: und wobin da^ Blut reichlicher strömt, dort wird auch mehr Röte gefthen und gefühlt, das Blut „klopft", mehr Wärme -mp. funden, ist der Puls voller und beschleunigter. Ist das Organ dem Auge und Tastsinn zugänglich, so kann auch das dritte, der Tumor, die Geschwulst, gesehen und gefühlt werden. Da ferner jedes Organ erner gewissen Funktion vorsteht, so wird, wenn der Normalzustand des Organs verändert ist, auch seine Funktion mehr oder weniger gestört sein: und Nerven durchsetzen und um- Winnen alle Körperteile. Diese höchst empfindlichen Elemente werden teils durch die gesteigerte Warme, teils durch den Druck der Geschwulst, teils durch den Krank- beitsstoff selbst gereizt, und so treten dann als fünftes Nermnsymptome ««iWW« R->- ®e«ISnem». in entsteht Schmerz: bei Reizungen von Bewegungs-
SÄta 3»W... «M* ***** «»
mchr die Zentrale, das Gehirn, mitgenommen, so zeigen
