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1. Settage nun Wiesbadener Tagblatt.

N». 321. Morgen-Ausgabe.

Dienstag, den 14. Juli.

81. Jahrgang. 1903.

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Das Gewissen ist das Gewisse von gestern, aber nicht » das Gewisse sür morgen. A

Carl Hauptmann. ^

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(25. Fortsetzung.)

Leutnant Lämmchens Abenteuer.

Eine heitere Geschichte von G. v. Stokmans-Germanis.

Also Marie-Luise konnte auch heucheln, — sie, Sie so harmlos, so unschulidg aussah, gab sich Rendezvous im dämmerigen Garten mit wildfremden Menschen oder w't dem Rendanten Herrn Mörk. Daß jener der Erwählte sei, erschien Lämmchen immer wahrscheinlicher, obgleich er nicht der Schreiber des Briefes gewesen war. Hatte sie nicht, als er dein Gespräch der Schwestern lauschte, offen bekannt, daß sie auf Rang und Reichtum keinen Wert lege, daß Liebe, wahre Liebe die erste und einzige Glücksbedingung sei? Vor ihrer Mutter durfte sie der­gleichen freilich nicht äußern, und die Aussicht, ihre heimlichen Wünsche in absehbarer Zeit erfüllt zu sehen, war bei ihr noch geringer, als bei Mannia, aber was hofft ein junges Herz nicht, wenn es liebt, welcher Ver­stellung ist eine Frau fähig, wenn es sich um ihr kost­barstes Geheimnis handelt?

Er konnte das am besten bei Mannia beobachten. Jetzt, wo ihm die Augen geöffnet waren, bemerkte er manches, was ihm früher entgangen war, und immer wieder staunte er darüber, wie sie die Situation be- herrschte. Nur ihm gegenüber schien sie sich, seit der letzten Begegnung, nicht ganz sicher zu..fühlen. Bei ihrer Klugheit mutzte sie sich sagen, daß er die Wahrheit durchschaut habe, und wenn sie seiner Diskretion auch sicher war, so gab das doch ein peinliches Gefühl, das sie bedrückte. Auch Baron Max zeigte ihm nicht mehr dieselbe .Herzlichkeit wie früher, schien ihn aber nun seinerseits mit prüfenden Blicken zu betrachten, und mitunter hatten diese Blicke einen Anflug von Feind­seligkeit, der ihn befremdete. Sollte jener wirklich eifer­süchtig auf ihn sein?

So kam Lämmchen aus den Rätseln und Sorgen nicht heraus, und der nächste Tag brachte einen neuen Sturm, der ganz unerwartet über ihn hereinbrach.

Als er nämlich kurz vor Tisch im Salon erschien, stürzten sämtliche junge Mädchen mit lautem Jubel- geschrei auf ihn los, und Malve rief lebhaft: „Leutnant Lämmchen, heute müssen wir Ihre Bekehrung großartig feiern. Sie tvissen ja — über den reuigen Sünder ist mehr Freude als über neunundneunzig Gerechte — und Sie haben nicht nur bereut, sondern gleich zwiefache Buße getan. Ich sage Ihnen, die Blumen sind köstlich und das Konfekt über jedes Lob erhaben. Mannia allein würde sich daran den Magen verderben, und so haben wir gleich eine rationelle Teilung vorgenommen, welche ihr diese gefährliche Eventualität erspart."

Lämmchen wußte gar nicht, wie ihm geschah. „Mer meine Damen", sagte er, „ich ahne nicht, wovon die Rede ist. Wenn Fräulein Mannia etwa ihren Geburtstag haben sollte —"

Der alte Baron trat lachend hinzu. „Na Mädels", • sagte er, „da habt ihr's — er leugnet, er heuchelt -- er will von nichts wissen. So etwas habe ich mir gleich gedacht —“

„Aber er kann gar nicht leugnen", rief Marie-Lmse, „wir haben es ja schwarz auf weiß, daß er der Spender ist."

„Schwarz auf weiß?" wiederholte Lämmchen, „ver- zeihen Sie, aber ich begreife wirklich nicht " ■

Malve legte ihren Arm in den seinen und zog ihn mit sich fort nach dem Eßzimmer hin. „Gubf sagte sie, „bei Tisch will ich Sie überführen. Sehen Sie. da steht Ihr Riesenstrauß als Tafelschmuck. Mannia hat rhn gerade vor ihren Platz gestellt, damit Sie nicht sehen können, wie hocherfreut und tiefbeschämt sie über diese unerwartete Ehrung ist." _ .

Lämmchen setzte sich und faltete seine Serviette am- einander. meinte er, „ich kann an den Blumen noch vorbeisehen, indessen Sie wollten mir ja erzählen, was geschehen ist." „ „ .,

Malve lachte. „Was geschehen ist, brauche ich Jhmn nicht zu erzählen, das wissen Sie ja selbst ganz genau, aber wie es geschehen ist, das sollen Sie erfahren.Also hören Sie zu: Als wir heute beim zweiten Frühstück saßen, kam der Diener und sagte, für Mannia seien aus Breslau zwei Kisten angekommen. Eine ganz große, leichte mit der Aufschrift: „Frische Blumen", , und eme kleine, ziemlich schwere mit Näschereien. Manma glaubte das nicht. Sie meinte,. wir hätten uns einen Witz mit ihr gemacht und wollten sie foppen; schließlich, um sie zu überzeugen, brachte ein Diener die Herden Kisten herein, was sonst nie geschieht, und, stellte sie vor Mannia hin. Nun stürzten wir voll Neugierde uns alle darauf, öffneten sie mit fieberhafter Hast und packten zuerst die Blumen aus. Ein allgemeines „Ah" der Bewunderung ertönte, als wir dieses Wrmderwerk moderner Brndekunst erblickten — dann machten wir uns über die Süßigkeiten her, und zerbrachen uns den Kopf, von wem die Doppel­sendung Wohl sein könne. Mannia behauptete, nichts zu wissen, und unter den vielen Herren, die hier ein- quartiert sind, war der Geber schwer zu erraten. Vor acht Tagen noch hätten wir Herrn von Panthenau im Verdacht gehabt — jetzt, nachdem er mit Pauken und Trompeten zu Lies übergegangen ist, fällt diese Möglich- keit fort, und da der dicke Major Mannia immer mit ganz verzückten Blicken betrachtet, meinten wir schließ­lich, ihre Kochkünste hätten sein Herz gerührt und die süß-duftige Ovation käme von diesem würdigen Stabs- osfizicr. Mit tragikomischer Mene prophezeiten wir Mannia, daß er sich von seiner guten kleinen Frau werde scheiden lassen, um sie zu seiner hoch beglückten Gattin zu machen, und waren noch dabei, den schönsten Unsinn zu schwatzen, als mein Bruder Max plötzlich dazwischen trat und mit der Mene eines Strafrichters einen Streifen Papier vor uns hinlegte, den er gefunden hatte. Er, der sich sonst um dergleichen Dinge niemals bekümmert, hatte die Kisten nach einer Erklärung durchsucht und dabei zwischen den Blumen den Zettel entdeckt, der wohl nur irrtümlich hineingeraten war, aber zu unserer Freude alles verriet."

Lämmchen fiel der Suppenlöffel fast aus der Hand. „Was — was stand auf dem Zettel?" fragte er zögernd.

„Nicht viel! Ein paar Worte, mit Bleistift fluchtig

hingeworfen und offenbar nur für das Geschnftspersonal bestimmt. Sie lauteten: „Rechnung zu senden an den Leutnant im ,¥tcn Dragoner-Regiment Baron Bock von Bockendahl in Süderau rc." t

„Wie fatal!" sagte er ärgerlich, - 7 - ,,da hilft aller­dings kein Leugnen und Versteckspielen, aber drei Notiz bezog sich doch nur auf die Blumen." .,

Malve lachte. — „Allerdings — aber gewitzigt durch diese eine Entdeckung, durchstöberten wir mm auch me Posttasche, und fanden richtig zwischen den Briefen em billet doux, dessen Außenseite eine Rechnung verriet, graugrün, großes Formal, mit Ihrer Adresse und der gedruckten Firma der Mickschen Confitürenfabrrk. Sw waren also entdeckt, entlarvt, und ein Gefühl stolzer Ge- nugtuung erfüllte meine Brust." „

Lämmchen glaubte, nicht recht gehört zu haben. „Wie , sagte er, „Sie, mein gnädiges Fräulein, fühlten eine be­sondere Befriedigung über mein Tun?" . 0

Malve lachte. „Gewiß, — begreifen Sie das nicht- — Sehen Sie, als patentierter Weiberfeind haben Sw doch gewiß noch nie einer Dame anonyme Geschenke ge­macht?"

Er nickte . . . „Allerdings bisher noch nicht. „Mithin ist es mein segensreicher Einfluß, der jte. so verändert und gebessert hat. Ein bißchen fitz^chE fingen Sie es ja an, ich gebe das zu, denn man schickt nutzt Blumen und Bonbonnieren zii gleicher Zeit, aber der Wille war gut, und auf den kommt es doch vor allen

Dingen an." „ , . „ _ *r y

„Meinen Sie, auch wmn der Erfolg ein so zweifel­hafter ist?"

„Auch dann." .

„Und wie nahm Fräulein Mannia dw Sache auf- —« ich meine im Ernst." t . , .. .. -

Malve schwieg einen Augenblick, dann sagte sie zögernd. „Nun, offen gestanden, das ganze Intermezzo war ihr wohl ein bischen fatal. Sie wußte nicht recht, was sie daraus machen sollte, Max, mit seinen sarkastischen Be- merkungm, verdarb ihr vollends den Spaß. Es ist wirk­lich zu'schade, daß die beiden sich so wenig vertragew Lämmchen sah aus seinen TeÜer und seuszke kies, jtct hatte er ja wieder etwas Schönes angerichtet; — ent- weder eine Dummheit gemacht oder ganz besonderes Pech gehabt. Wie konnte er aber auch ahnen, daß dm anonyme Sendung in dieser Weise empfangen, und als Gemeingut betrachtet werden würde. Das konnte nur in diesem Hause geschehen, und schließlich mußte er Manma noch um Verzeihung bitten, daß er es gewagt hatte, ihr eine Aufmerksamkeit zu erweisen.

Sie verhielt sich, obgleich sw ihm gegenüber saß, wah­rend des Essens ganz passiv imd erschien überhaupt etwas stiller als sonst, aber gleich nach Tisch, als er ihr seine Verbeugung machte, reichte sie ihm herzlich die Hand und sagte ruhig: „Ich habe Jhneii noch gar nicht gedankt, Baron, obgleich ich weiß, daß Sw der Spender dieser giiten Gaben sind: vorhin, in dein allgemeinen Geschrei, kam ich nicht zu Wort, und jetzt muß ich mich auch kurz fassen, denn der Kaffee wartet. Wir reden aber noch später darüber. Ich möchte doch erfahren, was Sie be- wogen hat, gerade mich in dieser Weise auszuzeichnen., (Fortsetzung folgt.)

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