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M. Jahrgang.

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1903 .

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Nur Keine Nervo jiM!

Während bei uns die Zeit der sauren Gurke endlich in ihre politischen Rechte eingetreten ist, während der Kaiser seine Nordlandsreise angetreten hat, der Reichskanzler seine durch die Wahlperiode angegriffenen Nerven an der Nordsee kuriert und auch die Mehrzahl der Staats- sÄretäre und Minister „Schicht gemacht" hat, spielt sich die Politik im Ausland vielfach noch so auf, als ob sie sich mitteir in der Hochsaison befände. Auf dem Balkan tun die Türken und noch mehr die Bulgaren noch imme> so, als ob sie könnten, wenn sie wollten, die marokkanische Frage hat sich als die Seeschlange der diesmaligen toten Saison etabliert, und in Ostasien endlich würde die man­dschurische und die koreanische Frage immer mehr zu einem ernstlichen Konflikt zwischen Rußland und Japan führen, wenn nicht beide Mächte zwingende Gründe hatten, der Abrechnung, deren Ergebnis zweifelhaft ist, aus, dein Wege zu gehen. In London endlich haben sich bei dem Besuche Loubets dieser und König Eduard derart intensiv angetoastet, daß politisch nervöse Gemüter bereits von einem englisch-französischen Zweibunde oder gar von einem englisch-französisch-russischen Dreibunde phan­tasieren. „ .. r . r , ,. r .

Insbesondere aus der zungsten franzomch-engUschen Anbändelei, die manche schon für eine Anbündelei halten, ist der deutschen Regierung gerade von den Kreisen ern Vorwurf gemacht worden, welche ihrerseits sowohl eine Annäherung Deutschlands an England wie an Frankreich mit hell lodernder Entrüstung zurückweisen würden. Aber es gehört überhaupt eine gewisse Dosis politischer Kurz­sichtigkeit oder aber eine beängstigende politische Newa sität dazu, die neuesten französisch-englischen Freund

schaftsversicherungen bereits als deii Anfang einer Neu­gruppierung der Mächte zu betrachten.

Bei politischen Freundschaften kommt es nicht nur aus den Willen und auf die ausgiebige Benutzung des Hrlfs- Küchleins „Ter Festredner in allen Lebenslagen", sondern auf die Gemeinsamkeit der Interessen an. Welches sind nun die Interessen, die Frankreich und England gemein­sam sind? Wir wüßten nur eins, über dessen Bor- handensein wir uns freilich keinem Zweifel hingeben, nämlich der gemeinsame Haß gegen Deutschland. Der Haß Frankreichs hat seine natürlich begründeten poli­tischen Ilrsachen, und wir sind im Lause der langen >zahre immer wieder der weitverbreiteten Auffassung entgegen­getreten, als ob dieser ganz natürliche Haß des unter­legenen Gegners durch noch so große Liebenswürdigkeiten aus der Welt geschafft werden könnte.

Ter Haß Englands gegen Deutschland ist ein Aus­fluß wirtschaftlichen Konkurrenzneides, und dieser Reib hat sich zunieist stärker erwiesen als die politische Einsicht, daß England- von Deutschland nichts, von Frankreich und Rußland alles zu befürchten hat.

Denn abgesehen von dem gemeinsamen Haß gegen Deutschland gibt es zwischen Frankreich und England nur Gegensätze der Interessen. In Nordafrika, wo die marokka­nische Frage so aktuell geworden, wie üi Wcstafrika, in Südchina wie in Ägypten stoßen England und Frankreich, die zugleich um die herrschende Stellung im Mittelmeer ringen, feindlich aufeinander. Über diese tiefbegründeten Gegensätze kann man nicht hiuwegtoasten, wenigstens nickt für die Dauer. Ein weiterer Gegensatz zwischen Frankreich und England, der sich ebenfalls nicht aus der Welt schaffen läßt, ist die Stellung zu Rußland. Frank­reich ist der Alliierte Rußlands, England dessen intimster Gegner. Kein Mensch läßt es sich gefallen, wenn man ihn mit der einen Hand streichelt und mit der anderen Hand pufft, und auch- Rußland wird sich das von Frank­reich, welches sich anscheinend eine neue- Methode des „Pufferstaates" patentieren lassen will, nicht gefallen lassen.

Ter russisch-englische Gegensatz, der jetzt in Ostasien aufs schärfste in die Erscheinung getreten ist, bildet in der Tat eine Garantie dafür, daß die englisch-französische Anfreundung keine Neugruppierung der Brächte bringen wird, es sei denn, daß Frankreich England zu Liebe das Bündnis mit Rußland aufopfern wollte. Aber wenn die französische Republik auch bei dem Bündnis mit Rußland die zweite Geige spielt, so wird sie sich doch hüten, dies Verhältnis zu Gunsten eines neuen Verbündeten zu opfern, dessen Unzuverlässigkeit „gerichtsnotorisch" ist. Tritt doch diese Unzuverlässigkeit gerade jetzt m krasser Weis« hervor, wo England, welches der Verbündete Japans ist, sich mit dem Verbündeten Rußlands in einem

Augenblick anbiedert, wo der japanisch-russische Gegen­

ätz in Ostasien eine bedrohliche Schärfe erlangt hat.

Aber alle diese hier erwähnten Gegensätze sind eben o stark, daß der Gedanke eines neuen englisch-französifch- russijchcn Bündnisses ein unerfüllbarer Traum bleiben muß. Tie französisch-englische Anfreundung wird arider Weltlage ebenso wenig ändern, wie der bis zum Sep­tember verschobene Besuch des Königs Viktor Emanuel in Paris, der die Tatsache nicht aus der Welt schaffen wird, daß der Versuch Frankreichs, Italien vom Dreibund abzudrängen, völlig gescheitert ist. . So lange der russisch- französische Zweibund besteht, ist ein insimes Zusammen­gehen zwischen England und Frankreich ausgeschlossen. Sollte aber durch Englands Jntriguen der Zweibund er­schüttert werden, nun, dann würde sich- eine Annäherung zwischen Deutschland und Rußland ganz von selbst er­geben. Deshalb: Bange machen gilt nicht!

Der Zustand des Papstes.

bä. Rom, 12. Juli. Dem „Givrnale d'Jtalia" zu­folge ist der Zustand des Papstes seit gestern unverändert. Die Arzte sollen sogar eine, wenn auch nur kleine Besse­rung in seinem Zustand konstatiert haben. Im Vatikan ist man weniger besorgt, obgleich man über das endgültige Resultat sich keine Illusionen macht. Die Arzte erklären, ohne irgendwelche möglichen Komplikationen könne der Papst unter den jetzigen Umständen noch mehrere Tage, nenn nicht noch eine Woche leben. — Der Papst empfing gestern seine Nichte, die Marquise Canali. Es ist dies das erstemal, daß der heilige Vater in seinen Privatgemächern eine Frau empfangen hat. Der Besuch war übrigens nnr kurz. Die Frau Marquise siel sofort beim Anblick des Papstes auf die Kniee, war sehr erschüttert und weinte bitterlich. Der Papst sprach nicht zu ihr, sondern begnügte sich, seine rechte Hand auf ihren Kops zu legen. — Die „Tribuna" versichert, die Tatsache, daß nach den beiden letzten operativen Eingriffen der Zustand des Papstes sich nicht verschlimmert habe, sei ein sehr gutes Zeichen. Der Papst nahm regen Anteil an der Untersuchung, der er gestern von Rossoni unterworfen wurde. Die Diarrhöe ist verschwunden, die Harnausscheidung bessert sich. Der Papst verlangt wiederholt zu trinken. Er nimmt ohne Widerstreben und leicht die ihm dargereichten Medika­mente. Einem Kardinal gegenüber erklärte der Papst in abgerissenen Worten: Ich habe in großer Gefahr ge. schwebt,- ich weiß auch, daß die Gefahr noch nicht vorüber ist, aber ich ergebe mich in Gottes heiligen Willen." Der Papst empfängt täglich Monsignore Bifferi. — Wie mit­geteilt wird, hat zwischen Rampolla und dem Arzt Mazzoni eine Auseinandersetzung stattgefuudcn. Ram­polla soll die Arzte ersucht haben, sich über die Krankheit

Arbeit.

Roman von Maria Schade.

(5. Fortsetzung.)

IV.

Dr-ei Tage später gingen Herr und Frau Ruprecht iber die Straße, um das Atelier von Hans Meerbach zu

«suchen. .

Sie sahen sehr einträchtig aus, wie sic so s-erte an

§eite dahinschritten. , ,,

Zwei vorübergehende Herren grüßten hosuchft, icifi '«bot. Sie wandten sich sogar noch einmal nach dem

ßoare um. „ ^ r „ . ,

Die Ruprechts führen eine wahre Mufterehe , sagte rer eine. „Eine seltene Erscheinung in unserer bösen ^eit "

,',Ja, endlich einmal eine Liebesheirat, die wirklich lorhält", bestätigt der andere. „Glückliche Menschen!

Me glücklichen Menschen waren in dem- Torwege, der n das graue einstöckige Haus führte, verschwunden.

Zum ersten Male benutzte Jsi den legitimen Erngang, xm zu ihrem Freunde zu gelangen, llnd das kam ihr fast wunderlich vor. Sie ging voraus. -ver Gatte folgte.

Durch den Torweg traten sie ms Freie.

Ist hatte den Hof von dieser Sette noch nicht geschen. Auch hier lagen Steinblöcke, aber nur vereitelt. Das Gras war tief nicdergetrcten von den vielen Fußen, die

täglich darüber gingen. , .. . . p

Jetzt standen sie vor der großen -rur, die in das Innere der Bildhanerwerkstätte führte. ,

Der weite Vorraum leer wie gewöhnlich, denn es war wieder Mittagszeit.

Der Vorhang rauschte.

Da stand Hans Meerbach, in der Hand den Schlägel. Mit großen erstaunten Augen blickte er ans die Ein- tvetenden.

Jsi ging auf ihn zu.

Verzeihen Sie", sie sprach es säst in flehendem -non, „ich"habe mir erlaubt, meinen Alaun mitzubringcn. Ter wollte sich auch einmal Ihre „Arbeit" ansehen . ."

Sie stockte. Alles, was sie sagte, kam ihr so dumm

Herr Ruprecht war unterdessen auch näher getreten.

Mit einer herablassenden Gönnermiene, wie er sie vor zwei Tagen an dem freiherrlichen Landeshauptmann ge­sehen. — übrigens war diese Errungenschaft die einzige, die ihm fein Besuch eingebracht hatte — streckte er dem Künstler seine zierlich behandschuhte Rechte entgegen.

Der zögerte, in die dargebotene Hand einznschlagcn. Dann tat er es dach, mit einem Blick auf Jsi.

„Ich fürchte nur", sagte er, „daß ich Ihren schonen Handschuh schmutzig mache. An meinen Fingern klebt

«taub." ,, r .. r r ,

„Tut nicht! Tut nichts!" Herr Ruprecht lächelte sein verbindlichstes Lächeln, was sonst nur einer orden­geschmückten Brust zu teil wiirde. „Sind ja mehr von der Sorte zu haben. — Außerordentlich angenehm . . . Höchst interessant . . Ah, also das ist Ihr Werk ! . . .

Sie erlauben doch . . ." Er verbeugte sich. Es sah fast aus, als verbeuge er sich vor dem steinernen Weibe.

Jsi hatte sich verfärbt. Ihre seltsam glänzenden Augeii blickten starr. . , . ., .

Der Gatte hatte mit vieler Umständlichkeit emen Kneifer hervorgezogen. Jetzt setzte er ihn auf die Nase, die sich diese Zumutung nicht recht gefallen lassen wollte. Durch die goldgefaßten Gläser betrachtete er die „Arbeit". Er gab sich alle Mühe eilt möglichst nachdenkliches und interessiertes Gesicht zu machen. Er legte die Stirn tn Falten. Er spitzte den Mund. Er zog die Schultern m die Höhe. Alles genau so, wie er es einmal bei einem Kritiker gesehen hatte.

„Hm! — Hm!" machte er ein Paarmal. Zwischen jedem dieser vielsagenden Gefühlsausdrücke ein Zwischen­raum. Dann begann er sehr wichtig:

„Ausgezeichnet! — Wirklich ganz ausgezeichnet! — Phänomenales Werk! — Zeugt entschieden von mteii- sivem Können. — Nicht unmodern. — Neue Schule. — Auffassung. Ausführung stark realistisch. — Mit einem Zug ins Symbolische." Er kramte alle Ausdrucke vor. die er bei Kunstbesprechnngen ausgeschnappt hatte. „Gratuliere!" Er verbeugte sich wieder. Diesmal ganz inwerkcnnbar vor dem Künstler.

Der hatte ihm halb bcn Rücken zugewendet. Übel die Achsel lächelte er ihn an.

. Jsi sah dieses Lächeln. Sie fühlte es.

Mit einer raschen Bewegung trat sie auf ihren Gatten zu. Sie mußte ihn schützen. Sie gehörte ja zu rhm. Wenn er sich lächerlich inachte, machte er auch sie lache» lich.

Bebend vor Angst berührte sie seinen Arm.

„Alfred!" ilüsterte sie. „Alfred!"

Ter Kunstenthusiast ließ sich nicht stören. Begeistert fuhr er fort: „

„Das ist wirklich der Mühe wert, es zu ichen. — Ich kann garnicht sagen, wie dankbar ich meiner Frau bm, daß sie mir zu einem solchen Genüsse verholfen hat. - Was doch so eine kleine Frau alles kann!" Er legte seinen Arm zärtlich- um Isis Taille. „Komm, Schatz, betrachte es dir einmal von hier — perspektivisch."

Sie entzog sich der Umarmung. Sie trat ein paar Schritte zurück. Obgleich sie die Augen absichtlich von dem Künstler abgewendet hatte, fühlte sie seinen Blick.

„Verfolgen Sie mit ihrer „Arbeit" bestimmte Zwecke?" fragte Herr Riiprecht. „Ich meine wissen Sie bereits, wo die Statue hinkommen wird?"

„Wenn sie fertig ist, schicke ich sie nach Berlin zur Ausstellung."

„Ah, auf die große Berliner Ausstellung! Das ist ja interessaist. — Ein so talentiertes Werk wird sicher Aufsehen crregeil. — Man wird es vorzüglich kritisieren. — Wenn ich Ihnen vielleicht bei irgend etwas behilflich sein könnte ..."

„Danke! Danke!" Ter Künstler lächelte wieder. „Sie sind zu gütig."

„Ganz und gar nicht. Aber ich helfe gern, wenn ich so eine überzeugende Probe von künstlerischen Fähigkeiten sehe. — Schade nur, daß ich Sie nicht schon früher kennen aelernt habe. Vor ein paar Tagen war ich nämlich hei dem Landeshauptmann. Wir sind sehr intim. Es wäre mir sicherlich eine Kleinigkeit gewesen, ihn zu veranlassen, Ihr Atelier zu besuchen. Durch ihn würde die Gesellschaft .-.on Ihrer „Arbeit" erfahren haben. Vielleicht hätte man iogarSe.Excellcnz denOberpräsidenten dafür interessieren ,innen . . . . Kennen Sie übrigens Graf Wüstenberg? Ein charmanter Herr ..."

„Habe nickst die Ehre. Und- zweifle auch, daß ich die Zeit haben würde, die Herren zu empfanget:. Mein . Atelier ist kein Museum."