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Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatir.

Nr. 205.

Keeitag» 3. September.

i915.

(6. Fortsetzung.) $tiCÖdS CtCBC. (Nachdruck verboten.)

Roman von Anny von Panhnys.

In -den Adern der damals Sechzchnjährigen rann warnies, eck)tes Theaterblut, das fand Clarisse Frey, die eine kahlschwarze Perücke trug, die so scharf mit den welken Zügen kontrastierte, bald heraus, und erzählte es Magdas Eltern. Die wunderten sich darüber und begriffen nicht, wie das möglich sein konnte; sie er­innerten sich nicht, in den Familien ihrer beiderseitigen Vorfahren ein Mitglied besessen zu haben, dom Theater- blut durch die Adern rann. Höchstens kam der Groß­vater von Frau Maria in Frage, der sollte ja mit einenr Kasperletheater im Lande hernmgezogen sein, raunte die Familiengeschichte. Aber ganz leise raunte sie das, ganz leise. Man brauchte es gar nicht zu hören, wenn man nicht wollte. Und Bergens wollten es nicht hören, und deshalb erfuhr die pensionierte königliche Hof- schauspielerin auch niemals, wie sie über die Vererbung von Thoaterblut Lachten. Das war auch gar nicht nötig, denn auch ohne das inachte Magda ihren Weg. Ihr erstes Engagement an einem kleinen süddeutschen Hof- Iheater brachte sie so weit, daß sie für die nächsten zwei Jahre einen Antrag an ein größeres Stadttheater er­hielt, und nach den zwei Jahren berief man sie nach Frankfurt am Main zum Gastspiel; ein glänzender Er­folg und ein mehrjähriger Kontrakt 'waren das Resultat.

Unter den günstigsten Umständen hatte Magda den Sprung auf die weltbedeutenden Bretter getan; _ des Vaters offene Hand lenkte sie ja geschickt an Weghärten vorbei. Schön, talentiert und reich! Wie bald würde sie «den Gipfel der Kunst erreichen, sie die nur von weitem in die Niederungen geschaut. Viel Talent lebte da drunten und kam doch nimmer in die Höhe, mußte er­sticken und zugrunde gehen in der dumpfen Lust des engen Tales. Viel an sozialem Elend des Schauspieler­standes mußte Magda in den wenigen Jahren ihrer Bühnenlaufbahn schon sehen, und sie half immer, so gut sie konnte. Manche Toilette, manch großes Geld­stück war schon aus ihren zarten Fingern hinüber ge­glitten in zitternd und verlangend ausgestreckte Hände. Und was sie gesehen, was andere bekümmerte und schmerzte, das empfand sie bis ins Innerste selbst. Das Erleben anderer ward ihr zum eigenen Erlebnis. Das versetzte ihre cnrpfängliche Seele in Schwingungen, das gab ihren Worten, die sie abends im Rampenlicht sprach, die überzeugende Kraft und riß die Zuhörer mit fort.

„Was muß sie schon durchgemacht haben, um so spielen zu können", 'dachte wohl zuweilen einer, dem ihre modulationsfähige Stimme Offenbarungen gab. Über Gertruds ernstes Gesicht flog ein zufriedenes Lächeln. Schattenlos und klar, gleich einem einzigen Sommersonntag, spann sich Magdas Dasein bis heute ab, und was sie dazu bettragen konnte, das wollte sie tun, und dabei fiel Doktor Stürmer der Frau ein, der Kritiker einer der gelesensten Zeitungen Frankfurts, her einmal äutzert-e: „Der Bergen fehle nur noch die

E ste unglückliche Liebe, denn die allein wäre imstande, Herzenston aus ihr herauszulocken, der ihrem Kl noch fehle, um sie den allerersten Schauspiele­

rinnen unserer Tage vollwertig zur Seite stellen Kü können." Doktor Stürmer hatte scharfe Augen, dre sahen, was sonst niemand sah, und er hatte feine Ohren, er hörte, was sonst niemand hörte, und Gertrud dachte, tvas in ihrer Macht lag, die geliebte Schwester vor der großen unglücklichen Liebe zu bewahren, das sollte ge­schehen. Nicht nur vor unglücklicher Liebe wollte sw Magda behüten, sondern überhaupt vor der Liebe.

„Liebe", murmelte sie leise vor sich hin, „ein hübsches Wort für die Vogelschliugen, in denen nian törichte Mädchen fängt." ^

Die Rokokopendüle, auf der ein weißlockiges Watteau­frauchen gar steif und pretentiös auf hohen Stöckel­schuhen eine knixende Menuettbewegung vollführte, zeigte auf einhalb Drei. Sonntäglich feierlich war das Gosichtchen der Meißner Figur nnd ein wenig sehn­süchtig lugte sie nach einem Herrn mit Zopf und Schnal­lenschuhen, 'der die Linke am Degen, drüben von der Spiegelkonsole her ihre anmutige Haltung bewunderte. Und wenn die kleine Dame das Lied von den Königs­kindern, die sich so lieb hatten und die nicht zusammen- kommen konnten, gekannt hätte, dann würde es ihr Porzellanherzchen jetzt sicher empfunden haben.

Magda Bergen setzte sich eben vor dem Spiegel deck Hut auf und Freude lag in ihren Augen ob der eigenen Schönheit. An der Tür wartete schon die Schwester. Das Mädchen meldete, das Auto sei vorgefahren , und während Gertrud voran schritt und dem Mädchen einige Anordnungen gab, huschte Magda noch einmal ins Nebenzimmer, in dem wieder ein Sttauß langgestielter Rosen stand. Jeden Tag neue, die alten wanüerten immer zu der Pensionsinhaberin, die sie als Schmuck für die Mittagstafel benützte.

Drei leuchtende Rosen steckte die Schauspielerin zwischen die Knöpfe ihres beigefarbenen Ripskostüms, dann folgte sie schnell der Schwester. Gertrud bemerkte wohl die Blumen, doch sie schwieg.

Die Forschauschaussee hinunter rollte das Auto. Überall gaben Schutzleute acht, daß sich die Gefährte ordentlich einrechten und Kutscher und Chauffeure nicht etwa ein Wettrennen arrangierten, wie sie eS gar zu gern täten. ^ .

Die Schwestern betraten den Rennplatz von der Forschauschaussee aus und verfolgten einen der schön gehaltenen schmalen Wege, die sich zwischen üppigen, blumengezierten Rasenplätzen hindurchschlangeln. Als sie am Sattelplatz vorbeigingen, bestieg gerade ern hoher gertenschlanker Artillerist einen Schimmel und Magda blieb interessiert einen Augenblick stehen. Da traf sie der Blick des Reiters und über Magdas zartes Gesicht, das an das Fixieren durch Operngläser und Lorgnetten gewöhnt toar, breitete es sich wie ein rosiger Schierer. Und der junge Offizier sah auf die purpurnen Rosen, die Magda trug, und es schien der Schauspielerin, ÄÄ blitze es plötzlich in seinen Augen auf.