M. Jahrgang.
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L. Berlin, 10. Juli.
Die Erledigung der Breslauer Oberpräsidenten- Frage läßt einigermaßen auf sich warten. Das ist ein 'Beweis, wie schwierig sie liegft Es kann heute kaum noch in Wbrede gestellt werden, daß der am 1. Juli aus dem Dienst geschiedene Fürst Hermann zu Hatzfeld zurückgetreten ist, Werl er einsah, die hakatistische Bewegung werde ihm, wenn er Bleibe, mehr zu schaffen machen, als er auf sich zu nehmeir seiner ganzen Natur nach angetan ist. Der bisherige Oberpräsident ist im Grunde seines Herzens ein Altliberaler; alles Scharfmachertnm ist ihm zuwider. Umsomehr hält er von der denkbar intensivsten Erfüllung der Verpflichtungen des Staates in kultureller Beziehung. Er sieht es für wichtiger an, der großpolnischen Betvegung durch Vermehrung der Volksschulen zu begegnen, als ihr mit Mitteln entgegenzutreten, an die der Hakatismus vielleicht mehr, als gut ist, denkt. Fürst Hatzfeld befindet oder befand sich in dieser seiner Auffassung in Übereinstimmung mit dem Kardinal Kapp. Es wird sich zeigen müssen, ob mehr die eine oder mehr die andere Art der Bekämpfung großpolnischer Bestrebungen am Platze ist, speziell im Hinblick auf die Verhältnisse in Oberschlesien. Diese sind keineswegs ebenso gelagert, wie es in Posen und Westpreußm der Fall ist. Es kommt hinzu, daß das deutsche Element in Schlesien, auf das Rücksicht zu nehmen die Leiter der Maßnahmen zur Stärkung des Deutschtums in Schlesien nicht umhin können, zu einem nicht unerheblichen Deil sich aus katholischen Magnaten zusammensetzt. Diese gehörten bis zum.Kriege von 1866 vorwiegend dem Bestände der konservativen Partei an;
später gingen sie dann mehr und mehr zum Zentrum über. Ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung verbietet es ihnen, mit dem Hakatismus gemeinsame Sache zu machen. Sie sind aus das polnische Arbeiterelement in ihren Bergwerks- wie in ihren landwirtschaftlichen Betrieben angewiesen. So lange in Posen und in Westpreußm die Industrie noch nicht die Rolle spielt wie in Schlesien, kommt man dort möglicherweise leichter mit den Mitteln zu Rande, die jetzt im Vordergründe des Interesses und der Anwendung stehen. Kurzum, der zukünftige Oberpräsident von Schlesien hat es nicht leicht, wenn'er sich nicht darauf beschränken will, seine Befugnisse wesmtlich vor: der repräsentativen Seite auf- zufassm. Es gibt ja Oberpräsidenten, die das tun. Dann übernahmen die Regierungspräsidenten einm Teil der Funktionen des ersten Beamten ,der Provinz. Einen vorzüglichen Oberpräsidentm für die Provinz Schlesien, seine Heimatprovinz, würde Graf Zedlitz-Trützschler abgegeben haben, der einstmalige Kultusminister. Er war, ehe er das Oberpräsidium von Posen übernahm, von dem er auf den Kultusministerposten berufen wurde, Regierungspräsident in Schlesien. Er kennt die Bedürfnisse der Provinz aus dem Effeff und hat es in Posen auch verstanden, mit den Polen sich zu stellen. Da er einm außergewöhnlichen Entwicklungsgang hinter 'sich hat, insofern er weder die Prima eines humanistischen Gymnasiums absolvierte, geschweige die bekannte Kletterer vom Korpsstudenten zum Regierungsassessor rc. durchmachte, gilt er in den Augen der zünftigen Beamtmhierarchie nicht als ganz voll. Daß er mit seiner festen, jedoch überaus vornehmen Art, sich zu geben, mit den Polen in der Provinz Posen verhältnismäßig leicht fertig wurde, ist ihm von seinen Neidern und Gegnern als Beweis der Schwäche ausgelegt worden. Die Probe auf das Exempel ist nicht gemacht worden. Die Zeit war zu kurz, während deren Graf Zedlitz in Posen residierte. Er wurde dann nach Berlin berufen und ist später, nachdem er aus dem Zustand der Ungnade herausgetreten war. nach Kassel als Oberpräsident geschickt worden. Obgleich Ostelbier, erfreut er sich dort einer großen Beliebtheit. Er bekümmert sich um alles, was ihn in der ihm auvertrautm Provinz angeht, aber er tut es in gewinnender, nicht in schroffer Weise. Wir wissen nicht, ob ihm der Oberpräsidentenposten in Breslau angeboten worden ist, würden uns aber nicht wundern, wenn er gesagt oder gedacht haben sollte: lieber nicht. Er gehört vor allem auch nicht zu den Magnaten der Provinz, er ist vielmehr verhältnismäßig arm, und im allgemeinen geht die Neigung dahin, Magnaten bei der Auswahl für die Oberpräsidentcn.posten zu bevorzugen. Solche sind denn die beiden Persönlichkeiten, die neuerdings allein für die Nachfolger des Fürsten Hatzfeld in Betracht zu kommen
scheinen. Das ist einmal der Gras Tiele-Winkler und dann der Fürst Lichnowsky. Ob es wahr ist, daß der letztere gedankt haben soll, kann dahingestellt bletberu Gern würde er jedenfalls den angenehmen Posten, den er jetzt im Auswärtigen Amt inne hat, nicht vertauschen mit dem dornenreichen in Breslau. So wird also schließlich die Sache auf dem Grafen Tiele hängen bleiben. Und der entwickelt dann vorzugsweise die repräsentative Seite seiner Stellung. Natürlich ist es nicht ganz unriskant, sich auf solche Kombinationen festzusetzen, .©erat die maßgebende Stelle betrachtet es als ihr unveräußerliches Recht, sich die endgültige Entscheidung in derartigen Fragen bis zum letzten Augenblick vorzubehalten.
Deutsches Deich.
Was nun?
Unter dieser jetzt viel gebrauchten Überschrift macht N a u m a n n in der „Zeit" folgende feine Bemerkungen:
Was dem Sozialdemokraten zugemutet wird, ist Einschränkung seiner Illusionen zum Zweck der nützlichen Verwendung seiner wirklichen Kraft. Da er nun bisher gerade die Illusion für das Kräftigste hielt, was es geben kann, und da in der Tat die Illusion von gewaltiger psychologischer und agitatorischer Wirkung war, so opfert er sie nur mit dem peinlichen Gefühl des Mannes, dem man sein Herz zerbrochen will. Er ahnt, daß es nicht anders geht, aber warum das Notwendige beschleunigen, wenn es schmerzlich ist? Es gehört zu den Jronicen, an denen das Leben so reich ist, daß Erfüllung von Wünschen innerlich ärmer machen kann. Wie mag sich vor 30 Jahren der Gedanke in einem sozialdemokratischen Kopf dargesMt haben: 3 Millionen Wähler! Jetzt sind die drei Millionen da. Was nun? Jetzt ist es nötig, nüchterner zu werden, eben weil die Träume sich zu erfüllen beginnen. Die Frage lautet nicht mehr: Was würden wir tun, wenn wir die Macht hätten? sondern sie lautet: Was tun wir, wo wir einen Teil der Macht haben? Es ist leichter, sich auszudenken: Was würde ich anfangen, wenn ich eine Million Mark erben würde, als zu entscheiden: wie verwende ich 10 000 Mark, die ich habe? Die Zahl von 82 Abgeordneten ist zu groß, um mit ihnen nur zum Fenster hinaus zu reden, ist zu klein, um die Gesellschaft und den Staat tiefgreifend zu ändern. Diese Zahl darf nicht mit leeren Händen aus dem Reichstag nach Hanse kommen: das aber, was sie heimbringen wird, kann gar nicht anders als kärglich gegenüber den Wünschen der Agitation sein. Eine Zeitlang wird gesagt: Wartet nur, wartet, später wenn wir hundert Leute sind, wenn wir 120 oder 160 sind, dann wird cs mehr! Ja, dann wird es auch in der Tat mehr sein, aber längst nicht das Gewünschte, und dann werden die Volksvertreter sprechen wüsten: Es ist doch schon sehr viel, was wir erreicht haben, sehr viel! Und das soll ihnen dann von denen geglaubt werden, die jetzt eine Welt umschassen wollten. Diesen schweren Glauben vorzubereiten, ist von nun an das Werk der 82. Man merkt es jeder Zeile an, die jetzt von Sozialdemokraten geschrieben wird, daß einer auf den anderen wartet. Bernstein wagte das erste Wort: Wir wollen unseren Platz tm Reichstags- Präsidium einnehmen! Der „Vorwärts" winkt sofort ab: Das wird sich später finden! Soll ein Genosse den Kaiser offiziell besuchen dürfen? Es ist nichts als eine Formfrage, aber alle großen, Sechsragen verkleinern sich irgendwann und irgendwie zu Formfragen. Das revolutionäre Proletariat von einst überlegt in
Feuilleton.
Mein schwarzer Kater.
Von vr. phil. Cecil Brodmeier, Weimar.
„Aber, wie kann man sich so seinen Stimmungen hingeben, lieber Freund? Noch eben haben Sie getollt wie ein Tertianer, und jetzt — sitzen Sie schweigend und versinken in sich selbst. — Und das alles, weil meine .Katze heimlich ins Zimmer gekommen ist. Sie sind krankhaft nervös. Wie zuckten Sie zusammen, als meine schwarze Sanne sich schnurrend an Ihrem Stuhle riebl" — Ich lasse die lange Strafpredigt meiner mütterlichen Freundin geduldig über mich ergehen. — „Liebe, gnädige Frau, Ihre Saune hat eine schmerzliche Erinnerung meiner Kindheit aus dem trüben Meer des Vergessens auftanchen lassen. Sie wissen, daß ich zur Stärkung meiner Brust lange Jahre fern von meiner geliebten Mutter leben mußte. Und Kinder ohne Liebe, gnädige Frau, können wie Blumen ohne Sonnenschein nur kümmerlich gedeihen. Ich hatte die beste körperliche Abwartung — aber mein kleines, heißes Herz schrie nach Liebe.
Wir spielten in einer alten verfallenen Scheune Verstecken. Ich war über staubige Balken und morsche Bretter in einen vergessenen Verschlag geklettert. Mit klopfendem Herzen kauerte ich in einer Ecke. Draußen suchten meine Spielgefährten. Alle waren schon gefunden, nur ich saß noch verborgen. Ganz eben in dem rohen Gemäuer war ein Fenster eingelassen. Die Scheiben mit jahrealtem Schmutz und Spinnenweben verhangen. Ein Strahl der untergehenden Sonne brach mit goldigem Geflimmer durch das trübe Glas. Die Funken tanzten wie kleine Edelsteine in dem Staubschleier, den meine hastigen Tritte aufgewirbelt hatten. Das Rufen der anderen verhallte. Es war ihnen langweilig geworden, mich länger zu suchen. Ich wollte vorsichtig wieder über meine Barrikade steigen, als ein leises, klägliches Miauen mich zurückhielt. Fast dicht neben meinem Versteck lag in alten Fetzen und wenigen Strohhalmen eine kleine, schwarze Katze. Das rote Züngelchen hing halb verschmachtet aus dem Mäulchen. Die Alte hatte es wohl verschleppt und selbst nicht Wiedergefunden oder vergessen. Atemlos kniete ich in dem Staube und löste das Tierchen aus den Lappen, in die es sich ängstlich krallte.
Nur schwach klopfte das Herz in der kleinen Brust und die schimmernden Augen schauten mich hilflos, flehend an. Das war etwas für mich. Ein armes, verlassenes Tier, ohne — Mutter. Behutsam hob ich es hoch und drückte das warme Körperchen au meine Wange. „Miezele — mein Miezele!" — Und mit dieser ersten zärtlichen Berührung stand es in mir fest: „Wir beide, wir trennen uns nimmer."
Vorsichtig schob ich meinen gefundenen Schatz in die geöffnete Jacke und die Linke legte ich schützend darüber. Stolpernd und strauchelnd — ich konnte nur die Rechte noch zum Klettern gebrauchen — überwand ich die aufgestapelten Hindernisse. Glücklich, wenn auch staubbedeckt, kam ich draußen an. Meine Freunde waren in der Ferne verschwunden. Und nun nach Hause. Das Dienstmädchen war allein. Sie gab mir gutmütig ein paar Tropfen Milch. Glückselig kniete ich neben meinem Kätzchen und ließ es trinken. Erst wollte es nicht so recht. Ich steckte den Finger in das weiße Naß und schob ihn zwischen die kleinen Zähne; es leckte dann. So brachte ich es allmählich dazu, das Züngelchen in die Untertaste zu tauchen, und schließlich machte es ein paar schwache Versuche, die Milch aufzusaugen. Vergebens; ich war verzweifelt. Da kam das Mädchen auf einen guten Gedanken. Es holte eine kleine Saugflasche, die der Puppe des Haustöchterchens gehörte. Wir füllten sie mit Milch — und mein Mohrchen — so hatte ich meinen Freund schon in Gedanken getauft — zog an dem kleinen Sauger, in Erinnerung an die Mutterbrust.
Ich durfte das Kätzchen behalten. Mühsam brachte ich es durch die nächsten Tage. Sobald die Schule aus war, stürmte ich heim, mein Mohrchen zu füttern. Es trank nur, wenn ich es in die Hand nahm und ihm die Flasche hielt. So blieb es; mein Mohrchen wurde ein großer, schwarzglänzeuder Kater, der nur auf meinen Ruf hörte, der nur aus meiner Hand fraß. Gerade das fesselte mich mit doppelter Liebe an das Tier. Was das Herz erfaßt, will cs mit niemand teilen. Für die anderen Hausbewohner wurde mein Mohr mit der Zeit ein Gegenstand der Furcht und des Hasses. Unser Haus lag in einem Garten, den eine dichte, hohe Schleehecke umgab. In dem grünen Gestrüpp hielt sich der Kater mit Vorliebe auf. Und oft, wenn jemand durch das Tor ging oder unversehens die Hecke streifte, fuhr er ihm fauchend und beißend durch die Beine, oder er sprang dem
Ahnungslosen von seiner hohen Warte auf den Kopf. Natürlich ging eine solche Begegnung nie ohne einige böse Kratzwunden ab. Die Kinder liefen, wenn sie ihn nur von fern mit grünlichen Lichtern funkeln sahen. Die Hausfrau war erbost auf ihn; er liebte nicht die Reinlichkeit, und oft zeigte das Treppenhaus feine Spuren. Mit Besen und Stöcken ging dann die wilde Jagd der Frauen hinter dem Sünder her, dem man erbarmungslos die Hausgesetze einbläute.
Selbstverständlich stärkte das nicht seine Anhänglichkeit und Liebe. Ich war der einzige, an dem er mit der ganzen Inbrunst feines Katerherzens hing; ich warf all mein unbefriedigtes Liebesbedürfnis auf meinen Mohr. Er brachte mich morgens wie ein Hund in die nahe Schule. Regelmäßig mit dem Glockenschlage war er von den weitesten Wanderungen zurück, um mich mittags zu erwarten. Lauernd saß er aus der Hecke, und sobald er mich erblickte, stürzte er auf mich zu und verlangte stürmisch die gewohnten Liebkosungen. Ehe ich selbst einen Bissen aß, erbettelte ich mir für ihn in der Küche das Futter. Nachts schlief er in meiner Kammer, den Sommer über in einem Korb neben meinem Bette. Als aber der Herbst mit Sturm und Regen kam, und unser ungeheiztes Schlafgemach kälter und kälter wurde, da kroch er eines Abends, als verstünde sich das von selbst, in mein Bett. Ich war selig über meinen warmen Schlafkameraden. Er machte sich ganz lang und schmiegte sich eng an mich. Der Kopf lag in meinem gebogenen Arm und das Schnäuzchen wühlte sich in meine Schulterhöhle. Natürlich durste niemand im Hause wissen, daß der Kater mein Bett teilte, und gerade das Verbotene gab dem Geheimnis seinen Reiz. — Ich war in der Zeit ein besonders unliebenswürdiges Kind. Nervös und empfindsam, hatte ich täglich einen Strauß mit der Hausfrau, die mich erziehen wollte und die in ihrer gesunden kraftvollen Natur den kränkelnden, scheuen Knaben nicht verstand. Wenn ich dann, aufgelöst vor Schmerz und Zorn, mich noch einsamer, unverstandener wie gewöhnlich fühlte, pfiff ich nach meinem Mohrchen. Wir hockten zusammen in irgend einer verborgenen Ecke. Ich hielt ihn eng an mich gepreßt und er schnurrte, als wollte er mich trösten. Sein schwarzes Fell saugte schließlich die letzten Tränen auf. — Die furchtbarste Drohung war nach jedem Sturm und bei jedem neuen Verbreche» Mohrchens: Der Kater muß aus dem
