Us. 319* Morgen-Ausgabe.
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Dom Größten lernt der Mensch Zuletzt dock das allein:
Dah er nichts lernen kann Als ganz er selber sein.
Julius Bab.
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(21. Fortsetzung.)
KenlnauL Lämmchens Abenteuer.
Eine heitere Geschichte von G. v. Stokmans-Germanis.
„Aber meine verehrte gnädige Frau", sagte er mit listigem Blick und heuchlerischen: Erstaunen, „ich selbst habe doch dergleichen niemals behauptet. Wenn Ihre Schwiegermutter Jrrtümer verbreitet und Lämmchen in seiner hilflosen Verlegenheit sie darin bestärkt, so ist das doch nicht meine Schuld. Ich wurde in dieser Angelegenheit nie befragt, brauchte also auch nicht zu antworten, und fand es außerordentlich bequem, für einen glücklichen Bräutigam zu gelten."
Sie schwieg einen Augenblick, dann sagte sie lebhaft: „Die Sache stimmt nicht. Sie schrieben ja einige Male an Fräulein von Rothenall."
„£>", meinte er ganz vergnügt, „das wisse:: Sie also auch? Untersuchen Sie die Posttasche so genau?"
Sie schüttelte den Kopf. „Ich nicht — aber Mama."
Er lachte. „Sie hat natürlich die Pflicht, über dem Wohl ihrer Hausgenossen zu wachen, auch in dieser Hinsicht I Istrn, offen gestanden, ich wußte das, und um ihre Erwartungen nicht zu täuschen, opferte ich jeden zweiten Pag eine Zwanzigpfennigmarke."
„Sie schrieben doch aber auch?"
„Nur die Adresse."
„Und der Inhalt der Briefe?"
„Bestand in zwei köstlichen Bogen Weißen Papiers, deren keusche Reinheit durch keinen Federstrich entweiht worden war. Was meine künftige Cousine von dieser einseitigen und eigenartigen Korrespondenz denkt, weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich sie darauf vorbereitet, und sie legte keü: Veto ein."
„Sie wollen dieselbe jetzt noch fortsetzen?"
„Unter allen Umständen, meine Gnädigste."
Lies wandte sich ihm mit ehrlicher Entrüstung zu. „Nein, Herr von Wacht", sagte sie, „das sollen Sie nicht, das dürfen Sie nicht; noch heute kläre ich Mama über ihren Irrtum auf."
„Und bereiten dadurch unserer Freundschaft unserem gemütlichen Verkehr ein jähes Ende", ergänzte der Rittmeister plötzlich sehr ernst. „Nein, gnädige Frau, daraus wird nichts. Ihnen gegenüber wollte ich nicht länger heucheln, da wir über die Anfangsgründe einer näheren Pekarmtschast ja nun glücklich hinaus sind und Sie sich, trotz Ihrer mimosenhaften Zurückhaltung, ein bischen an mich gewöhnt haben, Frau von Twielendorf aber wird nicht aufgeklärt. — Schweigen ist Notwehr, Selb't- erhaltung. Oder glauben Sie, die energische Dame, die soeben Panthenau lächelnd von Ihrer Seite riß, würde uns stundenlang miteinander plaudern lassen, wenn sie fvüßte, daß ich noch frei bin, würde meine freundschaftliche Fürsorge für Sie dulden, meine Wünsche unterstützen und
Sonntag, den 12. Juli.
ihre Pläne mit dem eigenen Sohne vergessen? Neu: nein und abermals neinl Sie wurde :hre Takt:: sofort ändern, mich nur neben Fräulein Manma oder chren Töchtern dulden, und Mittel und Wege finden, uns imm?r zu trennen. Wenn Sie das wollen, wenn ^hnen da^ Zusammensein mit mir, als einem Unverlobten, lästig oder gar langweilig ist —“
Lies sah ihn ganz erschreckt an und legte unwillkur- lich ihre Hand auf seinen Arm, als furchte ste, :hn zu verlieren.
„Nein, nein", sagte sie, „das will ich nicht, um keinen Preis. Sie haben Recht. Die Domma darf n:chts ec- fahren, bis —"
„Nun, bis? —"
„Sie abgereist sind oder die Wahrheit nicht mehr zu verbergen ist."
Der Rittmeister gewann mit einem Schlage seine gute Laune wieder, und strahlender Übermut bl:tzte aus sernen Augen als er, scheinbar ganz ernsthast, sagte:
„Es ist doch übrigens merkwürdig, welche Macht dm Suggestion auf einen sonst ganz vernünftigen, selbU' ständ:g denkenden Menschen hat. Bis vor kurzem lagen mir alle Heiratsgedanken fern, und ich machte m:ch daraus gefaßt, unbeweibt, in einsamer Große, durchs Leben zu gehen; nun mit einem Male erscheint ,mrr diese Anvstcku gar nicht mehr verlockend, hingegen eme he:ml:che Verlobung nicht ohne Reiz. Meine Braut braucht w nutzt gerade ein Fräulein von Rothenall zu se:n! Was sagen Sie dazu, meine Gnädigste?"
Frau Magdalis sagte gar nichts Sie stnch m:t krampfhaftem Eifer ihre Handschuhe glatt, machte sich ttn. der Wagendecke zu schaffen, und wagte nicht mehr, den Rittmeister anzusehen. Dann heuchelte sie ein großes Interesse an den Schönheiten der Landschaft, iprach mn dem Kutscher über den schlechten Weg und dankte Gott, als man endlich am Ziele angelangt war. Spater stieg sie mit Panthenau, der seine Rechte an sie geltend machte, zur Ruine hinan, aber der schöneNarcrß hatte heme keinen glücklichen Tag. Er konnte noch so , liebenswürdig und unterhaltend sein — Frau Magdairs reagierte nrchr darauf. Sie war merkwürdig abgespannt und zerstreu,, gab verkehrte Antworten und horchte mit halbem Ohr auf die Unterhaltung des nachfolgenden Paares. Es war dies Margot mit Herrn von Spaldmg, der em begeistertes Loblied auf seinen Rittmeister sang und ihm eine glanzende Laufbahn prophezeite.
Lämmchen ging auf dem Wege zwischen Malve und Marie-Luise. Er war mit ihnen und zwe: lungeren
Kameraden im offenen Wagen gefahren und hatte v:el aushalten müssen, während der Fahrt. Dre beiden lungen Mädchen waren unerschöpflich gewesen m Neckereien und kleinen Bosheiten und erst vernünftig geworden, als einer der Herren, der eine schöne Stimme hatte, vorschlug, ge- meinsam ein fröhliches Lied zu singen. Mt Begeisterung aingen sie auf die Idee ein, und Missy und Manma, die im nächsten Wagen saßen, folgten mit ihren Kavalieren dem edlen Beispiel. Jetzt bei dem etwas beschwerliam Ausstiege war der Gesang verstummt, und oben be: der Ruine traf man mit den anderen Gästen zusammen.
Nun gab es eii: allgemeines Durcheinander. Die Gesellschaft wurde immer lustiger, und selbst Lämmchen
fühlte sich mit fortgerissen in dem allgemeinen hübest Er ließ sich den fremden. Damen nicht nur borstellen, er unterhielt sich auch mit ihnen, :md em lunges Mädchen aus der Nachbarschaft verstand es besonders gut, ihn reden zu machen . Er verspürte ihr gegenüber nicht die geringste Befangenheit, und als am Abend :n dem Wirtshaus die Domina mit großer Verve emen schneidige» Walzer spielte, stand er nicht wie sonst m den Ecken herum, sondern tanzte genau so viel und besser wie die meisten anderen.
Seine Erlebnisse und Sorgen vergaß er über dem Vergnügen des Augenblicks, aber plötzlich durch einen g - ringfügigen Zufall, wurde er wieder daran erinnert, u::q von dem Augenblick sah er erlist und nachdenklich aus.
Marie-Luise tanzte einen flotten Galopp mit ihm ui:d mit Windeseile chassierte er mit ihr durch den Saal, aber der Boden war kein glattes Parkett, sondern em etwas holprige Dielenlage, und mit einem Male glitt. sts ihm aus dem Arm und fiel hin. Hastig bückte er sich, um ihr beizusiehen und zog sie, ehe der Zwischenfall - merkt wurde, wieder empor, aber es war natürlich, daß er dabei flüchtig ihr Haar und ihr Gesicht fünfteimb jte Sekunden lang etwas fester an sich druckte. Das genügte, um eine bestimmte Erinnerung in ihm wachznrufen. - hatte genau dieselbe schmeichelnde Empfindung, die er schon einmal gehabt, als eine duftige Haarwelle ihn ge- streift, ein weicher Arm ihn berührt hatte, und als nun Marie-Luise erschrocken flüsterte: „O Gott, wie war das möglich", stand mit einem Schlage der Abend se:mr Sn fünft und die Begrüßung im Laubengang vor seinem inneren Auge. Für ihn gab es nun kernen Zweifel mehr, Marie-Luise, das reizende Mädchen mit dem Madonnen- aesicht, war die Unbekannte gewesen, die einen anderen erwartet und ihn getroffen hatte; um aber ganz sicher zu gehen, zog er das damals gefundene feine Battsttuch, das er glatt zusammengefaltet in seiner Bneftasche^ trug, und fast vergessen hatte, heimlich hervor, schüttelte es. au..^ drückte es wieder ein wenig zusammen, als sei es kurztick) benutzt worden, und überreichte es ihr :n einer Pause.
„Mein gnädiges Fräulein", sagte er mit einer Ut£ befangenheit, welche ihn selbst erstaunte, „ist dieses Tuch vielleicht Ihr Eigentum?" . ^ . ,,
Sie sah nach dem Monogramm und bewbte. .
„Wo haben Sie es denn gefunden?", fügte sie hinW.
,^Jm Freien."
„Vorhin?"
„„Nein, schon eher." ^ ,
„Komisch", sagte sie, „ich wußte gar nicht, daß ich heute zwei Taschentücher mttgenommen hatte. Sehen Sie. eins habe ich noch bei mir; ich benutzte es gerade als Fächer, um mir Kühlung zuzuwehen."
Auf dem Heimweg hatte Lämmchen Zeit, seinen Me- danken nachzuhängen, denn die Domina packte die Zungen Mädchen und Magdalis sämmtlich in die ersten Wagen hinein, diesmal ohne jede Herrenbegleitung und die Offiziere verteilten sich in die übrigen Vehikel.
Es war dunkel, man hatte der Pfirsichbowle reichlich zugesprochen, und wer nicht rauchte, schlief. Auch ^-amrm chen hatte sich eine Cigarre angesteckt und saß, behagilch zurückgelehnt, im Wage::.
(Fortsetzung folgt.)
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