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«gab? wie für die Anze7gcMfnahme anbesümmt vorgeschriebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, i-doch nach Möglichkeit Äorge getragen.

Dia. 318. Lerlags-Fernsprecher No. 2SSS.

Abend-Ausgabe.

Politische Übersicht.

Die vergangene Woche stand fast ausschließlich unter dem Eindruck der Nachrichten über die schwere Erkrankung des P a p st e s , die bei dem ungewöhnlich hohen Alter des dreiundneunzigjährigen Patienten von vornherein die schlimmsten Befürchtungen Hervorrufen mutzte, Je nach den günstigeren oder ungünstigeren Nachrichten vom Krankenlager des greisen Oberhauptes der katholischen Mrche wechselte in vielfach jäher Weise die optimistische und die pessimistische Stimmung. Getreu der einst in Frankreich üblich gewesenen Parole „der König ist tot, es lebe der König!" begannen, währeird Leos XIII. er- staunenswert zähe Konstitution mit dem Tode rang, bereits die Debatten und der Kampf der Jntriguen um den „kommenden Mann", was einen seltsamen Kontrast Idarstellte zu dem ergreifenden Bilde, welches das männ­liche Dulden und die geistesstarke Haltung Leos XIII.

boten. . .

Me in Rom um den kommenden Mann, so wurde in den letzten Tagen in Deutschland um die kommenden Männer im Prä si d ium d es neuen Rei chs - tags gestritten. Dieser Streit, der von den Genossen der zahmeren Richtung ä la Bernstein aufs Tapet ge­bracht worden war, hat freilich- außerhalb der Sozial­demokratie keine sonderliche Erregung hervorgerufen, da man von vornherein nicht geglaubt hat, datz es im Reichs­tage zu ernsteren Kämpfen um die Besetzung des Prä­sidiums kommen würde. Die sozialdemokratische Reichs­tagsfraktion hat schon im Jahre 1898. grundsätzlrch Anspruch auf einen Posten im Präsidium erhoben, aber zugleich erklärt, datz sie die hiermit verbundenen reprä- sentativen Verpflichtungen nicht übernehmen wolle. Die Haltung der sozialdemokratischen Parteipresse lätzt keinen Zweifel darüber, datz die Partei diesmal denselben Stand­punkt vertreten wird, und so ertoeift sich schon aus diesem Grunde der von einigen Seiten mit solchem Feuereifer geschürte Streit als ein „Streit um des Kaisers Bart."

Sehr ernste Diskussionen hat in den weitesten Kreisen das Urteil des Oberkriegsgerichts im Falle Hüsse- ner hervorgerufen. In der ersten Instanz war der Fähnrich Hüssener zu einer vierjährigen Gefängnis­strafe verurteilt worden, und dieses Urteil hatte der Ver­treter der Anklage im Einklang mit der öffentlichen Meinung als so milde angesehen, datz er dagegen Be­rufung -einlegte. Das Oberkriegsgericht ist aber zu einer so milden Auffassung des von Hüssener begangenen

Samstag» den 11. Juli.

RebaktionS-Fernfprechcr No. 82.

1903.

Verbrechens gelangt, daß es diesen wegen vorsätzliclMr Mißhandlung mit tödlichem Ausgange zu einer Festungs- hast von 2 Jahren und 7 Tagen verurteilte. In dieser Auffassung der Straftat tritt ein so schroffer Kontrast zwischen dem bürgerlichen Enrpfinden und der militär- gerichtlichen Anschauung zu Tage, daß garnicht dringend genug eüi Appell an die letzte Instanz, an das Reichs- militärgericht, gewünscht werden kann.

Von einem „Appell an die letzte Instanz", an das „Militärgericht" im anderen, im kriegerischen Sinne, des Wortes, hat man in der letzten Woche von Bulgarien aus viel gehört, aber hinter deni Kriegslärm der bulga­rischen Maulhelden hat nicht viel gesteckt. Jeder ver­nünftige Bulgare — und es gibt auch solche! — weiß, daß Bulgarien bei einem Konflikt mit der T ü r k e i den kürzeren ziehen würde. Der Kern des ganzen Kriegs­lärms bestand wohl auch nur darin, daß sowohl Fürst Ferdinand wie das Kabinett Petrow sich auf diese Weise mit Eleganz und ohne Apparat über die inneren Schwie­rigkeiten hinweghelfen möchten. Nachdem jedoch Ruß­land und Österreich-Ungarn einige kalte Wasserstrahlen in Gestalt von diplomatischen Noten nach Sofia gerichtet haben, ist dort in den erhitzten Köpfen eine erfreuliche und gesundheitszuträgliche Abkühlung eingetreten.

Aber auch sonst sieht es da unteir in der südöstlichen Wetterecke Europas noch ziemlich verdächtig aus. In der Türkei harrt die macedonische Frage noch immer recht „ungelöst". In S e r b i e n geht die Konsolidierung der Verhältnisse sehr langsam vor sich, und die dort herrschende Ruhe macht einen sehr äußerlichen Eindruck. In G r i e ch e ii l a n d endlich scheint es fast, als ob jede Woche ihre Ministerkrisis mit sich bringt, denn an kn Sturz des Kabinetts Delyannis, das in der vorletzteii Woche fiel, hat sich in der letzten Woche bereits der Sturz des neugebackenen Kabinetts Theotokis gereiht. Kaum ge- grüßt —- gemieden!

Auch in Österreich und in Ungarn sieht es nicht gerade so aus, als ob die politische Situation von Bestand wäre. Die erneute Krisis des Kabinetts Körber ist zwar abermals beigelegt worden, aber nur durch er- neutes Zurückweichen gegenüber der ungarischen Reichs­hälfte Und in Ungarn wiederum sieht sich das neu ge­backene Kabinett Khuen-Hedervary solchen Schwierigkeiten gegenüber, daß es unklar bleibt, wer bei dem Rekord der Kabinettskrisen in den beiden Reichshälften die meisten Points erlangen wird.

Trotzdem wird offiziell die Ewigkeit zwischen den beiden Kabinetten ebenso feierlich betont, wie soeben bei der An­wesenheit Loubets in London in den offiziellen Toasten die Einigkeit zwischen Frankreich und England.

Das Papier uiid die Toaste sind geduldig. In Wahrheit sind Frankreich und England bisher nur einig gewesen in der gegenseitigen Parole: „Ich kann den Kerl nicht leiden!"

Der Zustand des Papstes.

M. Rom, 10. Juli. Trotz der zeitweisen Besserung im Befinden des Papstes werden bereits in vatikanischen Kreisen die Beisetzungsfeierlichkeiten besprochen. Die­selben sollen 9 Tage in Anspruch nehmen und werden drei Tage nach dem Tode beginnen. Die Leiche soll,im Petersdome aufgebahrt werden. — Wie gemeldet wird, äußerte der Papst dem Kardinal Mathieu gegenüber: „Großes Frankreich, du, hast mir viel Mühe gemacht, aber auch große Freude bereitet.

hd. Berlin, 10. Juli. Dem „B. T." wird aus Rom telegraphiert: Die zweite Operation hat sich etwas ver­zögert, da der Papst schlief. Als er erwachte, erschienen die Ärzte im Zimmer, hoben ihn vom Lehnstuhl aufs Bett, und während Rossoni das, Herz überwachte, nahm Mazzoni die Operation vor. Die abgezogene Flüssigkeit wurde von Rossoni mitgenommen, um sie zu untersuchen. Die Cyanosis der Hände ist verschwunden. Monsignore della Chiesa, der Substitut Rampollas, sagte heute, der Papst habe nunmehr alle Kräfte verloren. Wie er so da- liege auf dem Schmerzenslager, sehe er aus, als fehle ihm nichts, aber er könne keine Hand bewegen, kein Wort mehr sprechen und dabei ist er fortwährend bei hellem Bewußtsein, versteht alles, sieht alles und seine Augen haben ihren wundervollen Glanz bewahrt. Aus aller Welt regnet es förmlich Teilnahms-Beweise für den Papst. Alle, auch die nicht-christlicher' Souveräne, wie der Sultan, erkundigerr sich täglich, und die Telegramme der Privaten, die in Körben nach der Staats-Kanzlei geschafft werden, sind einfach nicht zu zählen. Auch die Kundgebungen in Italien nehmen zu. So hat der liberale Provinzialrat von Neapel einnrütig und feierlich eine Sympathie-Kund­gebung für Leo votiert. In Ronr sind bereits viele Taulende von Fremden, darunter viele Deutsche, einge­troffen. Von gemäßigter Seite des heiligen Kollegiums wird mitgeteilt, daß seit etwa drei Tagen die Kandidatur Gotti erheblich an Aussicht gewinnt. Für Gotti soll der französische Einfluß tätig sein, ja auch Rampolla selbst soll für ihn wirken. Die gemäßigten italienischen Kardi- näle werden sich indessen der Kandidatur Gotti wie der Rampollas entschieden widersetzen. Die ganze Nacht hin- durch war der Petersplatz belebt und alle Augenblicke durchliefen Alarm-Gerüchte die Menge. Kurz vor 6 Uhr öffnete der päpstliche Kammerdiener im Schlafzimmer des

Arbeit.

Roman von Maria Schade.

(4. Fortsetzung.)

III.

Die Leiter stand jetzt ganz fest. Zur Sicherheit war sogar noch ein Stein davor gelegt.

Auf dieser Leiter huschte Frau Jsi Ruprecht herauf und herunter wie -ein Eichkätzchen. Fast täglich besuchte sie die Bildhauerwerkstätte. Wenn einmal drei Tage ver­gangen waren, ohne daß sie in dem grauen einstöckigen Hause gewesen war, so fehlte ihr etwas.

Hans Meerbach war ihr Freund geworden: Fvan

Ruprecht gehörte zu den wenigen Damen der Gesellschaft, denen man auch nicht das geringste nachsagen konnte. Selbst die eleganten Don Juans, die die Salons unsicher machen und den Ruf einer schönen Frau so gerne unter- graben, konnten sich- für all die süßen Worte und heißen Blicke, die sie an die reizende Jsi verschwendeten, keines anderen Erfolges rühmen, als daß sie die kleine w-erße Hand küssen durften. ,

Tatsächlich war. es das erstemal, daß sie ein Geh-erm- nis vor ihrem Manne hatte, denn der wußte nichts von ihren Besuchen in der Bildhauerwerkstätte. Und dieses Geheimnis machte sie unendlich- glücklich. Ordentlich wichtig kam sie sich jetzt vor. Zum ersten Male in ihrem Leben hatte sie für -etwas zu sorgen. Tenn sie mußte doch immer daran denken, sich nicht zu verraten. Bevor sie über die Mauer stieg, spähte sie vorsichtig nach allen Seiten, ob man sie auch nicht sehe. Über den Hof pflegte sie meistenteils zu laufen. Wie eine Eidechse huschte sie in das Atelier. Da stand sie hinter dem großen Manne, ohne datz er es recht wußte. Sie legte die kleinen weißen Hände auf seine Schultern. Sie reckte sich in die Höhe. Sie flüsterte: „Guten Tag, Meister!" Der wendete sich am. „Wahrhaftig, Frau Nachbarin . . .!" rief er. Aber schon war sie aus seiner Nähe, blitzschnell. Auf dem Marmorblocks faß sie. Sie pflegte immer dieselbe Stellung einzunehmen: die Hände müßig im Schoße gefaltet, den Kopf ein wenig auf die Seite gelegt. Tenn sie wußte, daß ihr gerade diese Haltung gut stand.

So saß sie da, während der Künstler ruhig in seiner Arbeit sortfuhr. Sie fühlte sich ganz sicher in seiner Nähe.

Und doch war ringsum der Ton keines menschlichen

Wesens zu hören. Die Schüler waren alle fort. Es war Mittag. Sie kam immer zu dieser Stunde.

Meerbach war so ganz anders als die anderen Männer, die ihr bis jetzt begegnet. Stoch nie hatte er zu ihr vonLiebe - gesprochen. Nicht einmal eine Schmeichelei hatte sie hon ihm gehört. Und doch fühlte sie, daß seine Blicke zuweilen bewundernd auf ihr lagen. Tann überkam es sie wie ein mächtiger Stolz. ... ^

Sie plauderte mit ihm wie mit einem alten Freunde. Sie erzählte ihm alles. Er kannte bereits ihr ganzes Leben. Selbst an ihren Toilettensorgen mußte er teil- nehmen. Er erfuhr, wenn sie einen neuen Hut gekauft. Sie wollte seinen Geschmack wissen, wenn der Schneider ihr Kleiderproben gesandt hatte. f

„Nehmen Sie doch Grün", riet er. „Das ist eine schöne Farbe. Darin liegt etwas Hoffnungsvolles, etwas Zukünftiges. Wenn man ein grünes Kleid ansteht, geht's einem so wie beim Betrachten eines Blattes man denkt immer an die Blüten." Und doch wählte sie nie ein grünes Kleid. Seltsam! — Es war, als ob eine innere Stinrme sie davor warne.

So sprachen sie über alles. Und doch gab es ein Thema, das sie nie berührten: ihre Ehe. Nach ihrem Manne fragte er nicht. Ihre Familienverhältnisse schienen ihn nicht zu interessieren.

Nur einmal — er stand gerade ganz hoch auf der Leiter, und es sah aus, als wäre er so groß wie das steinerne Weib -— fragte er: „Haben Sie Kinder?"

„Nein!" rief Jsi rasch, freudig.

Sie hatten sich immer gewünscht kinderlos zu bleiben. Und sie war innerlich sehr glücklich, daß ihr Wunsch in Erfüllung gegangen.

' Ter Bildhauer wandte sich urn. Ganz erstaunt sagte er: „Tut Ihnen denn das gar nicht leid?"

Sie schüttelte den Kopf.

„Wenn ich eine Frau wäre", fuhr er fort und arbeitete ruhig weiter, „wäre es mein Stolz Kinder zu besitzen. Ich weiß, wie schön es ist zu schaffen. Und dabei schaffe ich doch nur etwas Totes. Und nun gar das Lebendige ..."

Jsi gingen diese Worte nicht aus dem Kopf. Sie mußte immerfort daran denken. Als sie wieder in ihrem vornehmen Garten saß, wiederholte sie halblaut: „Das

Lebendige", lind dann wurde sie ganz still und legte die Hände ineinander wie zu einem Gebet.

Er hatte recht: es mußte schön sein, etwas zu

schaffen. — Das Mutterwerden erschien ihr nicht mehr so schreckhaft wie früher. — — Ein Kind haben von einem Mann, den man liebt . . . Aber nur dann . . .

„Jsi!-Schatz! Du bist ja so in Gedanken!"

Sie fuhr empor. L-ie wurde totenbleich. Sie zitterte am ganzen Körper. Vor ihr stand ihr Mann.

Wenn es Hans Meerbach gewesen wäre, sie hätte sich nicht so erschreckt. Aber er . . .! Was wollte er denn? Warum störte er sie --- gerade jetzt?"

„Was schleichst du denn so herum?" fragte sie mit noch bebender Stimme.

„Ich schleiche doch nicht herum. Ter Kies hat ja ganz ordentlich geknirscht. Hast du das gar nicht gehört? — — Ich bin so fest aufgetreten, wie es meine neuen Schuhs

erlauben.-Ta! — — Sieh!-Gefallen sie

dir?"

Mit einer affektierten Bewegung streckte er ihr den rechten Fuß entgegen.

Sie sah. einen eleganten grauen Stiefel mit schwarzem Lackbesatz. Sie zuckte die Achseln. Sie wandte sich ab.

„Na, du liebst doch sonst graue Schuhe — was?"

Sie antwortete nicht.

Wohlgefällig sah er, wie die Sonne sich in dem Lack spiegelte. „Prima Arbeit!" murmelte er.

Er setzte sich an den Tisch, Ist gegenüber.

„Wo warst du denn?" fragte sie, ohne ihn anzusehen.:

Sie tat diese Frage in dem Tone eines Untersuchungs- richters.

„Wo ich gewesen bin?" Er nahm den Hut vom Kopfe und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Was ich heute schon alles getair habe! Es ist einfach nicht zu glauben. Eine runde Stunde brauchte ich, um es zu er­zählen."

„Und was hast du denn alles getan?"

Der elegante Gatte wurde etwas unruhig. Das Futter seines Hutes schien ihn lebhaft zu interessieren. „Teufel!" murmelte er. „Auch wieder schmutzig. Muß repariert we-rden. — Also du fragst nach meinen Erfolgen. — Ich kann dir sagen, man muß zuweilen operieren ohne diese, -- Man arbeitet gewissermaßen für die Zukunft."

„Und worin besteht diese Zukunftsarbeit?."