Wiesbadener äapatt.
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316. «erlagS-Fernfprecher Ro. 2*H.
Freitag, den 16. Juli.
«ebaktionS-Fernfprecher No. SS.
1803.
Abend-Ausgabe.
Der Ausland des Papstes.
Die Papstwahl.
Obwohl es offiziell und ausdrücklich verboten ist, daß unter den Kardinalen vor dem Tode des Papstes Erörterungen über die Neuwahl desselben gepflogen werden, so lassen alle Meldungen aus Rom erlennen, daß seit dem Samstag, wo die Erkrankung des Papstes als lebens- aefahrlich erkannt wurde, bereits unter den Kardinälen her Kampf und die Jntriguen um den Nachfolger ^eos XIII. mit regstem Eifer begonnen haben. Bei dm Erörterungen über die verschiedenen Richtungen, welche sich hierbei geltend machen, wird mit Vorliebe von der gemäßigten und der extremen Richtung unter den Kardi- nälen gesprochen. Diese Kennzeichnung kann leicht zu irrtümlichen Auffassltngen führen. Sie bezieht sich nämlich nicht auf dogmatische und theologische Fragen, denn in Bezug hierauf sind die Anhänger einer moderneren Wchtung, Äe für die Reform der katholischen Kirche ein- tritt, unter den Kardinälen in so verschwindender Minderheit vertreten, daß ihr Einfluß für die Papstwahl nicht rn Betracht kommt.
Wenn man mithin von der gemäßigten und der radikalen Richtung unter den Kardinälen spricht, so darf man dies nur in politischer Beziehung und zwar insbesondere in Bezug auf das Verhältnis zu Italien ausfassen. Die -ine Richtung, deren Hauptvertreter vor allem der brs- herige Kardinalstaatssekretär Rampolla und des weiteren auch Dipietro sind, vertreten den Standpunkt, daß der Vatikan auch in Zukunft in der Opposition gegen Italien bexfyaxven müsse und sich nicht mit der Anncktron des Kirchenstaates abftnden dürfe. Es liegt m der Natur der Sache, daß diese Richtung nicht nur Italien feindlich, sondern, wenn auch in diplomaftsch gedämpftemMahe, zu- -leich dreibundseindlich ist. Die andereRichtung, welche ihre Hauptvertreter in Götti und Vanutelli hat, steht uns dem Standpunkt, daß es für das Papsttum nur forderlich fein könne, wenn es bei geeigneter Gelegenheit und unter möglichst günsttgen Bedingungen seinen Frieden mit Italien zu machen suche. Diese Richtung gllt zugleich als die dreibundfreundliche.
Wenn auch die zweite Richtung allgemein als stärker vertretm unter dm Kardinälm gilt, so besteht doch selbst» verständlich über dm Ausgang einer Papstwahl von vorn- herein keinerlei Gewißheit, da hier sehr viele persönliche Gründe, Sympathieen und Antipathieen, Opportunttats- und Machtftagen mitsprechm. So herrscht bei Melm Kardinälm eine Abneigung dagegen, eine allzu hervorragende Persönlichkeit zum Papst zu. wählen weil man von diesem ein sehr straffes Regiment befurchten wurde. Dieselbe Abneigung herrscht vielfach gegm eilten allzu
Arbeit.
Roman von Maria Schabe.
(3. Fortsetzung.)
Es hatte etwas Erschreckendes, dem Steinkolotz so nahe zu stehen. Man glaubte sich erdrückt von dieser er-
sagte er, „der Schweiß dieses Weibes ist etwas Heiliges. Das ist nicht der Schweiß, der sich m einem Ballsaal oder an einer zu reich besetzten Tchel aus den unnütz erhitzten Poren quält. Das ist der Schweiß der Arbeit. Und jeder Tropfen davon bringt eine Frucht. Diese Frucht gmießm wir: Sie, ich, alle. Denn der wahre Arbeiter arbeitet nicht für sich. Er «Wettet für die ganze Welt, für jeden Menschen darin Darum ist auch sein Schweiß etwas Helliges. Und vor dem Heiligm mutz man sich nicht ekeln, wenn man auch seine Schönheit nicht versteht."
Er ließ dm Arm los, den er bis jetzt umklammert. Er trat ein paar Schrille zurück.
Ist blieb stehm. Sie wagte sich nicht zu rühren. Nicht emml aufzublicken getraute sie sich. Wie gebannt starrte sie auf die mächtigm Zehen des steinernen Weibes.
Nach einer Welle begann der Künstler wieder:
Auch auf meiner Sllm hat dieser Schweiß gestanden. Ohne ihn vollbringen wir nichts. Was denken Sie wohl, wiMiel solcher Tropfen über unsere Sttrn rinnen müssen,
«he ein Werk so vor uns steht! --Zuerst ist es bloß
ein Gedanke. Wir tragen diefm Gedanken mll uns hemm Wochen, Monate. Sir verfolgen ihn. Stier- nackig kehrm wir immer wieder zu ihm zuruck, wenn wir uns einmal von ihm entfernt. Wir kämpfm mit ihm. Wir ringen. Wir wollen ihn festhalten. Aber er entflieht Plötzlich ist er wieder da. Jetzt, jetzt halten totr ihn. Wir jauchzen. Wir halten ihn fest mll allen
Sinnen.-Nun fangen wir ihn an zu formen. Wir
machen den ersten Versuch. Der mißlingt, auch der zwelle,
einflußreichen Kardinal, da bei dessen Wahl der Einfluß des Kardinalskollegiums gedrückt würde. Des weiteren ist es Vorschrift, daß der zu Wählende mindestens 55 Jahre alt sein muß: die Wahl pflegt aber gewöhnlich auf einen viel älteren Papst zu fallen, da die Kardinale nicht für allzu lange Pontifikate sind.
Der Wahlakt selbst beginnt erst 10 Tage nach dem Ableben des Papstes, wenn das Konklave, d. h. das Kardinalskollegium, zusammentriü. Konklave wird das zur Wahl versammelte Kardinalskollegium deshalb genannt, weil es, entsprechend den im Jahre 1274 auf dem Konzll zu Lyon beschlossenen und später noch weiter aus- gebauten Besllmmungen, in vollkommener Abgeschlossen- hell von der Außenwelt tagt. Das Kollegium versammelt sich zehn Tage nach dem Ableben des Papstes in der Peterskirche zur Messe, der eine Prozession in der Kapelle Sixtus IV. folgt. Darauf ziehen die Kardinale sich in die im Vatikan für sie eingerichteten Pellen zurück, deren so viele sind, als das Kollegium Mitglieder zählt, und mit deren Herrichtung die Architekten zur Zeit bereits beschäftigt sind.
Um jede Beeinflussung von außen und alle Jntriguen unmöglich zu machen, ist jede Zelle für sich abgeschlossen, und zwar weit schärfer als die Isolierzellen für die Reichstagswahlen in Deutschland. Die Wände der Zellen bestehen aus Wollzeug, die Zugänge werden sämtlich ver- mauert, die Türen mit doppelten Schlössern versehen, und es wird nur eine Öffnung für die Zuführung der Speisen gelassen. Die eigentliche Wahl beginnt erst am zweiten Tage nach dem Einzuge in das Konklave. Die Wahl durch Acclamation ist zwar zulässig, aber seit Jahrhunderten nicht mehr in Anwendung gekommen. Auch von der Erlaubnis, die Wahl einem engeren Ausschuß zu übertragen, ist in neuerer Zeit kein Gebrauch mehr gemacht worden.
Die übliche Form der Wahl ist die durch Abstimmung durch Zettel, wobei das Wahlgeheimnis aufs strengste gewahrt ist. Die Abstimmung erfolgt so lange, wobei die Wahl auf einen immer kleineren Kreis von Bewerbern beschränkt wird, bis die vorgeschriebene Zweidrittelmehr- beit für einen Kandidaten erreicht ist. Wenn die Kardinäle sich nach drei Tagen nicht über eine Person einigen können, so sollen sie zu jeder Mahlzeit nur eine Schüssel erhalten, und nach weiteren fünf Tagen soll ihnen nur noch Brot, Wein unb Wasser gereicht werden. Auf diese Weise soll die etwa nicht vorhandene Einigkeit zwangsweise herbei- geführt werden. Übrigens ist es bekannt, daß trotz dieser Isolierung die Wahlintriguen eine große Rolle spielen. Nach der Wahl wird das Ergebnis von der Loggia der Peterskirche der harrenden Menge verkündet, unb' es folgt dann noch eine Reihe von kirchlichen Ceremonieen, die in der Konsekration und Krönung des Papstes gipfeln.
*
hd. Nom, 9. Juli. Der Papst verbrachte die Nacht andauernd gut. Um 5% Uhr erwachte er und verließ das Bett. Monsignore Mazzolini las i m Innern des Gemachs
der dritte. Nur immer weiter! , Wir sind die Herren. Wir siegen doch. Endlich, ehe wir es noch recht wissen, steht es da vollendet-das Werk." '
Der Künstler hiett eine Weile inne. Dann fuhr er
mit erneuter Kraft fort. ^
„Und was es glücklich macht, dieses Werk! Blut von unserm Blute! — Nerven von unsern Nerven! — Wir sind die Schöpfer." ^ rc
Über sein Gesicht ging ein wildes Entzücken. Er stürzte nach seiner „Arbeit". Er umklammerte die marmonen Füße. Er drückte die Stirn darcmf.
Erschreckt war Ist zur Seite getreten. Mit ängstlicher Scheu betrachtete sie das seltsame GÄmhreu.
Das war ihr alles fremd. Was tat der Mann dort?
— Warum kniete er vor einem toten Weibe? — Und sie, die Lebendige, stand daneben.
In ihrem Herzen wühlte es. Das.war der Haß.
Ja, sie haßte dieses tote Weib. Sie hätte es herunter- stoßen mögen von der Drehscheibe und sich selbst darauf stellen, damit er ihre Füße umschlinge wie letzt diese ftcivtßnt'CTt.
Warum stand sie denn überhaupt noch da? Was hatte sie denn hier zu tun? . r . , .
Sie wandte sich um Langsam bewegte sie sich vor- wärts. Wer nur ein paar Schritte. .
Sie blickte auf den roten Vorhang. Der leuchtete in der Sonne. Wie in Blut getaucht sah er aus. Sie lauschte.
„Ich muß wohl gehen ■ ■■■
Sie sagte es leise, wie zu sich selbst.
Der Mann hob den Kops. ,
„Bleiben Sie doch!-Sie stören mich m nicht.
Also das war's.-Nur deshalb sollte sie bleiben
— weil sie nicht störte. ..
Was hätte die so leicht gekrankte, verwohnte ^si sonst getan?-Fortgelaufen wäre sie. Und jetzt
blieb sie. .
Sie setzte sich auf einen Marmorblock, der m der Nähe stand, ganz bescheiden.
die Messe und reichte ihm die Kommunion. Der Papst nahm darauf etwas Nahrung zu sich. Mazzoni erschien um 7 Uhr im Vatikan und verließ ihn eine Stunde später. Die Körpertemperatur des Papstes schwankt zwischen 33,2 und 36,6. Der Puls ist ziemlich schwach. Die Cyanose an den Händen tritt allmählich zurück. Wenn keine Zwischenfälle cintreten, wird Professor Mazzoni erst abendS 7 V 2 Uhr wieder im Vatikan erscheinen. Die Funktion der Niere bessert sich weiter. Ein Konzilium der Arzte wird nicht stattfinden. — Monsignore Volpini ist geswr» ben. Sein Ableben wurde dem Papste verheimlicht und auch das Läuten der Glocken des Petersdomes unterlassen, um jede Aufregung des Kranken zu vermeiden. Der Zustand des gleichfalls schwer erkrankten Kardinals Mocennt hat sich wesentlich verschlimmert.
bd. Rom, 9. Juli. Das heute morgen 9 Uhr 36 Min. ausgcgebene Bulletin besagt, der Papst verbrachte eine ruhige Nacht, der Krankheitsprozeh in der Lunge ist in voller Lösung begriffen, die Erleichterung im Allgemein- befinden dauert an. Wie es heißt, haben die Arzte tatsächlich einen Irrtum in ihrer Diagnose entdeckt. Der Papst soll an einem inneren Geschwür leiden. Mazzoni, welcher gestern eine Untersuchung vornehmen wollte, mußte diese auf heute verschieben, da der Papst in einen Weinkrampf verfiel.
Ein Verwandter des Papstes erklärte, er sei von dessen Aussehen überrascht gewesen. Sein Gesicht sei derart zusammengeschrumpft, daß man nur noch die Nase von einigen Falten unterscheidet. Die Farbe der Lippen konnte von der übrigen Gesichtsfarbe nicht unterschieden werden.
bd. Berlin, 9. Juli. Der „B. L.-A." meldet aus Rom: Professor Mazzoni sagte allen, die ihn fragten, der Papst habe sich, objektiv betrachtet, rüstiger als ein 36-jähriger erwiesen. Alle Lebcnsfnnktionen seien ohne Ausnahme wieder normal. Wenn bei dem fortwährenden Auf und Ab der letzten Tage ein logischer Schluß ge. stattet sei, so müßte man sagen, der Papst sei außer Gefahr.
bd. Berlin, 10. Juli. Vom Krankenlager des Pap. stes liegen dem „B. L.-A." folgende Depeschen vor: Nach der gestern vormittag eingetretenen Besserung trat nachmittags wieder eine Verschlimmerung ein. Der Papst hustete viermal Blut und man berief den Professor Rossoni zur Konsultation. Die Untersuchung des ersten Exsudats stellte fest, daß es ein Entzündungsprodukt ist. Die hellrote Farbe des Auswurss rührte nicht, wie befürchtete wurde, von einem neuen Gebilde in der Rippenfell-Höhlung her. Eine spezifische Erkrankung der Ge. webe liegt nicht vor. Professor Mazzoni wollte diese Nacht wieder Wasser aus der Brustgegend ablassen. Der Zustand des Kranken ließ diese Operation jedoch nicht zu. Bei dem Rückfall wurde der Papst plötzlich kreidebleich und rang nach Luft. Die Herzschwäche übermannte ihn so, daß die Katastrophe eingetreten wäre, wenn man ihm nicht schnell Stärkungsmittel verabreicht hätte. Es han- delte sich um die Erschlaffung der Herztätigkeit, da der
„Es ist so schön kühl hier", sagte sie wie ent- schuldigend.
Nun saß sie da wie vorhin auf der Mauer, ganz stutz, damit sie ihn nicht störe.
Er war wieder aufgestanden. In die Hand hatte er den Meißel genommen, den Schlägel. Er klopfte bald hier, bald da. Er trat ein paar Schritte zurück, um,sein Werk aus der Entfernung zu betrachten. Er verglich es mit dem Modell aus Gips, das daneben stand. Dann kam er wieder ganz ganz nähe. Jetzt stieg er aus die Letter« Er hantierte zwischen den breiten Wellen des Haares.
Ist sah das alles wie im Traume. Sie hörte die Schläge. Aber es war ihr, als kämen sie aus. weiter Entfernung. Deuttich sah sie nur ihn, ■ sein Gesicht. Das war lebhaft gerötet. Die Sttrn hoch, vielleicht ein wenig zu hoch. Aber das lockige Haar fiel ja darüber. Die Augen grau, blitzend, zuwellen fast brennend. Die Nase scharf gebogen. Rote Lippen.
Sie stellte in Gedanken neben diesen Mann einen anderen. Ter war auch groß, auch blond, Zug um Zug verglich sie die beiden. Unbarmherzig scharf sah sie plötz- lich.
Da wurde es ihr auf einmal heiß, glühend heiß. Sitz sprang in die Höhe. Sie stürzte nach denl Vorhänge.
„Was wollen Sie denn?" fragte ganz erstaunt dey Künstler.
„Ich muß fort, — fort!" ries sie
Ihre Hände gnffen m die roten Falten.
„Haben Sie es denn so eilig?"
„Nein! Nein! Ich kann nicht mehr bleiben!"
Der Bildhauer stand neben ihr.
„Wer Frau Nachbarin ... Ich darf doch so zu Ihnen sagen — wie?"
Ist lächelte. Es war wieder ihr mattes Lächeln.
„Ja, sagen Sie nur so zu. mir! — — Ich höre e§ gern. — So hat mich noch niemand genannt."
„Und wie nennt man Sie zu Hause? Ich meine, Witz ist Ihr Vorname?"
„Jsi."
