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U-. 313. Verlags-Fernsprecher -g». D-NNeVSlNg» d-« 9. I«U. Redak.ionSHerusprecher No. 62,
1903.
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„Es ist begreiflich, daß der Handelsstand und mit ihm ein großer Teil der Städter mit der jetzigen konservativen Parteipolitik nicht durchaus -einverstanden sein kann: denn diese Politik genügt nicht den Interessen, die sie für berechtigt halten, und- die tatsächlich Beachtung verdienen. Hier müssen die Konservativen erwägen, ob eine gleichmäßige Pflege der städtischen und der ländlichen Interessen nicht in vielen Punkten möglich ist." Senn vorstehende Sätze in einem liberalen _ Blatte gestanden hätten, würde man in ihnen eine Wiederholung dessen zu erkennen glauben, was seit vielen Jahren den Konservativen von liberaler Seite vorgeh-altm wurde. Sie finden sich aber in einem korrservativen Blatte, der „Schlesischen Zeitung", und man wird gespannt fein dürfen, welcher Beachtung sie in der nahestehenden Presse werden gewürdigt werden. Sie treffen dm Nagel einigermaßen auf den Kopf. Schon der Minister Fritz Eulenburg (Eulenburg I) äußerte am 24. Januar 1873 bei Gelegenheit einer Auswande-rungsdeb-atte im Abgeord- netmhause: „Sir müssen hinwirken auf dem Lande auf Hebung der Industrie, auf Förderung des Wegebaues, der Eisenbahnen und des Kanalbaues . . . Ich weise hin auf die Einführung landwirtschaftlicher Maschinen, auf die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse auf dem Lande, auf die Förderung des Sparkassmwesens." Zur selben Zeit hieß es offiziös: „Werden dem flachen Lande und den kleineren abgelegenen Plätzen die Produktionsvorteile, namentlich im Transportverkehr und Geldver- kehr wieder verschafft, wie sie solche vor dem Eifmbahn- bau hatten, so wird sofort ein gewaltiger Umschwung eintreten." Ties objektive und unparteiische, ja staats- männische Programm des Grafen Fritz Eulmburg wurde
vom Abgeordnetmhause mit lebhaftem Verfall aufge- nommen. Sogar Liebknecht erwartete von seiner Durchführung diese und jme gute Frucht. Dm schonen Wortm aber folgte nicht die Tat. Und daran sind dre Konservativen vor allem selbst schuld. Statt ihren eigenen Vorteil mit darin zu erblicken, wenn es gelinge, Handel und Verkehr so zu entwickeln, daß sie immer mehr Aus- läufer auch auf das platte Land und in die kleinen Städte treiben können, haben sie im Lauf der Jahre in wachsendem- Maße alles aufgebotm, um das Gegmtell erreichen zu lassen. Am meisten erhellt dies aus ihrer Haltung in der Frage des Börsengesetzes und in der Kanalfrage. Durch das Börsmgesetz ist der Geldverk-ehr in dm kleinm Städtm und auf dem Lande erheblich erschwert, durch den Widerstand gegen die Kanäle der Moment werter hinausgeschoben worden, wo ein billiger Güteraustausch zwischen denr Osten und dem Westen der preußischen Monarchie leichter herbeigeführt werdm kann, als jetzt der Fall ist. Ganz neue Jndustrieen können sich am Kanal ansiedeln, die Kaufkraft dm Bevölkerung wird sich heben, die Stmerkraft ebenfalls — und die Landwirtschaft dabei sclflechter fahren? Statt sich dies selbst zu beantworten, haben die Landwirte des Ostms wie die Franzosen nach dem Vo-gesmloch immer nur nach der künstlichen Steigerung der Getreide- und Viehpreife ausgeschaut. Und da diese nicht in dem erwarteten Maße eintreten konnte und nimmer eintreten kann, haben sie die Schuld auf Handel und Verkehr geschoben, statt sich an die Brust zu schlagen und wen cmlpu zu sagen. Ist ein Wandel m dieser Beziehung zu mwartm? Wenn man die vernünftigen Worte der „Schlesischm Zeitung" liest, möchte man's für möglich halten. Wo aber sind die Männer in den Reihen der Konservativ-en, die es auf sich nehmen, die Partei aus der Sackgasse, in die sie sich verrannt hat, herauszunötigm? Nirgmdwo -erblickt man solche. Tatsächlich gebricht es keiner Partei so sehr an Führermaterial wie den Konservativm. Ihre bestm Kräfte sind verbraucht oder befinden sich auf Posten, auf denm sie in erster Linie ihr eigenes und das ihnen anvertraute amtliche Interesse wahrnehmen. Von Opferwilligkeit für die Partei und die Sache, die sie vertritt, ist auf konservativm Seite so gut wie nichts zu verspürm. ^ Mit dem Leben und- den Interessen der Städte in Fühlung zu bleiben, fällt unseren Torys, den geborenen Führern der konservativen Partei, garnicht ein, -es sei dmn, es handle sich um die Wahrnehmung von Familien- und Sportinteressen. Sie legm nicht einmal Wert darauf, in Berlin oder in dm Provinzialhauptstädtm zu lebm, zur Deckung der Steuerlast dm Städte beizutragm und dafür zu sorgen, daß sich eine gewisse Verständigung und Versöhnung der Parteien vollzieht, die ein gemeinsames Interesse an der gedeihlichen Fortmtwicklung unsmm vaterländischen Einrichtungen haben. Daß sie zu Hause in gmügmdem Maße für die Lehrer und ihre Arbeiter
orgm, wird bestritten. Wenn es sich im. nächsten Land
lage darum handelt, das Schulunterhaltungsgesetz zu lande zu bringen, wird man darüber einiges sagen und zu hören bekommen. Tie Erhebungen über die Krankenversicherung der ländlichen Arbeitm wmden das Bald vervollständigen. Alsdann aber wird es sich ber dev Einbringung dm Börsmgesetznovelle und der Kanalvor- läge zeigen, wie weit die konservative Partei die Probe auf die Schlüssigkeit der Mahnungen dm „Schlesischen Zeitung" abzulegen und zi: bestehen im stände sein wird. Die nächsten Tagungen der Parlamente am Königsplatz und in der Prinz Albrechtstraße werdm für die Zukunft der konservativen Partei viel mtscheidmdm wmdm, als es die hinter uns liegmdm gewesen sind.
Wird tag «ns tach Mt «MW mimWt?
Die „Dmtsche Export-Revue" schreibt hierüber in einem interessanten Aufsatz über „Ein modern einge- richtetes Gaswerk":
Die Herstellung von Leuchtgas aus Steinkohlen und dessen Verteilung durch Rohrleitungen in Städtm zum Zwecke der Belmchtung ist zwar eine englische Erfindung, aber das Leuchtgas ist hmte Gemeingut der ganzm civilisiertm Menschheit geworden, und obwohl ihm, be- sonders in Deutschland, in dm Elektrizität ein gewaltiger Konkurrent erwachsen ist, obwohl der Glaube des Publikums das Gas schon oft für verdrängt -erklärte, steht hmte die Gasindustrie mächtiger und gesünder auf ihrem Platze denn jetzt. Ter Gasverbrauch ist in Deutschland tn den letzten Jahren ganz gewaltig gestiegm, und es rst zukonstatieren, daß sich nicht nur die bestehendm Gaswerke großer Städte immer mehr erweitern, sondern auch rn kleinmm Orten fortwährend neue Gaswerke entstehen. Während jede größere Stadt in Deutschland selbstver- stündlich ihr Gaswerk besitzt, werdm nunmehr auch in kleineren Orten, selbst mit 2000 bis 3000 Einwohnern, Gasanstalten gebaut. Die Gaswerke liefern nicht nur füv die Städte und die Bewohner eine billige Belmchtung, sondem auch eine billige Kraftquelle und im Gas sowohl als im Coaks ein äußerst vorteilhaftes Heizmaterial, Dazu kommt, daß fast alle Gaswerke eine erfreuliche Rentabilität aufweism, welche meist mit dem Wachstum der Orte und des Gasverbrauchs erheblich zunimmt. Wie sehr das Gas zum Motorenbetriebe geeignet ist, geht aus der zunehmenden Verwendung der Gasmotoren hervor. Wenn auch der Elektromotor in vielen Fällm Vorzüge! vor dem Gasmotor besitzt, so konnte er doch die rapide Entwickelung der Gasmotoren nicht beeinträchtigen. Freilich wird zum Betriebe der Gasmotoren auch vielfach Gas bmutzt, welches nicht in den Lmchtgaszentren dev Städte hergestellt w-ird, wie z. B. Hochofengas, Kraft- gas jc ; aber derartige Anlagen stehen keineswegs der
Feuilleton.
Wiesbaden aus der DeuWn Wdleausslellim.
(Eigener Bericht für das „Wiesbadener Tagblatt".)
Von Hermann Häfker.
Es würde manchem gewiß nicht ganz leicht erscheinen, an einem Ausstellungs-Nachnnttage, während draußen im Sonnenschein die frohe und elegante Menge flutet, oder nebman, nur durch eine dünne Wand getrennt, der Chor vieler hundert Schulkinder altniederländische Volksweisen singt, irr mg mit statistisch-m Tafeln behängten Räumen zu stehm und aus Namen, Zahlen und Farben- slächen die Physiognomie einer bestimmten deutschm Stadt zusammenzusetzm. Mancher wird das geradezu als typischm Gegensatz von Poesie und Prosa bezeichnm. Und doch kann ich versichern, daß die trockme Arbeit, an der die meisten Ausstellungsbesucher schm vorbeieilm, bei einiger Vertiefung Reize gewinnt, die sie sogar der Poesie verwandt erscheinen läßt. Enthüllt sie doch im Zusammenhang mit dm zerstreuten AusstellungsLinzelheiten in dm Abteilungen nach und nach erst in leisen, dann immer bestimmteren Zügm ein Bild von brausendem, brau- dendem Leben einer Gruppe von Bürgem an irgend einem charakteristischen Punkte des deutschen Vaterlandes. So wird heute die Stadt Wiesbaden vor meinen Augen lebendig.
Die statistische Abteilung der Städte-Ausstellung stellt die Verhältnisse von einer großen Zahl deutscher Städte bildlich vergleichmd nebeneinander. Sie zeigt z. B. das Anwachsen Wiesbadens seit dem Jahre 1870 und- sem jetziges Gebiet, wobei die Stadt unter den Mittelstädten von 50— 100 000 Einwohnern an Gebiet einen hervor- ragmden Platz einnimmt, ohne sich- räumlich seit 1870 auffallend vergrößert zu Haben. Was aber stetig von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zugenommen hat, ist die Dichtigkeit der Bewohnung bei mäßiger Bebauung des Stadtgebietes — eine Erscheinung stetiger Entwickelung, die man bei fast allen dmtschen Mittelstädten im
Gegensatz zu den großm und den kleinm, die oft gewaltsame Veränderungen aufweism, beobachtet. Vom Gelände kommm wir auf die Bevölkerung und sehen, daß Wiesb-adm eine Stadt von hochgradigen Kapitalisten ist, da der weitaus größere Teil der über 3000 Mark veranlagten Zensiten sein Vermögen aus Kapitalb-esitz bezieht. In weitem Abstande folgt Grundbesitz als Vermögensquelle, während sich Handel unb Gewerbe zu einem kleinen Häufchen zusammenducken.. So spiegelt sich also der Charakter der Pmsionopolis im Flächendiagramm! Aus der Tabelle über zeitliche Schwankungen im: Ergebnis der Einkommensteuer-Veranlagung geht hervor, daß diese günstigen Kapitalverhältnisse, wie übrigens in sämtlichen verglichenen Städten, in Wiesbaden aber ganz besonders erst seit der Steuer-Reform von 1891/92 in Erscheinung getreten sind, dann aber Wiesbaden mit Essen zusammm hinter Düsseldorf die absolut höchste Höhe innehält (über 2 Millionen Mark, gegen Düsseldorf mit ca. 2,8 Millionen). Auch die Ergänzungssteuerbeitrage seit 95 stammen aus großm Kapitalim und sind beständig gestiegen. Tementsprechmd zahlt die Stadt nicht nur die in der ganzen Weingegend (überhaupt Westdeutschland) üblichen hohen Tagelöhne, sondern steht auch auf der Wohltätigkeitstabelle mit gutem Durchschnitt verzeichnet. Offene und geschlossene Armenpflege haltm einander die Wage; hinzu kommm bedeutende Stadtzuschüsse zur privatm Wohltätigkeit (Vereine). Auch die Belastung der Bevölkerung mit Gemeinde-, besonders Einkommen- stmer ist naturgemäß groß, auch Grundstücks- und Verbrauchssteuern bilden hohe Säulm. Bedeutmd sind die Besitzwechselabgabm. In der folgenden Veranschau- lichung der Wasserwerke spielt die Stadt wieder eine hervorragende Rolle, sowohl nach dem Werte der Anlagen als dem Preise des Wassers, ohne daß etwa bedeutende Überschüsse erstrebt würden. Der Verbrauch zu öffentlichen Zwecken ist größer als der zu privatm. Das städtische, aber verpachtete Elektrizitätswerk gehört mit zu den jüngsten. (1898b Der Selbstverbrauch von Energie nimmt einenauffallmdmRaum ein, während die öffentliche Beleuchtuna im Gegensätze zu anderm Städten fchlt.
sie Vieh Hofstatistik zeigt, daß der Austrieb- an
-chweinm (wie wohl überall) der bedmtmdste rst. Dann -lgt der von Kälbern, während Rindfleisch sehr wenig eliebt ist. Die Rubrik „Pferde und Esel" fchlt. Das- übe Bild bietet die Schlachtungen-Darstellung. Unter llen deutschen Städtm an zweiter, sehr hoher Stelle nach Aachen) steht Wiesbaden auf dem Gebrete des Sparens, da auf dm Kopf der Bevölkerung ein ötand (Guthaben) von 700—800 Mark fallen, trotz des eringen Zinsfußes. Ein- und Auszahlungen halten ch die Wage und sind ebenfalls bedeutmd, ebenso wie dev tinsanfall an die Sparer. Ter Pfandverkehr hält sich uf dem Durchschnitt — hier ist Miinchen allm ndem Städtm unerreichbar voran. Von Bränden, Kon- rrrsen und Kornpreisen ist gar nicht die Rede, währmd -16 Stadt an der S ch u I st a t i st i k beteiligt ist. In Wiesbaden stehen die höheren Schulen im Vordergrund, md zwar besonders Realanstalten, Mittelschulm und Gymnasien. Nur Kassel, Glauchau, Heilbronn, Frerburg
versehen.
Statistik ist etwas trocken, aber sie hat doch gerade bezüglich Wiesbadens die scharf ausgeprägte Ausnahme- stellung der Stadt, besonders ja auf den Gebieten Set? mögmsverhältnisse gezeigt.
Nun verlassen wir diese ernsten Räume und sehen uns die eigentliche Ausstellung der Stadt an, die das gewonnene Bild mit frischerm Farbm ausführen wird. Wenn ich dabei manchmal einer etwas seltsamm Ordnung folge, so bitte ich, dafür die Aussteüungsleitung verantwortlich zu machm, die oft Zusammmgehöriges getrennt hat und umgekehrt.
In der Abteilung „Fürsorge der Städte für öffmtliche Krinst" ec. fällt zunächst das Gipsmodell vom neum Kurhaus, Theater und Umgebung auf. Das prächtig^ beinahe etwas zu reich auf dem Dachsims mit Ruhm der- kündenden Figuren bedeckte Theater und allerlei bekannte Plätze und Anlagen, wie Kurhaus, Kochbrunnen, Schloß- platz, Nerotal und daS Rathaus, die verschiedmm Brunnen und Denkmäler werden durch Photographieen
