SeUage nun Wiesbadener Tagbialt.
Mo. 313. Morgen-Ausgabe.
Donnerstag, den 8. Juli.
61. Jahrgang. 1803.
Sßtiui auch Bücher nicht out oder schlecht machen, besser - schlechter machen sie doch.
Jean Paul.
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(21. Fortsetzung.1
Leutnant Lämmchens Abenteuer.
Eine heitere Geschichte ovn G. v. Stokmans-Germanis.
Das schien aber Malve sehr zu verdrießen. Sie halte Lämmchen nur flüchtig begrüßt und sich fast ausschließlich ihrem rechtsseitigen Nachbarn, Herrn von Förster, gewidmet, nun fuhr sie plötzlich auf und sagte mit einer allerliebsten, hochmütigen Kopfbewegung:
„Baron Bock braucht keine Beförderung, er sitzt ganz gut da, wo er sitzt!"
„lind schätzt diesen Vorzug in seinem ganzen Um« staube."
Es war Lämmchen, der das sagte, und Malve starrte ihn ganz betroffen an, dann aber flog ein reizendes Lächeln über ihr knabenhaftes Antlitz, und im Tone freudiger Überraschung sagte sie:
„Wie L>ie sich schon gebessert haben, Baron! Vor acht Tagen hätten Sie so etwas Nettes noch nicht über die Lippen gebracht. Vielleicht ist es aber gar kein Kompliment, das Sie mir sagen wollten, sondern nur eine kleine Bosheit, en papillote, und ich habe gar keine Ursache, mich geschmeichelt zu fühlen."
Lämmchen lachte.
„Es ist die Wahrheit, gnädiges Fräulein, ich habe mich mit der Tatsache, Ihr Nachbar zu sein, vollständig aus gesöhnt."
„Ausgesöhnt, Baron? Also war die Nachbarschaft Ihnen zuerst nicht genehm?"
„Offen gestanden, nein. Ich fürchtete sie und sann auf Flucht."
„Und das sagen Sie mir so ruhig ins Gesicht?"
„Ja, warum denn nicht? Sie haben mir ja auch gesagt: Ihr schwarzer Pudel sei Ihnen amüsanter als ich.
1 — Vielleicht ziehen Sie seine Gesellschaft der meinigen auch jetzt noch vor?"
Malve lachte.
„Nein, trotz Ihres Rückfalls in die alte Unhöflich- keit, jetzt nicht mehr."
„Aber doch die des schwarzen Ritters."
Sie blickte auf ihren Teller und machte eine ab- wehrende Bewegung. „Ach", sagte sie, „reden wir nicht mehr.von dem."
„Ist er in Mißkredit gckommeu?"
„Allerdings, und zwar sehr stark."
„Seit wann denn?"
„Seit gestern Abend, wo er mir bewies, daß ich nicht bester bin als andere Frauenzimmer — ein Feigling, ein Hasenfuß."
„Sie haben also das Gruseln gelernt?"
„Ja und die Wette verloren."
„Das freut mich, gnädiges Fräulein!"
„Pfui, wie häßlich, nun lachen Sie mich auch noch aus."
„Durchaus nicht; für Damen ist es keine Schaub", furchtsani zu sein."
Sie sah ihn mißtrauisch von der Seite an »Sagen Sie mal, bei Ihrer geringen Erfahrung und schlechten Veranlagung, wissen Sie denn überhaupt, wie der Charakter einer Frau beschaffen sein soll?"
Er nickte. „Ich denke doch — ich habe auch mein Ideal."
„So? Und was verlangen Sie von dem m erster Linie?"
„Echte Weiblichkeit!"
„Und von den Männern?"
„Einen festen Charakter, Mut, llmsicht und Kraft./
Sie lächelte etwas spöttisch. „Ganz wie ich. Mir scheint, ein weibischer Mann ist eine Karrikatur."
„Und ein Mannweib das schrecklichste, was es gibt."
„Wir haben also eigentlich denselben Geschmack?"
„Fast scheint es so." ^ m , .
„Merkwürdig, daß Theorie und Praxis sich so wenig decken. Von mir sagt man, ich hätte etwas Jungenhaftes, und Sie —"
Er seufzte. „Ich heiße Lämmchen. Weser Name sagt wohl schon genug! Doch eins bleibt uns als Trost: Der Schein trügt. Sie verbergen vielleicht hinter Ihrer kecken Außenseite ein echt weibliches Empfinden, und ich habe Gottlob schon wiederholt gezeigt, daß es mir an Mut und Kraft nicht fehlt."
Malve nickte. „Das glaube ich wohl, in gewissen Dingen verstehen Sie gewiß keinen Spaß, und doch, .wenn ich Sie sehe, fällt mir Tante Rippchens altes Kinderlieb ein: „Ein kleines Lämmchen, weiß wie
Schnee, ging einstmals auf die Weide."
„Sehr schmeichelhaft!"
„Nun, nehmen Sie es nur nicht gleich wieder übel, es ist wirklich nicht böse gemeint." . _
Lämmchen lächelte. „Nein, ich weiß es jetzt, daß Sie es gut mit mir meinen, trotz aller Ihrer kleinen Teufeleien. Doch nun erzählen Sie mir noch von gestern Abend. Was tat denn der schwarze Ritter, der arme Schelm?"
Sie wendete sich befangen ab. „O, zuerst rauchte er; unser ganzes Zimmer roch nach Cigarrendampf und dann —"
„Nun, dann?"
„Stieß er einen entsetzlich lauten menschlichen Ton aus, der mir durch Mark und Bein ging und mich aus dem Zimmer trieb."
„Das ist doch nicht möglich."
„Nicht wahr? Das dachte ich gestern abend auch und schob alles auf einen Zufall und Einbildung, aber heute, heute ist mir alles klar und die Sache noch viel unheim» sicher als zuvor."
Lämmchen erschrak. „Alles klar?" wiederholte er und dachte an sein nächtliches Abenteuer. Sollte man seinem Geheimnis auf der Spur sein? Ein peinliches Gefühl bemächtigte sich seiner, aber Malve beruhigte ihn wieder, indem sie sagte: r r
„Sie haben ja von dem entflohenen Verbrecher gehört": ich bin überzeugt, er war hier und hat gestern abend in meinem schwarzen Ritter gesteckt." . _
Lämmchen machte ein ungläubiges Gesicht. „Sie meinen, er Habe sich in der Rüstung verborgen?" _
„Nein", meinte sie ernsthaft, „darin nicht, aber dahinter. Ich habe die Sache heute früh genau untersucht und dabei entdeckt, daß die Mauer hinter dem Visier aus- gehöhlt ist. Man kann gewiß von der anderen Seite in unser Zimmer hineinsehen. Sie wissen ja, was Tante Rippchen über den schwarzen Ritter sagt, und es ist mir ein unheimlicher und widerwärtiger Gedanke, daß diefer greuliche Mensch uns beobachtet hat." f , a
„Wer wie sollte er denn dahin gekommen sein?! Wissen Sie, was hinter Ihrer Zimmerwand ist?"
„Nein, das weiß ich nicht, kouchiniere jetzt aber allerlei, woran ich früher nicht dachte. — Wenn der Ritter das Zimmer in Verruf brachte, wird er wohl nicht ganz um- sonst dastehen. Vielleicht gibt es einen geheimen Weg zu ihm, den der Flüchtling benutzte, und möglicher Weise spukt er jetzt noch im Schloß umher."
Lämmchen schüttelte den Kopf. „Mein gnädiges Fräulein", sagte er, „das. zufällige Zusammenwirken verschiedener Umstände ergibt emen gewissen Schern von Wahrheit, aber derselbe ist trügerisch und Sie dürfen ihm keinen allzu großen Wert, beimessen. Haben Sw Ihren Verdacht schon gegen andere erwähnt?
„Nein, ich fürchtete, ausgclacht oder ernstlich verhört zu werden, und eins ist beinahe so schlimm wie das andei e, — Notabene, den Cigarrenrauch, der aus dem Ritter her vorquoll, habe ich nicht allein bemerkt; Mane-Luise und Missy machten dieselbe Beobachtung; aber den grausigen Ton habe ich allein gehört, , und so war es mckst chwer, ihnen vorzureden, das mit dem Rauch ser nur einö Einbildung und — Nasentauschung gewesen - mußte ich ja aber die Wahrheit sagen -- wegen der Wette
Mt^ihE schönen großen Augen sah Malve rhu d-aber so treuherzig an, daß er ganz gerührt war und sie am liebsten aufgeklärt hätte, aber er war Ist, durch sein Ver- sprechen gebunden, und so sagte er nur lachelru.
Wenn Sie wirklich glauben, daß man durch, das Visier Ihres Ritters hindurchschauen kann, wurdeich mit einem Tuch verhängen oder einen großen Hut über dm Helm stülpen. Dann sind Sie sicher vor zeder indiskreten Beobachtung." ^ B <TY
Sie nickte befriedigt. „Ja", sagte sie, „dcm will ich tun — und nun essen Sie schnell noch etn Stuck Braten, Sie stehen sonst hungrig vom Essen auf.
Während Lämmchen mit Malve sprach, hatte m immerfort das Gefühl, daß Manma ihn beobachte und als man später im Gartenzimmer war, zog sie ihn m unauffälliger Weise ins Gespräch. Ern geheimer Rapport bestand seit dem gemeinsamen Erlebnisse zwischen ihnen, und nun, da Lämmchen ihre Beziehungen, zu dem fungm Herrn von Twielendorf kannte, war sie ihm noch inter- essanter als zuvor. Ihre zielbewutzte Sicherheit und Ge- wandtheit nötigte ihm die größte Bewunderung ab, uiü» unwillkürlich kam dies alles m ; einem Wesen zum Aus- druck. Außerdem wollte er ihr, nicht nur feine ^.an * barkeit zeigen, sondern auch beweisen, daß, er "um da er ihr Geheimnis kannte, nicht geringer von ihr dachte und so legte er in sein Verhalten ihr gegenüber eme Beflissen- heit und eine Hochachtung, welche einem scharfen Beob- achter auffallen mußten.
(Fortsetzung folgt.) _
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