»> Jahrgang.
«rscheim n, zwei Ausgaben. — BezugS-Prei»: durch den Verlag 5« Psg. monatlich, durch die Post S Mk. SO Psg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasie 27.
19,000 Abonnenten.
Anzeigen-PreiSr
Die einspaltige Petitzeilc für lokale Anzeige« 15 Psg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklame» die Petitzeilc für Wiesbaden 50 Psg., für auswärts 1 Mk.
*% •**«*>*■»*» 1 ttttrtltm« für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags, für die Morgen-SluSgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Mr die Aufnahme später E'ngemchter Anzeigen zur nächst-
^N^PtzAEN ^NNSIsNlP erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzeigen-Aufnahme an bestimmt vorgeschnebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
RedaktionS-Fernsprecher No. 62.
1803.
N». 314. «erlagS^ernsprecher No. 2961.
Abend-Ausgabe.
Reife - Abonnements
auf das
„Wiesbadener Tagblatt"
können täglich begonnen werden und kosten wöchentlich bei freier Zustellung in's Haus
lllllh Olten in DeuWllNd und Wrrreilh-UnölMl 60 M.
.. .. im Anstand.90 „
bestellungen beliebe man genaue wohnungsadreffe beizufügen.
Der Verlag des Wiesbadener Tagblatts.
Die Lage der deutschen Arbeit.
In Deutschland ist eine Politik, die nicht handels- vertragsfveundtich ist, aus die Dauer unmöglich. . Eine Regierung, die sich dessen nicht bewußt bleibt, wird in ein« Politik wirtschaftlicher Abenteuer Hineingetrieben, die unserer nationalen Kraft die schmerzlichsten Wunden schlagen muß. Darüber ist sich wohl jeder klar, der sich mit wirtschaftlichen und sozialen Dingen ernsthaft beschäftigt. Natürlich nicht Handelsverträge um jeden Preis: ihr Wert liegt in ihrem Inhalt. Wir können Seht Entgegenkommen zeigen, wo wir nicht auf gleiche Gefühle stoßen, wir dürfen aber auch nicht erwarten, daß uns das Ausland gut behandelt, wenn wir auf seine Atteressen nicht die entsprechende Rücksicht nehmen. Das alles ist von deit deutschen Wählern augenscheinlich berücksichtigt, denn auch der nächste Reichstag wird, soweit heute bereits ein Urteil möglich ist, einer Handelspolitik der mittleren Linie zugetan sein. Er wird voraussichtlich Handelsverträge annehmen, die auf Grund des beschlossenen Zolltarifs zu stände gekommen sind, wenn unseren deutschen Unterhändlern trotz der hohen Lebensmittelzölle die schwere Arbeit gelingt, den Lebensbedingungen unserer heimischen Industrie die notwendige Anerkennung zu verschaffen. Erst dann wird in Deutschland die uns so notwendige Zeit größerer wirtschafts- politischer Ruhe eintreten, unter deren Sicherheit sich Handel und Wandel gedeihlich entwickeln können. Unser Gewerbewesen braucht diese Sicherheit heute dringend, denn die Unklarheit unserer wirtschaftspoliftschen Zukunft ist zwar nicht allein für die noch immer gedrückte Lage der deutschen Arbeit verantwortlich zu machen, aber sie trägt doch dazu bei, daß weitanssehende Unternehmungen vertagt werden. Es ist wohl kaum zu bezweifeln, daß der
Donnerstag» de« 8. Juli.
Reichskanzler zur Überzeugung gelangt ist, daß mit den beschlossenen Aftnimalzöllen segensreich wirkende Handelsverträge nicht abzuschlteßen sind. Jetzt, nachdem die Wahlen die agrarischen Heißsporne zum guten Teil aus der Volksvertretung weggeblasen haben, steht auch zu erhoffen, daß der Kanzler offen, und je eher desto besser, erklärt, daß er sich an die Beschlüsse des verflossenm Reichstag nach dieser Richtung nicht endgültig gebunden erachtet. Jnternaftonalen Verträgen gegenüber muß der Kanzler eine Politik der freien Hand betreiben dürfen!
Die Verhältnisse einzelner Erwerbszweige haben sich zwar in der letzten Zeit gebessert, andere sind jedoch schlechter geworden. So ist es auch heute dem vorsichtigen Beurteiler unserer Volkswirtschaft noch unmöglich, zu sagen, daß der Höhepunkt der Krise überschritten sei. In den meisten Erwerbszweigen besteht auch jetzt twch ein starkes Überangebot von Arbeitskräften; fast alle Jn- dustrieen klagen über stark gedrückte und heute unmöglich hoch zu bringende Warenpreise, sehr viele auch über gänzlich ungenügende Beschäftigung. Man ist heute schon für die geringste Besserung der Lage dankbar und verfällt da leicht in den Fehler, in einer leisen günstigen Regung eine kräfftge Bewegung nach der Richtung des wirtschaftlichen Aufschwungs zu sehen. Zu dieser günstigen Auffassung scheint namentlich die etwas bessere Beschäftigung in der Metallindustrie verführt zu haben. Es ist jedoch zu berücksichtigen, daß gerade in dieser Industrie noch ein sehr starkes Angebot von Arbeitskräften besteht und es sich bei den geringen Lohnbesserungen, die hier zu verzeichnen sind, lediglich um Ausnahmen handelt und um Fälle, in denen der Lohn außergewöhnlich tief herabgedrückt war. Ae gesamte deutsche Eisenindustrie wird noch immer stark vom nordamerikanischen Markt beeinflußt. Dreht sich dort die Konjunktur, so werden voraus- sichtlich in einzelnen Zweigen der Eisenindustrie die schwierigen Verhältnisse erst beginnen, wenn bis dahin nicht andere Märkte wieder aufnahmefähiger geworden sind. In der ganzen Maschinenindustrie ist das Geschäft noch ein schlechtes. Man muß heute völlig davon ab scheu, die Lage derselben nach dem Umfange der Aufträge zu beurteilen. Es gibt Fabriken, die zeitweilig mit Überstunden arbeiten und sich trotzdem in so übler Lage befinden, daß sie bares Geld zusetzen und an eine Erhöhung der seit bald zwei Jahren stark herabgesetzten Arbeitslöhne nicht denken können. Unsere ganze wirtschaftliche Lage wird durch niedrige Warenpreise gekennzeichnet. Man spricht wohl von den hohen Jndustrie- gewinnen und namentlich auf der agrarischen Seite liebt man es, an einzelnen Beispielen das industrielle Einkommen mit dem landwirtschaftlichen zu vergleichen. Für den Volkswirt sind derartige Vergleiche wertlos. Jene Beispiele sind Ausnahmen. Meie industrielle Erwerbszweige sind heute froh, wenn sie einen Reingewinn von 2
bis 3 Prozent erzielen und dabei gibt der Unternehmer seine eigene Arbeit oft noch umsonst. Andere Jndustrteen verdienen überhaupt nichts und noch andere müssen mit Verlust arbeiten. Dabei ist die Arbeit gaitz allgemein schwieriger geworden. Die Heranbringung von ^Aufträgen erfordert natürlich größere Mühe als in günsft» gen Zeften, die Abnehmer verlangen weit mehr Entgegenkommen. Es zeugt weiter für die noch immer bestehende Schwierigkeit der Lage, daß es selbst bei erheblich steigenden Rohstoffpreisen nicht möglich ist, den Warenpreis entsprechend herauf zu bringen. Als das vor kurzer Zeit bei dem Emporschnellen der Rohbauntwolle versucht wurde, trat sofort eine allgemeine Stockung des Garnabsatzes! ein. Das ist ein Zeichen der Leblosigkeit des Geschäfts in der Weberei und in anderen Garn verbrauchenden Jn- dustrioen. Die Arbeit drängt nicht. Es gibt wohl Aufträge, aber nur zu den niedrigsten Preisen. Der ganze Betrieb stockt sofort, wenn diese nur um ein geringes nach oben rücken. Nur Unternehmer, die sich mit dieser unerquicklichen Tatsache abzufinden vermögen, haben ausreichende Beschäftigung: aber auch dann nicht immer. Leidlich befriedigend sind in der Textftindustrie eigentlich nur die Verhältnisse in den meisten Tuchfabriken, in der Wirkerei und einzelnen Zweigen der Konfektion. Dis in den letzten Jahren günstige Lage der vogtländischen Schisfchenstickerei hat jedoch eine Wendung genommen, die wirtschaftlich um so tiefer wirkt, je planloser man dort diese Industrie erweitert hat. In jener Zeit sind im Vogtlande zahllose Lohnstickereien von Leuten ohne genügende Fachkenntnisse und mit sehr geringem Kapital gegründet worden. Wenn der Geschäftsgang nicht bald wieder kräftig einsetzt, so lverden die Kreditgeber dieser Lohnstickep schmerzliche Verluste zu tragen haben.
Plan muß weit berumsuchen, um heute wirklich fruchtbare Gebiete des deutschen Erwerbslebens anfzufinden. In der Bürstensabrikation soll Arbeitermangel herrschen, ebenso in der Tuchindustrie des Bezirkes Aachen und manchen Zweigen der Konfektion. In diesen und vereinzelten anderen Großgewerben Hai matt auch vermocht, den Warenpreis mit dem Preise der Rohstoffe in Übereinstimmung zu bringen und selbst Lohnerhöhungen haben hier und da stattgesnnden. Aber im übrigen müssen die deutschen Unternehmer noch immer in der Hoffnung auf bessere Zeiten Trost suchen.
Natürlich ist auch die Lage der Arbeiter noch immer eine recht schwierige. Die Spargroschen sind längst aufge- zehrt, das Versatzamt ist ein oft ausgesuchter Ort und vielfach müssen auch heute noch Frau und Kind mit irgend, einer Beschäftigung die Familie, so gut es geht, zu erhalten suchen, während der Mann ohne Erwerb ist. Der Berufswechsel ist seit einiger Zeit besonders in den Großstädten ein außerordentlich starker. Ae Not des Lebens zwingt, ohne Strupel mit dem erlernten Beruf zu brechen
Arbeit.
Roman von Maria Schade.
(2. Fortsetzung.)
Dar Marmor glänzte in der Sonne. Er sah ans wie frisch gefallener Schnee. Nur ein paar Stücke schienen um eine Schattierung dunkler. Dazwischen leuchtete der weiße Rock des Bftdhauers.
Die Sonne brannte auf die Mauer, Ist grade ms Gesicht. Ihre Augen waren ungeschützt. Aber sie fühlte keine Hitze, keine Blendung. Alle ihre Sinne spannten nur immer nach der Richtung, wo der Mann stand in dem leuchtenden Mantel.
Wie er wohl aussah ? — Ganz deutlich konnte sie seine ZÜM nicht unterscheiden. Er hatte einen blonden Bart, und die Augen . . .? ^ t r .
Weit beugte sie sich vor. — Jetzt stand sie nur auf
Ae Leiter schwankte. Ae Leiter rutschte.
Ein unterdrückter Schrei. — Ein Rascheln. — Ein
Knicken. — Ein leiser Fall. ,
Ist griff in die Luft, dann in etwas Hartes, Spitzes. Das streifte ihre Wange. Sie preßte die Augen zu,
^Ntm' hob sie die Lider. Vor ihr stand der große, blonde Mann. Er beugt« sich über sie.
Sie lag da — mitten im Jasmin.
Ein schwerer Duft stieg zu dem Manne empor: Der Arft dsr Blüten und der Jugend.
„Haben Sie sich verletzt?"
Sie antwortete nicht. Ruhig blieb sie liegen, ohne sich %vl rühren.
„Können Sie nicht aufstehen?"
Jetzt erst kam ihr der Gedanke, daß sie aufftehen müsse. Sie tat es.
Ar Jasminstvauch knickte und knackte.
Sie fühlte, daß die Blicke des Künstlers jeder ihrer Bewegungen folgten. Sie wurde unsicher, sie wurde rot. Aber er half ihr nicht. Ruhig stand er, die Arme über die Brust gekreuzt.
Jetzt stand auch sie.
Ae weißen Blätter der Blüten hingen in ihrem Haar. Sie lagen auf ihren Schultern. Es sah aus, als wäre sie beschneit.
„Sie haben sich das Kleid zerrissen."
„Wo?" Isis Finger tasteten über den Rock. „Ach da. — Das macht nichts."
„Schade um das hübsche Kleid! — Ich- liebe grün."
Noch immer nestelten Isis Finger an dem Rock, — hastig, — nervös.
„An der Wange haben Sie sich auch ein bißchen verletzt. — Zeigen Sie mal ..."
Ae junge Frau hob das Gesicht. Es glühte.
Der Bildhauer sah hinein — lange.
Sie preßte das Taschentuch gegen die Wange.
„Nur ein kleiner eitiß. — Ich merke es kaum."
Die Sonne brannte. Der Jasmin duftete.
Glut und Duft stiegen aus der Erde. Glut und Dust schmiegten sich an ihre Glieder, daß sie schwer wurden.
Ist war es noch nie so heiß gewesen. Sie glaubte in Flammen zu stehen.
„Und wie kam das eigentlich?"
Ae Sftmme des Künstlers klang weich und sympathisch.
„Wie das kam?" wiederholte die junge Frau hastig. „Ich weiß nicht. — Ae Leiter rutschte . . .
„Also das ist der Bösewicht!"
Der blonde Mann hob die umgefallene Leiter auf und stellte sie wieder an die Mauer.
„Nein, ich bin der Bösewicht, ich allein." Ist über- stürzte sich förmlich in chrer Selbstanklage. „Ich wollte ungerusen, ungebeten in fremdes Gebift steigen. Und da geschah es mir am Ende recht . . ,"
„Daß Ihnen die Mühe des Heruntersteigens durch einen Fall erspart wurde."
Der blonde Mann lachte laut. Auch jetzt klang seine Sftmme weich und sympachisch.
Ist mußte unwillkürlich millachen, obgleich ihr nicht lächerlich zu Mute war. Dabei verzogen sich die schmalen Lippen, hinter denen die kleinen Zähne schimmerten, fast wie zum Weinen.
„Ich saß nämlich oben auf der Mauer. — Lange: habe ich da gesessen."
„Und was taten sie dort?"
„Ich habe Ihnen zugesehen, wie Sie so hin- und hergingen zwischen Marmorblöcken." i
Wieder ruhte der Blick des Künstlers auf den Steinen, die weiß utid schweigend dalagen inmitten des üppigen Grüns wie verirrte Schneemassen. Wieder schien er für - nichts andres ein Auge zu haben. Der Ausdruck seines Gesichts war gedankenvoll und doch unendlich freundlich^ — fast zärtlich.
Und all diese Freundlichkeit, diese Zärllichkeit galt dem toten, kalten Gestein. Ae junge Frau bebte.
Sie wußte nicht warum.
„Ich habe mir eine Ladung kommen lassen". Dev Bildhauer sprach wie zu sich selbst. „Ich wollte ein Stück zu einer Büste aussuchen. Aber ich finde nicht den passenden warmen Ton. Es erscheint mir alles so hell. — Diq Sonne ist heute merkwürdig scharf."
Er sah empor nach dem Himmel. Dann sah er aus das reizende Geschöpf, das vor ihm stand.
Ist fühlte diesen Blick, obgleich sie die Augen fest aus die Erde geheftet hatte.
Nach einer Weile begann sie wieder mit ihrer Selbstanklage:
„Als ich dort oben auf der Mauer saß, nahm ich mir vor, wenn mich jemand fragen sollte, warum ich herab- gestiegen sei, zu sagen, daß mir ein Ball herübergeflogen wäre. — Aber jetzt sage ich das nicht mehr. — Das Lügen ist gemein."
Sie warf das Haupt zurück.
Auf ihr ruhte noch immer der Blick des Künstlers.
Der nickte mit dem Kopfe langsam, beifällig.
„Und warum wollten Sie denn eigentlich herab, steigen?"
„Ich wollte zu Ihnen. . , Ich wollte Ihre „Arbeit^ sehm."
„Meine Arbeft. .
Ter große blonde Mann lächelte, als wollte er sagen: Was verstehst du kleines, unbedeutendes Geschöpf von meiner Arbeit!
