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Ms. 311. Morgen-Ausgabe.

Mittwoch, den 8. Juli.

81. Jahrgang. 1903.

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L Es liegt alle Wahrheit und alle Weisheit zuletzt in * der Anschauung.

^ Schopenhauer.

*

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(20. Fortsetzung.)

Kentnant Lämmchens Abenteuer.

Eine heitere Geschichte von G. v. Stokmans-Germanis.

Bald darauf traf ein Lichtschein sein Gesicht, und Mannia, versehen mit einer kleinen Laterne, schlüpfte aus dem Schrank hervor. Die Röte der Befangenheit lag noch auf ihrem Gesicht, und daneben machte sich ein Zug miß­trauischer Abwehr beinerkbar. als sie aber Lämmchen er­blickte, der wie ein armer Sünder vor ihr stand, mußte sie lächeln, und die Verstimmung verflog.

„Also Sie sind es wirklich, Leutnant Lämmchen", sagte sie mit einem Anflug von Spott und Ironie, „das ,st allerdings höchst merkwürdig. Wie in aller Welt kommen Sie denn hierher in diesen verborgenen Winkel, und was haben Sie mit der Bibliothek zu tun?" Er neigte schuldbewußt sein Haupt.

„Wißbegier und Neugier, mein gnädiges Fräulein, vereint mit meinem gewöhnlichen Pech, haben mich m diese unselige Lage gebracht. Die Bücherschätze der Bibliothek lockten mich, und da ich den Spott der Kame­raden und jungen Damen fürchtete, begab ich mich heim­lich in dieses Paradies der Wissenschaft. Dann fiel mir die eigentümliche Anordnung der Bilder auf, ich witterte eine verborgene Tür und suchte danach — wie man nach der Lösung eines interessanten Rätsels sucht — ohne be­sondere Absicht, nur zu meiner eigenen Belehrung und Befriedigung. Daß ich sie fand, war eine Überraschung — daß ich sie benutzte, Torheit und Übermut. ■ Ich wurde sogleich dafür bestraft, indem sie sich plötzlich hinter mir schloß und mir den Rückzug völlig abschnitt. Sett- dem sind qualvolle Stunden verflossen, ich bin, meist im Dunklen, in diesen öden Gängen umhergeirrt und wußte keinen Ausweg, bis ein glücklicher Zufall mich dm Ein­gang in diesen Wandschrank finden ließ."

„Und woher wußtm Sie, daß dieser Schrank zu meinem Zimmer gehört?"

„Der zarte Duft, der dm Kleidern mtströmte, der- riet es mir, außerdem sprach Ihre Tante, das alte Fräu­lein von Twielendorf, kürzlich davon, daß Ihr Gemach früher zu den verrufenen, übelbeleumdeten des Schlosses gehört habe. Da dergleichen immer einm realm Hinter­grund hat, erschim es mir durchaus wahrscheinlich, daß der geheime Gang gerade mit diesem Zimmer in Ver­bindung stehe." ,

„Vorher wußtm Sie von alledem mchts, Baron Bock?"

„Nein, auf Ehre, meine Gnädigste, ich wußte nichts, ich ahnte und kombinierte nur mit einer gewissm Findig­keit. Schon als Knabe ging ich mit Vorliebe auf Ent- deckungsreism, und das Geheimnisvolle zog mich an, aber noch nie ist mir mein Vorwitz so übel bekommen wie hmte. Denken Sie nur, wmn ich den Weg zu Ihnen nicht zufällig gefunden, Ihre Aufmerksamkeit nicht erregt hätte? — Welchen Möglichkeiten und Gefahren war ich

ausgesetzt? Tagelang hätte ich hier schmachten können, und mein Verschwinden, verbunden mtt straffälliger Dienstversäumnis, hätte das allergrößte Aufsehen errege.

Mannia blickte ihn prüfend an. „Nun, offen ge- standen", sagte sie, „Ihre Lage tf* nicht ^Midem-wert, aber Sie haben bei alledem doch mehr Gluck wre V.l- stand. — Nur sehr wenige wissen um das Geheunn s nur der Bibliothek, und zu den wenigen gehöre zufällig iw. Als ich dieses Ziinmer bezog, war der Wandschran^ver- schlossen und mit einem großm Möbel verstellt d Verbindung mit dem geheimen Gang also unbekanm Ich habe ihn erst wieder freigemacht allerdings ohne seine Eigmtümlichkeit zu verraten, und er hat mir schon recht gute Dimste geleistet. Ich will Sie nun m d Bibliothek zurückgeleiten oder, was noch besser ist, Ihmn den Schlüssel zur Bildertür und meine Laterne leihen, aber eins müssen Sie mir vorher fest versprechen:. Alles — ich sage alles ohne Ausnahme — was Sie tn den letzten Stunden entdeckt und erfahren haben, was der Zu­fall Ihnen verriet, muß für immer ein Geheimnis bleiben Sie dürfen nichts verraten, nichts andeuten, nichts ahnen lassen. Auch ich schweige natürlich von dieser Begegnung gegen jedermann, und wenn Sie das Bedürfnis haben 1 sollten, mir zu danken, so findet sich spater wohl einmal Gelegenheit zu einem Gegendienst."

Lämmchen verneigte sich tief und küßte Manma mit Wärme die Hand.

„Mein gnädiges Fräulein", sagte er, „aie können sich auf mich verlassen, es bedarf keiner weiteren G. r- mahnung. Ich weiß, was, ich Ihnen und diesem Hau^ schuldig bin, und wenn ich jemals nn stände wäre, ^chneu nützlich zu sein, so würde mich dies unaussprechlich de-

^"Mannia schien beruhigt. Sie nickte ihm freundlich zu, übergab ihm die beiden Dinge, welche ihm m diesem Augenblicke köstlicher erschienen als Diamanten und Perlen, und er trat eilig den Rückweg an.

Die Laterne warf chr scharfes Licht vor ihm her, der Schlüssel öffnete spielend die verborgene Tur und nnt einem tiefen Seufzer der Erleichterung betrat Lämmchen die Bibliothek, die er so ahnungslos verlassen hatte Tie Freiide über seine endliche Befreiung vernaschte sich mit dem Staunen über die aufregende Entdeckung, daß Max und Mannia das gesuchte heimliche Liebespaar seien, aber ganz klar kamen ihm seine Empfindungen nicht mehr zum Bewußtsein und das Bedürfnis nach Ruhe ubertvog momentan jedes andere Gefühl.

So eilte er denn nach seinem Zimmer, betrat es vor- siwtia und batte die Genugtuung, Panthenau nicht mehr wach zu finde,i. Auch aus den, Nebenzimmer tonte der melodische Doppelakkord eines sanften Schnürchens und so entkleidete er sich im Dunklen und ging schnell zu ^ett

Ani anderen Morgen erschien ihn, sein ganzes Men- teuer wie ein böser Traum, verbunden mü heftigem Alp­drücken, und er tnar frob, als er sich aufs Pferd wtzen und mit der Schwadron auf dem Manoverfelde umher- jagen koirnte. Lust und Beivegung taten ihm wohl, und der Dienst war so anstrengend, daß er für Stunden sogar das ganze Erlebnis vergaß. In seinem Portemonnaie verwahrte er aber den Schlüssel, den Mannia ihni ander- traut hatte, und als die Offiziere Mittags um zwei Uhr

in ihre Quartiere zurückkehrten, tvurde Lamnichen. wieder an die Ereignisse der vergangenen Nacht gematznr.

Ein gesährlicljer Einbrecher, war aus deni einige Meilen entfernten Staatsgefängnis entwichen, und seme Spur führte nach Süderau. Berittene Gendarmen, welche die Gegend absuchten, durchstoberten jeden Winkel im Dorf, nahmen Hof und Park tit ^ugenschemuin gingen, geleitet von Frau Klmgebeil, durch das ganz- Schloß. Mit Spannung erwartete inan das ürgebnw Ter Hausherr, der jede Ungemütlichkeit haßte, e-ülarte die ganze Haussuchung für Unsinn, die Dlenstbown zitterteii vor der Möglichkeit, nnt einem fo s °sKiS Menschen unter einem Dache zu wohnen, imd die jungen Mädcheil heuchelten im Gegensätze dazu eine Gleichgültig keit, welche in alleni nur eine interessante Episode sah. Jedenfalls bildete die Angelegenheit den Gegenstand v el seitiger Erörterungen: die ganze Gesellschaft bifan ! ij in einer gewissen Aufregung, und schließlich sagte der alte Baron zu Leutiiant Lämmchen:,,

„Sagen Sie mal, Baron Bock, find Sie gesterm emer verdächtigen Persönlichkeit begegnet oder haben Sie der Ihrer Rückkehr etwas, Ungewöhnliches bemerkt? Unb

^Lämmchen wußte nicht, was er sagen sEe; so ub^.

aufgefallem"^Panthmau"der dmreben stand, schlug auf die Schulter und meinte lachend: „Der gute Ungar' wein des alten Oberförsters scheint ihn recht lange gefe elt zu haben. Als wir zu Bett gingen, schlug es elf Uhr.u.w da war von meinem Freunde Lämmchen iioch nichts ->u

^^»Donnerwetter, tvie kamen Sie denn da ms Haus?" fragte der alte Baron, „war denn die Tur noch offen .

Lämmchen wurde siedend heiß unter diesem Verhör. Als ich kam, Mar sie noch offen", sagte er der Wahrheit gemäß und der Hausherr fuhr fort: „Da kann der fremde Kerl, der Lump, möglicher Weise ja Nngeschlichen haben. Balkendunkel war es geftern abends nach sehn Uhr und ich begreife nicht, wie Sie bei der Finsternis durch den Wald reiten konnten. Na, jedenfalls will ich dem alten Esel, dem Friedrich, mal ordentlich die Leviten lesen, weil er so schlecht aufpaßt. Das Haus soll nicht so

‘““fämÄÄ rWft Satte, übet UkWMHc rm beschützet den Mantel des Schweigens breiten zu können, fühlte sich sehr unbehaglich bei dem Gedanken, daß dem alten Diener um seinetwillen Unrecht geschah und beschloß, diese Sünde durch ein besonders groß^ TrmkgÄd wieder aut zu machen; aber, wenn er geglaubt Hatte, damit zur »Vf««!, f» irrte -- sich Auch Kon dem unseligen Flüchtling dl- Rede, und Mt Malve wurde von der allgemeinen Besorgnis angesteckt. -

Zuerst nahm die Unterhalttmg etnen ganz gemuk. litfyen und fröhlichen Verlauf, das heißt, sie begann mst einer kleinen Plänkelei zwischen Lammen und Panthenau, und als ersterer einer spitzen Bemerkung nnt einer treffenden Erwiderung begegnete, rief «palduig von der anderen Tischseite beifällig:

„Gut gebrüllt, Löwe! Lämmchen, du darfst dich

einen raufsetzen!"

(Fortsetzung folgt.)

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