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»I. Jahrgang.

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Verlag: Langgafse 27.

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Da« 318. Verla,S^erufprecher R». 2961.

übend - Ausgabe.

Körbrr rontra Khuen-Hedrroary.

n. Wien, 6. Juli.

Dem Kabinett Khuerr sind nicht einmal die obligaten Fliüerwocl-en gegönnt, die sonst einem jeden neuen Ministerium beschieden zu sein pflegen. Im ungarischen Parlamente wurde gegen das neue Kabinett sofort ein heftiges Gewehrfeuer eröffnet und hier und da flog sogar erne Kuael ans dem eigenen Lager gegen die Brust des Grasen Khnen und jetzt wird gar gegen die Position des ungarischen Premiers aus Wien aus Kanonen gröbsten Kalibers geschossen .... Das Ministerium Korber hat seine Demission gegeben, weil es in Österreich für die aus den Konzessionen des Kabinetts Khuen sich eventuell er­gebenden, verhängnisvollen Folgen die Verantwortung nicht tragm wolle noch könne. Österreich fühle sich durch die wachsenden Aspirationen Ungarns in seiner Existenz- Basis bedroht. Me Furcht vor der ungarischen Kommando-Sprache, welche das Heer entzweiteilt, und vor der Zollgrenze, welche die Monarchie wirtschaftlich in ^wei Telle schneiden würde, hat sich urplötzlich der öster­reichischen Parteien bemächtigt, den nationalen Heiß­hunger der Tschechen ins ungemefsene gesteigert und dem österreichischen Ministerpräsidenten das Gespenst von dem Zerfalle Österreich-Ungarns vor das geängstigte Auge ge­zaubert. In dieser politischen höchsten Seelennot wandte sich der österreichische Premier an den Träger der Krone, Rettung heischend durch eine Erklärung von berufenster, höchster Seite, welche über das Schicksal des Reiches ent­scheiden soll. Nun, diese Beruhigung wird von höchster Stelle nicht ausbleiben. Der Monarch wird, so heißt es allgemein, schon in der nächsten Nummer des Amtsblattes eine Verlautbarung erlassen, welche geeignet sein wird, die österreichischeKrise zu beseitigen, die österreichischen Parteien zu beruhigen. Wohlgemerkt, die österreichi­schen . . . Und welche Wirkung kann eine solche Er­klärung auf die ungarischen Parteien ausüben, die, bis an dieZähne bewaffnet, gegenwärtig auf kurzeZeit mit dem Gewehr bei Fuß einander gegenüberstehen, bereit, bei dem geringsten Verdachtsmomente den unseligen Kampf von vorn zu beginnen! Fürwahr, eine furchtbare, schier trostlose Situation. Offenkundig bereits ist die Feind­schaft der beiden Kabinette, offenkundig tobt der Kampf der beiden Parlamente gegeneinander, Österreich steht gegen Ungarn im Felde und Ungarn gegen Österreich. Möglich, daß es einem geschickten Schachzuge von oben ge­länge, für einen Augenblick noch die Gefahr, die aus diesem Kampfe dem Lande droht, zu beschwören: aber wie soll dieser Streit bei der Pulverhitze der Gemüter von hüben und drüben schon in nächster Zukunft dem ersehn­ten Frieden weichen? Wo ist die mächtige Persönlichkeit, die dieser schweren Zwietracht Einhalt gebietet? In jenen

Mittwoch» den 8. Juli.

politischen Kreisen, welche von der Partei-Leidenschaft noch nicht gänzlich verblendet sind, hofft man auf ein Machtwort der Krone. Auf ein Machtwort, das vorerst in Ungarn die Ordnung wiederherstellt, wenn auch um den Preis der bisherigen'Konstitution. Die ungarische Oppo­sition, und mit ihr das ungarische Parlament, soll durch die Cloture, und wenn dies durch den Widerstand der Parteien unrnöglich, so durch absolutistische Mittel ge­knebelt und unschädlich gemacht werden. In Österreich, wo der § 14 noch immer zu Recht besteht, könne man, so glauben diese Kreise, der Situation eher Herr werden. Mit der eventuellen, baldigst erfolgenden Auflösung des ungarischen Reichstages könnte auf diesem Wege der erste Versuch unternommen werden. Vielleicht, so hofft man, werde das ungarische Volk in letzter Stunde Einsicht haben und selber zu dem noch möglichen Korrektivum greifen, die turbulenten, intransigenten Elemente, die sich selbst gegen ihren anerkannten Führer Franz Kossuth empörten, von dem ungarischen Parlamente fernzuhalten. Das allerdings wäre eine Rettung für das Land. Ob aber die ungarische Wählerschaft, welche seit Monaten durch maßlose Agitaston in Wort und Schrift aufgewühlt wurde, hierzu genug ruhiges Blut und gewissermaßen auch genug Selbstüberwindung haben werde, das läßt sich augenblicklich nicht Voraussagen und wird jedenfalls auch von dem Tone der Manifestation, die man jetzt seitens der Krone erwartet, und von den Ereignissen, die derselben in Österreich wie in Ungarn folgen werden, stark beeinflußt werden. Es gibt genug Leute in Ungarn, die an äußerste Schritte der Krone an eine Verfassungs­änderung nicht glauben wollen, da der Monarch ja auf die ungarische Konssttuston geschworen habe und dem greisen Herrscher die Heiligkeit des Eides über alles steht. Mer schon erheben sich ganz offen Stimmen, die von der Mög­lichkeit einer Thron-Entsagung Franz Josephs sprechen, nicht allein aus Gründen sehr begreiflichen Mißmutes und natürlicher Ermüdung, sondern auch deshalb, damit der Nachfolger des Kaiser-Königs, der noch keinen Eid ge­leistet, in jedem Bezüge den Ereignissen gegenüber freie Hand habe und handeln könne, wie es die Notwendigkeit, die Rettung der Monarchie erheische.

*

M. Berlin, 8. Juli. Der „Voss. Ztg." wird aus Wien telegraphiert: In hiesigen politischen Kreisen wird das kaiserliche Handschreiben als ein starker Erfolg Körbers bezeichnet. Ebenso erblickt man in der Lösung der Krisis eine ausgesprochene Niederlage der Tschechen.

Der Zustand des Papstes.

Berlin, 7. Juli. Nach einem Bericht der „Germania" weilten am Bett des Papstes, als ihm das Abendmahl dargereicht wurde, 20 Kardinale, alle Prälaten seines Hofes und die Angehörigen der Familie Pecci. Der Papst empfing das Sakrament bei vollem Bewußtsein;

NeSakiisnS-FernlpreLer R«. 68. 1908 . *

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er betete alle Gebete mit klarer Stimme mit, bekreuzte sich, sank dann schmerzlos zurück und verlor anscheinend das Bewußtsein, aber nur einen Augenblick, denn schon um 8 Uhr verlangte er, aus dem Bette wieder in den Lehnstuhl gehoben zu werden; er sprach vom Tode als von einer Gnade Gottes. Nur eines schmerze ibn, nämlich, daß er den Triumph deft Kirche über jene, die den Pap st der weit»! lichen Herrschaft beraubten, nicht mehr erleben werde. Aber sein Erbe, sagte er zu Kar­dinal Vannutelli, ruhe in der Hand desjenigen, der den Menschen Recht und Gerechtigkeit gegeben habe. — Als die Leibärzte Lapponi und Mazzoni daS Gemach deS Papstes betraten, fragte dieser: „Wie finden Sie mich?" — „Besser, Heiligkeit", lautete die Antwort, „und wenn Sie die ärztlichen Verfügungen treu befolgen, so dürfen wir hoffen". — — „Nein", unterbrach sie der Papst, „Joachim Pecci stirbt, aber der P a p st i st unfehlbar und unvergängli äf.

hd. Berlin, 7. Juli. Der Vatikan macht, nach einem Telegramm des „B. T." aus Rom, den Eindruck eines Heerlagers. Alle päpstlichen Reservetruppen sind einbe­rufen und vom Bronce-Tor bis zum Damaskus-Hofe sind allenthalben verstärkte Wachen anfgcstellt. Am Bronce-Tor ist eine große Abteilung Schweizer, die mit dem Gewehr in der einen und einem Papierfücher in der anderen Hand einen gar seltsamen Anblick bieten. Mitq tags fuhr der preußische Gesandte, Baron Rothenhahn, am Vatikan vor.

M. Berlin, 7. Juli. Ans Rom wird dem „V. T. vom Sterbelager des Papstes telegraphiert: Der Todes­kampf hat gegen 4 Uhr morgens begonnen. Ilr. Lapponi ist stets ara Bett des Papstes. Der Vatikan ist durchaus geschlossen. Niemand larf weder hinein noch heraus. Der französische Botschafter, der kurz nach Mitternacht am Sterbelager erschien und vom Papst bewegten Wschied ge­nommen hatte, sowie der Kardinal Mathieu verließen das Schlafgcmach um 2 Uhr, ebenso der bayerische Ge- sandte Baron Cctto, der dem Papst sehr nahe stand und es sich nicht nehmen lassen wollte, den Sterbenden noch einmal zu sehen. Um Mitternacht war der Puls so schwach, daß man das Schlimmste befürchtete. Um 1 Uhr verlangte der Papst zu trinken, woraus ihm ein Glas Champagner gereicht wurde. Dann ersuchte Lapponi die Anwesenden, sich zu entfernen, da der heilige Vater dringend der Ruhe bedürfe. Von dem Segen des Papstes begleitet, verließen alle das Sterbezimmer. Nur die drei Grafen Pecci, des Papstes Neffen, I)r. Lapponi und der Kammerdiener, sowie die Monsignore Mazzolini und Angeli blieben zurück. Um 6 Uhr ließ der Arzt den Kranken, wie dem „Lok.-Anz." telegraphiert wird, auf den Lehnstuhl ans geöffnete Fenster träger. Der Papst seufzte tief und genoß noch einmal in vollen Zügen das Tageslicht. Bald darauf verfiel er wieder in seinen traumhaften, halb bewußtlosen Zustand. Wie dem ge­nannten Blatt noch gemeldet wird, drang der Papst trotz seines Zustandes darauf, daß ihm die Telegramme der

Arbeit.

Roman von Maria Schade.

(1. Fortsetzung.)

Ist war aufgestanden. , T

„So, jetzt sind die Puffen gut. — Aber eure Nadel

nehme ich doch. Gib mir die silberne!"

Me Nadel glitzerte in dem schwarzen Haare.

Von den weißen Schultern war der Frisiermantel gesunken. Sie stand da im Unterrock, im Mieder. Alles Seide. Mit einer rascheir Bewegung streckte sie die Arme nach vorne, grade vor sich hin.

„Ich habe dünnere Arme als die „Arbeit", was?

„Wer, gnädige Frau, das ist doch gar nicht zu ver-

gleichen." „

Noch einmal trat Jfi vor den Spiegel. Nur euren

süchtigen Blick warf sie auf den zarten Nacken und auf die Schultern, die ein wenig spitz erschienen.

„Welches Kleid befehlen gnädige Frau?"

„Ist es heiß draußen?"

„Siebzehn Grad im Schatten."

Sie besann sich einen Augenblick. Dann sagte sie wie einer plötzlichen Eingebung folgend:

„Gib mir das grüne Batistkleid!"

„Das grüne Batistkleid! — Das mögen doch gnädige Frau sonst gar nicht."

„Aber heute ziehe ich es an. Grad heute. Es paßt .— zu meiner Stimmung."

II.

Frau Jfi ging durch den vornehmen Garten. Das grün« Batistkleid rauschte über den Kies. Sie ging lang­sam wie jenrand, der über etwas nachdenkt.

Sie schritt auer über den Rasen, der wie Sammet schimmerte. Behaglich sah sie, wie die schlanken Hälmchen sich unter ihren Füßen krümmten. Sie wußte, daß es ihr Mann nicht gerne hatte, wenn sie das sorgfältig gepflegte Gras mutwillig zertrat. Wer sie tat es doch. Vielleicht eben darum.

Vor der Fontäne blieb sie stehen. Eine Welle starrte sie in das Becken. Me herunterfallenden Tropfen zeich­neten Kreise in das regungslos daliegende Wasser. Es zitterte bei der Bewegung und funkelte in der Sonne.

Frau Ist fetzte sich auf den marmornen Rand des Beckens. Ten Ärmel des grünen Batistkleides streifte sie in die Höhe und tauchte den Arm bis zum Ellenbogen in das Wasser. Wie angenehm kühl das war! — Wohlig plätscherte sie mit den Fingern darin herum. _ Dann legte sie den nassen Arm auf den Marmor vor sich und ließ ihn von der Sonne trocknen. Dabei verglich sie die Weiße ihrer Haut mit der Farbe des Steines. Sie sah die blauen Adern unter dieser weißen Haut schimmern. Tief beengte sie sich herab und küßte ihr eignes Fleisch. Sie küßte es mit Inbrunst und Leidenschaft.

Rasch sprang sie in die Höhe, ergriff eine der schlanken Lilien, lsie um die Fontäne standen, und riß ihr das Haupt ab. Me weißen Blätter streute sie in das Wasser. Mit der verstümmelten Blume peitschte sie den Marmor, auf dem noch eben ihr geliebkoster Arm gelegen. Dann setzte sie sich wieder auf den Rand des Beckens. Ganz ruhig faß sie da — fast ermattet.

Sie dachte an das einstöckige Haus drüben und an den blonden Mann, der Tag ein Tag aus dort arbeitete.

Früher hatte sie die blonden Männer geliebt. Sie hatte ja auch einen geheiratet. Und dann hatte sie die Blonden nicht mehr gemocht.

Warum hatte sie denn überhaupt Ruprecht gehei­ratet? —

Das Wasser der Fontäne glitzerte in der Sonne wie feiner Staub. Me verstümmelte Lilie, die ihre Finger hielten, schwankte leise.

Sie war ja damals noch so jung gewesen, so uner­fahren. Ihre ganze Kindheit hatte sie in einer franzö­sischen Pension verbracht, in die man sie gesteckt, um sie ans anständige Weise los zu werden. Das hatte sie schon damals gefühlt. Denn der Vater hatte eine zweite Frau genommen. Und da war es unbequem, eine Heran­wachsende Tochter im Hause zu haben. Mese zweite Frau

war eine kühle, vornehme Dame, die gestickte Wappen» stützte in dem Salon aufstellte und Servietten mitbrachte^ die mit fast lebensgroßen Kronen gezeichnet waren. Das Stiefkind betrachtete sie wie ein notwendiges Übel, das inan sich möglichst fern hält. Reichte sie der 'zu den Ferien Heimkehrenden die weiße, parfümierte Hand zum Kusse, so tat sie es eben nur, well sie es tun mußte. Ist empfand das Lieblose dieses Bienehmens schmerzhaft. Der Aufenthalt im Elternhause, von dem die anderen Kinder so schwärmten, wurde für sie zur Pein. Und den Tag, der sie in die Pension zurückbrachte, begrüßte sie wie eine Erlösung. Sie hatte keine Heimat mehr, das wußte sie, und das machte sie trotzig und verschlossen. Der Vater starb plötzlich!. Die jetzt ganz Verwaiste kehrte zurück. Sie blieb zu Hause, denn sie war bereits in dem Wter, in dem man sich nicht mehr in Instituten hernm- zudrücken pflegt. Das Leben an der Seite der fremden Frau, die sie Mutter nannte, und die ihr doch nie eine Mutter gewesen war, wurde ihr immer unerträglicher. Jfi beschloß zu heiraten, um frei zu werden. Sie tat es auch. Den Ersten, der um sie anhielt, nahm sie. Und das war zufällig Ruprecht. Sein Äußeres sagte ihr zu. Er war ein stattlicher Mann: groß und blond. Wie sein Charakter war, und ob sie zu einander paßten, da­rüber dachte sie nicht einen Augenblick nach. Sie fragte auch niemanden um Rat, denn sie hätte doch auf keinen Rat gehört. Ob er etwas besaß, oder etwas erwerben könne, war ihr gleichgültig, denn sie war ja reich. Ms Neuvermählte blieben sie in derselben Stadt und zogen in das Haus, das sie noch heute bewohnten. Anfänglich war sie ftoh über diese Veränderung. Sie fühlte nicht :nehr den Zwang der Pension und den Druck einer unbe­quemen Umgebung. Niemand machte ihr Vorschriften. Sie konnte tun und lassen, was sie wollte. Mt wahrer Gier verschlang sie alle Romane, die man ihr bis jetzt verboten hatte. Sie las von einer heißen, gewaltsamen Liebe, die quält und brennt. Unwillkürlich verglich sie ihre eigenen Gefühle mit den geschilderten und kam zu der Einsicht, daß es sehr verschiedene Menschen und