»» Jahrgang.
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|td, 309» Berlags-Fernfprecher No. 295».
Dienstttg, de« 7. Juli»
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1903.
BHorg®n«fflfsgabea
Das erzürnte Paar.
Warum zog das erzürnte Paar,
Sistan und wer sein Gegner war,
Die Degen? Aller Welt zum Schrecken,
Sie — friedlich wieder einzustecken!
Das erzürnte Paar, auf tnddje dies Lessingsche Epi- gramm zutrifft, ist zur Zeit die Türkei und Biüganeu. Beide Staaten Hallen von Lärm und Knegsgeschrer wider, beide Staaten stehen sich bis an dm Zahne bewaffnet gegenüber und beide Staaten beschuldigen sich qegeuseitig kriegerischer Absichten, während sie selbst von den friedlichsten Gesinnungen beseelt zu fein behaupten. Beide Staaten haben den interessierten Brächten durch Eirkularnoten kund und zu wissen getan, daß der andere das Karnickel sei, welches angefangen habe, während er -selbst sich in der Rolle des unschuldigen Lammes gefalle, welches kein Wässerchen trübe.
Es ist richtig, daß die Situation an der turkrsch- bulgarischen Grenze recht bedrohlich aussieht, aber von den Wetterwolken, die sich auf dem Balkan mit chronischer Regelmäßigkeit zusammenballen, pflegt sich erfahrungs- qemätz nur der kleinste Teil zu entladen, und es gehört heutzutage erfreulicher Werse schon zu den seltenMn Erscheinungen, daß „hinten weit in der Türkei dre Volker aufeinander schlagen." Welches ist der Kern des turkrsch- bulgarischen Kriegslärms? Die Türkei behauptet,, daß Bulgarien nicht nur die macedonischen Banden offiziell unterstützt, sondern auch mit Offizieren versorgt, und daß es endlich kriegerische Vorbereitungen mit dem Endziel einer Losreißung Macedoniens von der Türkei treffe. Bulgarien wiederum behauptet, daß die Türkei Kriegsvorbereitungen treffe, zahlreiche Truppen an der bulgarischen Grenze zusammenziehe und dort die wichtigsten strategischen Punkte militärisch besetzt habe.
Was die von türkischer Seite gegen Bulgarien erhobenen Beschuldigungen betrifft, so sind sie im wesentlichen zutreffend. Daß die bulgarische Regierung den Aufstand in Macedonien geschürt hat und daß die Aufrührer von bulgarischen Offizieren kommandiert werden, ist längst unzweideutig erwiesen. Was die Kriegspläne Bulgariens betrifft, so steht es fest, daß zumindest die bulgarische Armee den Krieg gegen die Türkei will. Da aber die Armee in Bulgarien dieselbe ausschlaggebende Rolle spielt wie in Serbien, so kann man wohl sagen, daß, was in Bulgarien die Armee will, auch das Volk will.
Wie steht es nun mit dem Fürsten Ferdinand? Wenn der Vergleich nicht zu respektwidrig wäre, dann würden wir sagen, daß es ihm ergeht wie dem bekannten Grau-
Feuilleton.
Jur Sommerrerse.
Modeplauderei von Louise Schulze-Brück.
Berlin, 1. Juli.
Gaben Sie, geschätzte und fcfjöne Leserin, etwa irgend eine ausgewaschene und verblaßte Stummedienerdecke, Buffetdecke, Tischläuser, kurz irgend einen Gegenstand, der mit mehr oder minder grober, am besten mit ,nnehr Gnipüre oder sonssiger Klöppelspitze garniert ist? Sicherlich! In jedem Haushalt gibt es solche, die man „eigentlich" nicht mehr auffegen kann, aber doch noch tmmer auflegt. Nun wohl, diese Spitzen, die ja gewöhnlich durch ihre Solidität dem Zahn der Zeit erfolgreich getrotzt haben, können setzt zu edleren Zwecken verwendet werden; zu einer Bluse „Saute nouveants". Man trennt nämlich Einsätze und Spitzen ab und verwende sie zu der allerallerneuesten Blusenverzierung. Ich sah neulich in dem Schaufenster eines allererstklassigen Geschäftes eine Bluse aus champagnerfarbenem Seidenleinen (alles Moderne ist champagnerfarben) mit einem Guipüreemsatz von etwa 15 Centimeter Breite vorn herunter Diese Bluse hatte mir etwas unendlich Bekanntes, Liebes, >?ch sann so lange darüber nach, bis zwei Damen, die auch was sehen wollten, ziemlich vernehmlich etwas von „Kopieren" murmelten. Aber ich wollte nichts kopieren! Ich dachte nur darüber nach, warum mir diese Bluse so vertraut erschien. Und endlich hatte ich's. Der Guipüre- einsatz da war ja der Einsatz meiner allerältesten Sturm mendienerdecke, 'die seit Jcchren im Schrank lag, weil die schöne Devise „Ohne Frau'n und guten Wem kann man nicht recht fröhlich sein", völlig ausgeblichen war. Selbst- verständlich trennte ich noch am selbigen Abend diesen Einsatz aus, samt der dazu passenden Spitze, und ebenso selbstverständlich ergab der Einsatz eine prachtvolle Blusen Verzierung, die Spitze die Ärmelmanschetten dazu. Nächstens kommt ein Tischläufer an die Reihe mit der Devis- „Sprich, was wahr ist, iß, was gar ist, trink, was klar ist" Her mit miudesteus fünf Metern hochmoderner Torchou spitze garniert ist. Ebenso werden alle alten Filet
tier zwischen den zwei Bündeln Heu, das nicht weiß, für welches es sich entscheiden soll und dabei elendiglich verhungert. Fürst Ferdinands Brust ist geschwellt von kühnen Plänen. Wie Chamberlain von einem größeren Britannien, so träumt Fürst Ferdinand von einem größeren Bulgarien mit Einschluß Macedoniens, und das Endziel dieser Träume ist die Königskrone von Großbulgarien. Aber auf der anderen Seite steht das andere Bund Heu, das ist die gemächlicheRuhe und die verhältnismäßige Sicherheit, deren sich Fürst Ferdinand zur Zeit erfreut. Nur schnöde Verleumdung kann behaupten, daß Fürst Ferdinand ein Held ist. _ Wenn in Bulgarien irgendwie Verwickelungen oder kritische Tage anbrachen, dann wurde Fürst Ferdinand stets von Gesundheitsrücksichten befallen, die ihn zwangen, an der Riviera oder sonst einem gesundheitszuträglichen Ort die weitere Entwickelung der Dinge abzuwarten. Aus dieser Charaktereigentümlichkeit heraus ist Ferdinand ein begeisterter Gegner kriegerischer Verwicklungen, und so wird auch jetzt seine Friedlensliebe sich als stärker erweisen, denn seine hochfliegenden Pläne.
Es fragt sich nur, inwieweit Fürst Ferdinand in Bulgarien noch das Heft in der Hand hat. Der Fürst erfreut sich in Bulgarien einer wachsenden und ausrich- tig-en Unbeliebtheit. Insbesondere die Armee und die Kriegspartei im Lande überhaupt ist mit dem Fürsten, der ihren großbulgarischen Plänen zu wenig Rechnung trägt, der dem Drängen der Mächte nachgebend gegen die'macedonischen Comitss vorgegangen ist, und der sich weigert, dem Sultan gegenüber den starken Mann zu spielen, im höchsten Maße unzufrieden. So unzufrieden, daß Fürst Ferdinand sich mit ernsten Sorgen tragen soll, welche durch die blutigen Vorkommnisse in dem benachbarten Serbien eine begreifliche Verstärkung erfahren haben. Dazu kommt, daß das derzeitige Kabinett Petrow bekanntlich zur Stambulowisten-Partei gehört. Da aber dem Fürsten Ferdinand mindestens die mora- lische Mtschuld an der noch immer imgesühnten Ermordung Stambulows zufällt, so ist es begreiflich, daß Ferdinand sich angesichts der wachsenden Mißsümmung in Bulgarien in seiner Haut nicht mehr wohl sül)lt und Bedenken trägt, sich der kriegerischen Volksstimmung zu widersetzen.
Trotzdem wird diese kriegerische Stimmung ohne kriegerische Folgen bleiben, da Österreich-Ungarn und Rußland die bulgarische Regierung nicht im Zweifel darüber gelassen haben, daß sie den Strauß mit der militärisch überlegenen Türkei allein würden ausfechten müssen. So dürften denn die kriegerisch gezogenen Degen in Bälde friedlich eingesteckt werden; Ferdinand der Vorsichtige aber wird vielleicht wieder erholungshalber an die Riviera reisen!
Wc jUititialtung im Migrkiltz Jlreuönu
Daß ein Aufschwung in der Industrie ganz naturgemäß auch einen kräftigen Aufschwung in der Landwirtschaft zur Folge hat, erhellt klar aus den kürzlich veröffentlichten Zahlen der preußischen Viehzählung vom 1. Dezember 1902. Freilich kann in einem Industriestaat die Vichzahl nicht im gleichen Maße wachsen wie die Menschenzahl, denn während der Menschen tragende Boden stockwerkweise übereinander geschichtet wird, also tatsächlich vermehrbar ist, ohne der Bodenfläche Abbruch zu tun, ist der viehernährende Boden von Haus aus keine so elastische Größe, wohl aber können die Erträgnisse durch intensivere Kultur immer mehr gesteigert werden. Der 1901 ganz besonders in Norddeutschland eingetretene Mißwachs in Futter hatte einen Rückgang im Vieh- bestand zur Folge, der die Befürchtung wachrief, es könnten ernstliche Schwierigkeiten in der Versorgung unseres Fleischmarktes Platz greifen, und zur Ermittelung des Tatbestandes ordnete daraufhin die preußische Regierung die Viehzählung an. Deren Ergebnisse zeigen freilich, daß in der Rinderhaltung kein unbedeutender Abschlag (etwa 4 %) seit 1900 zu verzeichnen ist, dafür afe eine gewaltige Zunahme der Schweine stattgefunden hat, um fast 20 %. . .
Seit der ersten Viehzählung im Reich 1873 ist die Viehmenge aber gewaltig gestiegen, nur die Schafherden, eines der Merkmale extensiver Kultur, sind gelichtet worden. Freilich das heutige Durchschnittsschas besitzt einen ganz anderen Nährwert als das von 1873, denn damals war Wolle das Zuchtziel, während es heute in viel höherem Maß das Fleisch ist. In Preußen, also dom fast den ganzen Norden Deutschlands ausfüllenden Gebiet,
Zu- ober Abnahme feit 1873
1873
1900
1902
um Stück
UM
Hundert«
teile
Pferde. .
2 282435
2923 627
2 927484
+ 645049
+ 28/w
Rinder. .
8 639 514
10876 972
10 405 769
+ 1766 255
+ 20,«
Schafe . .
19 666794
7 001 518
5917698
-13 749 096
— 69,.1
Schweine
4294926
10966921
• t -A
12749 998
+ 8 455 072
+ 196,88
Interessant ist die Wahrnahme, daß selbst in den letzten beiden Jahren, während deren in einer Reihe Großstädte der Straßenbahnbetrieb vom Pferd zum elektrischen Strom übergegangen ist und das Automobil der Equipage den Rang abzulaufen sucht, die Pserdehaltung noch ge- stiegen ist. Rein örtlich ist hier und da srellich ein Rück- gang zu bemerken, so ist im Laufe der zwei Jahre 1900 bis 1902 im Stadtkreis Berlin allerdings eine Ber- minderung der Pferde um 2811. d. hl. 6,5 %, eingetreten. Aber im ganzen doch trotz dieser gewaltigen.
Guipüre-Arbeiten sehr beliebte Verzierungen zu modernen
Blusen ergeben, sowohl Zwischensätze und Spitzen, als auch die kleinen viereckigen Teckchen, die sich prachtvoll als Carreaus „inkrustieren" lassen.
Daß die uralten bunten Perlentäschchen hochmodern sind, wird die aufmerksame Beobachterin wohl schon bemerkt haben, und wir werden im Verlauf dieser massen-
Fig. 1. Mg- 2.
hasten Verwendung alter Handarbeiten wohl noch dahin gelangen, woll- oder perlgestickte Katzen oder Möpse von alten Sofakissen abzutrennen und irgendwie bei unserer Toilette oder deren Zubehör zu verwenden. Wir können nach den letzten Leistungen auf alles gefaßt sein.
Doch ich wollte ja von Reisetoiletten reden und da hat in dieser luxuriösen Zeit doch glücklicherweise ein altes Sprichwort mehr als je seine Bedeutung: „Mit vielem hält man Haus, mit wenigem kommt man aus!" Mit „vielem" in des Wortes allerweitester Bedeutung
hält die Modedame „Haus", wenn sie ihr Haus verläßt und auf Reisen geht, und mit „wenig" in der allerengsten Fassung kommt die praktische Frau aus, die sich nicht mit dem unbequemen und teuren Ballast von mehreren Riesenkosfern und einem Hutkoffer für sechs bis vierzehn Modellhüte schleppen kann und will. Mst der Modedame können wir uns heut nicht beschäftigen; mag sie ein oder anderthalb Dutzend elegante Toiletten für vormittags, mittags, nachmittags und abends, für Brunnen und Promenade, für Konzerte und Rsunions, für Garten- und Kasinofeste zur Schau stellen, mag sie die verschiedenen Kragen, Stolas und mantillenartigen Umhänge, die heute unbedingt zur eleganten Toilette gehören, gleich halbdutzendweise in ihrem Gepäck fegen und die wundervollen Gazestoffe, die so stilvolle Hals- frfcfeifen abgeben, in allen Farben, Atustern und „Stilen" mit sich führen. Uns interessiert heute mehr die praktische Frau, die zwar ihr Reisegepäck mögtichst „kondensieren", aber doch nicht auf Eleganz und Frische verzichten will. Und dieser mag zunächst angeraten sein, das sogenannte „Reisekleid" aus einem recht festen und soliden Stoff zu wählen und sich ja nicht etwa durch die augenblickliche Beliebtheit der grobsädigen, kanevasartigen Stoffe zu einem solchen Kleid verleiten zu lassen. Ein Reisekleid soll aus ganz festem Material bestehen, das sich nicht verzieht, nicht knittert, nicht leicht fleckt, und aus dem man im Notfall einen Fleck mit Wasser und Seife herauswaschen kann. Außerdem muß es noch elegant aussehen und sehr gut gearbeitet fein. Die Zeiten sind vorbei, da man mit einem „alten" Rock im Coups saß und Touren unternahm. Wir Modernen sind viel zu anspruchsvoll, um eine solch« Toilette auf der Reise zu verzeihen, wir verlangen, daß die Frau immer elegant erscheint. Als Rockform ist unbedingt die amerikanische, schleppenlose, zu empfehlen, dre übrigen* sehr schick gearbeitet sein muß. Wählt man einen halblangen, recht losen Sackpaletot ans demselben Stoff -As Jacke, der mit weiten Ärmeln gearbeitet ist, die untm in Bändchen gefaßt sind und am Halse in Geishaform nbließt und mit Steppblenden verziert ist (Fig. 1), sowie -inen einfachen Hut mit schicker Bandgarnitur oder den beliebten Panama, der auch zugleich zu Sportzwecken aller Art getragen werden kann, so ist man sicher, stets elegant
