1. Seilage ;um Wiesdaüener Tagblatt.
§U* 309. Morgen-Ausgabe.
Dienstag, ben 7. Inli.
öl. Jahrgang. 1903.
Wer nicht mit aller Qual lieben kann, dem ist auch das letzte Schöpferische im Ahnen und Gestalten verschlossen.
Carl Hanplmann.
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(19. Fortsetzung.)
Leutnant Lämmchens Abenteuer.
Eine heitere Geschichte von G. v. Stokmans-Germanis.
Der geheime Gang schien eine Sackgasse zu fein, eine tückische Falle, in die er meuchlings hineingeraten war. Rätselhaft blieb nur, wo das Liebespaar hergekomnren war, welches heimlich und regelmäßig die Bibliothek besucht hatte. Wäre der aufgefundene Brief nicht gewesen, Lämmchen hätte in diesem Augenblicke die Existenz dieses Liebespaares angezweiselt und sie für ein Wahngebilde seiner Phantasie gehalten, aber er hatte die Tatsachen ja schwarz auf weiß und konnte sie nicht mehr hinwegleugnen. Schade, daß die beiden beschlossen hatten, die Bibliochek nicht mehr zu besuchen; unter den obwaltenden Umständen wäre ihm eine unfreiwillige Begegnung mit ihnen lieber gewesen als dies tatenlose Hindämmern in
egyptischer Finsternis. Sie hätte ihm doch die ersehnte
Befreiung gebracht.
Stunden vergingen, und an der eigenen Müdigkeit spürte er das Herannahen der Nacht. Nun entschloß er sich noch zu einem letzten Versuch. Vorsichtig schlich er im Dunklen den Gang zurück, begab sich zur Treppe, entzündete wieder ein Streichholz und bemerkte zu seinem Entzücken, daß der Gang sich auch nach einer anderen Richtung hin noch fortsetzte. Nun tappte er, nachdem das Lichtchen verlöscht war, immer weiter, stolperte endlich über eine Unebenheit des Bodens und fiel der Länge nach lang hin. Um sich aufzuraffen, tastete er mit der rechten Hand nach einem Halt und bekam etwas zu fassen, was er für einen Vorsprung der Mauer hielt. Es war aber ein großer, eiserner Knopf, der sich durch den starken Gegendruck seines Körpers zur Seite schob und eine Tür so plötzlich öffnete, daß er fast zum zweiten Male hingefallen wäre. Etwas Weiches, Duftiges streifte mm sein Gesicht, und als er die Arme ausstreckte, umfaßte er zu seinem Staunen allerlei Stoffe, knisternde Seide und weiche Mousseline, die vor ihm herabhin^en. Nur nut Mühe konnte er sich dawischen hindurchwrnden, und als er nun ziemlich unsanft gegen eine Bretterwand stieß, wurde ihm klar, daß er sich in einem tiefen Wandschrank befand, der mit Damentoiletten angefüllt war.
Ein Seufzer der Erleichterung hob seine Brust. Hier war der Aufenthalt ungleich angenehmer als in dem feuchtkalten Gang, und wo Damentoiletten hingen, inutz- «n auch Damen in der Nähe fein. Außerdem weckte da» starke Parfüm, daS den Sachen anhcrstete, eine ganz bestimmte Erinnerung in ihm. Es war Heliotrop, und Mannia bediente sich desselben mit Vorliebe.
Sollte dieser Schrank vielleicht zu Mannias Zimmer gehören?
Die Tür war von außen verschlossen, aber die Möglichkeit, sich bemerkbar zu machen, lag doch vor, und wenn die sogenannte schöne Melusine die Bewohnerin war, durfte er sie unbesorgt inS Vertrauen ziehen. Mannia
war nicht nur liebenswürdig und gewandt, sondern auch klug und diskret. Durch ihr Gemach konnte er den Korridor und die Haupttreppe gewinnen — sie würde ihm helfen, ohne ihn zu verraten, und wenn er sich erst wieder in seinem Zimmer befand, war alle Angst und Not vorbei.
Um nach der Uhr zu sehen, opferte er sein letztes Streichholz und steckte dadurch beinahe die ganze Herrlich- keit in Brand. Er erschrak nicht wenig, als ein duftiger Spitzenvolant sofort Feuer fing, aber es gelang ihm noch, die Flamme auszudrücken, und so war der Schaden, den er anrichtete, nicht allzu groß. Jetzt zeigte die Uhr auf zehn; gegen elf ging man gewöhnlich auseinander, und Mannia hatte dann noch allerlei zu tun, was sie länger zurückhielt als die anderen. Es konnte also noch etue Stunde vergehen, bis sie ihr Zimmer aussuchte, und Lämmchen erschien diese Wartezeit besonders lang. Inzwischen machte er es sich etwas bequem. Bei dem Herum- tasten in dem mit Kleidern angefüllten engen Raume hatte er eine Kiste mit festem Deckel gefunden, die chm in Ermangelung eines Stuhles sehr geeignet für einen Ruhesitz erschien.
Er schob sie, immer im Dunklen hantierend, in die Mitte, machte die Kleiderhaken darüber frei, nickt gerade zum Vorteil der betreffenden Toiletten, die er anderweitig unterbrachte, und nahm mit einer gewissen Befriedigung darauf Platz. Indessen, die Ruhe sollte nicht von langer Dauer sein, er hatte die Tragfähigkeit des Möbels stark überschätzt, und als er sich mit seinen langen Beinen ein bißchen zurechtrückte, brach die Kiste mit einem lauten Krach zusammen. Er selbst fand sich auf der Erde wieder, und als er in die Trümmer hineinfaßte, wurde ihm erst der ganze Umfang des Unheils klar.
Etwas, das nach Form und Gefühl ein großer, runder Hut gewesen sein mußte, mit hohen Federn und seidenen Bändern, irgend ein Wunderwerk moderner Putzmacher- kunst, lag zusammengedrückt, platt wie ein Eierkuchen in der zerbrochenen Kiste, und Lämmchen erfaßte ein leichtes Grauen bei dem Gedanken an den Eindruck, den dies? Wandlung später auf die glückliche Eigentümerin machen mußte. Er wußte, Damen verstanden in diesen Dingen keinen Spaß, und Mannia, deren Toilettengeld nicht über- mäßig groß sein konnte, empfand den Verlust gewiß noch schmerzlicher als manche andere.
Jeder Sünder ist bestrebt, seine Missetat zu verbergen; so versteckte auch Lämmchen die unglücklich« Kiste in einem Winkel unter den am längsten herabhängenden Kleidungsstücken, und harrte dann stehend, an me Wand gelehnt, der Dinge, die da kommen sollten.
Endlich börte man eine Tür gchen, und im Nebenzimmer wurden Schritte laut.
Lämmchen klopfte an die Schranktür und zwar leise mit unterdrückt« Heftigkeit, denn er wollte kein allgemeine» Aufsehen «regen, ab« doch sich bemerkbar machen, ehe die Bewohnerin deS Gemache» daran dacht«, sich auszukleiden.
Einen Augenblick stockten die Schritt«, es war, als bliebe man lauschend stehen, dann bewegten sie sich wieder in der langsamen, unregelmäßigen Weise, welche das Ord- not von Sachen in einem beschränkten Raume ergibt.
Lämmchen klopfte stärker, rhythmisch in ganz be- stimmten Zwischenräumen, und nun hörte er, wie die Schritte sich eilig dem Wandschrank näherten und dicht davor anhiÄten.
Er legte den Ddund an die Tür und ries halblaut. „Fräulein Mannia, ich bitte, öffnen Sie, lassen Sie mich ein, erbarmen Sie sich", aber seine Worte wurdm uber- tönt durch ein scharfes, schweigen-gebietendes „Scht" von ihrer Seite, worauf sie sich eilig entfernte, eine Btnrmct* tür schloß und den Riegel mit lautem Geräusch vorschob. Dann kehrten die Schritte zu dem Wandschrank Zu^n^- und Mannias Stimme rief halblaut im Tone höchster Erregung:
„Um Gottes willen, Max, wa? willst du hier? Wie kannst du so rücksichtslos und unvorsichtig sein? Willst du mich denn durchaus kompromittieren? Ich sagte dir doch, dieser eine Weg sei dir für immer verboten, und du versprachst mir hoch und heilig, ihn nie zu betreten."
Lämmchen wollte ihren Irrtum aufklären, ab« Mannia hörte gar nicht auf seinen Versuch zu reden, sie fuhr heftig fort:
„Glaube nur nicht, daß ich dich einlasse ich tue eS nicht, nein, ganz gewiß nicht — meinetwegen kannst km die ganze Nacht hier stehen", und wieder entfernte sie sitz, um erregt im Zimmer auf und ab zu laufen.
Nach einer Weile versuchte er es mit dem Klop m von neuem, und nun kam sie zum zweiten Male in sein«
^"^Laß den Lärm", flüsterte sie nngediildig. „Lies ist nebenan und kann uns hören", und dann nut einem plötzlichen Wechsel der Stimme:
„Max, geliebter Max, ich flehe dich an, gehe zurück! Ich habe dir ja schon viel zu Gefallen.getan, aber dick einlassen, hier in mein Zimmer, so spater stunde, das ist einfach unmöglich. Wenn wrr uns "a der Bibliothek sahen, so war das etwas anderes, und selbst das erwies sich schließlich als gefährlich, und bedacht ^ch verspreche dir, morgen früh ganz zeitig, zwischen sechs und sieben, in der Speisekammer zu sein und dich dort zu erwarten, es fällt nicht auf, wenn du dort hineingehst, um etwas 0 u holen oder von mir zu verlangen. Aber nun geh. Max, Geliebter, geh' schnell — ich kann nicht zur Ruhe kommen, so lange ich dich in meiner Nähe weiß."
Lämmchen war ganz verwirrt. Einen solchen Empfang hatte er nicht er wartet, aber die Verzweiflung gob chm den Mut, dessen er in dieser heiklen Situation bedurfte, und so sagte er schnell und laut:
Gnädiges Fräulein, erbarmen Sw sich, helfen Sie mir, ich bin nicht Ihr Vetter, und ich erlaube mir keinen Scherz mit Ihnen, um Sie zu erschrecken, ch bm Lannu. chen und in arger Verlegenheit. Durch dw Bibliothek kam ich in den geheimen Gang hinein, aber oben schloß sich die verborgene Tür, und ich kann nicht wieder zuruck. WaS in aller Welt soll ick tun?" ^ ^
Einen Augenblick war e« totenstill im Zimmer. Mannia mußte sich wohl von ihrem Sckweckimdchrer Überraschung erst erholen und einen Entschluß fasten r aber allzu lange währte die Ungewißheit nicht und wie Sphärenmusik klangen Lämmchen die Worte ins Ohr:
„Gehen Sie ein paar, Schritte zurück, in den Gang und warten Sie dort — ich bin gleich bei Ihnen.
Lämmchen tat, wie ihm befohlen war, arbeitete sich vorsichtig durch die Kleider hindurch, fand die Hintere Schranktür, und gelangte glücklich in den schmalen, kleinen Korridor, in den er vorher hineingefallen war.
(Fortsetzung folgt.)
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