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Wiesbadener Tsgblstt

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310 » BerlagS-Fernfprecher No. 2958.

Abend-Ausgabe.

m—.

Der Instand des Papstes.

Rom, 6. Juli. (Privat-Telegramm des Wiesbadener Tagblatts".) Bulletin von8Uhr abends: Deutliche Anzeichen einer allgemeinen Krafte- abnahme machen sich bemerkbar, -rue Atmung ist häufiger, oberflächlich, der Puls klein, zuweilen nicht jüülbar, Temperatur andauernd unter normal. Die geistigen Kräfte sind ungetrübt.

wb. Rom, 6. Juli, abends 11 Uhr. Mazzom erklärte 'dem Vertreter der „Agenzia Stefani", er glaube, der Papst könne, wenn nicht em unvorhergesehenes Ereignis eintrete, noch 24 oder 48 Stunden leben. Wie der ! .aümvatore Romano" in einer Sonderausgabe meldet, EZL» sSK in der Paulinenkapelle das Mer- heiligste ausgestellt. Die „Tribuna schreibt. Eine neue 'Verschlimmerung im Befinden des Papstes rief überall tiefsten Eindruck hervor. ^ „ ,

hd Rom 6. Juli. Dem „Giornale d'Jtalia zufolge '.st es nicht ausgeschlossen, daß der Papst noch 8 bis 6 Tage

ICl \d. Berlin, 0. Juli. Aus Rom meldet das „V.T": Wie aus vatikanischen Kreisen verlautet, gedenkt der Camerlcngo Oreglia, im Falle des Todes des Papsteo Rampolla nicht als Staatssekretär zu bestätigen. — Heute vormittag um 11 Uhr waren sämtliche Schüler der kleri- kalcn Schulen Roms zu einem Gebet nt der Peterskirche versammelt. Ebenso hielten alle katholischen Gesellschaften Italiens heute Andachten ab. — Der Papst äußerte heute .zu Kardinal Agliardi den Wunsch, das Bett zu verlassen, >nrit dem Hinzufügen, er wolle nicht rm Bette sterben.

>Er besaß sogar die Energie, zum Schreibtisch zu wanken und wichtige Papiere herauszunehmen und dem Monslg- chore Mazzolini zu übergeben. Ebenso wählte er unter Len Utensilien und Nippsachen des Schreibtisches eigen­händig Andenken für seinen Nesfen aus. Heute früh Diktierte der Papst dem Kardinal Agliardi sogar noch eme neue Variante zu einem Gedicht.

wb Rom. 6. Juli. Nur Rampolla und der Neffe des Papstes betraten heute das Gemach be$ Papstes. Wie die Tribuna" meldet, diktierte der Papst heute dem Msar Mazzolini einige Anordnungen bezüglich des Kirckenvermoaens Msgr. Angeli traf Verfügungen be- MfichLEP?Ltvermögens. Währmd er diktierte gmg der Papst mchrmals zum Geldschrank und zum Schreib­tisch um Papiere, die er brauchte, herauszunehmen. Heute vormittag erkundigte der Papst sich, was man m Rom von seiner Krankheit sage. ^ . , ,

Rom, 6. Juli. Das Krankenzimmer des Papstes, das vermutlich auch sein Sterbegemach sein wird ist mit grünem Damast au sgeschlagen, ebenso der Alkoven^mst

Arbeit.

Roman von Maria Schade.

Der Garten war eigentlich nicht groß. Und doch sah es aus als ob er groß wäre. Das machte die geschickt. Aillage Wer es war ein vornehmer Garten mit sorg­fältig gepflegten Rasenplätzen, die wie Sammet sHrmmw- len init breiten Kieswegen, auf denen auch nicht da- kleinste Hälmchen sproß, mit seltenen Zierpflanzen, flau- röüscb aeschnittenen Hecken und einer Fontane m der Ke standen schlanke Lilien. Die

wiegten langsam ihre weißen Häupter m dem Sommer- winde Zuweilen fiel ein Tropfen des immer plätschern- den Wassers in einen der weit geöffneten Kelche. Dann bÄte die Schlanke. Uiid der Schatten auf dem Rande

des Marmorbeckens bebte auch. *.

Am, Eingang zu dem Garten standen Oleander uw., Lorbeerbäume in großen Kübeln. Der Oleander bluhw,

und die Lorbeeren dufteten. _

Das Haus, zu dem der Garten gehörte, lag da ebenso ruhig — ebenso vornehm. Vor einige der Fenster waren zumSchutze gegen dieSonne die grünen ^alousteen heumtergAassen Vor die anderen hatte man nur die

^°Jn dem weiten Treppenhause war es kühl dämmri.. Durch die hohen gemalten Fenster fiel das dickst in bunten Streifen aus^ die weißen Marmorstufen.. Der Korridor lautlos. Den Ton jedes Schrittes ersfickten die dicken

^Di^Zimmer eines hinter dem anderen. Jedes ein Prunkgemach. Viel Polster, viel Tekoratwn, viel Kunsr. Die Beleuchtung unsicher. Tie Luft schwul. „

4 dem letzten Zimmer, das mit seinen zwei großen Fenstern hinausstarrte in den schweigenden Garten, saß Frau Ist Ruprecht, die junge Herrm des Hause- Sie wß vor dem Toilettentische mit den blitzenden Krystallen. Nachlässig hatte sie sich zurückgelehnt in den kleinen seidenen Fauteuil. Hinter ihr stand die ^ungfer. Dre Miete das lange schwarze Haar.

Dienstag» 7. Auli.

KedaktionS-Fernsprecher Ro. 52.

1903 .

dem einfachen Lager des Papstes., Das Ziinnier hat nu ein einziges Fenster, dessen reiche Vorhange halb g - schlosseri sind und das Licht dämpfen. Das rienster schaut auf den Petriplatz und ist den Römern wie, den Fremden wohlbekamtt. Rechts vom Fenster steht em künstlerisch geschnitzter Schrein mit zahlreichen Schubladen und Kassetten, links ein Schreibfisch mit schwerem stlbwnen Tintenzeug und einer Goldfeder, einem Elfenbem- Kruzifix und einigen Büchern, ww die Bibel, Dante, Virgil, Horaz; vor dem Schreibfisch steht etn vergoldeter Sessel in rotem Damast, und neben dem Bette em Bet­stuhl. Außer einem Madonnenbilde enthalt das Gemach keinerlei andere Gemälde. Hier pflegt der Papst smne intimeren Audienzen zu erteilen, und, von demselben Zimmer führt eine Tür nach der Privatkapelle, eine andere nach dem kleinen Thronsaal. Gestern öortmttag diktierte der Papst dem Sekretär Angeli, einige lateinische Verse und bat diesen, sie sofort in die Druckerei de- Vattkans zu schicken, weil er den Korrekturabzug sehen wolle. Der Papst äußerte, es wären dm letzten Verse seines Lebens und er wollte sie vor seinem Tode der- öffentlichen. Die Verse atmen fiese Melancholie und ent- halten unter Anrufung des Erlösers , und der heuigen Junafrau den Abschied von allen Christen — Nachdem der Papst am Sonntag die Sterbesakramente empfangen hatte, plauderte er mit Kardinal Macchi, und sagte: „Icun bin ich auf das Ende gefaßt: ich weiß nicht ob allech was ich getan habe, gut gewesen ist, aber sicherlich habe ich stet- meinem Gewissen und unserem Glauben gehorcht. Die wichfigsten einlausenden Telegramme werden dem Papst zur Kenntnis gebracht. - Nach der „Tribuna" vwbnngt Leo seine Zeit abwechselnd im Bett und Lehnstuhl. Wenn er auf ist, trägt er ein weißes Gewand: er.ist sehr nervös. Der Auswurf gilt als erstes Anzeichen für dre Reaktion seiner Natur, als gutes Symptom, aber dw Schwache scheint zuzunehmen. Eine Persönlichkeit, dre den Papst gesehen hat, hebt die unbeugsame Energie desselben Hw vor: seine Stimme sei noch klar und kräftig. „sch weiß, saate der Papst, „daß ich dem Ende nahe bm, aber ich will ausrecht sterben." Unter solchen Worten geht der Papst am Arme seiros Neffen, des Grafen Peccr oder ganz ohne Hilfe auf und ab.

wb Rom, 6. Juli. Alle Personen, welche nicht zum Vatikan gehören, mußten den Palast um 10 Uhr abends verlassen Es wurde selbst Nicht gestattet, den Krankhetts- bericht zu lesen. — Die „Jtalie" meldet, Kardinal Gibbons werde dem Konklave beiwohnen können, da etn Dampfer sich anheischig gemacht hat. ihn nt 6 Tagen nach Havre zu bringen. Dagegen werde der Erzbischof von Sydney, Kardinal Woran, an dem Konklave nicht teil nehmen können. Die Kardinale, welche den Kardinals but noch nicht erhalten haben, empfangen ihn,, durch Camerlengo, damit sie am Konklave twlnebmen können. Die Architekten des Vattkans, Schneider und Marttnucn,

trafen Maßregeln für das Konklave. — „Avantt zu folge bestäügte Lappom. daß der Zustand des PapM hoffnungslos sei und daß er nur durch ein Wunder ge­rettet werden könnte. Das getmunte Blatt meldet fernw^ Kardinal Vives äußerte, seine Kollegen seren zu schwärz­lich beivegt, um an das Konklave zu denttu. Das Blatt fügt hinzu, Bwes gehöre zur Partei Rampollas. Er wwde seine Stimme im Konklave geltend machen.

wb Rom, 6. Juli. Wie „Kapitän Fracassa meldet, versammelten sich bei Kardinal Gottr heute 11 Kardinale, um ihre Ansichten bezüglich der Papsfivahl Esz^auschem Dabei wurden die Namen Vanutelfi, Gotfi und Rampolla aenannt Das Blatt meldet weiter: Wenn Kardinal

Oreglia zum Papst gewählt werden sollte, werdeer dm Namen Pius X. amrehmen, tveil er von Pru- IX. pn Kardinal ernannt worden sei. Sollte einer der von Leo XIII. ernannten Kardinale gewählt werden, so Wwde er wahrscheinlich den Nameii Leo XIV annehmen. Als dem Papste die letzte Ölung erteilt wurde, waren Lapponr und der Leibdiener des Papstes, Centra, zugegen. Die

Zierlichkeit war von kurzer Dauer. Der Papst empfing die letzte Ölung bei vollständig klarem Geiste Aus dem Petersplatze sammelten sich abends Hunderte von Per-

sonen an-Rom Q ^ Gegenüber einer Meldung des Pariser „Gaulois" erklärt die „Tribuna", , die rtalie- nischen Minister hatten keine Veranlassung, rm Hrnbnck auf die Erkrankung des Papstes mit der Reise des Königs nach Paris sich zu beschäftigen. Hinsichtlich des Zeitpunktes der Abreise des Königs von Raccemgi nach Paris sei durchlaus nichts geändert. „Ferner wklart dre „Tribuna es auf das bestimmteste für falsch, daß Zanardellr mrt den Ministerii des Kabinetts über irgend welches Vorgchen beriet das bezwecke, die dem Papste durch Gesetze ver­bürgte Unabhängigkeit einzuschränken. Zanardelli werde sich'darauf beschränkm, die Achtung der Gesetze und der Freiheit zu sichem. — Hinsichtlich des Befinden- !>eS Papstes schreibt die „Tribuna", dem gestrigen Pesstmis- mus folgte heute im Vatikan übertriebener Optimismus. Das Blatt fügt hinzu, Rampolla sei es, durch «n günstige Nachrichten verbreitet werden. — Bet der Er- tellung dw letzten Ölung waren fernw zugegen Unter- sakristan Majordomus Azevedo, Oberstkämmerer Bi-lett, die päpstlichen Nobelgardeii, Graf Peccr, Kommandant Rospigliosi, Marquis Sacchetfi, Geheimkammwer Mishiatelli, Graf Zichy, Sony de Samper, Soapttnellr, dre Sekretäre Bkazzolini und Angeli und dw Überbringer der goldenen Rose. Graf Sederini. . ^ ^ ,

hd Berlin, 7. Juli. Uber das Befinden des Papstes werden dem „B. L.-A." folgende Depeschen aus R o m übermittelt. Nach einer leichten Besserung, dw rm Laufe des gestrigen Tages eingetreten war, verschlimmerte sich der Zustand kurz von 8 Uhr, so daß das Schlimmste zu be- fürchten stand. Nach der Ansicht dw Ärzte lebt der Papst

„H." rief Frau Ist .^4tust mir weh Tu weißt , doch, auf der rechten Seite bm ich empfindlich. Hast du I das schon ganz vergessen?".

Die Jungfw stottwte eme Entschuldigung.

„Überhaupt bist du heute unaufmerksam. Dir^ liegt etwas im Kopfe. Wohl der. gestrige Wend? Wo stecktest du übrigens gestern? Als ich nach Hause dwn, warst du >iicht da. Sie sagten, du jetst fortgelaufen. Wo warst du?" Die Jungfw wurde dunkelrot. .

„Gnädige Frau", starnmelte sie, „ich bitte tausend- mal um Enfichuldigung, daß ich ohne Erlaubnis fort- legangen. Abw ich war ja nicht wett, tmr dort — »rüben . . ."

Frau Ist folgte neugierig der Richtung, nach der der silberne Kamm wies, der in dm Händen der Dtenerm leise ztttwie. Sie schaute über die Bäume und Strauchw hinüber nach dem einstöckigen Hause, das sich jenseits ihrw Gartenmauer erhob, grau und schmucklos.

„Dort bist du gewesen? — ~ doch nicht.

„Gnädige Frau, ich sage die Wahrheit.

„Da wohnt sa ein Bildhauer . . ."

ßcrx Meerbach. Sein Sit eitet hat er gl^tch tm Hause. — Ich war nur kurze Zeit da — kaum eine halbe Stunde. — Gnädige Frau können mtr wirklich glauben ..."

„Und was machtest du da? ^

„Ein bekannter junger Mann arbeitet dort. Er wollte mir nur zeigen, was er schon alles kann.

„Ah! — Du hast also einen schätz?

In Frau Isis matten Augen flamntte ev PloAch auf Lauernd betrachtete sie durch den Spiegel das Gesicht dw Jungfer .das in, dem schwarzen Haare der Herrin förmlich

^ Nein, gnädige Frau, wir stiid nur au- einem ^.orse Er war unser Nachbarssohn."

Was Ihr doch immer reich seid an Nachbarn! — Wen'n's euch Patzt, macht Ihr Gott und die ganze Wel. dazu. Alle süßen Beziehungm werden über Zaune an^

^Steüachte lcmt nnt hellw sympathischer Stimme. Die

weißen Zähne blitztm. Ihr Bild im Spiegel lachte auch. Es war ein hübsches Bild. Das Gesicht etwas blaß, müde. Aber jedw Zug so fein. Hinter den langen Wimpern schimmerten die großen Augen, auch ein wwng tratt. Aber sie hatten einen wechselnden Glanz. Die Farbe war nicht leicht zu bestimmen. Immerhin konnte mau sich an dem Anblick freuen. Und« Frau Ist tat es auch. Scherzend begann sie wieder: .

„Ich will mich ja gar nicht in Deme Hwzensgeheum msse drängen. — Übrigens wünsche ich dir alles Gute. Wenn's so wett ist, will ich dir auch gratulieren. Don deiner Hochzeit werde ich schon Notiz nchmen. Und^ OT hübsches Patengeschenk sollst du auch habw."

„Aber, gnädige Frau . . ." ^ ^ a

„Na, laß nur, laß! Man muß an alles bm Zeiten denken.-Abw vor der Hochzeit gibt es kein Paten­

geschenk. — Merke dir das!"

„Abw, gnädige Frau ..." . . ^

Der Ton der Sfirmne klang em wenig gereizt. Die Jungfer setzte ein Atäulchen auf. Sie spielte dre Be- leidigte. Das machte der Herrin Spatz.

„Alles ist in dw Welt schon dagewesen. Du wurdest nicht die erste sein ,und wahrscheinlich auch nicht die lchte. Aber bei dir würde ich es nicht gern scheu. Ich sage es ganz offen. Du hast dich bis jetzt immer anständig ge­halten. Tu' es auch weiter! — Die Hwren Bräutigams sind zuweilen etwas unbescheiden. Und das gibt einen Mißklang in die Ehe. Wenn's dann überhaupt noch zu

einer Ehe kommt-Au!-Du vergißt schon

wieder meine empfindliche rechte Sette.. Diesmal ver­zeihe ich es dir noch.-Mache mir wieder die Puffen.

So wie ge]tem. Nur etwas höher. — Schmuck nehme

‘ d) Jsi^schwieg. Auch die Jungfw sprach kein Wort. Ihre Finger arbeiteten nur etwas nervöser in dem schwär-

vom

Träumwisch schaute die junge Frau durch das Fenster Mer sie schaute nicht hinab m den Garten Ihr Blick aalt nur dem einstöckigen Hause drüben, das so grau und alltäglich dalag in all dem schimmernden, flutenden Sonnenschein,