Sl. Jahrgang.
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Abend■Ausgabe»
Der Zustand des Papstes.
wb. Rom, 4. Juli. Alle Blätter bringen Nachrichten über die Erkrankung des Papstes. Der „Tribuna" zufolge leidet der Papst an Darmbeschwerden und Hämorrhoiden. Man hegte bereits ernsthafte Befürchtungen, aber die heute früh eingetretene Besserung schloß eine unmittelbare Gefahr aus. Die klerikalen Blätter sollen, der Tribuna" zufolge, angewiesen worden sein, beunruhigende Meldungen für unrichtig zu erklären und den dadurch hervorgerufenen Eindruck von einer schweren Erkrankung abzuschwächen. Die Kardinäle erschienen im Vatikan nicht, da die Nachricht von der Erkrankung erst abends bekannt wurde. — „Giornale d'Jtalia" schreibt, der Papst schlief seit mehreren Nächten schlecht und sollte sich indessen schonen. Er wollte aber die ungarischen Pilger empfangen. Daher rührt die Schwäche, welche bei seinem Alter natürlich noch durch die ersten heißen Tage vermehrt wurde. Dies gab der Umgebung des Papstes Anlaß zurBesorgnis, nicht aber denArzten, da bisher keine Ohnmacht eintrat, wie sie unter solchen Umständen dem Papst zugeschrteben werden und woran er früher tatsächlich litt. Lapponi, welcher die Nacht nach dem Ohnmachtsanfall in der Nähe des Papstes zubrachte, begab sich gegen 2 Uhr morgens an das Bett des Papstes, welcher über Schlaflosigkeit klagte, aber die gewohnte heitere Stimmung zeigte. Das Blatt meldet weiter, das Befinden des Papstes hatte sich nach dem Pontifikatsjubiläum gebessert, er wurde jedoch darauf von einem Katarrh ergriffen, welcher niemals gänzlich beseitigt wurde. Er litt außerdem an Verdauungsstörungen.
wb. Rom, 5. Juli. „Popolo Romano" meldet, daß der Papst während der Nacht geschlafen und im Vatikan alles ruhig verlaufen sei. Dem „Messagero" zufolge hat sich das Befinden des Papstes gestern abend leicht verschlimmert und Lapponi hat infolge des Schwächerwerdens der Herztätigkeit des Papstes die ganze Nacht gewacht. Die Zeitung fügt hinzu, in der Nacht habe man das Gerücht verbreitet, der Zustand des Papstes sei sehr ernst. Das Gerücht sei aber später dementiert worden. „Voce della Verita" beschränkt sich darauf, einfach die Meldung des „Osservatore Romano" von gestern abend zu veröffentlichen.
wb. Rom, 5. Juli. (Agenzia Stefani.) Der Papst hat die Nacht ruhig verbracht, so daß Dr. Lapponi 5 bis 6 Stunden schlafen konnte. Der Zustand ist unverändert und weder eine Besserung noch eine Verschlimmerung festzustellen. Indessen ist der Zustand fortdauernd e r n st. Gegen 10 Uhr morgens hatten Dr. Lapponi und Professor Mazzoni eine Besprechung, möglicherweise wird ein Krankheitsbericht ausgegeben. Doch bedarf es hierbei der grüßten Vorsichtsmaßregeln, weil der Papst die Zeitungen lesen will, und die Arzte den Eindruck, den der Papst durch die Berichte empfangen könnte, vermeiden wollen. Lap
poni begab sich heute vormittag auf kurze Zeit nach Hause und kehrte dann zum dauernden Aufenthalt nach dem Vatikan zurück.
wb. Rom, 5. Juli. Uber die ersten Wahrnehmungen der gegenwärtigen Erkrankung des Papstes wird jetzt gemeldet: Der Papst befahl am Freitag früh, einen Wagen zur Spazierfahrt in die vatikanischen Gärten bereit zu halten. Er begab sich aber, da er in der Nacht nicht geschlafen hatte, bereits um 7 Uhr 45 Min. nach dem Garten und ging, da er einen Wagen nicht vorfand, auf einen Stock gestützt, spazieren. Wahrscheinlich war er hierbei in Schweiß geraten. In seine Gemächer zurückgckehrt, äußerte der Papst, er befinde sich nicht wohl. Er empfing nachmittags seinen Leibarzt Lapponi. Auch für Samstag früh war eine Spazierfahrt im Garten angesetzt. Als der Papst nicht nach dem Garten herabkam, tauchten die ersten Gerüchte über eine Unpäßlichkeit auf, welche sich später bestätigten.
hd. Berlin, 5. Juli. Uber das Befinden des Papstes wird dem „V. L.-A." aus Rom telegraphiert: Es ist plötzlich eine Verschlimmerung eingetreten. Eine Lungen- Entzündung am rechten Lungenflügel ist vorhanden. — Wie dem „B. T." telegraphiert wird, hatte der Papst vorgestern nacht einen starken Diarrhöe-Anfall und heftige Unterleibsschmerzen. Der Leibarzt Dr. Lapponi wurde sofort herbeigeholt und blieb die ganze Nacht im Vatikan. Der Papst fühlte sich sehr entkräftet. Er hatte seit einigen Tagen auch den Schlaf entbehren müssen. Gegen Morgen fühlte er sich etwas besser. Er nahm ein Gläschen Likör zu sich. Dr. Lapponi begab sich nach Hause, wurde aber bald wieder gerufen. Der Papst hatte dann einen Ohnmachtsanfall, der das Schlimmste befürchten ließ, doch trat gegen 1 / 2 I 2 Uhr vormittags wiederum eine leichte Besserung ein. Lapponi blieb die ganze Nacht im Vatikan. Heute soll eine Konsultation mit Mazzoni stattfinden. Wie es heißt, wurde der Kardinal Oreglio Camerlengo vom heiligen Kollegium verständigt, sich für den Fall des Ablebens des Papstes bereit zu halten. Im Vatikan herrscht die größte Aufregung. Ein in der Nacht eingetroffenes Telegramm aus Rom bestätigt, daß die Entzündungs-Erscheinung des rechten Lungenflügels nicht sehr fortschreitet und auch der Kräftezustand des Patienten beruhigend ist. Das Fieber ist mäßig.
wb. Rom, 5. Juli. Uber das Befinden des Papstes wurde heute vormittag folgendes Bulletin veröffentlicht: Lapponi hatte, da ihm der Gesundheitszustand des Papstes Besorgnis einflößt, eine Besprechung mit Mazzoni, der die von Lapponi auf senile Hepatisation der Lunge gestellte Diagnose bestätigte und die von Lapponi eingeschlagene Behandlungsweise billigte. Der allgemeine Zustand des Papstes ist in Anbetracht seines Alters ernst, für den Augenblick aber nicht beunruhigend.
wb. Rom, 5. Juli. Die Veröffentlichung des ersten Bulletins erfolgte, nachdem Dr. Lapponi und Professor Mazzoni gemeinsam den Papst etwa eine halbe Stunde untersucht hatten. Während des ärztlichen Besuchs weilten der Majordomus Msgr. Cagiano de Azevedo, Oberstkämmerer Msgr. Bislcti und andere Würdenträger in den
päpstlichen Vorzimmern. Im Vatikan war in der Frühe
die Kenntnis des wahren Zustandes des Papstes noch nicht verbreitet. Von der Veröffentlichung des Bulletins war man daher allgemein schmerzlich betroffen. Die päpstlichen Truppen bleiben konsigniert. Heute früh hielten Kardinalkämmerer Oreglia, die Kardinäle de Pietro, Gotti, Macenni und Rampolla eine gemeinsame Beratung ab. Der Kardinalvikar ordnete in allen Kirchen Gebete für den Papst an. Heute abend werden Lapponi und Mazzoni den Papst wieder besuchen und wiederum einen Krankheitsbericht ausgeben. Eine Anzahl Mitglieder des? diplomatischen Korps erschien im Vatikan, um sich über das Befinden des Papstes zu erkundigen. Gegen mittag verschlimmerte sich das Befinden des Papstes etwas. Mazzoni äußerte, die Krankheit zeige Neigung, sich auszudehnen, daher ist der Zustand ernst, wenn auch augenblicklich nicht beunruhigend. Lapponi und Mazzoni haben dem Neffen des Papstes, Grafen Camillo Pecci, sowie Rampolla mitgeteilt, daß das Befinden des hohen Kranken ernst ist.
wb. Rom, 5. Juli. (4 Uhr nachmittags.) Lapponi erklärt, der Papst verbrachte eine ziemlich gute Nacht, doch sei sein Zustand der Schwäche wegen ernst. Der „Tri- buna" zufolge reichte Lapponi nachts angesichts der Herzschwäche Reizmittel, gab stärkende Nahrung und versuchte durch Lagerveränderung Linderung zu schaffen. Bei der Untersuchung sagte der Papst zu Mazzoni, es sei das erste Mal, daß er ihn nicht zuversichtlich finde! In allen Kirchen werden Gebete für den Papst abgehalten und das Allerheiligste ausgestellt, was als Bestätigung des ernsten Zustandes angesehen wird. „Osservatore Romano" und „Voce della Vcrita" fordern in Sonderausgaben, in denen der Krankheitsbericht mitgeteilt wird, zu Gebeten für die Genesung des Kirchenoberhauptes auf. — Der König, der sich seit gestern in Raccvnigi befindet, wird durch fortlaufende Depeschen von dem Befinden des Papstes unterrichtet, ebenso Zanardelli und die Nuntiaturen im Auslände.
wb. Rom, 5. Juli. (6 Uhr abends.) Die Umgebung des Vatikans und der Vatikan zeigen das gewöhnliche Bild, nur sieht man, daß zahlreiche Kardinäle und andere kirchliche Würdenträger sich nach dem Vatikan begeben, unter ihnen die Kardinäle Serefino Vannutelli, Gotti und di Pietro. Staatssekretär Rampolla benachrichtigte heute vormittag das heilige Kollegium von dem Zustand des Papstes. Kardinalkämmerer Oreglio begab sich um 11 Uhr nach dem Vatikan und blieb eine Stunde dort. Um 4 Uhr nachnnttags erschien er dort aufs neue und verweilt noch daselbst. Aus Italien und allen Ländern der Welt gehen zahlreiche Nachfrage-Telegramme im Vatikan ein.
hd. Berlin, 6. Juli. Aus Rom wird gemeldet: Kardinal Vannutelli reichte gestern abend 7 Uhr im Beisein sämtlicher Kardinäle und Bischöfe dem schwer leidenden Papst die Sterbesakramente. Während der Ceremonie präsentierten die Truppen das Gewehr. Der Papst empfing die Sakramente, die Augen gen Himmel erhoben, ohne ein Wort an die Umgebung zu richten. Sämtliche Anwesenden waren aufs tiefste erschüttert und knieten
Im Meißen Kleide.
Roman von M. Böhme (O. Sandor).
(Schluß.)
13. Kapitel
Zwei Jahre sind nach Marikes und Knut Webers Tode verflossen. Noch liegt Knuts Hügel emsam auf der HNde; bei der geringen Sterblichkeit im Dorfe können irEierhin noch einige Jahre vergehen, bis der alte Krrch- Hof voll ist und matt den neuen in Angriff nehmen mutz.
Auf dem Heidhof aber herrscht seit Jahr und Tag frohes Leben und Treiben.
Es war ein glücklicher Gedanke von Maud gewesen, «lls sie Gottburgsen nach seiner Rückkehr damals dm Rat gab, den Heidhof in ein Waisenhaus umzuwandeln. Ganz enthusiastisch hatte er die Anregung aufgenommm, und da auch Thygo dem Plane beistimmte, hatte er gleich die nötigen Schritte getan, seinen Entschlutz auszuführen. In Pastor Wese hatte er eine tatkräftige Stütze seines Unternehmens und einen hilfsbereitm Freund gefunden, dem er bei seiner bald danach erfolgende, Abreise nach Amerika umfassende Vollmachten hinterließ. .
Nach Jahresfrist konnte das Haus ferner nmen Be- sttmnmng übergeben werden. Das Diakonissenmutter, haus in Flensburg hatte auf Pastor Weses Ersuchen eine ihrer Schwestern als Leiterin des Kinderheims her- grgeben, eine liebe, sanfte Dame, die ihre Eigenschaft als Mutter der verwaisten kleinm Schar in vollem Sinn erfaßte.
Den Statuten der Sftftung gemäß wurden nur Vollwaisen der Gemeinde ausgenommen, und da es deren nur eine beschränkte Zahl gab, konnte jedem einzelnen ber Kinder eine desto größere Sorgfalt zugewendet werden.
Den Bestimmungen des Stifters gemäß sollte dem Hause der. Charakter eines wirklichen Heims gewahrt
bleiben. Kein Waisenhaus im gewöhnlichen Sinne, kein Asyl , sondern ein richtiges Heim, in dem die Bewohner eine Familie bilden und in dem sie sich zu Hause fühlm. Und so ist es geworden. Die sieben rotwangigm Bübchen und Mägdlein, die im Haus und Hof einherspringen und unter Schwester Mathildens liebreicher Obhut prächtig gedeihen, haben hier eine richftge Heimat gefunden, in der sie nichts vermissen, vor allem Nicht die Liebe, die einem Kinde so notwendig ist wie einer Pflanze Luft und Sonne. ,
Das Haus selbst ist nur wenrg verändert. Ern Drittel der weiten Loodiele ist zu Stuben eingerichtet, und an Stelle des großen Einfahrtstores ist eine verschließbare Haustür getreten, über der ein der Bedeutung des Hauses angemessener Bibelspruch angebracht ist:
Was ihr den geringsten unter meinen Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.
Die Bewirtschaftung der Ländereien wird nach Knut Webers Gewährter Methode weitergesührt. Die Bedürfnisse des Heims werden reichlich durch die Erträge der Landwirtschaft gedeckt: seitdem Mr. Mrken, dessen Tochter das Protektorat über die Stiftung übernommen hat, eine bedeutende Summe für das Heim spendete, ist sogar ein erheblicher Überschuß zu erwarten, der der Zukunft und einer vielleicht zu erwartenden Erweiterung des Heims zu Gute kommen soll.
Heute ist der erste Jahrestag der Einweihung des Hauses, ein Festtag für alle Bewohner des Heims, dessen Stimmung wesentlich dadurch erhöht wurde, daß Fräulein Maud Dirken, die liebenswürdige Gönnerin des Hauses, ganz unerwartet gekommen war, um ihn mit- zuseiern.
Die Kleinen sind alle mit einander ganz „weg" in die schöne blonde Dame, die ihnen einen Reisesack voll Spielsachen und Näschereien mitbrachte und den ganzen Tag ntit ihnen spielte und plauderte. Nun ist es Wend ge' worden. Im Pesel, der jetzt als Eß- und Speisesaal für
die Kinder dient, ttmringt die muntere Schar. den schweren eichenen Eßtisch, Schwester Mathilde, _ dre trt ihrem blütenweißen Häubchen daneben sitzt, spricht das Tischgebet, dann wird die Abendmahlzeit, rote Grütze mit Milch und Zwieback, aufgesüllt und mit bestem Appetite eingenommen.
Laue Sommerabendluft füllt das geräumige Zimmer. Am Horizonte geht die Sonne zur Rüste. Goldrots Lichter schwanken über die Himbeersträucher und die duftreichen Sommerblumen im Garten.
Eine Weile ist nur das Klappern der Löffelchen ver- nehmbar: nachdem die Mahlzeit beendet, wird noch ein halbes Stündchen draußen gespielt; dann geht's in die Bettchen, und nach einer weiteren halben Stunde ist Ruhe im Hause. Die Schwester ist noch in dem Schlafzimmer der Kleinen beschäftigt; für kurze Zeit ist Maud sich selber überlassen, und diese benutzt sie zu einem Spazier- gange nach Knut Webers einsamem Heidegrabe.
Mauds warmes Interesse an dem Schicksal ihres Freundes und der Seinen hatte schon lange den Wunsch in ihr erweckt, seine Heimat und das Heidhaus kennen zu lernen. Die Jahresfeier bot ihr deshalb eine willkommene Gelegenheit, ihren Entschluß zu verwirklichen.
In ernstem Sinnen verloren, steht sie eine Weile an dem einsamen, vom roten Abendlicht umflossenen Grabhügel, über den die Heide jetzt wieder ihren braunrosigen Schleier breitet. Ein großes schwarzes Kreuz bezeichnet das Grab, sonst nichts. Ringsum Heide, Heide, Heide, weltvergessene, weltverlorene Heide!
Aber Mauds Gedanken eilen weiter zu dem fernen Freund, dessen Heimat diese braune, kirchenstille Heideebene ist. Als er vor zwei Jahren zu ihr zurückkehrte und ihr seine Erlebnisse in der Heimat mitteilte, hatte sie in bewegen wollen, nun in Berlin °zu bleiben und in seinen Arbeiten Vergessen zu suchen. Gottburgsen wollte davon aber nichts wissen. Es war ihm, wie er sagte, als ob er zu leicht mit allem fertig geworden sei; l ein bestimmtes Gefühl trieb ihn nach drüben, zu Pieter
