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|t)). 307* verlags-Fernsprecher Ro. 2958.

Sonntag» den 8 . Iulü

NedaktionS-Fernsprechcr No. 52.

1903.

Morsen«flusgabe.

Sozialpolitische Umschau.

— Anfang Juli. —

Was der neugewählte Reichstag sozialpolitisch be­deuten wird, läßt sich schon jetzt aüschätzen. Es hat zwar ein Ruck nach links stattgefunden, aber dieser war nicht stark genug, um die leitendeil Grundsätze unserer inneren Politik wesentlich zu berühren. Wir glauben, daß der reue Reichstag schwerlich in ein anderes sozialpolitisches Fahrwasser einlenkt. Er wird alte Gedanken weite» spinnen und die einer bedächtigen sozialpolitischen Ent Wickelung holden Reichsregierung bei ihren Bestrebungen unterstützeil. Einen Vorteil hat die Negierung durch dei» Ausfall der Wahlen. Sie kann sich bei ihren sozial­politischen Plänen nicht nur auf deren kulturelle Not­wendigkeit, sondern auch darauf stützen, daß die weit überwiegende Mehrzahl der deutschen Wähler sich durch ihre Abstimmung aus die Seite nicht nur einer sich vor­sichtig vorwärts taste,»den, sondern selbst einer entschieden und stürmisch voran drängenden Sozialpolitik gestellt hat. Ein etwas schnellerer Schritt würde auch aus diesem Grunde erklärlich sein ; die in der Sache selbst liegenden Schwierigkeiten werden schon verhindern, daß die Gang­art sich unnatürlich beschleunigt und schließlich unsere Ge­sundheit Schaden nimmt.

Das Beispiel des Reiches wird mrch unter der neuen Volksvertretung auf die Sozialpolitik der Einzelstaaten zurückwirken. Wenn in ihnen seit geraumer Zeit sozial­politische Gedanken kräftige Wurzeln trieben, so ist das mm giüen Teil doch auch auf Anregungen zurückzuführen, die im letzten Reichstage gegeben wurden. Er hat manche schwere Sünde aus sich geladen und sie sind ihm in den Wochen der Wahlleidenschaften oft ohne alle mildernden Umstände in Anrechnung gebracht worden. Von dem Toten wollen wir jetzt ehrlich anerkennen, daß- auch er gute Seiten hatte und uns besonders sozialpolitisch ein Stück vorwärts gebracht hat. So ist nach unserer Überzeugung namentlich auch die lebhaftere Betätigung der Einzel- staaten auf dem Gebiet der W o h n u n g s f ü r s o r g e auf kräftige Anregungen durch Reichstag und Reichs- regierung zurückzuführen. Tie Kritik, die hier geübt, die Maßregeln, die ergriffen wurden, haben die Aufmerksam­keit in hohem Maße auf die bestehenden Wohnungs­zustände gelenkt und auch in den Emzelstaaten der Er­örterung dieser Frage einen kräftigen Rückhalt gegeben.

Unter diesem Gesichtspunkte ist das. neue preußische Wohnungsgesetz zu beurteilen. Ter Entwurf liegt den Regierungspräsidenten jetzt zur Begutachtung vor und wird voraussichtlich den nächsten Landtag beschäftigen. Bei dem Entwurf läßt sich das ehrliche Bestreben nicht ver­kennen, den Rücksichten auf die Volksgesundheit einen so großen Raum zu geben, wie ihn die nun einmal bestehen­

de Verhältnisse ohne die schlvere Schädigung berechtigter Interessen nur imnrer gestatten. Es sind die Bestimmun­gen erweitert, welä>e eine übermäßige Bebauung der Grundstücke beschränken; es ist die Möglichkeit gegeben, gesundpeitschädliche Anlagen aus den Wohnvierteln der Orte zu verbannen, für ispiel- und Erholungsplatze soll gesorgt werden. Um die Blldung hoher Monopolpreise für den städtischen Grund und Boden zu verhindern, sollen die Bebauungspläne rechtzeitig fertiggtzstellt werden und den Behörden wird das Recht gegeben, die Ausführung von Straßen und Straßenteilpn zu erzwingen. Übrigens eine Bestimmung, die zu Härten sichren kann und an der wohl im preußischen Landtage scharfe Kritik geübt »verden »vird. Ter Kleinwohnungsbau soll künftig auch steuer- fiskalisch begünstigt werden. Ter Entwurf verlangt, daß derartige Häuser in geringerem Maße zu den «straßen- baukosteu herangezogen werden. Auch sollen sie nicht so hohe Gebühren bezahlen für Kanalbenutzung, Wasser­bezug und Baugenehmigung; selbst zur Grundsteuer sollen sie geringer herangezogen werden. Die Grundsteuer soll von den Eigentümern solcher Häuser, die vorwiegend von minderbemittelten Famstieu bewohnt werden, höch­stens zu drei Vierteln bezahlt werden. Als solche Wohn­gebäude sollen gelten die ausschließlich der Bcherbergung minderbeinittelten Familien gewidmeten Häuser der Aktiengesellschaften, Genossenschaften und Gesellschaften mit beschränkter Haftung, deren Satzungen den an die Gesellschafter zu verteilenden Jahresgewinn auf höchstens vier Prozent ihrer Antelle beschränken. Ferner gehören dazu die Wohngebäude der Arbeiter, Handwerker oder diesen wirtschaftlich gleichzustellendcn Personen, wenn die Wohngebäude dazu bestimmt sind, von ihnen ausschließ, lich oder außer von chnen nur von höchstens zwei anderen Arbeiter-, Handwerker- oder diesen wirtschaftlich ähnlich gestellten Familien bewohnt zu werden.

Der Entwurf gibt Grenzen für die Bcniltzung der Wohnungen.. Cr setzt Luftraum und Bodcnfläche für den Kopf fest und enthält Bestimmungen gegen übermäßiges Abvermieten. Auch eine Wohpungsaufsicht wird natür­lich gefordert. Für Gemeindest mit mehr äls 100 000 Einwohner soll zu diesen, Zweck ein Wohnungsaint mit vorgebildeten Beamten und einer genügenden Anzahl Wohnungsaufseher errichtet werden. Für kleinere Ge- meinden kann die Errichtung eines derartigen Amtes vor- geschrieben werden; auch ist es gestattet, daß sich mehrere Gemeinden zu einem gemeinsamen Wohniingsaint ver­einigen. Den einzelnen zuständigen Regierungsbehörden sollen, ivenn das erforderlich ist, besondere Aufsichts­beamte beigegeben werden, von denen die Wohnungs­aufsicht in'den Gemeinden überwacht wird. Ter Ent- »vurf wird wohl namenüich bei den Organisationen der Hausbesitzer auf Widerstand stoßen; im allgemeinen rst er jedoch als ein Fortschritt auf dem Gebiet der Wohnungsfrage zu betrachten, wenn seine Bestimmungen vernünftig gehandhabt werden.

Darauf kommt es ja überhaupt bei allen sozialpoliti­

schen Gesetzen an. Nicht zum »venigsten auch bei dem vorn

letzten Reichstag beschlossenen Gesetz zum Schutze der Kinder in gewerblichen Betrieben, über dessen Auslegung noch vor feinem Inkrafttreten die Meinungen »veit auseinander gehen. Das ist namentlich auch über die Beschäftigung eigener Kinder der Fall. Der preußische Handelsminister hat daher eine Verordnung erlassen, in der die Linien für etwa verlangte Begünsti­gungen in dieser Beziehung festgelegt sind. Im allge­meinen will man mll Recht grundsätzlich davon ausgehen, daß Ausnahmen von den gesetzlichen Bestimmungen nirgends gestattet werden, tvenn diese das wirtschaftliche Interesse eintzs Betriebes nicht unbedingt verlangt. Aus­nahmen für Werkstätten mit Motorbetrieb sollen in der Regel nicht gestattet werden. Man wünscht überhaupt, daß die Beschäftigung eigener Kinder in gewerblichen Be­trieben nicht in die Zeit zwischen 8 Uhr abends und 8 Uhr inorgens fällt; man sucht vielmehr Kinder unter 8 Jahren von einer derartigen Beschäftigung ohne weiteres auszu- 'chließen. Ausnahmen für die Beschäftigung eigener Ander unter 10 Jahren sollen tunlichst nur solchen Haus- industrisen gewährt werden, in denen Kinder mit be­sonders leichten und ihrem Alter angemessenen Arbeiten beschäftigt werden. Beim Cigarrenmachen und Cigarren- sortieren sollen derartige eigene Kinder überhaupt nicht tätig sein.

Der preußische Eisenbahnminister will, daß bei den unter seiner Verwaltung stehenden Bahnen auch sämt­lichen Arbeitern, die mindestens drei Jahre beschäftigt wurden, ein kurzer Erholungsurlaub, unter Fortgewähnmg des Lohnes, bewilligt wird. . Es finden gegenwärtig Erhebungen darüber staü, wie sich die Ver­tretung der Beurlaubten am besten ermöglichen läßt. Das preußische Gesamllninisterium^mit Ausnahnie des Kriegs­ministers, hat die Regierungspräsidenten darauf hinge- ■ wiesen, daß für die bessere B ek ämp fun g der T r un k s u ch t eine stärkere Beteiligung immer weiterer Kreise an diesem Kampfe erwünscht sei. Namentlich wird betont, daß die Unterstützung der Bestrebungen zur Be­schränkung des Alkoholgenusses auch durch die Staats­und Gemeindebehörden notwendig erscheine. Auch russische Eisenbahnverwaltungen wollen dem Alkoholismus unter ihrem Personal entgegentreten und sie haben durch die Eisenbahnärzte eine Untersuchung eingeleitet, welche zu entsprechenden Maßregeln gegen die Neigung zum Trunk, welche bei Bahnangestellten doppelt verwerflich und geradezu gemeingefährlich ist, vielleicht führen wird.

Frankreich entwickelt sich sozialpolitisch sehr langsam. Doch will man jetzt einen weiteren Schritt nach vorwärts tun durch die staatliche FürsorgefürGreiseund Gebrechliche. Alten und gebrechlichen Personen, die ihren Unterhalt nicht mehr selbst verdienen können, soll ein Recht auf getvisse Unterstützungen aus öffentlichen Mitteln zugestanden werden. Man hat ausgerechnet, daß diese Wohltat etwa 154 000 Personen zu gute kommen wird, von denen sich 37 000 in einem Zustande befinden.

Feuilleton.

Berliner Blimmungsbilder.

Von Paul Liudcnberg.

Ferien «nb Ferienstimmung. — Die Berliner Auswanderung. — Entdeckungsfahrten daheim. — Berlins Umgebung. — Längs Spree und Havel. — A» Bord der ..Venus". — Die Liicknitz» Landschaft. — F« der Abtei. — Von der Pommernbank und der Presse. — Die Naschdorsf-Ansstellung.

Ferien! Lang ersehnt und endlich gekommen! Überall werden die freien Wochen froh begrüßt, mit dop­pelter Freude aber in Berlin, das mit seinem geschäftigen Hin und Her, seiner Fülle täglicher Abwechselungen, seiner hastenden Arbeit besondere Anforderungen an Körper und Nerven stellt. Daher der jetzt wieder begin­nende Auszug im großen, der Drang, hinauszueilen in die Ferne, die Lust an weiten Fahrten und fröhlichen Wanderungen. Nur fort aus den vier Wänden, fort aus dem gewohnten Geleise, hinweg von den Mühen des Be­rufes, andere Menschen will man sehen und andere Ein­drücke haben, man will sich selbst angehören in dieser Ferienzeit, während welcher nicht jede Stunde abgemessen ist durch den Pendelschlag einer vorgeschriebenen Tätig­keit. Und deshalb nimmt man auch vorlieb, wenn der Tausch garnicht ein so guter ist, man zieht, um sich selbst zu beruhigen, keinerlei Vergleiche zwischen den Annehm­lichkeiten daheim und den mancherlei Entbehrungen draußen, man geht still über viele Enttäuschungen hinweg und zeigt eine ungewohnte Geduld teuren Preisen, schlech­ten Betten, groben Wirten gegenüber, man ist eben in der F e r i e n st i m m u n g , in der man alles durch die blaue Brille der Zufriedenheit und Anspruchslosigkeit sieht. Ein schönes Stück Geld isrs, das in diesem Monat aus Berlin fortgetragen wird, und ich möchte nicht das Jammern in den Bädern an der Ost- und Nordsee, in den idyllischen Ortschaften des Riesengcbirges und der Sächsischen Schweiz, Thüringens und "s Schmarzwaldes, am Rhein und der Mosel hören, wenn cs plötzlich hieße: „Die Ber­

liner kommen nicht, sie streiken in diesem Sommer!" Aber keine Sorge, das wäre wohl der letzte Streik, der zu befürchten wäre; schon des guten Tones wegen, aus Rücksicht auf die lieben Nachbarn, Bekannten und Ver­wandten muß man „seine" Reise unternehmen, nur schon deshalb heißt's hier in zahllosen Familien: „Und ist das Geld auch noch so knapp, Wir reisen dennoch lustig ab!" — Aber genug bleiben zurück, welche aus irgendwelchen Gründen die Ferien in Berlin verbringen, wennschon auch sie nicht auf allerhand Entdeckungsfahrten verzichten, bloß daß sich diese auf die U m g e b u n g d e r Reichs- Hauptstadt erstrecken. Und man glaubt garnicht, wie viel da noch zu erforschen ist! Denn nach Hunderttausen­den zählen die Bewohner Berlins, die gerad' das Aller- notwendigste aus der Umgebung Spree-Athens kennen, obwohl sich letztere, die einst vielverspottet und verlästert mar, seit langem vollste Geltung erzwungen hat. „Ja, das haben wir garnicht geahnt, nie hätten wir diesen land­schaftlichen Reiz hier vermutet!" — häufig kann man solche und ähnliche Ausrufe vielgereister Fremder vernehmen an den weiten, schimmernden Wasserflächen des Müggel­sees, über dem gleich silbernen Flocken Möwen schweben, an den waldumrandeten Gestaden der Havel, deren blaue Wellen durchschnitten werden von weißen Seglern und flinken Ruderbooten, an manch anderem lieblichen Punkt, vmkränzt von holdem Zauber romantischer Scenerieen und umrankt von bedeutsamen Erinnerungen, die oft eng verknüpft sind mit unserer vaterländischen Geschichte und mit dem zähen, zielvollen Emporringen der Mark Bran­denburg zu ihrer heutigen Größe und Blüte. Noch vor wenigen Jahrzehnten wußten nur wenige Berliner zu schätzen, wieviel Schönes sie in landschaftlicher Beziehung in ihrer engsten Nachbarschaft besaßen, der Pfiff der Loko­motive und das Rauschen der Dampfschiffschaufeln weckten dies Dornröschen aus langem Schlummer und beseelten seine Lebensgeister in ungeahnter Weise. Die schönsten Ausflüge bieten Spree und Havel mit ihren Seeen dar. Der Berliner liebt alles, was mit dem Wasser zusammen­bängt lvon den Getränken abgesehen!), nicht umsonst ist ja unsere stolze Kaiserstadt aus einem Fischerdorfe ent­

standen, nicht umsonst erfreut sich bei uns der Wassersport

einer stets wachsenden Ausdehnung und schwärmt Berlins Bevölkerung für die beiden heimischen Ströme, die sie mit Vorliebe aufsucht, um an ihren Gestaden Erholung und Erquickung zu finden. Für die in den westlichen Stadt­teilen Wohnenden war es bisher trotz Straßen- und Stadtbahn eine kleine Reise zu den Abfahrtsstellen der Dampfer; das ist durch die elektrische Hochbahn anders geworden, in einer Viertelstunde saust man zum Schlesi­schen Tor hin, Entfernungen gibt's ja kaum noch in Ber­lin! Dazu kommt, daß die unter einem energischen und zielbewußten Leiter stehende Dampfschiffahrtsgesellschaft „Stern" während der letzten Jahre vielerlei Verbesse­rungen einführte, die Zahl der Salondampfer beträcht­lich vermehrte und neue elegante Motorboote anschaffte, mit denen man auch jene schmalen Flußkrttmmungen und stillen Seeen befahren kann, die bisher wegen ihres Wasserstandes bloß von Ruder- und Segelbooten ausge­sucht werden konnten. Hierdurch wurden reizende Ort­schaften neu erschlossen und ward das Netz der lieblichen Umgebung immer weiter ausgesponnen, so daß es in öst­licher Richtung mehr und mehr zum Spreewald hin ver­schoben wird, den man vielleicht bald schon auf dem Wasser­wege von Berlin aus erreichen kann.

Um jenes Gebiet der oberen Spree kennen zu -ernen, hatte sich dieser Tage hier ein Kreis srohsinniger Menschen vereint, ein Kreis, wie er sich doch nur in einer -ehr großen Stadt zusammenfinden kann, Offiziere, Künstler, Schriftsteller, Juristen, und. nicht vergeblich sührte das kleine, schmucke, blitzblanke Motorboot den Namen „Benus", denn Holderes war kaum zu schauen, als diese Mädchen und diese Frauen, welche ihren Beruf zunächst darin erblickten, in der auf Deck liegenden zier­liches Kajüte die würzigste der Bowlen zu mischen und zu kredenzen. Schnell durchfurchte unser Schifflein die Wellen, und bald lag das heiße, dunstige, gewaltige Ber­lin hinter uns, aus dichten Laubgruppen tauchte der Kirch­turm von Stralau auf und grüßten von beiden Uferseiten all die hübschen Vergnttgungs- und Sommerorte her­über, deren Namen für die Berliner und oft noch mehr