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Alber bas Wesen der Großstadt.
Das rasche Anschwellen unserer städtischen Gemeinwesen, die Industrialisierung vieler Landgemeinden erfüllt viele mit Stolz, manche mit Bangen. Viele erblicken darin ein erfreuliches Zeichen des Wachsens unseres Volkswohlstandes, gar manche eine Art Raubbau an unserem Volkstum und an unserer Volkskraft, denn, meinen sie, die Großstädte verzehren mehr, als sie gebären. Gemischte Gefühle sind angesichts unserer sozialen und wirtschaftlichen Entwickelung gewiß am Platz, um aber Klarheit über die Berechtigung des Stolzes wie auch der Sorgen zu erlangen, ist die Erforschung des Großstadtproblems notwendig. Seit etwa einem Jahrhundert hat dieser Kristallisationsprozeß die gesamte Kulturwelt erfaßt, der hier langsamer, da schneller vor sich geht, hier älteren, dort süngeren Datums ist.
Die Gehe-Stiftung in Dresden hatte im letzten Winter sich die Aufgabe gestellt, im Hinblick auf die nun in Dresden eroffnete Städteausstellung das Wesen der Großstädte von namhaften Gelehrten in einer Reihe von öffentlichen Vorträgen von den verschiedensten Seiten beleuchten zu lassen, und hat nun dieselben als 9. Band des Jahrbuchs*) unter dem Gesamttitel „Die Großstadt" veröffentlicht. Es behandelt Karl Bücher-Leipzig „Die Großstädte in Vergangenheit und Gegenwart", Friedrich Ratzel-Leipzig „Die geographische Lage der großen
*1 Jahrbuch der Gebe-Stiftung zu Dresden. 9. Band: Dir Großstadt. Vorträge und Aufsätze zur Städteausstellung von K. Bücher, F. Ratzel, G. v. Maur, H. Waentig, G. Simmel, Th. Petermann und D. Schäfer. Gehe-Stiftung zu Dresden, Winter 1902 03. Dresden 1903, v. Zahn u. Jaensch. 282 S. 4 Mk.
Feuilleton.
„Die Königin des Ostens?
Ein fesselndes Bild entwirft der Berichterstatter der „Deutschen Export-Revue" auf Java in einem jüngst in dieser Zeitschrift erschienenen Aussatz von Batavia — „die Königin des Ostens!" — „Noch vor wenigen Dezennien gab man mit Stolz und Selbstbewußtsein unserer Stadt diesen Titel,' aber schon damals und lange vorher galt er mehr der neuen Stadt Weltcvreden. Denn Batavia ist nicht mehr; was heute noch diesen Namen trägt, sind zwei größere und etliche kleinere Straßen mit Kontorlokalen und Packhäusern, Straßen, die zwischen 6 Uhr abends und 8 Uhr morgens wie ausgestorben dalicgen, und in welchen sich tagsüber kein besonders lebhafter Geschäftsverkehr abspielt. In der Nähe liegt ein Chinesenviertel,- dieses und das in den Gebäuden steckende Kapital hält einstweilen noch den kläglichen Rest dessen zusammen, was einst Batavia war.
Eine Chronika beschreibt die Pracht Batavias in ihrer Blütezeit am Ende des 18. Jahrhunderts folgendermaßen:
„Die 16 herrlichen „graebten" der Stadt sind mit schönen „Kanari" (Nuß-) und allerlei blumentragenben Bäumen bepflanzt, die nicht nur ein „kraais gezicht" und „aangenaemen gern-" bieten, sondern auch bei der Hitze einen „allcrverinakeli.1kst0ll lommeri' (Schatten). Tie „grachten" und Straßen laufen alle schnurgerade und sind den Häusern entlang „zeer net" mit glatten, blauen oder roten Steinchen belegt, für die „freien" Fußgänger; Sklaven und Eingeborene geringen Schlages müssen die Mitte der Straße halten . . .
„In der Stadt und ihren Vorstädten befinden sich 6220 Häuser mit vielen monumentalen und öffentlichen Gebäuden, worunter das Rathaus und fünf Kirchen genannt zu werden verdienen. Besonders die „aclit- hoekige Kerk der Nederduitsche gemeente", die „506 584 Gulden und 16 stuivers" gekostet hat, und worin sich „veele netgewerkte en verniste gestoelten voor alle lieden van aanzien" befinden. — Wenn der Gouverneur in die Kirche kommt, müssen alle Anwesenden ihre Hüte abnehmen und aufstehen und dürfen sich nicht eher ...deklcen", bis „Z. H. Ed." sitzt.
Städte", Georg von Mayr-München „Die Bevölkerung der Großstädte", .Heinrich Waentig-Münster „Die wirk- schaftliche Bedeutung der Großstädte", G. Smimel-Berlin „Die Großstädte uird das Geistesleben", Theodor Petermann-Dresden „Die geistige Bedeutung der Großstädte" und Dittrich Schäfer-Heidelberg „Die militärische und politische Bedeutung der Großstädte".
Professor Bücher führt uns zeitlich und räumlich bis in die versteckten Winkel. Die alten orientalischen Despotenstädte und ihre direkten Abkömmlinge, die inner- afrikanischen schnell emporscksießenden und ebenso schnell verwelkenden Häuptlingsstädte, dienen ihm als Ausgangspunkt seines historischen Überblicks, der eine fein durchgesührte.Charakteristik der Stadttypen der einzelnen Zeiten und Völker vorsührt. Professor Ratzel bespricht die geographischen, topographischen und geologischen Vor- bedingungen, unter denen sich die Ansiedelungen zu Großstädten der Herrscher, des Handels oder der Industrie entwickelt haben. G. v.'Mayr, der wie kein zweiter die trockenen statistischen Zahlen zu beleben weiß, beschränkt sich in seiner Untersuchung über die Zusammensetzung der Großstadtbevölkerung nach Herkunft, Beruf, Alter und Geschlecht in der Hauptsache zwar auf Deutschland, aber gerade in dieser Kleinmalerei werden die brennendsten soziologischen Probleme verständlich. Andeutungsweise wird auch die Kriminal- und Moralstatistik berührt. Professor Waentig führt in seiner lichtvollen Nebeneinanderstellung hauptsächlich amerikanischer und deutscher Großstädte uns mitten in das wirtschaftliche Getriebe der Großstädte ein, wie und was sie produzieren, was und woher sie konsumieren. Die Gemeinde als wirtschaftlicher Körper in ihren Einnahmen und Ausgaben, die zum Schrecken kurzsichtiger Leute unausgesetzt wachsen, wird dargestellt. Die gewaltigen Ausgaben, welche die steigende Menschen- archäufung an die Gemeindeverwaltungen stellt, um ihrer Bürger Hlesundheit, Wohlfahrt und Sittlichkeit zu fördern, und gleichzeitig um den Beutel der Ärmeren bei «Aufbringung der Mittel nach Tunlichkeit zrk schonen, werden im Geist moderner Sozialpolitik behandelt. In sehr anziehender Weise gibt Professor Simmel-Berlin eine Schilderung der psychologischen Einwirkungen des Getriebes der Großstadt auf ihre Bewohner. Dr. Petermann deckt die imponderabilen Einflüsse, die von den Großstädten als Brennpunkten der Wissenschaft, Kunst, Literatur, Presse ausgehen, in höchst anschaulicher Weise auf, während der Historiker Professor Schäfer die poli- tisckie Bedeutung der gegenwärtigen Großstädte aller Rationen beleuchtet und' dabei zu dem für Biele tröstlichen Schluß kommt, daß sie durchaus nicht die „natürlichen Herde der Revolutionen" sind. Neigt doch der Landwirt gerade so wie der Arbeiter zu extremen Anforderungen an die Staatsgewalt. Nur die größere DrAanifations-
„Ferner gibt es ein „seminarium" zur Ausbildung von jungen Leuten, „wanneer zieh bekwame subzeden tot dienst van gods Kerk körnen op te doeii"; ein „groot gevaarte", „ambachts-Kwartier" genannt; die „timmerwerf" mit dem „Equipagie-Meester", einem Manne „von großem Ansehen und Vermögen": das Hospital; das „spinhnis" — „tot beteugeling van lichtvaerdig vrouwvolk"; und viele andere Gebäude.
„Es gibt vier „zeer prächtige poorten" (Tore), und außerhalb derselben „veele intmuntende buitenplaatsen en plaiziertuinen", welche eine „aaneenschakeling van aardsche Paradijzen" sind."
Von alledem ist heute nichts mehr zu sehen als die erwähnten Geschäftsstraßen, einige schlammige Kanäle (besser gesagt, Pftttzenreihcn) mit unansehnlichen, zum Teil verfallenen Gebäuden zu beiden Seiten; von den „buitenplaatsen" sind nur noch einzelne vorhanden, das heißt einige elende Spelunken in schmutzigen, von Unkraut überwucherten Höfen.
In gewisser Beziehung hat der Name „Batavia" auck heute noch einen Teil des einstigen Glanzes behalten Man faßt nämlich vielfach — allerdings ohne offiziell und geographische Berechtigung — d?n Hafen Tandjum Priok, die Stadt Batavia, die Villenstadt Weltevreden und auch wohl das sich hieran anschließende Meestcr Cornclis, unter dem Kollektivnamen Batavia zusammen.
Tandjung Priok aber ist 11, das Zentrum von Weltevreden 6 und die obere Stadtgrenze von Meester Cornells 16 Kilometer von Batavia entfernt.
Die Hafenanlagen von Priok sind gnt, aber keineswegs großartig; sie genügen dem Schiffsverkehr heute nicht mehr ganz, und das innere Bassin, an dessen Westseite die Hangars und Quais sich befinden, ist für größere Dampfer mit einem gewissen Tiefgange zu flach. Die hier verkehrenden Dampfer laufen fast alle auch die anderen Häfen JavaS an und löschen ober laden in Priok meistens nur geringe Teilladungen; ferner ist Priok Zentialhafen für die Hauptflotte der Koninklijke Pakekvaart Maat- schaapij, deren Dampfer regelmäßig zwischen den verschiedenen Häfen des Niederländisch-Indischen Archipels verkehren. Hieraus erklärt es sich, daß der Hafen zu klein wird, während andererseits das Leben und der Warenvcr kehr in Priok durchaus nicht den Eindruck des Großen, des Handelsemporiums, machen; im Gegenteil, der
fähigkeit und die lebhafter reagierenden Nerven des Städters lassen ihn bedrohlicher erscheinen, doch hält seine größere Einsicht und stramnrere Disziplinierung ihn auch leichter iin Zügel.
Freilich darf die wachsende „Verstädterung" eines Landes von einer einsichtsvollen Regierung nicht in stören- der Weise durch Hemmung des Verkehrs und willkürliche Verteurung der Lebensimtel unterbunden werden, die im Herzen und Hirn des Volkes treibenden und gärenden Kräfte würden dadurch unterdrückt, und wenn auch natürlich nicht zum offenen Widerstand, so doch zu vergiftender Unzufriedenheit verurteilt, die leicht in dumpfen Marasmus Umschlägen kann. Die großen Städte mit ihrer Industrie, ihrem Handel und ihren Banken, ihrerRepublik der freien und großen Geister sind, bei aller scheinbaren Monstrosität, zarte Gebilde, die behutsam behandelt sein wollen. Heute droht diesen Mittelpunkten des kulturellen Fortschrittes die Gefahr, von den derben Fäusten der Rittergutsbesitzer arg mißhandelt zu werden, denn die Politik des Bundes der Landwirte würde zu einer Verkrüppelung unserer hoffnungsreichen industriellen und städtischen Entivickelung führen. Das Buch von der Großstadt dürfte geeignet sein, ohne selbst mit einem Wort diese Gefahr anzudeuten, das denkende Bürgertum zum Bewußtsein seiner Aufgaben auch auf dem Gebiete der Poliftk zu bringen! Ob Großstadt, ob Rittergut der maßgebende Faktor in der deutschen Politik der nächsten Zukunft werden soll, steht jetzt zur Entscheidung! p. s.
Deutsches Deich.
Sexuelle Pädagogik.
Selten har die Überzeugung von der Notwendigkeit einer pädagogischen Reform so rapide Fortschritte gemacht, wie in unserer Zeit der Gedanke der „sexuellen Pädagogik". Während noch vor einem Jahrzehnt die Forderung, Schulkinder bei Zeiten über die Natur der geschlechtlichen Vorgänge aufzuklären und ihnen den Ernst der persönlichen Verantwortung für körperliche Sauberkeit und sittliche Reinheit früh schon auf die junge Seele zu legen, einem geschlossenen Widerstande bei den maßgebenden Schulbehörden und der breiten Blasse derDurchschnitts-Gebildeten begegnete, läßt sich jetzt überall ein bereitwilliges Eingehen auf die vor- 'tiegenden Probleme und bisweilen sogar schon ei» wirkliches Entgegenkommen, praktische Versuche zu ermöglichen, beobachten. Besondere Verdienste um diesen Umschwung hat sich die Gesellschaft für Ethische Kultur erworben. Unter den persönlichen Vorkämpfern der Reform aber — und es ist ein bedeutsames Zeichen ihres Ernstes und ihrer Dringlichkeit — haben sich besonders Frauen ausgezeichnet. Wie in der Familie es Mutter-
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Fremde wundert sich über das Mißverhältnis zwischen Anlagen und Umsatz, und wer von Hongkong, Singapore oder Surabaja kommt, darf seine Erwartungen von Priok nicht hoch schrauben, wo niemand Eile hat und wo die glühend heiße Sonne meistens ein Stillleben bescheint.
Wer von Priok mit der Bahn nach Batavia kommt, steigt an einer der beiden elenden, weder dem Verkehr, noch auch selbst den bescheidensten ästhetischen Ansprüchen genügenden Stationen aus, bei deren Ausgang man, je nach der Jahreszeit, entweder bis an die Knöchel in Staub oder Schmutz sinkt.
Übrigens ist für Verkehrsmittel in mehr als ausreichender Weise gesorgt. Man kann per „Dos-ä-Dos", per „Teatwagen" nach „oben" (d. h. nach Weltevreden) kommen; man kann die Dampftrambahn oder die elektrische Tram benutzen; schließlich kann man die Reise auch mit einer der beiden Eisenbahnlinien fortsetzcn, deren eine die östlichen Teile Weltevrcdens und ferner den Osten der Provinz Batavia mit der Stadt verbindet, während die andere die Mitte Weltevredcns dnrchschneidet und weiterhin durch die ganze Insel nun bald bis zum äußersten Osten läuft. Auch führt von Batavia eine Bahn durch die Provinz Bantam nach Westen bis Anjer an der Sunda- straße.
Der Weg von Batavia nach Weltevreden führt einem Kanäle, dem „Molenvliet", entlang; beide Ortschaften sind durch eine ununterbrochene Häuserreihe zu beiden Seiten dieses Wasserlaufes miteinander verbunden.
Dennoch ist eine charakteristische und plötzliche Ab- cheidung unverkennbar. Kleine Handwerker und Händ- er bewohnen die lange Reihe gleich an der staubigen -tratze liegender, meistens schlecht versorgten Häuschen, reiche aus den verschiedenen Entwicklungsperioden der Stadt stammen — bis sich auf einmal, an einem bestimmten Punkte der Straße, die Scenerie ändert, und zu beiden Seiten des Kanals ansehnliche, im griechischen Tempelstil erbaute Wohnhäuser, Hotels re., die meistens in größeren und wohlgepflegten Gärten liegen, das Auge angenehm fesseln.
Wir sind in Weltevreden und haben nun die Wahl zwischen einer Anzahl nahe beisammen liegender Hotels, die uns zum civilen Preise von 5 Gulden (ca. 8 Mk.) per Tag Wohnung, vollständige Verpflegung und Bedienung bieten, wobei das Trinkgelöerunwesen erst in neuerer
