Beilage nun Wiesbadener Tagblalt.
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„fttoei Seiten hat ein jedes Ding". 2)ii fütnfi den Spruch im Munde, Doch achtest Du ihn oft gering Grad' in ernster Stunde.
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Goethe.
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(17. Fortsetzung.)
Krulnanl Lämmchens Alienleuer.
Vtne heitere Geschichte von G. v. Stokmans-Germanis
„Das kann ich nicht sagen. Damals, als er so Plötzlich, nur mit hundert Mark ausgestattet, abgererst war, jchm nach einigen Tagen ein Brief, in dem er jede weitere peftmiäre Hilfe ablehnte und die Wsicht ausfprach, fortan unter fremdem Namen seinen eigenen Weg zu gehen. Das hat er dann wohl auch getan ,denn man hörte nichts mehr von ihm, und die Familie weiß gar nicht, wo er sich
aufhält."
„Me lange ist das her?"
»ei, drei Fahre ungefähr." d die Baronin hat ihm noch nicht verziehen?" „Ich fürchte, nein. Der Schlag traf ihr Mutterherz und ihren Stolz gleich hart, und sie ist keine weiche, versöhnliche Natur."
„Trotzdem sorgt sie sich vielleicht um ihn und wäre froh, wenn er reuig in ihre Arme zurückkehrte."
„Möglich, aber eingestehen würde sie das nie, und ihn kann ich mir in der Rolle des verlorenen Sohnes auch nicht denken. Jedenfalls ist er in Acht und Bann getan, und sein Name darf vor ihr nicht mehr genannt werden.
Gegen Wend wollte der Oberförster mit seinem Gast auf den Anstand gehen, aber Lämmchen, der sich sonst eine Gelegenheit einen guten Rehbock zu schießen, nicht gern entgchen ließ, lehnte diesmal dankend ab. Er schützte allerlei andere Verpflichtungen vor, versprach, bald wiederzukommen, und verließ die Oberförster« schon gen fünf Uhr, um noch bei guter Zeit zu Hause zu sein, on vornherein hatte er sich ja vorgenommen, seinen Aus- ug nach der Oberförsterei so zu gestalten, daß ihm, von anderen ungeahnt, noch einige Stunden zur Erforschung der Bibliothek blieben ,und darum ließ er auf dem Heimwege seine „Jessika" scharf ausgreifen, so daß er den Weg in einer halben Stunde zurücklegte. Hinten sin Hofe, bei den Ställen, ssieg er ab, übergab sein Pferd dem Burschen und gelangte ungesehen ins Schloß.
Die ganze Gesellschaft saß noch bei Tisch, und darauf hatte er seinen Plan gebaut.
Ohne direkt eine Unwahrheit zu sagen, hatte er Twielendorfs in der Annahme bestärkt, daß er vis zum wüten Abend in der Oberförsterei bleiben werde; man fand das ganz natürlich und rechnete nicht auf seine Anwesenheit bei dem späten Mittagsmahl. Dadurch gewann er einige schöne, Helle Stunden für sich, in denen er, vor jeder Störung und Entdeckung sicher, versuchen wollte, das Geheimnis der Bibliothek zu ergründen. Den Schlüssel hatte er sich zu diesem Zweck schon vorher verschafft, und nun eilte er in sein Zimmer, vertauschte die
Uniform mit der bequemen Joppe, zog ein Paar a te Schuhe an, welche ihm lautloses Gehen ermöglichten, und steckte gewohnheitsmäßig auch eine Schachtel Schweden und ein paar Cigarren zu sich.
So ausgerüstet; betrat er das Gemach, mit dem er sich in Gedanken so viel beschäftigt hatte. Tie stattlichen Büchereien streifte er diesmal nur mit einem flüchtigen Blick und konzentrierte seine ganze Aufmerksamkeit sofort auf die Bilder, die ihm nach wie vor als der Punkt erschienen, von dem aus alle Nachforschungen zu beginnen seien.
Zuerst wandte er sich dem Herrenporträt zu, untersuchte die Leisten und den Ansatz des Rahmens, betastete jeden Zierat und Schnörkel der Schnitzerei, sowie das Parkett in der Umgebung des Bildes und ssieg auf eine Trittleiter, um die Bekrönung genauer in Augenschein zu nehmen.
Alles vergebens. Der Herr lächelte ihn an — etwas spöttisch, wie es ihm jetzt schien — aber er rührte sich nicht, und seufzend sank Lämmchen in einen Sessel, um bald darauf bei dem reizenden Damenbildnis dieselbe Prozedur zu wiederholen. Dabei befleißigte er sich schließlich einer fieberhaften Täsigkeit, denn die Zeit verging und die Schatten begannen immer länger zu werden.
Endlich, als er schon ganz mutlos wurde und nahe daran war, an der Richtigkeit seiner Voraussetzung ,u zweifeln, fühlte er, wie eine Verzierung des Rahmens, welche sich auf der linken Seite etwa in Meterhöhe befand, unter dem kräftigen Drucke seiner Hand nachgab und in der Vertiefung stehen blieb; zugleich vernahm er ein leise rollendes und knarrendes Geräusch; die Leinwand innerhalb des Rahmens wich um einige Fuß breit zurück, und es wurde ein schmaler Eingang frei, der in einen völlig dunklen, nischenartigen Raum hineinführte.
Lämmchen stand vor der Öffnung wie vor einem Wunder. Was er längst erwartet hatte, wirkte nun, da er es in greifbarer Wirklichkeit vor sich sah, doch wie eine Überraschung, seine Neugier wuchs, und er konnte sich nicht enthalten, mit einem Streichholz in die Nische hinem- zuleuchten.
Da gewahrte er denn einen hohen, ungemein schmalen Gang, der seitwärts in diese Nische einmündete und sich in einem geheimnisvollen Dunkel verlor.
Dieser Gang reizte ihn. Statt sich mit der Tatsache zu begnügen, daß er wirklich vorhanden war und seine Voraussetzungen bestätigte, wollte er nun auch ergründen. n»ie lang derselbe sei, wohin er führe und in welchem Stockwerke er ende. Zu diesem Zwecke schloß, er, um vor jedem Eindringlinge sicher zu sein ,die richtige Bibliothek- tür von innen ab, zündete, in Ermangelung eines Lichtes, wiederum ein Streichholz an und begab sich auf die Wanderung mit dem Gefühle einer höchst angenehmen Spannung und Erwartung.
Das winzige Lichtchen mit der hohlen Hand schützend, betrat er den Gang, aber kaum hatte er einige Schritte vorwärts getan, als er dasselbe rollende und knarrende Geräusch vernahm, das er vorher beim Zurückweichen des Bildes gehört hatte. Betroffen wandte er sich um und gewahrte zu seinem nicht geringen Schrecken, daß der geheime Eingang sich von selbst geschlossen hatte. Wo vordem die Öffnung gewesen war, starrte ihm nun eine Holzwand entgegen, welche wahrscheinlich die Leinwand
des Bildes nach innen schützte, und die Holzwand hatte nur eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Tür. Weder Klinke, noch Schloß war zu sehen, sondern nur ein Schlüsselloch, zu dem ihm der Schlüssel fehlte, und ,o viel er auch an den Brettern umhertastete und rüttelte, der Verschluß gab auch nicht um eine Linie breit nach.
Lämmchen seufzte bange und schwer. Ein Streif holz nach dem anderen hatte er schon verbraucht, nun waren nur noch fünf in der Schachtel, die mußte er für den äußersten Notfall ausbewahren und sich inzwischen mit einer gut brennenden Cigarre behelfen, aber diese war nur ein schwacher, heller Punkt in der tiefen Finsternis, die ihn umgab, und diese Finsternis, im Verein Mit der kühlen, eingeschlossenen Luft, wirkte sehr weder- schlagend auf seine Stimmung ein.
Allerlei Schauergeschichten von Verschollenen und lebendig Begrabenen gingen ihm durch den Sinn. Cr sah sich bereits vermißt und vergeblich gesucht oder m peinlichster Weise zu Tage gefördert. Eine Dienstversaumnis mit all seinen Folgen ssieg als drohendes Gespmist vor ihm auf, und der Fluch der Lächerlichkeit, der schon als Last an seinem Namen hing, heftete sich fortan an seine Fersen in verzehnfachter, wahrhaft beängstigender Potenz. Minutenlang war er wie gelähmt, dann raffte er s'.cy wieder auf, verlachte sich selbst ob seiner Mutlosigkeit, und sagte sich: „Wenn ich hier nicht heraus kann, mutz ich eben dm anderen Ausgang benutzen. Dieser Gang kann keine Sackgasse sein. Wenn das Liebespaar sich auf diesem Wege in die Bibliothek begab, muß es. den Gang doch am anderen Ende betreten haben, und ich werde einfach ihrer Spur folgen. Vielleicht endet er in der Kanzlei, die ja auch in Verruf und um diese Zeit leer ist, und ich komme mif diese Art mit dem bloßen Schrecken davon Allerdings, die von innen verschlossene Bibliothek bringt mich in eine furchtbar peinliche Lage. Wie soll ich die Tatsache bei Frau Klingebeil entschuldigen? Wie dev Schaden wieder gut machen?"
Er verwünschte laut seine Neugier und seine llnvor- sichtigkeit, sog heftig an seiner Cigarre, damit sie gut brenne ,und tastete sich mit ihrer Hülfe den Gang entlang. Derselbe war ungefähr zehn Meter lang, net m gerader Richtung fort und führte zu einer außerordentlich schmalen und steilen Steintreppe, auf welcher Lämmchen, seiner Länge wegen, nicht ohne Schwierigkeit hinao- gelangte. Unten lief ein zweiter Gang in anderer Rrch- tung hin und endete abermals in zwei ^Treppenstufen, die, wie bei einem Monument, halbkreisförmig dm unteren Teil einer Mauer umschlossen, die cylmderarttg in den schmalen Gang hineingebaut war.
Lämmchen schienen der Zweck und die Bedeutung dieser Mauer völlig rätselhaft. Er opferte zwei ^reich- Hölzer, um sie genau zu untersuchen, überzeugte sich daß auch hier von einer Tür keine Rede war, und entbedte schließlich in Manneshöhe eine hölzere Klappe, welche ein fensterloses Guckloch in Form eines langlrchen. bmtd- großen Ausschnittes verdeckte und sich leicht zurückschteben ließ. , ...
In atemloser Spannung legte er sein Gesicht in dte Öffnung und schaute hindurch.
lFortsetzung folgt.)'
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