51. Jahrgang.
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^a. 306. verlags-Fernfprecher N«. SSI».
Samstag» den 4. Inli.
RedaktionS-Fernsprelber No. ».
1903.
Politische Pb er sicht.
Die Nedckämpfe, die im Anschluß an die große W a h l s ch l a ch t ausgefochten werdm, dauern noch immer an und werden noch geraume Zeit in Anspruch nehmen. Hier und da schickt man sich auch an, aus dem Ergebnis der Reichstagswahlen Lehren zu ziehen. So in 'S a ch s e n, wo selbst innerhalb der konservativen Partei Stimmen der Erkenntnis laut werden, daß die vlutokratische Verschlechterung des Landtagswahlrechtes ein sehr verunglücktes Experiment war. Man hat die Sozialdemokratie aus dem sächsischen Landtag hinaus- gedrängt, aber sie ist dafür um so stärker in den Reichstag eingezogen, wo sie von 23 sächsischen Mandaten 22 mit Beschlag belegt hat. Es kann nicht wundernehmen, daß dieser ungünstige Ausfall der Reichstagswahlen m Sachsen bereits Gerüchte von einer bevorstehenden Mi n i st e r k r i s i s hervorgerufen hat. Und die offt- ziösen Dementis, welche diesen Gerüchten entgegengesetzt werden, lassen erkennen, daß die Krisis nur aufgeschoben, nicht aufgehoben ist. , .
Chronisch ist die Krisis in den beiden feindlichen Hälften der österreichisch-ungarischen Monarchie. In U n g a r n ist die Kabinettskrisis durch die Berufung des Grafen Khuen zwar offiziell gelöst, aber die Schwierigkeiten und Hindernisse, die sich dem Kabinett Khuen entgegenstellen, sind so groß, daß jede vorsichtige Lebensversicherungsgesellschaft von dem Kabinett erhöhte Risikoprämien verlangen würde. Im Grunde genommen traut weder die liberale Partei noch die Opposition dem ehemaligen Banns von Kroatien über den Weg, und der Krach innerhalb der K o s s u t h - P a r t e i zeigt am deutlichsten, wie zerfahren die politischen Verhältnisse m Lransleithanien sind.
Die ungarische Kabinettskrisis hat aber auch nach Cisleithanicn hinübergewirkt und das Kabinett K ö r b e r in eine so prekäre Situation gebracht, daß dieses sich veranlaßt sah, ebenfalls seine Demission einzureichen. Kaiser Franz Joseph hat zwar die Demission abgelehnt, und das Kabinett Körber wird nach der Ausschiffung des von Nienrand betrauerten tschechischen Landsmannministers Rezek nach der Parole weiter vegetieren: „Es wird fortgewurstelt!", aber wo dieses Wursteln hinführen wird, weiß vorläufig noch nienrand. Zunächst freilich können Herr Körber und die Seinigen aller
Sorgen ledig sich der Erholung hingeben, denn der be
rüchtigte § 14 hat bereits seine Arbeit getan, und das sechsmonatige Budgetprovisorium ist dekretiert worden. Sechs Monate sind aber für die österreichischen Kabinette, die gewöhnt sind von der Hand in den Mrind zu leben, eine lange Zeit.
Man glaubt garnicht, was für Ereignisse unter Umständen eine Kabinettskrisis provozieren könne. So hat das furchtbare Eisenbahnunglück von San Asuncio fast zum Sturze des spanischen Kabmetts geführt, da insbesondere der Bautcnniinister und der Finanzminister, welcher gleichzeitig Präsident der betreffenden Eisenbcchngcsellschaft ist, von der öffentlichen Meinung, wenn auch nicht direkt für das Unglück haftbar gemacht werden, so doch aus diesem Anlaß aufs heftigste angegriffen wurden. In der Tat werfen die Nachrichten aus Spanien ein scharfes Licht auf die verlotterten Zustände im spanischen Eisenbahnbetrieb.
Recht trostlos sind noch immer die Zustände in Macedonien, die aufs neue zu einem türkisch- bulgarischen K o n f l i k t zu führen drohen. Die bulgarische Regierung hat sich in einer an die Kabinette von Wien, Petersburg und Paris gerichteten Note über die Ausschreitungen türkischer Truppen in Macedonien und Wer die Trüppenansammlungen an der bulgarischen Grenze beschwert, während die Pforte bemüht ist, diese Truppenkonzentrationen lediglich als Notwehr gegen den Übertritt bulgarischer Banden auf makedonisches Gebiet hinzustellen. Die Brächte worden den Herrschaften auf dein Balkan auf die Finger sehen müssen, daß keinerlei Unheil geschieht.
Was die Vorgänge in Serbien betrifft, so haben sich unterdes alle Mächte zu dem Grundsatz bekehrt, die Hände davon zu lassem Sogar die englische Regierung, die anfänglich so schneidig auftrat, hat so viel Wasser in ihren Wein gegossen, daß von dem Rebensaft nichts mehr übrig geblieben ist. Um den englischen Gesandten nach kurzer Vergnügungsreise wieder nach Belgrad zu- rückzuschicken, dazu hätte es wahrlich nicht eines so großen Apparates und so hochtrabender Redensarten bedurft.
Aber in England hat man zur Zeit schon ganz andere „Sorgen". Man freut sich auf den bevorstehenden Besuch des Präsidenten L o u b e t, man schwelgt in Wonnegefühl, weil wenigstens die südafrikanischen Kolonieeii sich den Ehamberlainschen Zollvereinsideen günstig gegenüberstellen, und man schimpft weidlich über den „tollen Mullah", welcher die Segnungen der eng- lischen Oberherrschaft nicht anerkennen will. Und während der Zeit spielt sich der Bürgerkrieg innerhalb des englischen Kabinetts nach dem Motto ab: „§ 11 — es kriselt weiter!"
Deutsches Deich.
Vom künftigen russischen Handelsverträge.
L. Berlin, 8. Juli.
Nach Mitteilungen, die wir von beonders unterrichteter Sette erhalten, bestätigt es sich, daß die russische Regie- rung hier ihre Wünsche in Bezug auf die bevorstehenden Handelsvertragsverhandlungen ausgesprochen hat, und zwar in der Richtung, daß der Mimmalweizenzoll von ö 1 /) Mark nicht weiter beanstandet werden würde, während eine Erniäßigung des Mindestzolls von 5 Mark auf Roggen allerdings beansprucht wird. _ Indessen bildet diese Forderung oder richtiger gesagt, dieser Wunsch (denn es handelt sich vorerst um die Präliminarien der Verhandlungen) nur einen Teil der Bedingungen, unter denen die russische Regierung die weiteren Beratungen geführt sehen möchte. Beide Regierungen haben vor etwa acht Tagen einander ihre sogenannte Desiderienliste iiber- reicht, und der auf die Mindestzölle für Weizen, und Roggen bezügliche Punkt bildet eben nur ein Teilstück der russischen Liste. Andererseits hat mall auch hier eine gewiß nicht kurze Reihe von Ansprüchen an die russische Adresse gerichtet und naturgemäß bewegen sich- diese Wünsche auf dem Gebiet der Jnduftriezölle. Im Grunde genommen sind mit dem Austausch der beiden Desiderien- listen die Verhandlungen selber berefts in Gang ge- kommen. In Berlin wie in Petersburg wird man , die geäußerten Wünsche des anderen Kabinetts zunächst prüfen, und indem man sich alsdann über sie äußern wird, werden die Verhandlungen selber in Fluß kommen. Wo sie geführt werden, ist noch nicht bestimmt,. Vielmehr laßt sich erwarten, daß sie sowohl in Berlin wie in Petersburg stattfinden werden, je nach den Umständen,, die aus Zweckmäßigkeitsgründen bald die Wahl des einen und bald die des anderen Orts empfehlen dürften. Die Frage an sich hat keinen prinzipiellen Charakter. Jede Regie- rung wird ihre Kommissare auch in der anderen Hauptstadt haben, jede wird Wert darauf legen, zu beliebigen Zeiten Sachverständige zu den Einzelberatungen heran- zuziehen, so daß eine gewisse Zwangslosigkeit der Orts- wähl vorhanden sein wird. Im ganzen hat man den Eindruck, daß die deutsch-russischen Tarifvertrags-Ver. Handlungen auf beiden Seiten mit der aufrichtigen Absicht, zu einer Verständigung zu gelangen, werden ge- führt werden, und die Hoffnung ist berechtigt, daß diese Verständiguna auch zu erzielen fein wird. Jedenfalls dürfte der russische Handelsvertrag einer der ersten sein, mit dem sich der Reichstag zu beschäftigen haben wird, vielleicht der erste. Wenn an maßgebenden deutschen Stellen die Zuversicht geäußert wird, daß sich Handels- Verträge auf Grund der Getreidemindestzölle und ohne dis
Im weißen Kleide.
Roman von M. Böhme (O. Sandor).
(44. Fortsetzung.)
Ein stolzes Gefühl innerer Befriedigung schwellte die Brust des alten Mannes. So weit seme Blicke reichten, sah er sein Werk, die Früchte seiner Arbeit. Mit eurer kurzen Kopfwendung schaute er rückwärts. Das war sein letztes Werk: die junge Tannenpflanzung vom vorigen Jahr. Noch sah man sie kaum, die grünen Köpfchen der Fichten hoben sich nur knapp über das buschige Heidekraut hervor, aber es war sein Traum gewesen, hier nach Jahren einen Wald heranwachsen zu sehen. Das sollte er nun nicht erleben. ^
In der Nacht seiner Totenwache an Marikes Leiche hatte er den Eiitschliiß, zu sterben, gefaßt, und darum hatte er sich heute in der Frühe selber sein Grab gegraben. Er haßte und verachtete die Menschen so sehr, daß er nicht einmal die letzten Liebesdienste von ihnen erwiesen haben mochte. Wo und wie sie ihn fanden, sollten sie ihn lassen: er vertraute dabei mit einer rührenden Naivität auf den Einfluß des ehemaligen Heidhofbauern, der nach seiner Überzeugung es schon durchsetzen wurde, daß man seinen — Knuts — Willen respektiere.
Mechanisch zog er sein Messer aus der Tasche — das bekannte verhängnisvolle gefürchtete Messer, mit der Dolchspitze und der haarscharf geschliffenen Klinge. Ganz langsam, wie liebkosend fuhr der funkelnd helle strahl über feine Handgelenke. Zwei feine rote Schlangen ringelten sich unter seinem Lauf hervor und färbten das helle Grau der englisch-ledernen Hosen.
Von fern her tönten die Sterbeglocken.
Und immer toller sprangen und sprühten die roten Blutschlangen. Mit einem Satze schnellten sie über Knuts Knieen hinweg in die Gruft, immer breiter und dicker und dunkler schossen sie hervor und näßten den braunen Heide-
grund. , .....
Da hörte das Läuten auf. Nun waren sie mit der
Leiche am Grabe angelangt.
Knut bog den Kopf ein wenig vor. Noch war er bei Besinnung. Aber das fließende Blut hypnotisierte ihn, er mutzte immer Hinsehen, und es wurde immer mehr des
Blutes. Rot» dunkelrot war alles um ihn, die Luft, die Sonne, die Ferne, das Moor — der Blittstrom erweiterte sich zum Blutsee, dessen Wogen das Heidhaus umspulten.
Das Haus! — Es summte und rauschte ihm m den Ohren; mit letzter Anstrengung hob er den Kopf,, um nach dem Hause zu blicken, aber er hatte seine Kraft überschätzt. Eine schwarze Wolle löschte plötzlich all das blutige Licht, und mit dumpfem Aufschläge sank er vornüber in die Grube — gerade so, wie er es berechnet und
gewollt. —-Überwunden! —
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An der Stelle, wo Marikes Sarg im Pesel gestanden hatte, fanden sie Knuts Brief, als sie nach reichlich einer Stunde vom Grabe zurückkamen. , .
Er hatte eine merkwürdig geläufige Handschrift,, fast wie ein Avokatenschreiber. Man,sah es diesen zierlichen sauberen Buchstaben nicht an, daß die Hand, die sie , geschrieben, wett mehr den Pflug als die Feder geführt hatte. Der Brief war an Inge Arfst gerichtet. Mit dürren Worten erklärte Knut, daß er zu müde zum Leben sei, und deshalb schlafen gehe. Sein Grab habe er sich selbst gegraben, man werde ihn darin finden. Man brauche die Grube nur zuzuschütten. Nur nicht an ihn rühren, das sei sein letzter Wille.
Natürlich tonnte dem wunderlichen Wunsche des Toten nicht willfahrtet werden. Bei allem natürlichen Scharfsinn hatte er sich, was die Bestimmungen des Gesetzes anbelangte, eine an Naivität grenzende Unwissen, heit bewahrt.
Eine Totenfrau aus dem Dorfe wusch die Leiche und bekleidete sie mit dem Sterbehemd, und dann wurde sie ordnungsgemäß eingesargt. Thygo plünderte den ganzen Blumengarten, um den Toten zu schmücken. Schwere Körbe voll leuchtender Mohnblüten, weißer Rosen, Goldlack, Reseda schleppte er herein und streute, sie über die Leiche. Der lächelnde Friede auf seinen furchenreichen Zügen veränderte diese sehr zu ihrem Vorteil; das Gesicht war Heller, freundlicher, angenehmer als bei Leb- zeiten.
Gottburgsen tat inzwischen alles Mögliche, um den Wunsch des Toten bezüglich feines Grabes zu erfüllen und wider Erwarten glückte es ihm, die erforderliche Ein williguna der Behörde zu erhalten. Die Tiefsieler brancb-
ten ohnehin einen neuen Friedhof, und Gottburgsen er- oot sich, nicht nur der Gemeinde des Stück Land einschließlich der Tannenpflanzung, welches Knut für seine letzte Ruhestätte erwählt hatte und das zum Hofe gehörte, int Umkreise von einigen hundert Quadratmetern zu schenken, sondern er versprach, noch zehntausend Mark bar zu geben, wenn man eben dies Land als Kirchhof wollte. Zwar war das Grundstück etwas entlegen vom Dorfe, aber schließlich war das Anerbieten zu lockend, daß man es ablehnen konnte. Ter Pfarrer befürwortete außerdem die Sache und unterstützte Gottburgsens Gesuch an die zuständige Behörde. Eine Reihe Telegramme flog hin lind her; schließlich in elfter Stunde erhielt man die Erlaubnis, den Toten als ersten auf dem neuen Friedhofe beizusetzen.
Die Kunde von Inge Arfsts Wiederkehr nach so vielen Jahren hatte sich mit Windeseile von Mund zu Mund gepflanzt und erregte im Verein mit Knuts Selbstmord überall ein unerhörtes Aufsehen. Aus den entferntesten Ortschaften der Umgegend waren scharenweise Menschen gekommen, um Knut Webers Beerdigung beizuwohnen und bei dieser Gelegenheit womöglich den Verschollenen, Totgeglaubten von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Eine nach Hunderten zählende Menschenmenge umgab das offene Grab des im Leben Verfehmten.
Ter greise Pfarrer hielt eine schlichte, ergreifende Grab- rede. Man hatte angenommen, daß Knut die Ver- zweiflungstat in momentaner Geistesumnachtung be- gangen habe; auf diese Weise konnte man ihm alle kirch- lichen Ehren erzeigen, die dem Selbstmörder sonst versagt geblieben wären.
„Unter uns allen, die wir versammelt sind, ist wohl nicht einer, der dem Toten nicht etwas abzubitten hätte, und sei es auch nur ein hartes, liebloses Urteil, eine üble Nachrede, eine heimliche Verachtung" — sagte Pastor Wiese in seiner Rede — „in pharisäischer Überhebung dünkten wir uns besser als er, und doch waren wir in Wahrheit nicht seine Gläubiger, sondern seine Schuldner. Wir alle haben in unserer Kurzsichtigkeit und in der Vor- eiligkeit unseres Urteils dem armen Toten großes Unrecht zugefügt, und so — mehr, oder minder — haben wir mitgeschaufelt an diesem Grabe, vor dem wir hier stehen. Als vor vielen Jahren die Kunde von einem angeblich
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