Einzelbild herunterladen
 

übbitiVitfr Tsgblsü.

»» Jahrgang

erschein» 7n zwei Ausgaben. — BczugS-Prei»: durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post - Mk. so Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

19,000 Abonnenten.

Anzeigerr-PreiSr Die einspaltige Pctitzeilc für lokale Anzeige« 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzcile für Wiesbaden 50 Pfg.,

für auswärts 1 Mk.

Altieioeil-JLfflttalttttß Abend-Ausgabe bi» 12 Uhr mittags, für die Morgen»

Anzrigrn (jygimujiwg erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzcigen-Äufnahme an bestimmt

Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später cingereichter Anzeigen zur nächst- vorgeichricbencn Tagen wird «eine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Zorge getragen.

|t(l. 303» verlagS-Fernsprecher Ro. 2851.

Freilag» de« 3. Juli.

RebaktionS-Ferusprecher No. 52. 1903»

Morgen -Ausgabe.

Hei je - Abonnements

auf das

„Wiesbadener Tagblatt"

können täglich begonnen werden und kosten wöchentlich bet freier Zustellung in's Laus

nach ©rtra in DeuWM miö Werreich-Ungarn 60 W.

.. „ im Ansilllü.90 ..

Gestellungen beliebe man genaue wohnungsadreffe beizufügen. Der Verlag des Wiesbadener Tagblatts.

las GmjsknsiWMsen in (Etiglanö.

In der Pfingstwoche fand in Doncaster im westlichen Aorkshire der jährliche Kongreß der Cooperative Union von Großbritannien statt. Gegen 1400 Delegierte hatten sich aus alten Teilen des Landes zu demsäben einge­funden, und auch das Ausland, nämlich Deutschland mid die Schweiz, hatten einige Vertreter entsandt.

DieserKongreß in Doncaster legte ein imponierendes Zeugnis von der gewaltigen ökonomischen und sozialen Bedeutung der britischen Genossenschaftsbewegung ab. Der tiefe Ernst, welcher auf den die Spuren harter Arbeit tragenden Gesichtern lagerte, die intensive Teilnahme an den stundenlangen Verhandlungen, die in beredter Form sich abwickelnde Diskussion bewiesen nicht weniger als die imponierenden Zahlen, welche zur Mitteilung gelangten, daß hier ein gewaltiges Stück sozialer Arbeit und sozialer Erziehung in den vergangenen Jahrzehnten von der Genossenschastsbewegnng geleistet worden ist.

England ist allem Anscheine nach dasjenige Land, welches die Führerschaft in Europa in Bezug auf die Konsumgenossenschaften übernommen hat. Die beiden großen Cooperative Wholesale Societies von Eng­land und Schottland sind ungeheuer große Untemeh. wungen mit einem Umsätze von 18 397 659 Psd. Stert, tesp. 6 059 119 Psd. Sterl. jährlich, (Ziffern von 1902). Ter Reingewinn betrug 336 369 Psd. Sterl. in der englischen Gesellschaft. Sie steht in Verbindung mit 1106 Konsumvereinen, welche 1 392 399 Mitglieder repräsentieren und ein Kapital von 1 006 895 Psd. Sterl. darin angelegt haben. Das Anleihe- und Depo- sitentapital der Gesellschaft beträgt 1 701 933 Psd. Sterl., der Reservefonds 342 152 Psd. Sterl., der Versicherungs­fonds 446 757 Psd. Sterl. Das Hauptgeschäft besteht

darin, daß die Gesellschaft die Waren in großen Quanti­täten bezieht und die einzelnen. Konsumvereine damit versorgt, doch sie produziert auch in steigendem Maße eigene Waren. Im Jahre 1902 betrug der Wert der produzierten Güter 2 943 203 Psd. Sterl.

Die Produktivgenossenschafteit bezw. Unternehmungen der Cooperative Wholesale Societies sind sowohl in England als im Ausland errichtet. Die Gesellschaft be­sitzt eine Öl- und Talgfabrik in Sydney in Australien, eine Speckfabrik in Dänemark, Teefaktoreien und -Kul­turen in Indien, Molkereien in Irland. In England besitzt sie große Fabriken für Konfektion und Wäsche in Manchester und London, Drogerien und Druckereien in Newcastle, Tapeziergeschäfte in London, eine Obstscrrm in Roden, um das Material für die beliebten Frucht­marmeladen, die natürlich auch im Eigenbetrieb herge­stellt werden, zu erzeugen. Die Gesellschaft beschäftigt fortwährend eigene Architekten und Maurer, um ihre Warenhäuser zu errichten, zu vergrößern und in stand zu halten. Sie ist die Zentralstelle, nach welcher die meisten Konsumvereine gravitieren. Sie unterstützt die­selben mit Darlehen bei ihrer Gründung oder in Zeiten der Not, sie spendet Rat und Beistand, wenn Land ge­kauft, Geschäftshäuser gebaut, neue Zweige in Angriff genommen iverden sollen. Ein monatlich in einer 220 000 Exemplar starken Auflage erscheinendes umfang­reiches Blatt, welches die Interessen aller beteiligten Ge­sellschaften vertritt, hält die Mtglieder in geistiger Ver­bindung miteinander und mit der Zentralleitung.

Die Produkte der Gesellschaft werden von Zeit zu Zeit dem Publikum in nationalen Ausstellungen vorgeführt. Eine mit dem Kongreß in Doncaster verbundene Aus­stellung, welche in einer großen Halle aus dem Wollmarkt recht geschmackvoll arrangiert war, bewies, daß man alles, was zu des Lebens Nahrung und Notdurft gehört, in England und Schottland von genyssepschaftlichm Pro­duzenten erwerben kann. Ein außerordentlich einfaches und wirkungsvolles Mittel wird von den Cooperative Wholesale Societies angewendet, um in Zeiten der Not, bei Streiks, bei großen ■ Unglücksfällen in Berg­werken u. s. f. die dem Elend preisgegebenen Frauen und Kinder der Arbeiter zu unterstützen. Sie teilten den Kon­sumvereinen in der Nachbarschaft der Notleidenden Coupons zum Werte von 1 sh. aus, welche von diesen mit Hilfe ihrer genauen persönlichen Kenntnis ihres Kunden­kreises den Ärmsten und Bedürftigsten zugewendet wer­den und beim Einkauf von Lebensmitteln an die Konsum- Vereine zurückwandern, welche den Betrag schließlich von den Cooperative Wholesale Societies ausgezahlt er­halten. Die Gesellschaft hat außerdem ein großes Er­holungsheim auf der ihr gehörigen Farm eingerichtet, wo die Mitglieder der Konsumvereine, Mann oder Frau, auf Ersuchen drei Wochen Erholung finden können für den geringen Preis von 12i/s> sh. die Woche.

wmmm Litern

Diesem ungeheueren, blühenden Unternehmen der Konsumvereine sei ganz kurz ein anderes gegenüber ge­stellt, welches vor kurzem von einigen Frauen mit wenigen Pfunden Sterling auf kleinster Basis errichtet worden und dazu bestimmt ist, die Genosscnschaftsbewegung in die allerärmsten Volkskreise zu tragen, welche ihren täglichen Bedarf für pennies und ha’pennies zu kaufen gewöhnt sind. Die Leiterinnen der Women’s Cooperative Guild haben in Sunderland, einer Stadt im Kohlendistrikt von Aorkshire, einen Konsumverein gegründet und einen Kramladen, eine Fleischerei, eine Abteilung für zubereite­tes, Essen, eine Halle für gesellige Zusammenkünfte, eine Wäscherei und Wohnung für zwei Leiterinnen einge­richtet.

Dieses Unternehmen, welches mit nicht allzuviel Ver> trauen als eine soziale Pflicht gegen die untersten Volks­schichten begonnen wurde, die man noch nicht reif für die genossenschaftliche Bewegung erachtete, hat sich jedoch als äußerst erfolgreich erwiesen. Bereits nach einem halben Jahre machte es sich vollständig bezahlt, die Pennybant hat bereits 700 Bücher ausgeteflt, meist an Kinder aus den ärmsten Familien, die hierdurch zum Sparen erzogen werden.. Das fertige Essen erweist sich als eine Wohltat für die in der Fabrik arbeitenden Hausfrauen.

Die Leiterinnen der settlements arbeiten als Propa- gandistinnen. Sie besuchen die Familien ihres Viertels, machen ihnen die Vorteile des genossenschaftlichen Zu­sammenschlusses klar und werben Mitglieder. In der großen Halle werden gesellige Unterhaltungen veran- staltet, Diskussions-, Näh- und Singabende abgehalten.

Dieses Streben, erzieherisch auf das Volk zu wirken, ihm klar zu machen, daß es sich hier um eine der wichtig, sten Lebensfragen handelt, von deren gedeihlicher Ent- Wickelung der Wohlstand, die sittliche und intellektnells .Hebung der unteren Klassen und damit die Civilisation des ganzen Volkes abhängt, trat ans dein Kongreß sehr stark hervor. Ein besonderer Ausschuß für Erziehung ist mit dieser Aufgabe betraut, die er durch Vorträge, Vor- führung von Projektionsbildern aus dem Genossenschasts- leben, Pennysparkassen cc. zu lösen sucht. Das Bestreben der englischen Gnossenschastsbewegung geht allem An- schein gegenwärtig darauf aus, die produktiven Kräfte der Nation immer mehr in ihren Dienst zu ziehen.

Eine Resolution, welche darauf abzielte, hm Ackerbau besonders in Irland aus kooperative Basis zu lenken, so­wie eine andere, ivelche dm Wunsch des Kvngresses aus­sprach, drei Schieserbrüche in Wales zu erwerben, um dm durch den Streik in dm Pmrynschen Werken brotlos ge­wordenen Arbeitern Beschäftigung zu geben, wurde mit lauter Zustimmung angenommen. Drei andere Resolu­tionen, von denen eine sich energisch für dm bedrohten Freihandel Großbritanniens aussprach, eine zweite die London Education Bill als eine reaktionäre klerikale Maßregel verdammte, und eine dritte für inter-

FeuiUrtorr.

Munderkräste ües Wassers.

Saison - Plauderei zur Zelt der Badereisen.

Von vr. Enge« Wei«gart.

Trotz etlicher Tausende von Medikamenten, die ent­weder dem Tier- und Pflanzenreiche entnommen, oder von der modernen Chemie in ihren Retorten hergestellt werden und in unseren Apotheken den Heilungsuchenden zur Verfügung stehen, macht die Menschheit immer wie­der gern Gebrauch von den wunderkräftigen Heilmitteln des Wassers, dem schon der altgriechische Dichter Pindaros das Loblied gesungen hat, daß es von allen Dingen das beste sei. Jeder Arzt und auch ein großer Teil der Laien, die ein wenig über die Gabe verfügen, sich selbst und die umgebende Welt zu beobachten, wissen, daß man beson­ders das große Heer der chronischen Krankheiten, die auf langsam fortschreitenden Veränderungen lebenswichtiger Organe oder auch einer tiefgreifenden chemischen Ver­änderung der Körpersäfte beruhen, nicht mit einigen Flaschen himbeergefärbter oder mittels Kirschlorbeer­tropfen gefärbter Medizin, wie sie früher fast nie am Krankenbett fehlte, oder mit einem Dutzend Pülverchen kurieren kann, die bei einem akuten Krankheitsfall unter Umständen von gewaltigem Nutzen sein können, gegen­über lang andauernden Leidenszuständen aber meist ver­sagen. Man ist sich also darüber im klaren, daß Leiden, die zu ihrer Entwickelung lange Jahre gebraucht haben und durch ebenso lang anhaltende Ernährungsfehler oder Mißbräuche entstanden sind, nur durch andauernde Änderung der Lebensgewohnheiten und der Ernährung, durch Bcwegungs- und Terrainkuren, vor allem aber durch den innerlichen Genuß von Trinkbrnnnen oder durch Bäder im Wasser von Heilquellen zu beseitigen sind, die im stände sind, auf chemischem oder mechanischem Wege die den Körper belastenden Krankheitsstoffe zu zer­stören oder zu entfernen und dadurch die normale Funk­tion bereits angegriffener Organe, wie des Magens, der Leber und der Nieren in die richtigen Bahnen zu leiten.

Der Gebrauch von Bädern und Trinrbrunnen steht

deshalb bei Behandlung vieler und schwerer Krankheiten mit Recht an erster Stelle. Vom zeitigen Frühjahr an ergießt sich in die Badeorte eine Völkerwanderung von Heilung Suchenden, die in den Hochsommermonaten ihren Höhepunkt erreicht und auch im Herbst nicht gänz­lich aufhört, seitdem man in klimatisch begünstigten Plätzen auch die erforderlichen Einrichtungen für eine Wintersaison getroffen hat. Andere trinken den natür­lichen Brunnen der ihnen vom Arzte verschriebenen Heilquelle zu Hause oder bedienen sich der genau nach der chemischen Analyse zusammengesetzten künstlichen Salze. In großen Städten mehren sich aber auch von Jahr zu Jahr die Gelegenheiten, in denen dem Leiden­den die Möglichkeit geboten wird, Bäder nach Art von denjenigen in weit entfernten Kurorten zu gebrauchen. Außerdem tauchen aber noch fast alljährlich neue und oft recht seltsame Bademethoden auf, die mit großem Auf­wand an Worten angepriescn werden, ohne daß ihr Wert auch unzweifelhaft feststände, so daß der Badelusttge sich oft die zweifelnde Frage des Philosophen: „Wo ist Wahr­heit?" zu eigen macht.

Diese Frage ist um so berechtigter, als es an einer streng wissenschaftlichen Theorie über die Wirkungsweise der verschiedenen Heilquellen noch fast gänzlich fehlt. Wir können es uns wohl zusammenreimen oder glauben es wenigstens zu verstehen, daß ein an Alkalien reicher Trinkbrunnen die im Körper eines Kranken vorhandene Harnsäure und ähnliche schädliche Substanzen zu neu­tralisieren vermag und deshalb als Heilmittel gegen Gicht wirkt und aus denselben Gründen auch für die Behand­lung von Nieren- und Blasenleiden von Wert ist. Es leuchtet uns auch ein, daß der Rheumatiker, dessen Leiden

— ob mit Recht oder Unrecht, mag dahingestellt bleiben

— auf Erkältungen zurückgeführt wird, durch den Ge­brauch eines Warmbades Linderung empfindet oder völlig geheilt wird, oder daß das Trinken einer Salz­quelle einen katarrhalisch affizierten oder verschleimten Magen wieder herstellt. Wenn wir aber die Wirkung der heißen Quellen von Gastein, Ragaz, Psäfers und anderer sogenannter indifferenter Quellen oder Akrato­thermen betrachten, deren Wasser ungemein arm an Salzen und anderen mineralischen Beimengungen ist und bei gewissen Leiden doch wahre Wunder verrichtet

so fehlt uns eine streng logische Erklärung hierfür ebenso wie für die vielfach in fast derselben Richtung wirksame Heilkraft der an Salzen überreichen Solbäder oder gar der Moor- und Schlammbäder, deren dunkles, schwärzliches Naß geradezu als ein Antipode des kristall­klaren Wassers der Akratothermen bezeichnet werden muß.

Im Gegensatz zu Leuten, die demjenigen, was sie nicht verstehen, am liebsten die Existenzberechtigung ab­sprechen möchten, erkennt die moderne Medizin den Wert der Moorbäder gern und willig an und macht von ihnen den umfassendsten Gebrauch. Es kann zwar als ziemlich sicher gelten, daß von den chemischen Bestandteilen der heilkräftigen Mvoreröe so gut wie nichts durch die Haut in das Innere des Körpers eindringt, dessen Säftestrom im Gegenteil von innen nach außen gerichtet ist und nur durch energische Einreibungen gezwungen werden kann, Medikamente von der Haut aus in sich aufzunehmen. Man muß sich daher die Wirkungsweise der Moorbäder etwa in der Art denken, daß in dem Schlamm derselben, der durch die Zersetzung einer reichen Vegetation von Pflanzen und niederer tierischer Organismen im Laufe unermeßbar langer Zeiträume entstanden ist und sich mit den mineralischen Bestandteilen der Quellaöcrn und oberirdischen Wasserläuse imprägniert hat, organische Säuren und lösliche Eisenverbindungen enthalten sind. Diese üben einen eigentümlichen Reiz auf die Haut und deren Nerven aus, so daß der respiratorische Gaswechsel und die ausscheidende Kraft der Hautdrüsen eine außer­ordentliche Steigerung erfährt, durch die alle jene vom Bolle gewöhnlich als Unreinigkeiten des Blutes zu­sammengefaßten, vom Stoffwechsel oder der zersetzenden Tätigkeit von Bakterien herrührenden Giftstoffe aus dem Körper hinweggeschwemmt werden. Aus diesem Grunde darf man aber wirkliche Heilkräfte auch nur non der Anwendung echten Mincralmoores und nicht >on jedem beliebigen Schlamm erwarten, der sich ln dem ersten besten sumpfigen Wasserloch abgesetzt hat und den irgend ein spekulativer Kopf als gleichwertig mit dem an Ameisen- und Essigsäure reichen Mineralschlamm der berühmten böhmischen Moorbäder oder den an schwefelsaureu Salzen und Schwefelsäuren reichen Schlammwässern deutscher Badeorte anpreist.