Nr. 204.
Morgeir-Veilage -er Wiesbadener Tagblatts, s
Donnerstag, 2. September.
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(6. Fortsetzung.)
5ttcöcl$ Cicbc. verboten.»
Roman von Anny von PanhuyS.
Magda Bergen bewohnte mit ihrer Schwester Gertrud in einer eleganten Pension der HohenzollernÄllee mehrere Zimmer im ersten Stock. Von ihren Fenstern hatten die Damen einen hübschen Blick auf die breite Promenadenstraße, eine der schönsten Straßen der in den letzten Jahren sich riesig vergrößernden alten Krönungsstadt. Prächtige Bauten stehen zu beiden Seiten, unter denen besonders das Senckenbergianum auffällt, von dem die Gestalt des Sensenmannes mit dom Stundenglas eindringlich mahnend hevadschaut auf all die Manschen, die hier hin und her spazieren, und ihnen sein „Memento mori" zuruft. Die wenigsten von ihnen sehen ihn oder sie gucken gar geflissentlich an ihm vorbei: ist's doch viel lustiger, den Blick Hintiberschweifen zu lassen zu der Festhalle, dom Stolz des ausblühenden Frankfurt, deren hohe, gewölbte Kuppel sich so machtvoll gen Himmel streckt.
ALagda war mit dem Studium einer neuen Rolle beschäftigt. Sie lag, in ein Morgenkleid von lichtblauem weichem Tuch gehüllt, in einem Schaukelstuhl, der sich langsam auf und ab bewegte. In der Rechten hielt die Sckiauspielerin das dünne, engbedruckte Heft mit denn Rollenauszug, und ihre Lippen sprachen fast betonungslos Sätze. Ganz mechanisch, um die Worte dem Gedächtnis einznprägen. Einförmig glitt das Murmeln durch das stille Zimmer, manchmal übertönt von dom Gummen einer Fliege, die ungebävdig umherflog und sich über die geschlossenen Fenster ärgerte. Die größte Ruhe muhte um Magda sein, während sie lernte, das wußte die ältere Schwester und bemühte sich deshalb ihr olle Störungen fernzuhalton. Und so ein probsfreier Bormittog mußte besonders zum Lernen ausgenützt wenden, deren gab es nicht allzuviele, namentlich in letzter Zeit. Der Direktor hatte Magda für den demnächst stattfindenden Ibsen-Zyklus tüchtig mit Proben versorgt. Wer war auch berufener, Jbsenschen Friauen- gestalten Leben zu verleihen, als Magda Bergen mit dom dunkelgoldenen Leuchten im Haar und dom fernen nervösen Gesicht!
In hellen, lauggvzogenen Tönen, die wie Singen klangen, kündete eine Rokoko-Pendüle die elfte Stunde. Die Schauspielerin stand auf und legte das Heftchen auf den Tisch. Ein tiefer Atomzug hob ihre Brust und in ihren Augen war Befriodigung. „Zwei Stunden habe ich jetzt gebüffelt. Gertrud", rief sie laut ins Nebenzimmer, „nun habe ich sicher mein Frühftücksbrötchen verdient." Sie folgte ihren Worten auf dom Fuß.
Gertrrid Bergen trat ihr bereits entgegen, angetan mit grauem Rock und weißer Bluse, der ein steifer Kragen und gut gestärkte Manschetten etwas Ruhiges gaben. Das stand dem kühlen vornehmen Gesicht und der hohen Gestalt gut. Rur der bittere Zug um den Mund entstellte das ebenmäßige Antlitz, ebenso die fast puritanische Haartracht. Man sah, die reichen dunklen Haarwellen hatte eine energische Hand gewaltsam mit Kamm und Bürste zurückgerissen und in den allzu festen Zopf geflochten, der sich am Hinterkopf zu einem schlich
ten Knoten fügte. Das bittere Lächeln um Gertruds Mund schwand zwar nicht vollkommen, dazu war es zu tief, zu lange eingeprägt; aber milder ward es und ein zärtlicher, mütterlicher Blick umfing die jüngere Schwester.
„Das Frühstück ist schon bereit", Gertrud wies auf den hübsch und gefällig gedeckten Tisch, auf dem wohl- geordnet einige kalte Speisen standen. Inmitten des Tisches prangte in einer geschliffenen Kristallvase ein herrlicher dmikelblühender Noseprstrauß. Die Angen der Schwestern trafen sich über den Rosen und tauchten lächelnd ineinander.
„Also der Gruß von Herrn oder Frau Anonymus ist pünktlich wieder eingetroffen", sagte Magda, auf die Blumen deutend. Sie nahm am Tische Platz, Gertrud saß ihr gegenüber.
„An eine Frau Anonymus glaube ich nicht", erwiderte die Ältere und goß Magda ein winziges Gläschen Sherry ein.
> „Nun, ich meine, ein Herr, der mir seit acht Tagen jeden Morgan eine so wundervolle Blumensvende sendet, .hätte doch sein Inkognito schon irgendwie gelüftet oder eine direkte Annäherung versucht. Bei einer Dame, der vielleicht mein Spiel gefällt, ist diese stille Art der Verehrung eher begreiflich", gab Magda zurück.
„Nein, die Rosen kommen von einem Herrn, und es wird auch nicht mehr allzu lange dauern, bis er sein Bister lüftet. Irgend ein brutales unverschämtes Männergesicht sitzt darunter und schaut frech und besitz- evgreisend nach der schönen Magda Bergen. Er ahnt ja nicht, der verliebte Unbekannte, daß die Schauspielerin, die er für leichte Beute hält, gewitzigt ist und die Männer verachtet, weil einer von ihnen ihre Schwester so entsetzlich unglücklich machte." Triumphierend klang's, und das bittere Lächeln grrib sich tiefer um den herben Atund.
Magda schwieg einen Augenblick und lenkte dann vorsichtig von dem Thema ab. Sie sprach von ihren neuen Rollen, von den Toiletten, die sie dazu benötigte, und erreichte dann auch, tvas sie beabsichtigte: Gertrud vergaß den Rosenspender im besonderen und die Männer im allgemeinen. Desto mehr aber dachte sie daran, denn so lieb sie auch die Schi vaster hatte und so angenehm ihr auch deren Gesellschaft war, die stets für sie in dienstwilliger Weise sorgte, so gab es doch Stunden, da die Verbitterung Gertruds ihr weh tat und sie quälte. Die Schwester maßte sich ein Urteil über die Männer an und kannte doch nur einen. Einen, der leichtsinnig und falsch gewesen, der chr Geld verspielte, der sie betrog und dann zuletzt aut und davon ging: Frau Fania erzählte mit einer anderen. Fünf lange Jahre Waran seitdem hingegangen, aber die Erbitterung Frau Gertruds war nicht milder geworden in dieser langen Zeit. In jedem Manne glaubte sie die Charaktereigenschaften ibreS Mannes wiederzufinden, und gleich einem zuverlässigen Wärter stand sie stets bereit, die junge Schwester vor ihrem eigenen Los zu bewahren. Wie sie
