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St. Jahrgang.

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|{(J, 304« Verlags-Fernsprecher No. 295».

Freitag» de« 3. Juli.

Rcdakiions-Fernsprcchcr No. 52. 1903»

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Kurley.

Dieses von der über die ganze Union, deren neu erworbene Kolonialgebiete und Kanada verbreiteten „Ge­nossenschafts-Bruderschaft" ins Leben gerufene Gemein­wesen liegt etwa 30 Kilometer von Tacoma (im Staate Washington) entfernt und beruht auf kommunistischer Grundlage, wie so viele andere kleine „Gemeinden" Nord- Umerikas. Nähere Mitteilungen über Burley finden sich in Buells „Industrial ontlook ok Euba, Ruerto Rico and the Philippine Islands" (1902) und in röter der neuesten Nummern der bekannten Newyorker Monatsschrift „Arena" (Artikel „The Cooperatrve Brotherhood" vom „Bruder" Copeland). Die Organi­sation des Planes erinnert mich lebhaft an das elendig­lich gescheiterte mexikanische kommunistisch-genossenschaft­liche Unternehmen des Obersten und Ingenieurs Albert Kimsey Owen: die Topolobampkolonie. Ob die „Brüder" es Wohl verstehen werden, die Klippen, an denen Owens Schiff scheiterte, zu vermeiden?

Die in Rede stehende Genossenschaft hat zweierlei Mitglieder: solche, die, und solche, die nicht in Burley wohnen. Die letzteren zahlen 125 Monate hindurch je einen Dollar und beim Beitritt fünf Dollar Einschreibe­gebühr ein. Wer die Einschreibgebühr und zwölf Dollar an Beiträgen entrichtet hat, erlangt die Berechtigung, im Falle der Arbeitsunfähigkeit drirch Krankheit oder Unfälle irr Burleu mit Wohnung und Unterhalt versehen zu werden, — auch für die von ihm abhängigen Ange­hörigen. Stirbt ein Mitglied, so werden die Angehörigen, so lange sie wollen, von der Genossenschaft erhalten. Die Einzahlungen bilden also gleichzeitig eine Art Ver­

Im weißen Kleide.

Roman von M. Böhme (O. Sandor).

(43. Fortsetzung.)

Obgleich er selber Knut immer ein gewisses Wohl­wollen gezeigt, hatte Pastor Wiese in diesem Augenblick doch das unabweisbare peinliche Empfinden, daß er wie alle Welt dem alten Knecht Unrecht getan hatte. Er kannte Knut Webers Geschichte, feine Herkunft und seinen weiteren Lebenslauf, und je länger er nachdachte, desto klarer wurde es ihm, daß Härte und Lieblosigkeit der Menschen, ihre Sucht zum Verdammen und zum vor­schnellen Urteilen es wahrscheinlich verschuldeten, wenn sich das Herz des Einsamen, Verachteten in Haß und Bitterkeit zusammengekrampft hatte und jeder freund­lichen menschlichen Regung unzugänglich wurde.

„Und jetzt ist es zu spät", sagte der alte Herr seufzend, „aber wissen sollen es heute oder morgen bereits glle, daß Knut Weber kein Mörder ist."

Knut Weber nahm Thygos inhaltsschwere Ent­hüllung anscheinend ohne große Erregung auf. Auch das Wiedersehen des Verschollenen schien ihn nicht be­sonders aufzuregen. Er allein hatte ja gewußt, daß Inge Arfst in jener fernen düsteren Herbstnacht ent- flohen und entkommen war; deshalb überraschte ihn die Wiederkehr desselben nach langen Jahren kaum.

Kaum daß er dem Heimgekehrten wegen seines langen Fernbleibens grollte. Seit Stunden schienen seine sonst so leidenschaftlichen Empfindungen eingeschlafen; selbst seine Sprache, sein Gang, seine Handbewegungen schienen schlaff, kraftlos, apathisch.

Nur einmal, als der Heimgekehrte an den Sarg trat, um seine Frau noch einmal, zum letzten Male, zu sehen, grollte es unter den buschigen Augenbrauen des Alten auf, und er machte eine Bewegung, als hätte er nicht übel Lust, Mankos Mann vor die Tür zu setzen; aber er be­zwang sich und blieb doch ruhig.

Nach ein Paar Stunden mußte der Sarg geschlossen werden. Die Verwesung schritt rapide fort. Knut selbst schob den Deckel auf, sine fremde Hilfe. Als das ge-

sicherungsprämie; ob aber die Berechnungsgrundlagen mathematisch genügend sind? Nicht arbeitsunfähige Mitglieder können in der Regel erst nach zehn Jahren Bewohner von Burley werden; Ausnahmen bilden nur jene, die wegen der Natur ihrer Beschäftigung, falls für solche Bedarf ist, früher dahin berufen werden. Einmal an Ort und Stelle, braucht man keine Einzahlungen mehr zu machen; dagegen wird erwartet, daß man tüchtige Arbeit leiste, soweit man sie versteht und zu leistm im stände ist. Jetzt leben 120—130 Personen (Männer, Frauen, Kinder) in Burley, mit allerlei Arbeiten beschäf­tigt; nur die Kinder feiern.

In unserem Dorf gibt es weder Wirtshäuser noch Kirchen, --weder Geld noch Konkurrenzhandel. Hier werden keine Arbeitslöhne bezahlt. Die Ländereien, das Vieh, die Meliorationen, die Werkzeuge, die Maschinen, die Erzeugnisse des Bodens und der Industrie — alles gehört der Gesamtheit. Jeder Familie wird für die ganze Dauer ihres Aufenthaltes einWohnhaus überlassen, das nicht abgetreten oder veräußert werden darf. Nie­mand ist in Sorge wegen Wohnungsmiete, Arbeit, Krankengeldes, Altersversorgung oder des Schicksals. der Hinterbliebenen. Ter Laden, das Speisehaus, die Meierei und die übrigen „öffentlichen" Einrichtungen liefern alles zu Selbstkostenpreisen. Ein Liter Milch kommt auf fünf Pf., eine Mittagsmahlzeit auf etwa 22 Pf. zu stehen. Man führt ein fleißiges, idyllisches Leben unter der Verwaltung von zwölf gewählten Vertrauens­männern. Die Haupterzeugnisse sind Bodenprodukte, Bauholz, Schindeln und Cigarren. Allmonatlich findet eine Verwaltungssitzung statt, in der u. a. entschieden wird, welcher Prozentsatz des Monatsüberschusses unter die Genossenschafter nach Maßgabe der geleistete:: Arbeits­stunden zu verteilen ist, und zwar in Gestalt von „Kredit- anweisungen", für die man die nötigen Waren. Mahl­zeiten, Wäschewaschungen ec., nötigenfalls jede erforder­liche Handwerkerarbeit erhalten kann.

Mit und in Burley hat die „Bruderschaft" ihre Tätig­keit nur begonnen; sobald als möglich will sie auch in anderen Teilen der ^Vereinigten Staaten ähnliche An­siedelungen gründen,' die dann ihre Erzeugnisse unter­einander und mit Burley austaüschen könnten. Burley liegt auf einem Grundstück von ca. 120 Hektar an einer Bucht. Vor 31 / 2 —4 Jahren wurde mit dem Urbar­machen begonnen; heute sind bereits etwa 12 Hektar bebaut und ebensoviel ist halbwegs urbar gemacht. Eine Sägemühle, ein Schindelwerk, eine Drechslerei und eine Besenstielfabrik wurdet: gleich anfangs errichtet. Dazu sind allmählich 25 Wohnhäuser, eine gemeinsame Küche, ein Speisesaal, eine grüße Wäscherei :c. gekommen. So­gar eine Zeitschrift wird schon herausgegeben: „The cooperator" (== „Der Genossenschafter"), die, für die

schehen war, befestigte er einen schon gewundenen Kranz 1 aus weißen Rosen und Heideblüten ,den er am Abend vorher angefertigt hatte, obenauf. Und als alles besorgt war, ging er nach vorn in das schmale Wohnzimmer und setzte sich wie alle Abende auf seinen Platz auf der Ofen­bank. Die beiden Männer folgten ihm, und dann be­gannen sie von der Zukunft zu reden. Knut hörte schein­bar aufmerksam zu, als sie ihm auseinandersetzten, daß weder Thygo noch sein Vater auf den Heidhof reflektier­ten, ui:d daß man ihm bis an sein Lebensende das Be­sitztum zur freihändigen Verwaltung überlassen wollte. Sogar schriftlich in einem notariellenAkt sollte es auf seinen Wunsch festgesetzt werden, daß er für seines Lebens Tauer die unkündbare Alleinherrschaft auf dem Heid­hofe habe.

„Nicht wahr, Knut, du wirst uns diese Bitte nicht ab- schlagen —" sagte der ehemalige Heidhofbauer, „ich möchte den Heidhof ungern verkaufen, und ich wüßte keinen, dem ich meinen mütterlichen Besitz lieber anver­traute als dir. Schalte und walte ganz nach deinem Er­messen. Was du baust und erntest, ist für dich. Ich will keine Erträge. Ich bin dir obendrein dankbar, wenn du auf dem Posten bleibst. Und überhaupt, Knut — gib mir die Hand. Wir wollen uns vertragen, Alter. Laß alles ausgelöscht und vergessen sein. Ich habe dir mehr abzubitten als du mir. Du hast viel Ungerechtigkeit, viel Unbill durch mich erleiden müssen. Vergib mir! Es quält mich so . . . Laß uns vertragen, Knut. Wer weiß, wie bald unser Herrgott ohnehin Frieden macht; Marike ist uns vorangegangen, wer kann uns sagen, wie bald wir ihr folgen. Darum laß uns Friede:: machen, so lange es noch Zeit ist."

Die steigende Wärme in Gottburgsens Stimme schien wirklich Eindruck auf den Alten zu machen. Flüchtig be­rührte Knut die dargebotene Hand seines früheren Herrn.

„Meinetwegen. Ich trage dir auch nichts nach, Inge, obschon — na, lassen wir das. Auch ohnedem haben sie all ihre Tage Manschetten vor Knut Weber gehabt. Und wir — Marike und ich — sind auch ohne die Völker fertig geworden, wenn's uns auch manchmal geärgert hat — deshalb laß dir keine grauen Haare wachsen. Hatte

Ziele der „Bruderschaft" Propaganda macht und über ihre Tätigkeit berichtet.

Hier leben Angehörige verschiedener Religionen und Nationen friedlich beisammen. Leute mit geringfügigen Mitteln sind ihre eigenen Herren und führen ein menschen­würdiges, von der Außenwelt möglichst unabhängiges Dasein. Von Armut, Verbrechen, Streiks ist keine Rede und jedermann hat Zeit zur Fortbildung seines Geistes und Gemütes, zur Ausgestaltung seines Charakters, zur Pflege der Kunst. Das sind die Vorteile gar mancher kleiner und kleinster kommunistischer Gemeinwesen; leider pflegen sie nicht anzuhalten, sobald sich diese ver­größern — dies ist die Schattenseite des Kommunismus« wie man sie in Jkaria, Topolobampo, Neu-Australien, Zoar und anderen ähnlichen sozialen Niederlassungen immer wieder kennen gelernt hat. I. k.

Deutsches Deich.

Amerikanisches.

L. Berlin, 2. Juli.

Wir haben über Amerika in der letzten Zeit die mannig­fachsten Urteile vernommen, aber sie alle stimmten darin überein, daß dies zukunftsreiche Land im Begriff ist, ganz neue großartige Wirtschaftsformen auszribilden, und daß wir die dringende Pflicht haben, uns um die Ent­wickelung der Union zu kümmern, von ihr zu lernen und zugleich das Vertrauen zu uns selber in der Vergleichung zunickzugewinnen. Zu den Männern, die Amerika neuerdings bereist haben, um zunächst sich und dann :ms zu unterrrchten (nur die Namen Graf Tiele-Winckler, Finanzminister v. Rheinbaben, Generalkonsul Goldberger und Bankdirektor Salomonsohn seien genannt) gesellt sich jetzt ein Elektrochemiker von Weltruf, der Berliner Pro­fessor F. Haber, der in: Aufträge der deutschen Bunsen- Gesellschaft für aügewandte physikalische Chemie die Ver­einigten Staaten bereist hat. Professor Haber sollte dort die Unterrichtsmethode und die Technik auf elektro­chemischen: Gebiete studieren. Er hat sich 16 Wochen in der Union aufgehalten und hat dann in der Bunsen-Ge- sellschaft über seine Studienreise einen Bericht erstattet, den vor kurzem die Zeitschrift für Elektrochemie abge­druckt hat. Wir verdanken den Hinweis auf diesen Vor­trag einem gelehrten Freunde. Das Blatt selbst ist wohl nur Fachmännern bekannt, und auch von der Entsendung des Professors Haber hatte man bisher nichts gehört. Es ist selbstverständlich ausgeschlossen, hier etwas von den wissenschaftlichen Einzelheiten des Berichtes wiederzu- geyen. Wohl aber wird es interessieren, etwas von den allgemeinen Bemerkungen zu erfahren, mit denen Pro­fessor Haber seinen Bericht an die Bunsen-Gesellschaft ein­

es damals gut genug mit dir im Sinne, und wenn du mit dem Leber: davon kamst, war's nicht gerade mxröt Verdienst. Scheint dir gut gegangen zu sein. Bist ja ein feiner Herr geworden. Und meine Handschrift trägst

auch noch im Gesicht, wie ich sehe —- hm —-also das

laß gut sein. Aber was Ihr mit dem Heidhof macht, ist eure ^ache. Ich mag nicht mehr. Ich bin müde. Ich bin alt.,"

„Tu bist doch nur einige Jahre älter als ich, Knut."

„Einerlei. Ich mag nicht mehr. Ich will meine Ruh."

„Wenn du dir eine Hilfe auf dem Hof hältst, kannst du auch hier deine Ruhe haben."

Knut lächelte eigentümlich, aber er antwortete nicht mehr, obgleich man noch weiter auf ihn einsprach.

„Er wird sich schon besinnen", meinte Thygo, als er am Abend mit seinem Vater über die Heide nach Ölend ging ,wo sie wieder übernachte:: wollten.

, „Wir wollen es hoffen", sagte Gottburgsen, dem Knut Webers- verändertes Wesen eine seltsame Beklommenheit verursachte. „Ich kannte Knut nicht wieder, und fast meine

ich, er wird uns mit etwas überraschen.-Seine

Ruhe ist mir unheimlich. Dir nicht?"

„Ich freue mich nur, daß alles so friedlich abging", entgetznete Thygo. „Ich war aus eine Gewaltscene ge­faßt. Mutters Tod mag ihn doch weich gestimmt haben. Ich hätte ihn eines wärmeren Gefühls freilich nicht für fähig gehalten."

„Wer weiß!" sagte Gottburgsen nachdenklich, „ich möchte nur wissen, was er im Sinne hat."

Die altmodische Wanduhr mit dem blumenbemalten Zifferblatt im Heidhause verkündete mit schrillenSchlägen die dritte Morgenstunde, als Knut Weber die Beine zum Bette hinauswarf und in seine werktäglichen Arbeits­kleider, die graue englisch lederene Hose und den blau­gestreiften Kittel, schlüpfte. Dann wusch er sich in der blechernen Waschschüssel das Gesicht, bürstete seine Hände und kämmte vor dem halbblinden Spiegel seine dichten grauen Haare. Nachdem er so seine einfache Morgen­toilette beendet, nahm er seinen breitkrämpigen ver­bogenen Strohhut und verließ die Kammer. Im Loa vertauschte er die ledernen Pantoffeln mit schweren Holz-