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H. Jahrgang.

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Verlag: Langgasie 27.

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|(t0. 301 ♦ verlagS-Fernfprecher N«. 29B».

Donnerstag» den 8. Juli.

RebaktionS^ernfprcchcr No. 82.

1903.

Hlorgei"flusgabe.

<&m englische Minmturrevolulion.

Unser Londoner u-Korrespondent schreibt unterm 29. Juni:

' Unter dem Namen passive Widerstands-Bewegung" spielt sich hier gegenwärtig eine Miniaturrevolution ab, an deren Spitze die Geistlichkeit der Nonkonfonnisten stehr. Von dem Tage an, wo das Parlament die bekannte Vor­lage zum Gesetze machte, die darauf berechnet war, die Volksschulen der Geistlichkeit der Staatskirche auszu­liefern, und die Steuerzahler zu zwingen, auch noch die Kirchenschulen zu unterhalten, forderten jene Häupter der nonkonformistischen Gemeinden auf, die Zahlung des­jenigen Teiles der Steuern zu verweigern, der für die Kirchenschulen bestimmt ist. Selbst in unfern prosaischen Zeiten gibt es noch immer Leute, die bereit sind, die Rolle von Märtyrern zu spielen, und so kommt es denn, daß sich in den letzten Wochen eine ganze Anzahl wegen teilweiser Nichtbezahlung ihrer Abgaben auspfänden ließ. Der erste Verkauf von Pfandgegenständen wurde dieser Tage in einer kleinen Stadt in Derbyshire abgehalten, wobei es sich um das Eigentum von drei Nonkonformisten handelte. Die Behörden befürchteten, daß es dabei zu stürmischen Scerren kommen könnte, und verschoben daher die Ankündigung der Versteigerung bis auf den letzten Augenblick. ' Erst am Donnerstagabend zwischen rreun und zehn Uhr ließcir sie durch Polizisten die gedruckte Anzeige von Haus zu Haus tragen, aber sofort war die ganze Stadt auf den Beirren. Männer liefen, große Klingeln schwenkend, durch die Straßen, und riefen dabei „Protestler, wacht auf!" Man erzwang schließlich das Offnen des Telegraphenamtes und unterrichtete auf telegraphischem Wege die Leiter der Bewegung in London und an anderen ferngelegenen Plätzen, indes nach den näheren Boten zu Pferd und zu Wagen eilten. Die Auktion war für neun Uhr früh angesetzt, doch fehlte es darum nicht an Teilnehmern. Der erste Zug, der in Wirkswvrth eintraf, war mit solchen überladen. Unter anderen brachte er den Pfarrer Pickett aus der berühmten Spitzenstadt Nottingham, den eine Depesche um drei Uhr morgens erreicht hatte. Namentlich die Geistlichen aller

unabhängigere Sekten waren stark vertreten, und I)r. Clifford, der bekannte Kanzelredner und Politiker traf aus London in dem Augenblick ein, wo der Hammer des Auktionators zum letzten Male fiel. Vor der Polizei­wache. wo die Versteigerung vor sich ging, hatte sich eine gewaltige Menschenmenge eingefunden, und heftige Reden, in denen man die Regierung gebührend schlecht machte, wurden von leitenden Persönlichkeiten gehalten. Den Auktionator empfing man mit Zurufen, wie Ver­räter, Lurup und dergleichen, und behandelte die wenigen Bieter, die sich eingestellt hatten, in ähnlicher Weise. Das Beispiel der Märtyrer scheint die Bürger von Wirk- worth ganz besonders begeistert zu haben, _ denn ihrer hundert Unterzeichneten nach der Versteigerung ein Dokument, auf Grund dessen sie es in Zukunft ebenfalls werden auf Pfändung ankommen lassen. Für Dienstag ist eine Auktion in Hastings angesetzt, aber die Behörderr bemühten sich bisher vergeblich einen Auktionator auf­zutreiben, und es wäre nicht überraschend, wenn es in jener Stadt zu recht tumultuarischen Scenen käme, weil Protestler in Masse von fern und nah ihre Teilnahme zugesagt haben und reichliche Zeit für Vorbereitungen vorhanden ist. Cs erscheint recht zweifelhaft, ob man auf diese Weise auch mir den geringsten Einfluß auf die Regierung ausüben wird, denn wie insolent und unfähig der Premierminister, Mr. Balfour, auch immer sein mag, so besitzt er doch jene wichtigste aller Eigenschaften erfolgreickier Staatsmänner, die Rücksichtslosigkeit, die es ihm ermöglicht, einem einmal ins Auge gefaßten Ziele zuzustreben, gleichviel lvelches Unheil er dabei anrichtet.

Die Handelsverträge.

Das nächste Jahr dürfte wichfige Veränderungen in den Handelsbeziehungen der meisten europäischen Staaten bringen, und es liegt im Interesse aller Industriellen, sich darüber fortgesetzt auf dem laufenden zu erhalten, um etwaige Zollveränderungen auszunutzen und sich schon jetzt genau zu informieren, welche Handelsverträge in der bisherigen Form weiterbestehen werden und welche ab­laufen, also voraussichtlich Modifizierungen erfahren.

Von den Handelsverträgen, die die Staaten des Drei­bundes miteinander zu Beginn des letzten Dezenniums abschlossen, läuft einer bekanntlich am 31. Dezember d. F.

Deutschland ... { Frankreich . ... j Großbritannien. j

Italien.{

Österr.-Ungarn . j

Rußland.|

Schweiz.|

Datum

Ende

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des Vertrags des Vertrags des Vertrags des Vertrags des Vertrags des Vertrags des Vertrags

Belgien

6. Dezember 1891 31. Dezember 1903

15. Mai 1902 Unbekannt

23. Juli 1862 1 Jahr nach Kündigung

11. Dezember 1882 I Jahr nach Kündigung

6. Dezember 1891 31. Dezember 1903

28. Mai 1858 1 Jahr nach Kündigung

3. Juli 1889 IJahr nach Kündigung

Frankreich

10. Mai 1878 Dauernd

6. Februar 1893 1 Jahr nach Kündigung

21. Dezember 1898 Unbestimmt

18. Februar 1884 6 Monate n. Kündigung

17. Juni 1893 IJahr nach Kündigung

25. Juni 1895 Unbestimmt

ab, während die beiden anderen vorläufig während einer unbestimmten Zeit durch gegenseitige Übereinkunft be­stehen bleiben. Jeder dieser Verträge enthielt die Ab­machung, daß er bis zum 31. Dezember 1903 in voller Kraft bleiben solle und daß eine einjährige Kündigung der Auflösung vorhergehen müsse. Da Österreich-Ungarn Italien letzten Dezember dm Vertrag kündigte, so kommt er mit dem Schluß dieses Jahres zwischen diesen beiden Ländern zu Ende. Die neue Zollgesetzgebung in Deutsch- land macht aber die Weiterführung der Verträge in der bestehenden Form ebenfalls unmöglich und so ist das Aufhörm der Übereinkunft mit Österreich-Ungarn und Italien auch nur eine Frage der Zeit. Neue Verträge werden natürlich an Stelle der alten treten, aber viele Veränderungen aufweisen, und diese Veränderungen dürf­ten auch solche in den Abmachungen und Verträgen herbeiführen, die Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien mit anderen Mächte,: abgeschlossen haben.

Die bedeutendsten derselben sind die zwischen Öster­reich-Ungarn und Belgien vom 6. Dezember 1891, Österreich-Ungarn und der Schweiz vom 10. Dezember 1891, Österreich-Ungarn und Rußland vom 6. (18.) Mai 1894. Deutschland und Belgien vom 6. Dezember 1891, Deutschland und der Schweiz vom 10. Dezember 1891, Deutschland und Rußland vom 29. Januar (10. Februar) 1894. Italien und der Schweiz vom 19. April 1892, Frankreich und Belgien vom 15. Mai 1892. Frankreich und England vom 6. Februar 1893, Frankreich und Rußland vom 5. (17.) Juni 1893, Frankreich und der Schweiz vom 25. Juni 1896. Belgien und der Schweiz vom 3. Juli 1889.

Verträge, die Handel und Schiffahrt zwischen Eng­land und dien meisten festländischen Staaten, Frankreich ausgenommen, regeln, waren bereits vorhanden, Handels­verträge bestanden auch zwischen mehreren Balkanstaaten und Österreich-Ungarn sowohl als Rußland. Die einziger Nationen, die nicht im stände schienen, zu einer Ver­ständigung zu gelangen, waren Frankreich und Italien. Am 21. Dezember 1898 fanden auch diese Staaten, nach einem für beide Teile schädlichen Zollkrieg, der elf Jahre gewährt hatte, eine Basis für eine Übereinkunft.

Um einen genauen Überblick über die bestehenden Verträge, wann sie zum Abschluß kamen, bis wann sie dauern ec., zu geben, lassen wir nachstehende Liste, die die bedeutendsten europäischen Länder umfaßt, folgen:

Großbritannien

30. Mai 1865 IJahr nach Kündigung

6. Februar 1893 IJahr nach Kündigung

15. Juni 1883 IJahr nach Kündigung

26. November 1877 1 Jahr nach Kündigung

12. Januar 1859 IJahr nach Kündigung

6. September 1855 IJahr nach Kündigung

Italien

6. Dezember 1891 31. Dezember 1903

21. Dezember 1898 Unbestimmt

15. Juni 1383 1 Jahr nach Kündigung

6. Dezember 1891 31. Dezember 1903

16. September 1863 IJahr nach Kündigung

19. April 1892 31. Dezember 1903

Österreich-Ungarn

6. Dezember 1891 31. Dezember 1903

18. Februar 1884 6 Monate n. Kündigung

26. November 1877 1 Jahr nach Kündigung

6. Dezember 1891 31. Dezember 1903

18. Mai 1894 31. Dezember 1903

10. Dezember 1891 31. Dezember 1903

Rußland

10. Februar 1894 31. Dezember 1903

17. Juni 1893

1 Jahr nach Kündigung

12. Januar 1859 1 Jahr nach Kündigung

16. September 1863 1 Jahr nach Kündigung

18. Mai 1894 31. Dezember 1903

26. Dezember 1872 1 Jahr nach Kündigung

Schweiz

10. Dezember 1891 31. Dezember 1903

25. Juni 1895 Unbestimmt

6. September 1855 IJahr nach Kündigung

19. April 1892 31. Dezember 1903

10. Dezember 1891 31. Dezember 1903

26. Dezember 1872 IJahr nach Kündigung

Feuilleton.

Don der Berliner Kunstnusstellung.

Siehe, es ist manches neu geworden, könnte man mit 'etwas vorsichtigem Enthusiasmus von der diesjährigen großen Berliner Kunstausstellung sagen. Man ist so wenig von dieser Veranstaltung verwöhnt, daß die An­fänge und Versuche einer Wandelung schon einen über­raschenden Eindruck machen, und daß man über den dies­mal deutlich erkennbaren Versuch, eine Darbietung in Schönheit zu leisten (in jeder anderen Ausstellung wäre das etwas Selbstverständliches), angenehm betroffen ist.

Ja, sie hat sich wirklich gehäutet und ein frisches Kleid angezogen, die alte, öde Bilderkaserne am Lehrter Bahn­hof mit ihren gähnenden Leinewandmusterlagern. Sie ist künstlerisch strenger in der Auslese ihrer Werke geworden, — viel zu viel sind es leider immer noch — und sie hat endlich die Aufgabe einer Kunstausstellung erkannt: Kunstwerke in einem ästhetischen Ensemble, im Rahmen einer Stimmung zu vereinen. Sie ist — Entwicklungen sind unwiderstehlich — in das unvermeidliche dekorative Stadium getreten.

In dem „Ehrensaal", in dem die „gutkaiserliche" Kunst vertreten ist, Jerusalem-Einzug, westpreußische Manöver, ostasiatische Attacken, Freiheitskrieg-Anekdoten und Marineschildereien, ist zwar alles beim alten geblie­ben. Aber in den Vorhallen und den repräsentativen M'ttelränmen ging die Zeit vorwärts. Reizvolle architek­tonische Metamorphosen vollzogen sich hier und mit ge­schickter Suggestionsstrategie ging man darauf aus, gleich durch die ersten Eindrücke beim Eintritt zu fesseln. Statt

der Hallen mit Gipsen, die früher dort paraöemäßig aus­gerichtet standen, zeigt sich links ein lichter, mit Velarien abgedeckter Raum, der sehr glücklich die Schwarz-Weiß- Ausstellung der Graphiker und des Verbandes deutscher Illustratoren mit einem Lulle de lecture verbindet und der mit seinen rahmenbestellten Wänden, dem großen Tisch voll Mappenwerken, den farbigen Korbmöbeln und dem plätschernden Springbrunnen im Hintergrund ruhe­voll gemessen wirkt.

Dem gegenüber zur Rechten sieht man in ein Lang­schiff mit zierlichen niedriger bedachten Seitenkojen. In Blaugrau und körnigem Gold ist die Wanddekoration ge­halten, ornamentales Schmuckwerk ziert sie: eingelassene Reliefs, Säulen, farbige Verglasungen, Spiralenspiel.

In diesen Kabinetten haben Architektur und Kunst- gcwerbe ihr Lager aufgeschlagen, und in gut variierter Mischung sind hier beieinander Skizzen und Modelle von Bauten, Vitrinen mit Objets d’art und schließlich eine diesmal auffallend reich beschickte Serie von Interieurs.

Im gleichen feierlich-pompösen Stil ist der große, durch eingreifende Erweiterungen entstandene Repräsen- tationssaal eingekleidet. Portale, Friese, vergoldete Kranzgehänge, Kugellorbeer stimmen zusammen, und der blaugraue Fußboöenbelag gibt den gesammelten Grund­ton.

Zu diesen neuen ästhetischen Tendenzen kommt nun auch eine künstlerischere Art der Anordnung als früher. Viel besser ist jetzt die Jnscenierung der Skulpturen. Die unbeträchtlichen wurden einfach im letzten Saal vereinigt, wo sie sich gegenseitig langweilen können. Die inter­essanten «von Brütt, Seffner, Canonica u. a.) aber stehen als lebendige Staffage, geschickt auf Raumwirkung

gruppiert, in den Bildersälen. So wiegt sich in der Mitte der festlichen blaugvldenen Halle auf sciuem Posta­ment der prächtige Fechter Lederers, die krönende Figur des Breslauer Universitütsbrunnens. Leben strotzend, voll Kraft und Anmut federt der schlanke nackte Körper. Er stützt sich leicht auf die Klinge, und wie sie sich spielend biegt, so spielt es auch durch die Muskeln und Glieder die­ses Jünglingsleibes.

Die Wände um ihn sind mit ausgesuchten Werken des Auslandes behängt. Die edel-stille Beschaulichkeit des weisen Puvis de Chavannes spricht aus seinen elysäischen Phantasieen, die der Schmuck der Bostoner Bibliothek sind: Walter Cranes Stilisierungen, der Jugendbrunnen, Mäher, Tod, Friede bilden geistesverwandte Nachbar­schaft,- diese Kunst gibt Lebensgedanken in ornamentaler Form.

Crane und den Präraphaeliten fühlt sich der Eng­länder Abbey nahe, der die Theaterscene aus „Hamlet" wie unter Schleiern in verhülltem Schein malt und die Figuren starr stilisiert, gleich Gespenstern, die aus einem Gobelin herabstiegen. Ähnliche Vorstellungswelt fühlt man in des Amerikaners H i t ch c o ck Bild vom besiegten Ritter, der über das farbenglühende Blumenfeld dahin­reitet: der Teppich des Lebens scheint es, der zu seinen Füßen für ihn erlischt und stirbt.

Charakteristische Werke amerikanischer Kunst sind die Porträts: das strotzende Abbild des Sir Philipp May (von Shannon) im roten Jagdrock und roten weinfrohen Gesicht, die Cigarre in den braunbehandschuhten Fingern, und neben diesem derben Kumpan das zarte mädchenhafte Antlitz des Komponisten Delafosse von Sargent — neben dem Angeätherten der Ätherische.