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Di- Natur liegt tröstcnd und beruhigend als ein Gegen­satz zu dem Leben des Menschen um uns, das voll Unruhe und Hast, ungesättigt und unter steter Anstrengung und Not H dahingchk. ' ' GervinuS. ^

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(15. Fortsetzung.)

Keulnarit Kammchens Alrenleurr.

Eine heitere Geschichte von G. v. Stokmaus-Germanis.

Spielte lvirklich ein kleines, malitiöscs Lächeln nin Mannias Mund, als sie diese doppelsinnigen Worte sprach? Hatte sie seine Absicht so schnell durchschaut? Er fand ihren Scharssinn verblüffend, ihr Entgegenkommen sehr bequem, aber seine Eitelkeit litt unter der Wahr­nehmung, daß kein Fünkchen Eifersucht sich in ihr zu regen schien, und das Feuer in seinem Herzen, das durch kühle Erwägungen und Vergleiche schon gedämpft wor- den war, flammte wieder lichterloh empor. Er sah aber fn ihren Augen keinen Widerschein. Mit überraschendere Schnelligkeit nahm sie die Rolle der klugen, helfenden und beratenden Freundin auf. wies ihn immer wieder aus Frari Magdalis hin, und als er sich om_ anderen Tage, in einem elegischen Augenblicke, über ihr verändertes Wesen beklagte, sagte sie lachend: „In l’as voulu,

George Dandin — n’en parlons plus."

Nach dem Essen wollte man an diesem Tage, wie ge­wöhnlich, in den Garten gehen, aber es regnete heftig, und so war man curs Haus gebannt. Der Baron spielte mit den älteren Offizieren Billard, ein Teil der Gesell­schaft amüsierte sich mit Tischcroquet, und andere saßen in bequemen Sesseln, plauderten miteinander oder blätterten in den Zeitungen und Journalen, die in reicher Fülle im Gartenzimmer umherlagen.

Am glücklichsten war heute Tante Rippchen. Sie ver- trat die abwesende Hausfrau, was ihr immer eine gewisse Befriedigung gewährte, und freute sich, daß man nicht hinaus konnte. Sie litt an Rheumatismus und fand es im Zimmer viel behaglicher als draußen. Mochte man nun auf der Terrasse oder im Garten sitzen, irgendwo zog. es immer, und heute hatte sie noch die Genugtuung, daß einer der jungen Offiziere sich neben sie setzte und sich ihr ganz und gar widmete. Das war schon lange nicht ge- schehen. Die alte Dame mit den weißen Löckchen und dem feinen, gütigen Gesicht, das wie eine verblaßte, welke Blüte unter dem schwarzen Spitzenhäubchm her­vorsah, hatte eine große Vorliebe für die Jugend, aber diese Liebe war leider nicht immer gegenseitig, zumal dieselbe ein kleines Opfer an Nachsicht und Geduld erheischte.

Tante Nippchen war nämlich etwas schwerhörig, dabei aber- sehr lebhaft, und wenn sie sich in einem größeren Kreise befand, wollte sie immer wissen, was die anderen redeten. Das war nicht ganz bequem. Zehn Minuten blieb wohl die eine ober andere Nichte neben ihr sitzen, und auch die jungen Herren wechselten dann und wann ein paar Worte mit ihr, aber lange hielt es niemand neben ihr aus, und sie empfand das immer sehr schmerzlich. Sie hörte nicht nur geim, was die anderen redeten, sie erzählle auch mit Vorliebe selbst, und, da sie

viel erlebt hatte, durchaus nicht uninteressant, aber die jungen Leute hatten nie Zeit für sie — ihre eigenen An- gelegenheiten beschäftigten sie zu sehr, und Frau von Twielendorf sah es auch nicht gern, wenn sie sich nut Fremdeil eingehend unterhielt. Die alte Danre war zu mitteilsam imd vertrauensselig, lind wenn sie sich emnial gründlich aussprechen konnte, kam allerlei zu Tage, was nicht auf dem Twielendorfschen Programnr verzeichnet stand.

Heute aber störte nichts Tante illippcheus Gemütlich- keft. Die gefürchtete Domina war fern, Margot, die sie manchmal auch überwachte, war durch den Grafen Kram in Anspruch genommen, und Lämmchen, der an ihrer Seite saß, sah gar nicht so aus, als ob er gleich wieder fortlaufen wollte. Er hatte bemerkt, daß sie ihre Br-lle suchte — ein Vorgang, der sich am Tage ungefähr zehn­mal wiederholte — war so glücklich gewesen, das corpus delicti zu finden, und hatte es ihr mit einer tiefen Verbeugung überreicht. Daran knüpfte sich eine kleine Unterhaltung, die er seinerseits stehend in ver- bindlichster Weise führte, und als Tante Nippchen rhn bat, neben ihr Platz zu nehmen, kam er dieser Aufforderung sehr gern nach.

Sich mit der alten Dame anzufteunden, war schon lange sein Wunsch. Erstens war sie ihm in hohem Grude sympathisch, und dann wußte sie- vieles, was ihm bei seinen Nachforschungen nützlich sein konnte. L-ie kannte die Familiengeschichte der Twielendorf, wie die Chronik des Hauses, ganz genau. Schon als junges Mädchen war sie Wochen und Monate lang in Süderau gewesen, hatte hier glückliche Taqe verlebt und erzählte gern und viel von dieser schönen Zeit. Auch ihre spiritistischen An­schauungen interessierten ihn, und es wurde ihm nicht schwer, sie auf dieses Thema zu bringen. Mit vollster Überzeugung und Selbstverständlichkeit sprach sie von den abgeschiedenen Geistern wie von lebenden Menschen, bekannte stolz, daß sie zu den Auserwählten gehöre, denen es gestattet sei, mit ihnen zu verkehren, und ging dann zu den Örtlichkeiten über, welche diese Geister be- vorzugten. ^. .

„Mein lieber Baron", sagte Tante Nippchen, „die,es Haus birgt mehr Geheimnisse, als Sie ahnen können. Die wunderbarsten Dinge sind hier geschehen und — ge- schehen heute noch. Meine Verwandten freilich wollen nichts davon wissen, Sie haben keinen Sinn ftir das übernatürliche, das sich nur denjenigen offenbart, welche Ohren haben zu hören und Augen zu sehen, und machen sich lustig über die alte Tante, die nicht im derben Realismus und Materialismus befangen ist wie sie. Früher waren einige Zimmer hier im Schlosse ganz und gar im Verrüfe; keiner wollte sie bei Nacht betreten oder gar darin wohnen. So die Bibliothek, die oben im ersten Stock liegt und nicht mehr benutzt wird, das Zimmer, ln dem meine Nichte Mannia wohnt, und das jetzige Reut- amt, früher die Kanzlei genannt. Außerdem gibt es hier einen ganz unheimlichen Gesellen, den schwarzen Ritter."

„Oder — den Mann mit der eisernen Maske, meinen besonderen Freund."

Es war Malves Stimme, die das sagte, aber sie war verstellt und klang hohl und tief. Tante Nippchen fuhr erschreckt in die Höhe, als sie aber gleich darauf ein silbernes Lachen hörte, war sie schnell beruhigt und sagte

zu Malve, die sich neben sie auf die Lehne _ des Losas setzte: „Wo kommst du denn plötzlich her, Wildfang?'

„Aus dem Nebenzimmer, wo ich dein Gespräch ntu Leutnant Lämmchen beobachtete. Ich meickte gleich, daß du im Begriff warst, ihm einige Schauergeschichten aus- zutischen, und da ich, wie du weißt, eine große Vorliebe dafür habe, so eilte ich zu dir, um mich davon zu Profi-

Die alte Dame sah sie zärtlich an. „Ach du!" sagte sie und gab ihr einen kleinen Klaps. _ „Du hast ja doch nur Allotria im Kopf und bist gar nicht tut stände, eine

Sache erlist zu nehmen." . .

„Doch", meinte Malve mit gemachter Wichtigteit. „Ich kann furchtbar ernst sein, nur das Gruseln habe ich zu meinem Schmerze noch immer nicht gelernt.

„Das Gruseln?" fragte Lämmchen erstaunt.

„Ja, Tante Nippchen will es mir so gern beibrtngen. und ich habe leider kein Talent dazu."

„And der schwarze Ritter? — Welche Bewandtnis

hat es mit dem?" r , .

Malve lachte. „Er ist mein Ideal, meine erste und einzige Liebe — das Urbild ernster Männlichkeit.

Die alte Dame schüttelte mißbilligend den Kopf, „Was das Kind wieder redet", sagte sie ärgerlich, „Horen Sie nicht auf chre spöttischen Bemerkungen. Die Lache ist nämlich die: In einem großm, .saalartigen Gemach, das jetzt das Wohnzimmer der drei Schwestern Pi, be findet sich in der Wand, welche den Fenstern gegenüber liegt, in einer flachen Nische ein steinerner Sockel und auf diesem Sockel steht die vollftandige, pechschwarze Rüstung eines Ritters mit hohem, eisernem Helm und herabgelassenem Visir. Daran wäre nun nichts beson- deres, aber die Rüstung läßt sich nicht entfernen, sie ist gewissermaßen in der Mauer verankert und durch Gws oder Zement mit dieser verbunden. Auch das Visir kann man nicht in die Höhe schlagen. Es ist völlig unbeweglich und verstärkt den düsteren Eindruck der ganzen, so men­schenähnlichen Gestalt." ....

Lämmchen war durch den Bericht etwas enttäuscht, .Ist das alles?" fragte er lächelnd.

O nein!" lachte Malve, „die Hauptsache kommt noch — passen Sie nur auf!" Tante Nippchen fuhr fort-.

„Es geht nirn die Sage, daß Vieser Ritter früh^ von Zeit zu Zeit lebendig geworden sei Man hat hinter dem Visir Augen blitzen sehen — hat, bemerkt, wie dev rechte 2lrm lief) brofjcttb I)ob utib ettte uocntciturlidjc Stimme gehört, welche unter der eisernen Maske hervor- dranq. Ein anderes Mal wieder sollen Flammen zwischen dem Visir hervorgeschlagen sein und dasselbe noch^Iange nachher unheimlich geglüht haben. Eme junge schloß- frau, die in diesem Zimmer schlief — Jwc schone Gräfin Dyralice, deren Bild in der Bibliothek hangt — ist bet diesen Wahrnehmungen fast vor Schreck gestorben. Auch Ohren schien der schwarze Ritter zu haben. Was man heimlich in dem Zimmer besprach, wurde oft auf gmrz rätselhafte Weise bekannt, und schließlich blieb es Jahr­zehnte lang unbenutzt, bis meine Cousine,. MalveS Mutter, kam und das verrufene Gemach zur Kmderstub«

^Ehmmchen nickte. „Gewiß ein vorzügliches Mitwl^ um'dem schwarzen Ritter seine üblen Eigenschaften ab^ zugewöhnen." (Fortsetzung, folgt.)

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