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Der Verlag des Wiesbadener Tagblatts.

Die aügrmeine Volksschule.

Tcr geschäftsführende Ausschuß des deutschen Lehrer- Vereins hat fernen Lokal-, Provinzial- und Landesver­einen für die Geschäftsperiode 1902/04 das Thema „Über die allgemeine Volksschule" zur Beratung über­wiesen, und die nächste deutsche Lehrerversammlung zu Königsberg i. Pr. zu Pfingsten k. I. wird sich gleichfalls mit diesem Thema beschäftigen und darüber bestimmte und in den einzelnen Zweigvereinen wohlerwogene Be­schlüsse fassen. Daher erscheint es angezeigt, das Wesen der „allgemeinen Volksschule", will sagen der „Einheits­schule", näher zu beleuchten.

Tie deutsche Volksschule ist eine Schöpfung der Resor- aration. Und kein anderer als Dr. Martin Luther war ;s, welcher zur Gründung derselben 1524 den Anstoß gab durch seine Schrift: „An die Bürgermeister und Ratsherren aller deutschen Lande, daß sie christliche Schillen aufrichten sollen"; sie enthält eine eindringliche Malnung, öffentliche Schulen nicht etwa für einen Stand, sondern für das Volk zu errichten. Aber die durch Em- wiriüng der Reformatoren gegründeten Volksschulen haften zunächst nur den Zweck, den kirchlichen Bestre­bungen zu dienen, und nur da, wo Küster vorhanden waten, die das Lesen und Schreiben verstanden, konnte in liefen Unterrichtsgegenständen ein Anfang gemacht weroen. Erst durch Amvs Comenius würden in 'dessen großem Erziebungswerke, der Didactica ma^na, dem Schulunterricht höhere Ziele der Bildung gesteckt. Die Belebung, die der Unterricht durch den Pietismus em­pfing, führte zu einer Erweiterung desselben durch Auf- nal,me von realistischen Stoffen. Seitdem hat sich die

Feuilleton.

Der Juli im Volksmund.

Von E. Kerna».

Der Monat der Hundstage hat an die Tür geklopft. Die Sonne ist auf die höchste Staffel ihrer Macht gelangt. Und sie gebraucht diese Macht so ausgiebig, wie nur irgend möglich. Trotzdem läßt man sich — namentlich, wenn Man an den sonnenarmen Winter denkt — den ausgiebig­sten Sonnenschein recht gern gefallen. Die Aufzeichnungen des Jenenser Professors Di'. Eichhorn, die kürzlich in ,.Petermanns Mitteilungen" veröffentlicht waren, über den Sonnenschein bei uns sind recht interessant. Nach diesen Mitteilungen ist z. B. die sonnenreichste Gegend Deutschlands die Nheinebene, dann kommt die Jenenser Gegend und dann ein kleiner Landstrich in Schlesien bei Leöbschütz. Die Sonnenscheindauer in Deutschland ist im Durchschnitt pro Tag aus 4,5 Stunden berechnet, in Däne­mark auf 3,8 Stunden, in England auf 4 Stunden, in Österreich auf 4,9 Stunden, in Nordrußland auf 4,2 Stunden, in der Schweiz auf 4,8 Stunden, im Balkan auf *0 7 Stunden, in Italien auf 6,3 Stunden und in Spanien auf 7,9 Stunden. Was nun in dieser Hinsicht speziell Deutschland, Österreich und die Schweiz anbetrifft, so ist für die einzelnen Städte eine Sonnenscheindauer in fol­gender Zahlenhöhe festgestellt worden: Kiel 4,3 Stunden, Kolberg 4,8 Stunden, Helgoland 4,6 Stunden, Rostock 4,5 Stunden, Dirschau 4,7 Stunden, Hamburg 3,5 Stunden, Bremen 4,6 Stunden, Celle 4,7 Stunden, Berlin 4,5 Stunden, Magdeburg 4,4 Stunden, Kassel 4,2 Stunden, Breslau 4,6 Stunden, Erfurt 4,8 Stunden, Jena 4,8 Stunden, Chemnitz 4,2 Stunden, Marburg 4,5 Stunden, Bonn 4,4 Stunden, Leobschütz 4,8 Stunden, Karlsruhe 4,7 Stunden, Stuttgart 3,6 Stunden, Wien 4,9 Stunden, Klagenfurt 5 Stunden, Triest 6 Stunden, Basel 4,6 Stunden, Zürich 4,6 Stunden, Bern 4,7 Stunden und Lausanne 5,2 Stunden. Diese Zahlen werfen äußerst wichtige Streiflichter auf die klimatischen Verhältnisse der einzelnen Städte und der einzelnen Länder. Es wird sich empfehlen in dieser Richtung hin meiterznarbeiten und die meteorologische Wissenschaft wird reichsten Nutzen daraus ziehen. Wenn wir uns bei diesen heliographi-

Mittwoch, de« 1. Juli.

Volksschule zwar langsam, aber stetig entwickelt, bis sie sich in der Gegenwart zu einer Unterrichtsanstalt ausge­bildet hat, in welcher die Kinder der großen Massen des Volkes mit den für das heutige Leben unerläßlichen Kenntnissen ausgerüstet werden und sich auf Grundlage derselben dann eine allgentein menschliche Bildung er­werben können. Wenn man aber heutzutage von der allgemeinen Volksschule spricht, so meint man damit die sogenannte Einheitsschule, tvelche von den Kindern der Reichen und der Armen und aller Gesellschaftsschichten gemeinschaftlich besucht wird, und erst, nachdem sie sich hier einen gewissen Bildungsgrad erworben haben, sollen sie in die sogenannten höheren Schulen („Töchter"schulen, Realschulen, Realgymnasien und Gymnasien) übertreten können, so daß also die Volksschulen den gemeinsamen Unterbau aller höheren Schulen bilden. Eine solche Unterrichtsanstalt wünschten die Pädagogen Amos Comenius, Diesterweg, Dittes, Wander, Halban u. a. und mit ihnen heute wohl der größte Teil der deutschen Lehrerschaft. Und taffächlich haben die Schulverwal­tungen in Österreich, in Bayern, in der Schweiz, in Dänemark, in Norwegen und in den Vereinigten Staaten diese allgemeine Volksschule (Einheitsschule) durchgeführt.

Herr Oberlehrer Friedrich Gärtner - München faßt seine Untersuchungen über die Frage: „Hat sich die allge­meine Volksschule überhaupt und insbesondere in Mün­chen bewährt?" in folgende Sätze zusammen: „1. Die allgemeine Volksschule, die Grundlage für alle öffent- lichen Bildungsanstaltcn, ist durchaus kein „überlebtes Gebilde der Vergangenheit". Sie bringt vielmehr als gemeinsame Bildungsstätte der Kinder aller Stände den Geist unserer Zeit ivctt eher zum Ausdruck als die Standesschulen. 2. Sie trägt zur besseren gesellschaft­lichen Stellung der Volksschullehrer, zur höheren Ein­schätzung der Volksschule selbst und zur Versöhnung der Klassengegensätze bei. 3. Sie ermöglicht trotz aller gegen­teiligen Behauptungen die naturgemäße Entwickelung und individuelle Durchbildung der SchÄer. 4. Sie führt ihr Eigenleben, das sich in gesundem inneren und äußeren Aufban bekundet. 5. Sie würde ihre Aufgabe in den angedeuteten Richtungen noch besser erfüllen, wenn a) nicht nur die Kinder aller Stände, sondern auch der verschiedenen Konfessionen gemeinsam den Unterricht genießen würden, b) die Schillerzahl der einzelnen Klassen verringert, e) den Zeugnissen der Volksschille im Leben mehr Bcdeufting beigelegt, denselben insbesondere von der Mittelschule (das sind in Preußen die höheren Lehr­anstalten) ein maßgebender Einfluß eingeräumt, ck) sie durch ein 8. Schuljahr (das haben wir in den meisten deutschen Bundesstaaten) mit Zwangsbesuch und eine zeitgemäße organisierte Fortbildungsschule erweitert würde".

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schen Zahlen etwas ausführlicher aufgehalten haben, so ist dies aus dem Grunde geschehen, weil sich die Sonnen- scheindaner wohl in keinem Monat des Jahres länger und ausgiebiger ausdehnt als im Juli.

Der Juli ist ja bekanntlich der Monat, in dem die Sonne auö dem Zeichen des Krebses in das des Löwen tritt. Von sonstigen astronomischen Erscheinungen des Juli oder Heumonats sei erwähnt, daß sich in seinem Verlauf die Mondphasen folgendermaßen stellen: Erstes Viertel am 1. Juli, Vollmond am 9. Juli, letztes Viertel am 17. Juli, Neumond am 24. Juli und erstes Viertel am 31. Juli. Von den Planeten bleibt nur der Merkur un­sichtbar. Mars geht vor Mitternacht unter, Jupiter vor Mitternacht auf. Uranus ist am südlichen Sternhimmel zu suchen. Saturn ist die ganze Nacht über zu sehen und Venns bleibt am Ende des Monats etwa noch dreiviertel Stunden lang sichtbar.

In meteorologischer Hinsicht sagt der hundertjährige Kalender folgende Prophezeiung: Vom 1. bis 8. kühl, vom 9. bis 12. heiß, der Rest des Monats sehr trocken. Falb hält den Juli, wenigstens in seiner zweiten Hälfte, diesmal auch für recht trocken, während die erste Hälfte viel Gewitter bringen soll. Habenicht stellt seine Prog­nose auf einen verhältnismäßig normalen Verlauf des Henmonats. Jedenfalls aber braucht für den Juli nicht eine extra große Hitze prophezeit zu werden. Schon die klimatischen Aufzeichnungen der einzelnen Städte geben das beste Prognostikon. Da heißt es z. B. von der mitt­leren Juli-Temperatur: Hamburg 17,5 Grad; Berlin 19 Grad; München 17,1 Grad; Karlsruhe 19,2 Grad; Stutt­gart 19,3 Grad; Prag 19,6 Grad; Wien 20,6 Grad und Basel 19,3 Grad. Da kann es schon nicht weiter wunder­nehmen, wenn auch der Bolksmund in seinen Bauern­regeln eine „ordentliche Julihitze", die alles bratet, röstet und zur Ernte reif macht, sich herbeiwünscht.

Da haben es denn die Bauernregeln am meisten und liebsten mit der Julihitze zu tun:

Juli Sonnenbrand,

Gut für Leut und Land.

Dieselbe Melodie, nur in einer anderen Variante, gilt auch von den Hundstagen:

Hundstagc hell und klar

Zeigen au ein gutes Jahr;

Werden Regen sie bereiten,

Kon»"-» nicht die besten Zeiten.

RedaktivnS-Fernsprecher 92». 52. 1903»

Aber trotzdem fehlt es auch nicht an Gegnern dev allgemeinen Volksschule, wie uns eine Broschüre: „Die Gefahren der allgemeinen Volksschule (Einheitsschule)" von E. Ries-Frankfurt a. M. betveist. Der Verfasser der­selben versteigt sich sogar zu folgenden: Satze: „Die ganze Idee der Einheitsschule, des gemeinsamen Unter- banes für verschiedene Schularten ist das Produkt eines durchaus unpädagogischen, rein schablonenhaften Denkens, einer durchaus mechanischen Auffassung der menschlichen Geistesentwickelung". Als Gründe, die Herr E. Ries gegen die Einheitsschule vorbringt, nennt er die „Schul­flucht". Herr Oberlehrer Gärtner zeigt aber in seiner vorerwähnten Arbeit, daß sie in der allgemeinen Volks­schule nicht größer als in den Mittelschulen. Als weiteren Grund gibt Herr E. Ries an, daß die allgemeine Volks­schule keine Mehrung des Ansehens der niederen Schulen brächte, ja, daß die „höheren Lehrer für die vorbereitende Tätigkeit der Volksschule bestenfalls ein herablassendes freundliches Lächeln hätten". Die Erfahrung lehrt aber, daß die allgemeine Volksschule und mit ihr das Lehrer- personal mit den Eltern aus den gebildetsten und wohl­habendsten .streifen in Wechselbeziehung traten, und daß gerade die höheren Lehrer recht anerkennende Urteile über die Leistungen der Volksschule ausgesprochen haben. Dieses Wenige möge genügen, um den Geist der RieL- schen Schrift zu kennzeichnen. Daß die Riessche Schrift zu Auseinandersetzungen und Widerlegungen in der pädagogischen Fachpresse seitens von hervorragenden Pädagogen und Schulverwaltungsbeamten geführt hat, soll nicht unerwähnt bleiben. Auch die bayrischen Lehrer und die „Bayrische Lehrerzeitung" haben gegen die RieL- schen Behauptungen, die in dem Studium von Ansprachen und Broschüren wurzeln, da der Verfasser, wie er selbst zugesteht, die allgemeine Volksschule aus eigener Er­fahrung gar nicht kennt, eine entschiedene Stellung ein­genommen. Ans die Behauptung des Herrn Ries „von langem, erbittertem Kampfe gegen die gebildeten Klassen unserer Stadtbevölkerung und zweifellos schul- und bildungsfreundlichen Schulbehörde" antwortet die „Bayr. Lehrerzeitung": „Hern: Ries sollte es schwer fallen, eins Stadt Bayerns zu bezeichnen, in der die allgemeine Volks­schule eingeführt und um deren Bestand ein erbitterter Kampf zu sichren ist. Me allgemeine Volksschule hat weder mit dem Zentrum in Bayern, noch der Frankfurter Demokratte etwas zu tun. Dem Geiste des gesellschaft­lichen Ausgleichs, der überall im sozialen Leben sich seinen Körper baut, enffpricht es auch, wenn nicht schon die zarte Jugend nach Ständen und Vermögen getrennt wird, sondern wenigstens mehrere Jahre auf der glichen Schulbank den Unterricht genießt, der die gemeinsam» Grundlage für alles spätere differenzierte Wissen bildet." c. r.

Von den Kalenderheiligen des Julimonbs hat natür, sich jeder seine Funktion:

Zu St. Kilian

Säe Rüben und Wicken an

Der eine soll warm sein, der andere naß; jedoch pflegt das erstere immer das erwünschtere zu sein:

Am Margaretentage Ist Regerr eine Plagt

Wie es bei den beiden Vorgängern der Fall war, s» auch bei dem dritten:

St. Vincenz warmer Scnnenschein,

Bringt viel Korn und guten Wein.

Mariä Heimsuchung ist einer der „Los"-Tage, von denen viel für die Landwirtschaft abhängt:

Mariä Heimsuchung mit Regen,

Wird sich sobald nicht der Regen legen.

Warmes Wetter ist eben die Haupffache für den Juli. Das klingt in jedem Reim, in jedem Wortspiel, immer und immer wieder:

Im Juli muß vor Hitze braten,

Was im September soll geraten.

Oder auch:

Nur in der Juliglnt

Wird Obst und Wein dir gut.

Schließlich gibt es noch eine Bauernregel, die d«r Landmann zum Fleiß ermahnt:

Wer nicht fleißig rechnen tut.

Wenn die Bremsen summen,

Guckt gefälligst in den Hut,

Wenn der Winter kummen.

Somit wären wir zum Schluß der Bauernregeln und zum Anfang der landwirtschaftlichen Beschäftigungen gekommen.

Für den Landwirt beginnt nun die schwerste Zeit des Jahres. Jetzt soll er den Lohn für den Fleiß und die Mühe eines ganzen Jahres einernten. Da mutz er denn' hinaus auf die Felder und mit der Raps- und Rübsen­ernte beginnen. Neigt sich der Monat seinem Ende zu, so heißt es auch an den Schnitt des Roggens denken. Fer­ner ist, wenn der Juli zu Ende geht, Winterraps aus­zusäen. Für das Forstwesen ist zu beobachten, daß jetzt die schädlichen Forstinsekten zu vertilgen sind, und daß man nun mit dem Stockroden und dem Aufarbeiten von Lagerholz anfangen mutz.