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1. Beilage mm Wiesbadener Tagblatt.

Uo. Morgen-Ausgabe.

Mittwoch, den 1. Juli.

61. Jahrgang. 1803.

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tt Neide die Leidenrfrcieii nicht, denen nicht* mnngelt, weil '' «i ihre Seele so tum ist, die niclUS fragen noch Regen und JJ Sonnenschein, weil sie nichts haben, was der Pflege bedürfte, i^

Hölderlin. U

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(14. Fortsetzung.)

Leutnant Lämmchens Abenteuer.

Eine heitere Geschichte von G. v. Stokmans-Gcrmanis.

Leider mutzte er bis auf weiteres seine Ungeduld zügeln. Nach den Anstrengungen des langen Vormittags bedurfte er ebenso gut wie alle anderen der Ruhe; dann kam das Mittagsessen, und nach Tisch sollte allerlei vor­genommen werden, dem er sich nicht entziehen durfte. Den nächsten Tag würde es ungefähr ebenso gehen, aber der Sonntag — der gehörte ihm, über den konnte er, zum Teil wenigstens, verfügen, und er sollte nicht ungenutzt vorübergehen.

Der alte Oberförster, der Freund seines Onkels, hatte ihn zwar für den ganzen Tag eingeladen, und die Twielendorss wußten das; auch gedachte er früh zur Stelle zu sein, denn der alte Herr wollte ihin seinen schönen Forst zeigen, aber der Besuch brauchte ja nicht über die späten Nachmittagsstunden hinaus ausgedehnt zu werden. Während seine Hausgenossen ihn noch in der Oberförsterei wähnten, konnte er durch das bekannte Hinterpförtchen wieder ins Schlotz zurückkehren, schon vorher von seiner alten Freundin, Frau Klingebeil, den Schlüssel zur Bibliothek erbitten und ungesehen das Gemach betreten. Bis zum Eintritte der Dämmerung war dann immerhin noch etwas Zeit, und fand er die geheime Tür, so wollte er den Gang beschneiten, während die ganze Gesellschaft noch bei Tisch saß. Die Möglichkeit einer unangenehmen Begegnung fiel dann fort, und Lämmchen konnte in aller Ruhe das Geheimnis er­gründen.

Getröstet durch diesen Gedanken schlief er, nachdem er sein Lager zum gewohnten Mittagsschlaf aufgesucht hatte, beruhigt ein, und diesmal umgcrukelten ihn im Traume nur holde Bilder seiner Phantasie' aber wie am ersten Tage wurde er plötzlich unsanft geweckt, ind"n Pantherrau, sein Freund und Stubengenosse, ihm einen Pantoffel mit Vehemenz an den Kopf warf.

„Mensch", schrie der schöne Narcitz, „schlaf' nicht so fest; ich bin schon lange wach und langweile mich ent­setzlich — außerdem möchte ich etwas mit dir besprechen."

„Etwas Wichtiges?" fragte Lärnmchen gähnend urrd nicht sehr erbaut von der gewaltsamen Ansprache.

„Etwas sehr Wchfiges, mein Junge, reibe dir den Schlaf aus den Augm und höre zu. Also — ich bin gestern mit dem jungen Twielendorf auf den Gütern Wrumaefahren. Er forderte mich auf, und ich sagte mit Vergnügen zu."

Lämmchens Begriffsvermögen war noch nicht ganz klar. „Auf welchen Gütenr?" fragte er erstaunt.

„Na, auf den Gütern seines Vaters und seiner Schwägerin, die von hier aus bewirtschaftet werden."

„lind das interessierte dich?"

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„Seit wann schwärmst du denn für Landwirtschaft?"

„Offen gestanden, seit gestern erst — aber ich tue es nun um so lieftiger und intensiver."

„Merkwürdig."

„Gar nicht merkwürdig, mein Junge, Landwirtschaft bringt unter Umständen viel Geld, und wenn die Güter einer schönen jungen Witwe gehören -—"

„Schöne junge Witwe!" Lämmchen war ganz starr vor Staunen.

„Na ja — sei doch nicht so schwerfällig — ich meine die junge Frau von Twielendorf."

„Mein guter Pan, die ist doch nicht schön!"

„Aber sehr niedlich, sehr anmutig, und autzerdein: ein Porträt, das auf Goldgrund gemalt ist, erscheint immer in vorteilhafter Beleuchtung."

„Ich denke, dein Herz gehört augenblicklich der rot- haarigen Melusine — Fräulein Mannia von Twielen- dorf."

„Mein Herz ja — aber heiraten kann ich sie doch nicht. Klugheit und Schönheit sind ihre einzige Morgen­gabe."

Lämmchen setzte sich, förmlich erschreckt, im Betir auf. „Mein guter Pan, seit wann denkst du denn ans Heiraten?" sagte er ungläubig. „Du, ein Schmetter­ling, der von Blume zu Blume flattert und von dem süßen Blütenstaube nascht!"

Panthenau wurde ein bißchen verlegen.

„Na", meinte er, „gar so schlimm bin ich doch nicht. Ich gebe zu, bisher hat mir der Gedanke an eine eheliche Verbindung ziemlich ferne gelegen, aber mal muß der Mensch doch vernünftig werden, und wenn einem die Ge- legcrcheit so auf dem Präsentierteller geboten wird wie hier, wäre man doch ein Tor, wenn man nicht zugreifen wollte."

„Du nieinst, die junge Frau von Twielendorf warte nur darauf, von dir geheiratet zu werden?"

„Das nicht gerade — aber sie dürfte leicht zu ge­winnen jein."

„Wer weiß. Pan? — Es geht die Sage, sie sei für ihren Schwager Max bestimmt."

Panthenau wurde ganz lebhaft. „Glaub' ich nicht, Lämmchen", sagte er, „glaub' ich nicht; besagter Max gab mir bereitwilligst Aufschluß über ihre brillanten Vermögensverhältnisse. Ich brauchte nur vorsichtig an­zutippen und erfuhr alles, was ich wissen wollte. Das be­weist doch, daß er selbst nicht auf sie reflektiert."

„Oder ihrer sehr sicher ist."

„Dann behielte er ihre Angelegenheiten für sich. Nein, es gibt nur einen, den ich als Mitbewerber fürchte, und das ist unser Rittmeister."

„Wacht?"

„Ja. Er beschäftigt sich mehr mit ihr, als mir lieb ist."

Lämmchen lachte. „Mein guter Pan, der braucht dich nicht zu stören. Er ist ihr Tischherr, ja, und ver­kehrt ganz freundschaftlich mit ihr — aber wenn du mehr darin siehst, so trügt der Schein. Wacht denkt gar nicht daran, sich zu binden."

„Ich möchte ihm auch nicht gern ins Gehege kommen •— er ist doch mein Schwadronschef — und wenn er selbst Absichten hat, könnte meine Konkurrenz ihn ernstlich ver- stimmen."

„Bist du denn so sicher, bei der Dame zu reüssieren?"

Panthenau war aus dem Bett gesprungen und lief in höchst mangelhafter Toilette im Zimmer umher. Nun

stellte er sich vor den Spiegel, drehte seinen schwarzen Schnurrbart in die Höhe und betrachtete mit sichtlicher Genugtuung sein Ebenbild. ...

„Pah", meinte er, „die Weiber sind ja ganz toll nach mir — vornehm und gering — es ist immer dasselbe. Ein schmachtender Augenaufschlag, ein verständnisinniger Händedruck, ein vielsagendes Lächeln, dazu ein paar diskrete Schmeicheleien — und ich habe sie! — Natürlich, kleine Variationen nach dem erprobten Rezept gibt es immer. Jede will ein bißchen anders behandelt sein, aber zu gewinnen sind sie alle, und die Eroberung der kleinen Witwe mit dem großen Vermögen wird mir keine Schwierigkeiten bereiten. Ich will gleich heute mit der Belagerung beginnen. Schade, daß ich nicht neben ihr sitze, bei Tische macht sich derlei am besten — aber wre heißt doch das Sprichwort? Vis-ä-vis ist besser als nähe bi. Das soll mir ein Trost sein."

„Und Fräulein Mannia?"

Panthenau seufzte fies auf. „Sie wird leiden unter meiner Untreue, ich weiß es, aber sie ist klug und ein­sichtsvoll, sie wird begreifen, was mich zu der anderen zieht, die ja — entre nous soit dit — mit ihr gar nicht zu vergleichen ist. Der Wechsel braucht sich auch nicht inrt einem Schlage zu vollziehen. Das eine schließt das anders nicht ganz aus, und während ich heimlich ^im die junge Witwe werbe, löse ich imt sanfter Hand die Fäden, die sich zwischen mir und der reizenden Nixe angesponnen haben."

Lämmchen lächelte. „Frau Magdalis soll also nicht geliebt, sondern nur geheiratet werden?"

Panthenml schwieg einen Augenblick, denn er schämte sich, vor dem Freunde als herzloser Glücksjäger dazu- stehen, aber im nächsten Aiigenblicke gewann sein glück­licher Leichtsinn wieder die Oberhand, und er sagte ruhig:

„Du bist ein Idealist, Lämmchen, und naiv dazu. Eine Frau, die ihrem Mann ein fürstliches Vermögen su- bringt und ihn in die Lage versetzt, seine Schulden zu be- zahlen, wird immer von ihm geliebt — nur daß da die Liebe sich mehr nach als vor der Hochzeit einsindet und einen kleinen Beigeschmack von achtungsvoller Dank­barkeit bekommt."

Das Erscheinen der beiden Burschen, welche ihren Herren bei der Toilette helfen mußten, machte der ver- traulichen Unterredung ein Ende, aber bei Tische sah Lämmchen, daß sein Freund gesonnen war, mit seinen Plänen Ernst zu machen. Geschickt wußte er Lies dann und wann in die Unterhaltung zu ziehen, in ehrfurchts­voller Huldigung hob er gegen sie das Glas, und die Blicke, die er, über Kompotschalen und Blumensträuße hinweg, zu ihr hinübersandte, waren so vielsagend, daß die kleine Frau ihn einmal ganz befremdet anstarrte. Daraus sah er, daß er zu schnell vorgegangen war, mäßigte seinen Eifer und beschäftigte sich wieder rmt Mannia, die er zuerst etwas vernachlässigt hatte. Diess schien die Veränderung in seinem Wesen nicht zu be­merken. Jedenfalls zeigte sie keine Verstimmung, und als Panthenaus Blicke, wieder einmal von einem Streif­zuge zurückkehrend, den ihren begegneten, sagte sie, seiner Verlegenheit zu Hilfe kommend:

„Nicht wahr, meine Cousine Lies rst eure allerliebste kleine Frau? Auf den ersten Blick besticht sie nicht, aber je länger man sie kennt, um so lieber gewinnt man sie. Sic ist wirklich ein Schatz, man muß ihn nur zu heben verstehen." (Fortsetzung. folgt.)

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