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Donnerstag, 2. September 1915.

5lbend-Ausgabe.

Nr. 408. ♦ 63. Jahrgang.

Neue Zortschrilte.

Wie sehr auch die Russen sich darum mühten, die deutschen Angreifer von der wichtigen Bahnlinie Riga- Dünabura cchzuHalten, es war alles vergebens. Viele tagelang hofften sie, das schnellaufende Rad des Schick­sals aufzuhalten, verzeichn-eten immer mit Genugtuung, wenn die deutsche Offensive'zum Stehen gebracht war, letzt ist auch dieser verzweifelte Versuch zum Scheitern gebracht worden. Immer wieder von neuem warf un­ser Gegner feine schnell zusamm engerafften Verbände gegen diese Wundstelle, ohne.den KrankheitS- verlauf hierdurch wenden zu können. Am 29. August räinpsten die tapferen Truppen des Generals v. Below bereits um den Brückenkopf von Friedrichstodt an der Düpa, dem letzten, nur 70 Kilometer von Riga entfern­ten Aussallstor. Wenn die kleine, an Altertümern aus den Anfängen des Christentums so überaus reiche Stadt auch zur Stunde noch nicht in deutscher Hand ist, so ist doch bereits die Verbindung mit Dünäbuvg zer­schnitten und das isolierte Riga nur auf die eine Petersburger Bahn angewiesen.

Es muß als ein besonderer Erfolg unserer deut­schen Waffen angesprochen werden, daß die hier kämpfen­den Trrrppen sich unverzagt und unermüdlich ihren Weg geschlagen haben über ein von zahllosen Flüssen durchzogenes und mit ansehnlichen Höhenzügen bedeck­tes Gelände, in unaufhörlichen Kämpfen gegen einen bis aufs Messer kämpfenden überlegenen Gegner. Innerhalb von wenig mehr als fünf Tagen schoben wir unseren Nordflügel über 50 Kilometer tiefer m Kurland hinein. Wir gewannen auch da Gelände, wo scheinbar eine Stockung erngetreten war. Gleiche Fort­schritte wie auf diesem Nordflügel am 29., auf dam süd­lichen vor Dünaburg am 28., sind auch jetzt wieder im Vordringen gegen Wilna zu verzeichnen.

Auf diese Stadt dringen nun auch Truppen des Generals v. Eichhorn sowohl von Westen wie auch Südwesten vor. Die Werke arrf dem ösflichen Njemsn- ufer des kleinen Okita liegen bereits im Rückm des Er­oberers und jetzt strebt er dem großen Eisenbahnknotsn- vunkt des nordwestlichen Rußland zu. Ebenso haben die einzigen noch ans dem nördlichen Bob r-Ufer gebliebenen deutschen Kräfte ihren Fuß auf dos südliche gesetzt, den Brückenkopf Lipsk _ im Sturm .genommen, die Russen zur Ausgabe des Sidra-Wichnittes, des letz­ten Naturhindernisses im weiteren Vorfelde von Grodno, gezwungen und stehen im starken Angriff von Westen her auf diese Festung, deren Fall nur noch eine Frage von Stunden sein dürfte. Me Sturmtruppen von Sidra besetzten die Stadt Sokolla auf halbem Wege an der Bahn Bialostak-Grodno, sicherten den Siegern hier­durch eine neue Etappe, verfolgen weiter zwischen Qdels? und Bialo-Wieska-Forft und werden in Kürze i?er südwestlich nachrückenden Armee Scholz die Sieger- Hand reichen können. Geradezu staunenswert ist es zu nennen, nach wie kurzer Zeit bereits unsere Truppen um den Austritt aus dem Urwald kämpfen. Dem ab- zichenden Gegner am oberen Narew kommt es nur dar­auf an, Zeit zu gewinnen, und die Katastrophe aufzuhalten und zu mildern. Immer tiefer stößt der rastlose Verfolger noch. Durch das schwache Netz, welches schirmend die Nachhuten aussponnen. stößt er bereits in den Lebensnerv der abziehenden Truppen. Welche Verwirrung, Verzweiflung, Unordnung und Disziplinlosigkeit muß bei den gehetzt Fliehenden jetzt wohl herrschen. Truppe auf Truppe ohne Wahl, ohne Zusammenhang wird aus dem Gros der Russen herausgerissen. um den Abzug der Staffeln an Munition und Proviant zu ermöglichen. Hier hat jede klare Befehlserteilung aufgehört, keinGefechts- z w e ck ist mehr erkennbar, nur vielleicht der eine: Z u retten, was zu retten ist. Wenn einmal die Ge­schichte uns klar vor Augen führen wird, wie dieser an­geblich planvolle Rückzug in seinem wirklichen Gesicht ausschaut, so wird neben idem Mitleid über die schwach volle Roheit unserer Feinde uns ein Bild schreck­lichster Demoralisation und Desorgani­sation enthüllt werden. Unser unermüdlichr Arm reicht bereits über die schnell zusammengeballten russi­schen Nachhuten hinaus und h i n e i n in das blutende Herz des zusammenbrechenden Kolosses.

SeMt der neuen Osfensive in Galizien, wo Graf Bothmers Truppen im Verein mit den öster­reichischen Truppen des Generals v. Boehm-Ermolli bei Bialy-.Kamienz, an der Strypa und am Styr kämpfen, vermögen die Russen kernen ernsten Wiederstand mehr entgegenzustellen. Die erste Festung L uz k vom wol- hynischen Festungsdreicck ist bereits in die Hände der Sieger gefallen, so daß eine Niederlage doppelter Art alle westlich des zuletzt genannten Flusses noch kämp­fenden Feinde zum Rückzug hinter diesen Fluß zwang. Auch für Galizien wird bald die Stunde kommen, da es heißen wird: „Kein Feind mehr auf galizffchem

Boden!" .... M.

von den östlichen Kriegsschauplätzen«

Graf waidersee der neue Uommandant von Vrest-Litowsk.

Berlin, 2. Sept. (Zeins. Mn.) Zum K o m Man­danten von Brest-Litowsk wurde, wie die Mor- genblättrr ukelden, Graf Waldersee, eiu Neffe des verstorbenen Gcneralseldmarschalls, ernannt.

ver Hauptersolg der Uämpfe bei Vrest-Litorvsk.

Kopenhagen, 1. Sept. (Zenf. Bln.) „Politiken" schreibt in der Kriegsüberstcht: Das Hauptergeb­nis der Kämpfe in den letzten Tagen hinter Brest- Litowsk ist, daß die Russeicheere durch die großen Smnpfftrecken so gut wie im zwei Gruppen, eine nördliche und eine südliche, getrennt wurden. Die einzige noch in Betracht kommende Bahn reiche aber nicht aus, die Verbindung Mischen so großen Heeves- massen aufrechtzuerhalten, geschweige die notwendigen Truppenverschiffbungen zu besorgen.

Die Massenflucht.

W. T.-B. Kopenhagen, 2. Sept. (Nichtamtlich.) Die „Berlingske Tidende" meldet aus Petersburg: Bon allen

Seiten, sowohl von Obrigkeiten wie Privatleuten, werden große Anstrengungen gemacht, die geflüchteten Ein­wohner in den Städten unterzubringen. Die Geistlichkeit stellte K l ö st e r zur Verfügung. Im Pskow halten sich zur­zeit 50 000 Flüchtlinge auf, in Minsk sind so viele angekom­men, daß es unmöglich war. allen ein Dach über dem Haupt zu verschaffen. Tausende und Abertausende müßten im Freien lagern.

Das Generalgouvernement Warschau.

Berlin. 1. Sept. Im „Reichsanzeiger" wird heute amt­lich bekanntgegeben, daß aus den von den deuffchen Truppen besetzten Gebieten Polens das Generalgouvernement Warschau gebildet wird. Zum Gencralgouverneur ist, wie schon mitgeteilt, der General der Infanterie v. B e s e l e r, zum Verwaltungschef beim Generalgouvernement der Präsi­dent v. Kries unter Verleihung des Prädikats Exzellenz er­nannt worden. Sitz des Generalgouvernements ist Warschau.

Der Schwarze Adlerorden flir Feldmarschall v. Mackensen.

Sr. Berlin, 2. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Tom Generälfel dm arfchall v. Mackensen, dessen Heeres­gruppe an dem Fall von Brest-Litowsk hervorragenden Anteil hatte, ist vom Kaiser der Schwarze Mckerordein verliehen worden.

Auszeichnung für General v. Arz.

W. T.-B. Wien, 2. Sept. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Der Kaiser verlieh in Anerkennung der siegreichen Führung seines Korps dem General der Infanterie Artur Arz von Straßenburg den Leopoldorden 1. Klasse mit der Kriegsdekoration.

Rußlands Notenpreffe.

16 Milliarden Kriegsausgaben im Jahre 1915.

W. T.-B. Petersburg, 2. Sept. (Nichtamtlich.) Die Duma erörterte den Gesetzentwurf, durch den das der Staats­bank zustcheUde Recht zur Ausgabe von Papiergeld erweitert werden soll. Der Berichterstatter Schingareff (Kadettemparitei) legte dar, daß nach den amtlichen Angaben im Jahre 1915 die KriegSausgaben sich auf 7242 Millio­nen Rubel belaufen, was zusammen mit 2847 Millionen Rubel an ordentlichen und außerordentlichen Ausgaben ins­gesamt zehn Milliarden Rubel seien. Schingareff führte weiter aus, die Kreditopevationen ergäben seit dem 14. Januar 1915 4181 Millionen Rubel. Das gesamte Er­gebnis der ordentlichen Einnahmen wivd auf 2788 Millionen Rubel geschäht. Es bleiben noch Kreditoperationen auszu- führen, die sich auf 8200 Millionen Rubel belaufen. Die ordentlichen Einnahmen ergeben nach Schätzung des Ministers ein Defizit von ungefähr 336 Millionen. Der schwere Krieg legt dem russischen Staat eine große Menge von Verpflich­tungen auf. Der Staat hat schon mehr als 6 Milliarden Rubel durch Anleihe ausgenommen und wird in der nächsten Kriegsperiode eine vielleicht noch höhere Anleihe aufnehmen müssen. Wir haben im Ausland sine ziemlich bedeutende Summe bekommen, als wir uns an den öffentlichen Kredit wandten, indessen ist die Summe, die wir auf dem inneren Mark erhalten haben, dreimal so groß. Der zur Erörterung stehende Gesetzentwurf schafft für Rußland im Vergleich zu Frankreich und Deutschland keine Ausnahmestellung, da Ruß. land in diesem Augenblick die größte Golddeckung für sein Papiergeld besitzt, abgesehen vielleicht von England, wo der freie Verkehr niemals aufgehört hat. Schingareff stellte fest, daß Rußlands Goldvorrat größer als scmstwo in der Welt sei und hofft, daß er sich in der Zukunft noch vergrößern werde. Man müsse eine große Menge noch im Umlauf be­findlichen Goldes aus dem Verkehr ziehen.

Bittere Anklagen gegen die Regierung.

W. T.-B. Petersburg, 2. Sept. (Nichtamtlich.) „Rjetsch" meldet über die Dumasitzung vom 26. August: Der Links­parteiler und Sozialdemokrat Skobelow führte bei Be­sprechung der Einführu!ng der Einkommensteuer aus. es sei eine bekannte Tatsache, daß die russische Regierung im Laufe des Krieges das Land desorganisiert habe. Sie habe keinen

Kredit mehr, weder im Ausland noch bei dem russischen Volke. Die ganze Weisheit der Finanzpolitik fei die Roten-- prejse. Eine derartige Politik fei deshalb wie die Politik eines Falschmünzers. Das Sinken des Rubelburfes sei eine Katastrophe, durch die die schlimme Teuerung für die Unbe­mittelten hervorgcrufen worden sei. Reformen wären in Polen eingeführt worden, als ganz Polen bereits beseht war, die Autonomie Polens sei proklamiert worden, als von der polnischen Bevölkerung nur noch polnische Abgeordnete und Reichsratsmiiglieder vorhanden waren. Allerdings sei den Juden Freizügigkeit gewährt worden, aber erst, als sie bereits zwangsweise durch das ganze Land gejagt worden seien. Der­artige Reformen aber seien eine Verhöhnung des ganzen Landes. Die Einführung der Einkommensteuer bedeute wie­derum Befreiung des Grundbesitzes von Steuern. Dafür seien andere desto höher mit Steuern belogt worden. Alles dies seien keine Reformen, sondern nur neue Machtmittel in der Hand der Regierung.

vie ungarisch-kroatischen Abgesandten in Wien.

Die Einigkeit und Stärke der Nationen.

Vf. T.-B. Wien, 2. Sept. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Unter Führung des ungarischem Ministerpräsidenten Grasen Tisza und des kroatischen Banns Skerlecz trafen gestern abend etwa 470 Mitglieder sämtlicher Munizipalitäten. Ungarns, Kroatiens und Slawoniens hier ein, um heute dem Kaffer zu huldigen. Die Stadt ist festlich beflaggt. Die Gäste wurden vom Publikum lebhaft begrüßt. Am Abend fand ein vom österreichischen Ministerpräsidenten Grafen Stürgkh ver­anstalteter Empfang statt, bei dem Graf Stürgkh eine Be­grüßungsrede hielt, in der er u. a. sagte: Meine sehr ver­ehrten Gäste! Es entspricht dem großen Geist der Stunde, wenn ich die Überzeugung ausdrücke, daß der in der pragmati­schen Sanktion wiedergelegte erhabene Gedanke der wechsel­seitigen Verteidigung, der für uns alle den ersten Antrieb deS polikffchen Denkens bildet, sich gerade in unserer Zeit wun­derbar bewährt hat. Aus die Rede des Ministerpräsidenten Stürgkh antwortete der ungarische Ministerpräsident Graf, Tisza, von lebhaftem Beifall begrüßt, in einer Ansprache, in d« er u. a. sagte: In diesem großen Kampfe haben wir gesiegt, weil wir stark und einig waren (Lebhafte Bravo!-Rufe.), und, meine Herren, ich weiß nicht, ob uns diese großen Anstrengungen, die Leiden und Opfer dieses. RiasenkcrmpfeS nicht erspart gMieben wären, wenn wir dem Glauben an unsere Kraft und Einigkeit nicht selbst zerstört hätten durch den Eindruck, den die Gegensätze und die Zer­fahrenheit in den Zuständen der Monarchie so oft im Aus­land hervorgerufen hatten. Meine Herren! Vergessen wir das nicht. Wenn wir jetzt einig find in diesem Kanrpfe, einig Schulter an Schulter in gegenseitiger Liebe, in gegenseitigem Vertrauen durchhalten, so müssen wir dieselbe Gesinnung in der friedlichen Arbeit des Leben« weiter­führen. Dann wird die Monarchie dauernd mit ihrem Prestige dastehon, wird diese jedem die Lust nehmen, mit frecher Hand an der Sicherung der Monarchie zu rütteln. (Stürmischer, langanhalteuder Beifall; Händeklatschen.)

Um die Nachfolge Goremqkins.

Vf. T.-B. Petersburg, 2. Sept. (Nichtamtlich.) Nach der „Birschewija Wjedomosi:" verlautet, daß entweder der Land- wirffchaftsminister Kri woschein oder der Dumapräsident Rodzianko zum Ministerpräfidenten an Stelle von Goremykin ernannt werden sollen. Gleichzeitig mit der Neu­bildung des Ministeriums soll die Einführung der Ministerverantwort^lichkeit nach westeuropäischem Muster erfolgen. Das ganze Ministerium soll aus 10 Mit­gliedern bestehen, von denen 5 ohne Portefeuille und ohne Stimme sein werden. Der eigentliche Staatsrat, der dis ganze Verantwortung zu tragen hat, soll aus 5 Mitgliedern bestehen. ;i

Militärische Veränderungen in der russischen Armee.

Vf. T.-B. Petersburg, 2. Sept. (Nichtamtlich. Drahtbe­richt.) Amtlich wird gemeldet: Der General der Infanterie Januschkewiisch. Chef des Generalstabs der Fürsten- Oberbefehlshaber, wurde zum militärischen Gehilfen des Bizekönigs im Kaukasus ernannt. Der Ober­befehlshaber der Armeen an der Nordwestfront General der Infanterie A l e x e j e w wurde zum Chef des Gcncralstabtz der Großfüfften-Oberbefehlshaber ernannt.

ver Krieg gegen England.

Unsere v-voote an der Arbeit.

Verschwiegene Verluste.

W. T.-B. Berlin, 2. Sept. (Nichtamtlich.) Wie wir erfahren, sind in letzter Zeit von deutschen 17 ' Bvoten noch folgende englische Dampfer vernichtet worden» deren Namen bisher in der Presse nicht ge« oracht wurden: Der englische Dampfer „Paroon"

aus London (2665 Tonnen), der englische Dampfer „S h r l k b h" aus Cardiff, der englische Dampfer „G l e n b t," aus Westhartlepool (2196 Tonnen), der englische Dampfer „The One eit o f Glasgow" (557 Tonnen), der englische Dampfer „Trafalgar" aus Liverpool (149 Tonnen) und der englische Fisch- dcmpfer „Ropsat Li. 131" aus Lowcstoft ( 107 , Tonne«),