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1903 .

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Sozialdemokratie und Atheismus.

Die fünfundzwanzig Sitze, welche sich die Sozial- Lemokratie in der diesjährigen Wahlkampagne zu ihren isechsundfünszig neu erobert hat, geben naturgemäß den bürgerlichen Parteien viel zu denken und in allen Varia­tionen lvird in den Parteiblättern das Thema erörtert, was an diesem riesigen Anwuchs des Sozialismus die Schuld trägt. Da treten iiicht wenige merkwürdige Anschauungen zu Tage, Anschauungen, die inan eigent­lich nie und nimmer bei berufsmäßigen Leitartiket- schreiberrr vermuten sollte. Links stehende Blätter —- wie beispielsweise das „Berliner Tageblatt" — geben der Haltung, welche der Freisinn in den letzten Jahren Angenommen hat, die Hauptschuld an dem Anwachsen der sozialdemokratischen Stiinmen, rechts stehende Zei­tungen — und vor allem die sogenannte reaktionäre Presse —• suchen die Wurzel des Übels in einer systematisch betriebenen Aufhetzung der Arbeiterbevölkerung durch „lügnerische Agitatoren", und zwischen den Zeilen lassen sich schon heiße Wünsche nach Ausnahmegesetzen und so weiter herauslesen. Man muß die Rotte mit dem Knüppel totschlagen! So ungefähr predigte man in der jüngsten Zeit nickst selten in konservativen Kreisen, das wäre nun allerdings das schlimmste, was man tun könnte, denn eine Bewegung, die, wie die sozialistische, so tief in wirt­schaftlichen Verhältnissen wurzelt, läßt sich mit keiner Gewaltmaßregel erfolgreich bekämpfen, so lange nian nicht ihre Ursache entfernt hat. Geradezu lächerlich ist 'e§ aber, wie sich ein großer Teil der Zentrumspresse ange­sichts der sozialistischen Gefahr benimmt. Sie deduziert: Das Wachstum der Sozialdemokratie ist zurückzuführen auf den mehr und mehr um sich greifenden Atheismus. Wer an keinen Gott mehr glaubt und an keinen gerechten

Ausgleich jenseits des Lebens, der geht im sinnlichen Genuß auf, er sucht sich, getreu seiner Anschauung, mög­lichst auf dieser Welt alle Genüsse zu verschaffen, welche sich die Reichen und Vornehmen leisten können. Er sucht einen gerechten Ausgleich schon ans dieser Welt herbei­zuführen und in diesem Bestreben wird er dem Sozialis­mus, der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit predigt, in die Arnre getrieben. Darum läßt sich der Sozialismus nur bekänipfeir, wenn man den Atheismus bekämpft.

Die Leute spotten ihrer selbst und wissen es nicht! Man könnte sie niit der Lehre des Stifters der christlickM Religion schlagen und ihnen als Beweis, daß der soge­nannte sozialistische Gedanke mit der Religion garnichts zu tun hat, die ersten Christengemeinden vorsühren, die trotz ihrer Gottgläubigkeit und ihrer idealen Anschauung von der Welt und der Bestimmung des Menschen oder gerade deshalb ein sozialistisches Gemeinschaftsleben ein­geführt hatten. Ja, sie faßten offenbar dieses sozialistische Gemeinschaftsleben als die Grundlage auf, auf welcher allein das Christentum sich gedeihlich entwickeln könnte, und nicht ganz mit Unrecht haben sich sozialistische Schrift­steller in den letzten Jahren wiederholt auf Christus selbst berufen, wenn sie lehrten, daß keiner mehr besitzen dürfe wie der andere, daß die Glieder eines Staates gleiches Recht an das Vermögen des Staates hätten.

Daß der Atheismus den Sozialismus bis zu einem gewissen Grade fördert, kann nicht bestritten werden, daß es aber keine Sozialisten geben werde, wenn alle gute Christen seien, ist einfach Unsinn. Sozialismus und Christentum sind keine feindlichen Mächte, und wenn auch die sozialdemokratische Partei die christliche Gottes- und Unsterblichkeitslehre nicht fördert, so kann daraus allein noch nicht geschlossen werden, daß sie dieselbe be- känipfe. Sie kämpft, das muß ihr die Gerechtigkeit lassen, gegen die christliche Religion eigentlich nur dort, wo diese zur Religion der Unduldsamkeit und der Unter­drückung freier geistiger Selbstbestimmung wird, wo inan sie 31t wirtschaftlichen und politischen Zwecken in nicht sinngemäßer Weise ausnützt und wo sie zur Heuchelei herabsinkt. Würde aber der Atheismus notwendig den Sozialismus bedingen, dann müßte die große Zahl der die atheistische Weltanschauung vertretenden Gelehrten auch Sozialisten sein. Das wird sich jedoch nur von einer verschwindenden Minorität behaupten lassen. Der Atheismus verträgt sich zum mindesten ebeiiso gut mit der monarchischen Gesinnung, wie mit der sozialistischen, denn nichts hindert den Atheisten zu sagen: Ich lebe ja nur einmal- wenn ich nur gemig habe, wie es den andern geht, ist mir gleichgültig. Religiöse Bedenken könnten den Atheisten von der Annahme dieser unmoralischen Auffassung jedenfalls ebensowenig abhalten, wie religiöse Bedenken den Sozialisten abhalten könnten, sozialistisch zu denken.

Der Sozialismus vertritt den Standpunkt — den übrigens alle übrigen Parteien bis ans den Ultramonta- nismus einnehmen — daß er sich als politischer Faktor iiicht um religiöse Probleme 311 bekümmern Hat, daß es jedem einzelnen überlassen bleiben muß, sich mit seinem Gott in einer Weife abzufinden, wie es ihm am ver- iiünftigsten erscheint, daß es sich bei dem Sozialismus lediglich um wirtschaftliche Fragen handelt, hie mit der Religion rein nichts 31t tun haben. Alle Äußerungen, welche hin und toieder von sozialistischen Führern in Beziehung auf den Glaubeii fallen, sind als Privat- meinungen derselben anszufassen, der Sozialismus als solcher predigt den Atheismus nicht. Aber die christliche Kirche, die ans ihren Lehren nicht diejenigen Schlüsse zieht, die sie ziehen müßte, wollte sie konsequent und logisch sein, fördert den Atheismus und auch indirekt deil Sozialismus. Das muß einmal offen ausgesprochen werden, daß die atheistische Richtung, welche heute die Mehrzahl der Arbeiter eingeschlagen hat, auf das Schuld­konto der Kirche fällt, die zu dem wirklichen Christentum in ebenso großem Kontraste steht, wie der Sozialismus zur Monarchie. Was mutz in der Seele des einfachen Mannes aus dem Volke Vorgehen, wenn er die biblischen Berichte von der Lehrtätigkeit und dem Leben des Hei­landes liest und dann hineinschaut in das Leben und Treiben der christliche n Nationen! Machen wir uns doch nichts weiß, indem wir behaupten wollen, wir hätten positives Christentum. Wir haben es nicht, und weil auch die Kirche heute nichts oder dach nur sehr wenig zur Förderung des positiven Christentums tut, wendet sich der nachdenkende Mann aus dem Volke von ihr ab. Der immerhin bis zu einem gewissen Grade logisch denkende Sozialismus ist ihm lieber, wie der unlogisch handelnde Kirchenstaat. Die Forderung, die M. v. Egidy aufstellte, als er ausrief: „Religion nicht neben unsernr Leben, sondern unser Leben selbst Religion", sollte in Riesenlettern über jedem christlichen Gotteshaus stehen!

Nicht im Atheismus ruht die Macht des Sozialismus, sondern in wirtschaftlichen Verhältnissen. Der Atheis­mus spielt im Sozialismus nur insofern eine Rolle, als er durch die unchristliche Haltung der christlichen Kirche hervorgerufen und durch die plausibele naturwissen­schaftliche Weltdarstellung unterstützt wird. Ausrotten läßt sich der Sozialismus daher auch nicht durch den Glauben an eine über den Sternen wohnende göttliche Vorsehung und an eine überirdische Gerechtigkeit; wir­kungsvoll bekämpfen läßt er sich nur, indem man nach dem Grundsatz, daß auch der Besitzlose ein Recht am Leben hat, mehr handelt, als dies bisher leider der Fall war. Man führe beispielsweise nur einmal eine allge­meine und ausreichende Alters- und Jnvalidi- täts- und Witwen- und Waisenversorgung ein und man hat damit für die Erhaltung unserer gegenwärtigen Ge-

Irn weißen Kleide.

Roman von M. Böhme (£>. Sandor).

( 41 . Fortsetzung.)

Marikes Tod war ihm ganz unerwartet gekommen. Er hatte nie geglaubt, daß sie sterben würde. Jetzt, wo sie tot war, wurde es ihm eigentlich erst bewußt, daß sic der einzige Mensch gewesen war, der ihm nahcgestanden, den er auf seine Weise geliebt und der ihn auf seine Art wiedergeliebt hatte. Im letzten Jahre hatte sich das Ver­hältnis zwischen ihnen wieder viel inniger gestaltet. Knut wußte, daß Marike auch über ihr Grab hinaus für ihn gesorgt hatte. Schon vor Jahresfrist hatte sie in Ölend ein notarielles Testament hinterlegt, in dein sie Knut zum Universalerben desjenigen Teils ihres Vermögens em- setzte. Wer das ihr, nachdem Thygos Pflichtteil abgezogen war, das gesetzliche Verfügungsrecht zustand. Den Hof konnte sie ihm nicht vermachen, da dieser von ihrem fRanne stammte und somit Eigentum ihres Sohnes blieb.

Mehr, weit mehr, als er für seine bescheidenen Be­dürfnisse brauchte, hatte Marike ihm hinterlassen, aber die Aussicht auf den sorglosen Lebnsabcnd, der ihm nun winkte, konnte Knut nicht über den Verlust des Heidhofes trösten, an dem er nun einmal mit allen Fasern seines Herzens hing ,in dem er sich eingewurzelt und auf dem er sich durch seine Arbeit und Treue Heimatsrcchte er­worben hatte.

In der letzten Nacht, die er an Marikens Lager ver­brachte, waren ihm allerlei Gedanken durch den Sinn ge­gangen. Ter Tod seiner Freundin ließ zum ersten Male eine weiche Seite in seinem verdüsterten, verhärteten und verbitterten Gemüt erklingen. Zum ersten Male sah er die Dinge, wie sie sind, ohne den Schleier, den Haß und Leidenschaft darüber breiten, und zum ersten Mal lösten sich die schrillen Disharmonien seiner Seele in dem weichen Akkord eines schmerzhaften, sehnsüchtigen Ver­langens nach Ruhe: nach der letzten Ruhe, der Marike teilhaftig geworden. Er war so müde, viel müder als die Frau gewesen, die nun ruhte von ihrer Arbeit. Fast beneidete er der Toten ihren Schlaf.

Knut wußte, daß er nicht auf dem Heidhof bleiben würde. Obgleich man auf der Welt keinen besseren und treueren Verwalter des Anwesens finden konnte, würde man ihn sobald als angängig ablohnen und fortjagen, Marikes Bruder aus Vörden, der zu ihren Lebzeiten nicht über die Schwelle gekommen war, spielte sich setzt schon als Herr und Vertreter seines abwesenden Neffen auf: und während er daran denkt, zuckt und blitzt es wieder von Wut, Haß und Hohn in den gelben, ver­witterten Zügen des Alten. Er weiß genau, wie man sich darauf freut, ihn, den Verhaßten, Gefürchteten, mit guter Manier an die Luft setzen zu können, ihn von Grund und Boden des Heidhauses zu jagen, von Grund und Boden, den er mit seineni Schweiß gedüngt, den er mit unsäglicher Mühe kultiviert und tragbar gemacht hat. — Das weiß er, aber er ist fest entschlossen, ihnen den Spaß zu verderben. Unter halb ausgezogenen Lidern blinzelt er gegen das Sonnenlicht. Sein ganzes Leben zieht an ihm vorüber, panoramagleich, Bild nach Bild, lauter bittere düstere Erinnerungen; der Lichtblicke, sind nur wenige. Seine Kindheit im Armenhaus, seine freud­lose Jugend, die langen Jahre, die Haß und Schmähsucht der Menschen ihm vergällten.

Und wieder gärt die jahrelang genährte Bitterkeit in ihm über, und das Wetterleuchten eines bösen, schaden­frohen, innerlichen Lachens funkelt über sein Gesicht. Da ihn niemand liebte und achtete, hatte es ihm Befriedigung gewährt, daß die Menschen ihn fürchteten! Was haben sie sich alles über ihn zugeslüstert. Nicht nur zum Mörder und Räuber, nein zum Hexenmeister haben ihn Verleumdung, Dummheit und Aberglaube gestempelt. Durch bloßes Einrennen eines zugespitzten Pflockes in den Loorand soll er die Fähigkeit besitzen, fremder Leute Kühe auf den fernliegenden Weiden auszumelken, und was dergleichen Blödsinn mehr ist. Ein Blick von ihm genügt, um das Vieh seiner Feinde zu töten; wiederholt will man die Wahrnehmung gemacht haben, daß bald nach Knut Webers Anwesenheit in diesem oder jenem Stalle Schweine, Kälber oder Rinder von Krankheit be­fallen wurden und krepierten. Einmal soll er sämtliche Schweine in Tiefsiel verhext haben — aus Rache, weil ein

Tiefsieler Bauer sich geweigert hatte, ihm Torf heimzu­fahren. An die siebzig hoffnungsvolle Borstentiere waren damals draufgegangen, und obwohl der Kreistierarzt ausdrücklich Rotlauf als Todesursache festgestellt hatte, hielt man hartnäckig an der Überzeugung fest, daß Knut Weber vom Hcidhofe das Massensterben durch seine un­heimliche Kunst veranstaltet habe.

Knut wußte, was man von ihm hielt, aber es war ihm gerade recht so. Während er sich innerlich über die Dummheit seiner lieben Nächsten lustig machte, zog er allerhand praktische Nutzanwendungen für sich und den Heidhof aus der abergläubischen Furcht der Bauern. Wenn im Frühjabr oder Sommer die Arbeit drängte und Hilfe kaum für Geld und gute Worte zu haben war, ging er einfach in den ersten besten Tiefsieler Hof, ließ sich den Bauern rufen und bat um Überlassung des Gespannes und- eines Knechtes oder auch nur eines solchen; und aus reiner Angst vor Knuts Rache wurde die erbetene, meist nicht unerhebliche Gefälligkeit einwandlos bewilligt. Seit langen Jahren bekam Knut seine ländlichen Hilfskräfte von Tiefsieler Bauern umsonst gestellt; selbst in der aller­schärfsten Arbeitszeit hätte keiner es gewagt, Knut Webers Ansinnen abschlägig zu bescheiden. Marike profitierte natürlich allein davon, aber das gilt ihm gleich, nie hatte er für sich selber gestrebt und eigennützige Zwecke verfolgt.

Wenn er sonst nachdachte, geriet er immer mehr in eine weißglühendc Wut, in der er die ganze Welt hätte zusammcnschlagen mögen. In solcher Stimmung wäre es ihm ans einen Totschlag nicht angekommen. Heute war er, seltsam genug, mehr zum Lachen aufgelegt. Die Wirkung schien abgeschwächt, alles erschien ihm klein, unwesentlich, nebensächlich. Die Welt, die hinter ihm lag, kam ihm plötzlich so toll, lachhaft, ganz verrückt und deshalb beinah bedauernswert vor. Ein weicher Nebel senkte sich allmählich über alle diese Bilder, und darunter versank alles, was ihn bewegte?

Die Mittagsglut wurde drückender, intensiver. In den schweren Blumenduft mischte sich schon der leise Ver­wesungsgeruch, der von der Leiche ausging, und wie Knut wieder auf Marikes Antlitz blickte, bemerkte er um ihre Lippen jenen schwärzlich bläulichen Schein, der zuerst das