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si. Jahrgang.

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|(0, 297+ BerlagS-Fernsprecher N». 2961.

Dienstag, den 30. Inni.

RedaktionroFerusprechcr No. 62.

1803.

Morgen-Ausgabe.

ZIÜ17 öas 3. ZrucrrttcrL 1903

auf das

„Wiesbadener Tagblatt"

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Mm Chmtckerllümsrnus.

In der soeben erschienenm Juni-Nummer der „Deut­schen Wirtschaftspolitik" verösfentlicht der Geschäfts­führer des Handelsvertragsvereins, vr. Borgius, einen längeren Aufsatz über die neue zollpolitische Bewegung zur Herstellung eines britischen Reichszollverbandes. Er schildert eingehend die Vorgeschichte dieser Bewegung seit Anfang, der achtziger Jahre, ihre Entstehung aus zwei verschiedenen Wurzeln: der politischen (in Gestalt des von der „Imperial Federation Leagne" erstrebten engeren Zusammenschlusses zwischen Kolonieen und Mutterland) tmd der wirtschaftlichen (in Gestalt der von der „National Fair Trade Leagne" erstrebten Umwälzung des Frei­handels in eine Art Schutzzollpolitik), ihre Verschmelzung seit Anfang der 90er Jahre und das neuere Empor- kommen dieser Strömung dank der Unterstützung Eham- berlains, der sich zu ihrem Führer aufwarf unß> das nun präzis herausgearbeitete Ziel des Reichszollverbandes mit zäher Energie verfolgte.

' Sein Aktionsplan ist offenbar gewesen, zuerst durch Inaussichtstellung britischer Gegenvergünstignngen, die er schon durchsetzen werde, die Kolonieen zu freiwilliger Ge­währung von Vorzugszöllen zu bewegen, und nunmehr, nachdem ein solcher praktischer Fall vorliegt, dem Mutter­land vorzuhalten, wie unverantwortlich undankbar es sein würde, dies aus eigenster Initiative hervorgegangene Entgegenkommen der Kolonieen unerwidert zu lassen, und wie unklug, diese so günstige Gelegenheit zur Konso­lidierung des Reiches unbenutzt zu lassen.

In der Regierung selbst ist Ehamberlam offenbar anfänglich auf lebhaften Widerspruch gestoßen. Und fast hat es den Anschein, als wäre Ehamberlains Rede nur gehalten, um den schlechten Eindruck zu verwischen, den

die Aufhebung des Kornzolls, diese wortlose Desavouie­rung etwaiger Chamberlainscher Versprechungen, in den Kolonialkreisen gemacht hatte. Gleichzeitig aber be­deutete sie zweifellos einen Appell an die Öffentlichkeit, ein Mobilmachen der Wählermassen, durch welche er seine geschwächte Stellung im Kabinett zu stärken, die Regie­rung zu beienflussen und für das „new chapter in our Imperial history", wie er die von ihm inaugurierte Politik stolz bezeichnet, einen hinreichenden moralischen Rückhalt zu gewinnen suchte — ein cäsarisches Ausspielen des „Volks" gegen seine Mitregierenden. Daher sein neuerliches Liebäugeln mit der Arbeiterschaft: das leut­selige „Antwortschreiben an einen Arbeiter", die Ver­quickung der old age pensions mit den Schutzzöllen, — frei nach dem Muster des Zentrums in Deutschland.

Ob er damit Glück haben wird, • sicht freilich dahin. Im allgemeinen ist er bei der Arbeiterschaft unpopulär, abgesehen vielleicht von seiner eigenen Stadt Birming­ham. Eher scheint er in industriellen Kreisen einigen Anklang zu finden; wenigstens haben sich schon zwei Organisationen gebildet, die „Protektionist Leagne" unter Führung des Schutzzöllners James Lowtter und die „Tarifs Leagne" unter Leitung des obengenannten Publi­zisten Williams, welche sich die Förderung seiner poli­tischen Ziele zur Aufgabe gemacht haben.

Jedenfalls wäre aber ein eventueller Sturz Cham- berlains über dieses Projekt nicht gleichbedeutend mit dem Verschwinden dieser Bestrebungen an sich, im Gegen­teil, wenn er jetzt aus dem Kabinett ausscheidet, so ver­liert er zwar erheblich an persönlichem Einfluß in der Regierung, gewinnt aber desto mehr freie Hand für die persönliche Wirksamkeit als unabhängiger Politiker und dürfte sogar sich voraussichtlich alsdann mit noch größerem Eifer der weiteren Verfolgung seines Projektes widmen. Als Mitglied des Kabinetts, im Zügel gehalten durch das Schwergewicht seiner Kollegen und die unvermeidlichen Rücksichten ans die praktischen politischen Verhältnisse, würde er nach Verlust seiner Stellung aller Wahrschein­lichkeit nach mit ebenso großem Geschick wie Erfolg die Rolle eines politischen Märtyrers spielen, dessen hoch­fliegenden rettenden Ideen an dem zähen Widerstand egoistischer Interessen gescheitert sind, und bekanntlich ist „sanguis martyrum seinen ecclesiae".

Für uns besteht die Hauptgefahr darin, daß der Reichszollverband zu einem Hebel des Protektionismus an sich in England würde. Der Reichszollverband ist die' einzige Form, in welcher England überhaupt schutz- zöllnerisch werden kann. Zersplittert er an den harten Interessengegensätzen der Wirklichkeit, so bleibt nicht nur England selbst für den Freihandel prädestiniert, sondern hat nunmehr auch das dringendste Interesse daran, den (4erst des Imperialismus und Protektionismus irr der ganzen übriger: Kulturwelt niederzuwerfcn und wird sich

sicherlich alle Mühe geben, in dieser Hinsicht als handels­politischer Sauerteig zu wirken. Endet dagegen der Kampf für einen britischen Reichszollverband siegreich, so hat damit der Grundgedanke des modernen Hochschutz- zöllnertums: die Abschtietzungspolitik, das Ideal der „wirtschaftlichen Selbständigkeit", einen Erfolg erlangt, der nicht ohne Rückwirkung auf andere Staaten blechen dürfte.

Andererseits scheint mit dem Reichszollverband ein gewisser Präzedenzfall dafür gegeben, daß eine Aus­scheidung der Meistbegünstigung. durch besondere Vor­zugsverträge zwischen einzelnen Ländern von den übrigen Kulturstaaten gebilligt wird, ohne daß diese den Beteilig­ten ihrerseits die Meistbegünstigung entziehen. Damit wäre aber die Hauptschwierigkeit auch für den alten Traum eines mitteleuropäischen Staatenkartells ans dem Wege geräumt und dieses, — einerseits durch den Einfluß englischen Beispiels, andererseits als Reaktion gegen dis daraus drohenden Gefahren — seiner Verwirklichung vielleicht näher gerückt. Gleichzeitig wäre freilich die Gefahr bedenklich verstärkt, daß dieses europäische Staatenkartell nicht ein Bund zur Brechung des wirt­schaftlichen Imperialismus in der übrigen Welt würde, unter welchem Gesichtspunkte wir ihm unsere Sympathie entgegen bringen könnten, sondern daß es — im Geists des Antrags Schwerin-Löwitz — ein Kartell des geeinten europäischen Hochschutzzöllnertums würde und gegen das Linsengericht eines etwas freieren Verkehres innerhalb Europas die Erstgeburt der Herrschaft aus dem Welt- markte endgültig verkaufte. Die ganze gegenwärtige Konstellation in England ist eine ernste Mahnung an die verantwortlichen Stellen des europäischen Kontinents, von jener verhängnisvollen Politik des Hochschutzes abzu­gehen, welche, wenn nicht die treibende Kraft, so min­destens das zugkräftigste und erfolgreichste Argument für dm Chamberlarnismus in England bildet.

Darin beruht ja die spezifische Gefährlichkeit des Pro- teksionismus, daß er seinem Wesm nach so außerordent- sich ansteckend wirkt: von einer Branche zur anderen und von einem Lande zum anderen. Dieser Gefahr kann, strmg genommen, nur auf internationalemWege begegnet werden. Es genügt deshalb auch nicht, daß in einem einzelnen Lande eine vorübergehende Agitation und Organisation der Gegeninteressen eintritt, wie gegen­wärtig im deutschen Handelsvertragsverein. Bekanntlich haben sich anläßlich der neum Hochschutzzollbestrebungen ja denn auch bereits in Italien, sowie in der Schwerz ähnliche Organisationm gebildet. Selbst in der amerika­nischen Union sammeln sich allmählich die der Trust- polisik abgeneigten vertragsfreundlichen Elemente; und in England entwickelt der Cobden-Klub neuerdings wieder eine große Rührigkeit. Wie in der Sozialpolitik die allenthalben bestehenden nationalm „Gesellschaften für

Feuilleton.

«I« MUtzer MiirtM der Mmmw.

m 400-jährigen Geburtstage des Kurfürsten Johann Friedrich des Großmütigen (30. Junr).

Von vr. Eberhard Schars.

Jenen beiden ersten Blutzeugen des evangelischen arrberrs, Heinrich Boes und Johannes Esch, me am Juli 1524 in Brüssel auf Veranlassung des berüchtigten tzcrmeisters Jakob von Hogstraten verbrannt wurden d denen Lrrther das ergreifend-schöne Lreö sang. -Ei» ues Lied wir heben au", reiht sich wurörg der sächsische lrfürst Johann Friedrich der Großmütige an, der nutz, r als Anhänger und Förderer der Deformation rm rfürstlichen Sachsen, sondern auch als Stifter oer riversität Jena zu den ruhmreichsten Fürsten aller iten gehört. Aber was uns ihn ganz besonders, lieb :d wert macht, das ist der bewundcrswerte Heldenmut :t dem er das so tragische Geschick, infolge seines ndhaften Eintretens für die evangelische Lehre über ir und die Ernestintsche Linie Sachsens hereinbrach, cr-

ng, in der Tat ein Glaubeusmartyrcr, der, wenn es

ott nicht anders gefügt hätte, auch bereit war um inen Glauben sein Blut zum Opfer S» bringen, dem bereits seine Freiheit und seinen surstlichen Rang utig geopfert hatte. Bor 400 Jahren, am> 30. Sun t 1503, Torgau als Sohn des Kurfürsten Johann des Be-

indigen geboren, folgte er diesem rm Jahre 153. rn der egierung nach und war, von Spalatin in toxtvaw* scheu Lehre erzogen, gleich sei n en beiden Vorgängern ; der Regierung ein entschiedener cn jL

scheu Glaubens. Dabei huldigte er den surMchcn L er-

rügungen jener Zeit in hohem Grade, -^^^n^und rinkgelage und war gern, trotz seiner Korpulenz uno -r dadurch bedingten Schwerfälligkeit, auf der Jagd, 'ährend ihm für die große Politik Scharfblick und nergie fehlten. Gleichwohl war er bem Kaiser Karl V.,

°m schärfsten Widersacher der neuen Lehre, in reichs

rstlicher Treue ergeben und suchte, soweit ln f reiften stand, einen Bruch mit des Ruches Overyaupr ’ lange wie nur irgend möglich zu ,. 1 ,'<»?. j ‘ rlchleunigte er selbst durch sein elgenmachtlws Bvrgehei

diese verhängnisvolle Katastrophe. Herrisch, eigensinnig und teilweise gewaltsam, verbitterte er seine Gegner, wenngleich es ihm nur um die von ihm für recht erkannte Sache der neuen Lehre, keineswegs um persönliche Feind­seligkeit zu tun war. So ersetzte er den zum Bischof von Naumburg erwählten Katholiken Julius von Pflugk durch den Protestanten Nikolaus von Amsdorf und mischte sich eigenmächtig in die Angelegenheiten des Stiftes Wurzen ein, wodurch er sich mit seinem Vetter Moritz so verfeindete, daß es fast zum Kriege zwischen beiden fürstlichen Verwandten gekommen wäre. Aber Landgraf Philipp von Hessen vermittelte noch zu rechter Zeit, und so konnten die bereits zum Angriff bereiten Heere in Ruhe und Frieden ihren Osterfladen (Quarkkuchen) ver­zehren. Dieser unblutige Krieg heißt daher der „sächsische Fladenkrieg" (1542). Als Haupt des Schmalkaldischen Bundes vertrieb er ferner im Verein mit dem Landgrafen von Hessen den Herzog Heinrich von Braunschweig, einen eifrigen Gegner der Reformation, aus seinem Lande.

So sah sich der Kaiser endlich genötigt, am 20. Sep­tember 1546 gegen beide, den streitbaren Kurfürsten und seinen gleichgesinnten Verbündeten, den Landgrafen, die Reichsacht auszusprechen. Der nunmehr beginnende Schmalkaldische Krieg, der an der Donau und später an der Elbe geführt wurde, hatte besonders infolge der Saumseligkeit und Unentschlossenheit Johann Friedrichs einen für letzteren und die von ihm vertretene evangelische Sache so verhängnisvollen Ausgang. Es widerstrebte des Kurfürsten religiösem Gefühle, gegen seinen kaiser­lichen Herrn mit Waffengewalt vorzugehen, und so ver­lor man trotz der ernsten Vorstellungen Schärtlins, der für ein kraftvolles Losschlagen war, an der Donau Zeit und Gelegenheit. Erst als sein Vetter Moritz, der mit dem Kaiser verbündet war, in das kurfürstliche Sachsen eingedrungen war, raffte sich Johann Friedrich zu einem energischen Schritte auf, zog gegen Moritz, vertrieb den­selben aus seinem Kurfürstentum und drang noch weit in die herzoglichen Lande seines Vetters ein. Dieser rief nun in seiner Bedrängnis den mit ihm verbündeten Kaiser um Hilfe an. Bei Mühlberg an der Elbe, auf der Lochauer Heide, trafen sich am 24. April 1547 die beider­seitigen Heere. Es war gerade ein Sonntag, und der fromme Kurfürst wohnte dem Gottesdienste bei, als seine I im Abzüge begriffene Reiterei von der 27 000 Mann

starken kaiserlichen Armee, der ein Bauer die Wege ge­zeigt hatte, angegriffen wurde. Auf Gegenwehr nicht ge­faßt, wurde Johann Friedrich, nachdem er im Gesicht ver­wundet worden war, infolge seiner Schwerfälligkeit, die ihm eine schleunige Flucht nicht gestattete, zum Gefangenen gemacht. Dasselbe Schicksal ereilte auch seinen tapferen Gefährten, Herzog Ernst von Braunschweig-Lüneburg. In der Gefangenschaft bewies der Kurfürst seltenes Gott­vertrauen und Standhaftigkeit, wie sic nur ein gutes Gewissen zu verleihen vermögen. Der Kaiser sprach das Todesurteil über ihn aus. Mit bewundernswerter Fassung und ohne auch nur sein Schachspiel zu unter­brechen, vernahm es der Kurfürst. Aber der Kaiser wagte aus wohl erwogenen Gründen nicht, das harte Urteil an dem mächtigsten Reichsfürsten zu vollziehen. Er zog es vor, dasselbe in ewige Gefangenschaft umzuwmrdeln, unter der Bedingung, daß Johann Friedrich seine Festungen, besonders Wittenberg, öas alle Vorberei­tungen zur Verteidigung getroffen hatte, dem Kaiser übergebe und die kurfürstliche Würde an seinen Vetter Moritz abtrcte. (Wittenberger Kapitulation.) Beide Be­dingungen erfüllte der schwer heimgesuchte Fürst. Die dritte Bedingung jedoch, sich den Beschlüssen des Triden- tiner Konzils (1545—1563) zu unterwerfen und somit den evangelischen Glauben zu verleugnen und sich aufs neue der kathvlischen Kirche anzuschließen, wies er standhaft zurück. So ward Johann Friedrich ein Märtyrer der Lehre Luthers, der unsere aufrichtigste Bewunderung verdient. Übrigens währte die Gefangenschaft nur fünf Jahre. Moritz, der neue Kurfürst, selbst Protestant, be­reute gar bald den Verrat, den er an der evangelischen Sache verübt hatte, und sagte sich vom Kaiser los, den er in der Ehrenberger Klause bei Innsbruck so in die Enge trieb, daß dieser nur mit genauer Not der Gefangen­schaft durch den Kurfürsten, seinen ehemaligen Verbün­deten, entging. Aber der Kaiser, gedrängt durch Moritz, mußte nun in den Passauer Vertrag (1652) willigen, der die Befreiung der gefangenen Fürsten und das Zuge­ständnis der Religionsfreiheit für die Evangelischen zur Folge hatte. So schlug auch für Johann Friedrich die Stunde der Freiheit. Mit Freudentränen von seinem treuen Volke begrüßt, das ihn wie einen Märtyrer ver­ehrte, kehrte der vielgeprüfte Fürst in sein Land zurück und feierte mit seinen Angehörigen die süßen Freuren