Wiesbadener Tagblatt.
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ä95. BerlagS-Fernsprecher No. 2351.
Sonntag» den 28. Juni.
RedaktionS-FernfprecKer No. SS.
1903.
Hlorgen-Ausgabe.
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Peter in der Fremde.
Es wird uns geschrieben:
Der Peter will nicht länger bleiben,
Er will durchaus fort in die Welt,
Dies Wagstück ihm zu Hintertreiben,
Der Mutter immer schwerer fällt.
Diese Verse citierte der Oberbürgermeister in Karlsruhe bei seiner Begrüßung der am 4. und 5. Juni dort pattfindenden Hauptversammlung der Deutschen Kolonialgesellschaft in Erinnerung an seine Schulzeit, wo er über obiges Gedicht, seines vermeintlich hohen moralischen und poetischenWertes wegen, einenAussatz schreiben mutzte stiit ungefähr folgender Disposition: a) Glück und Friede der Heimat, b) man soll die Heimat nicht verlassen, c) Unwirtlichkeit und Gefahren der Fremde, d) Rene und Umkehr, wiedergefundenes Glück, e) Moral: Bleib' jm Land und nähre dich redlich.
Mit einer solchen großartigen Pädagogik, so fuhr der Redner fort, wurden vor 40 bis 50 Jahren werdende Staatsbürger auf die Weltpolitik des zukünftigen Deutschen Reichs vorbereitet! Das ist nun freilich anders geworden: die umgestaltenden Ereignisse von 66 und 70 haben unser Volk aus seiner selbstgenügsamcn Träumerei aufgeschreckt, haben ihm das Kraftgefühl und den Willen hegeben, sich auch außerhalb der vaterländischen Grenzpfahle zu betätigen, haben ihm gezeigt, daß er zwar etwas spät zur Teilung der Erde gekommen, aber doch den Verteilungsakt nicht vollständig verjüngen und verschlafen hat. Der Peter ist nun wirklich in die Fremoe hinausgezogen und macht sich dort zur großen Überraschung und zum geringen Vergnügen früher aufgestandener Wanderer recht kräftig geltend. Aber, meine Herren, es gibt noch immer Leute genug, die ihm bei jeder kleinsten Schwierigkeit in Ängsten zurufen: Kehr um! kehr um! und das Geschlecht der Philister, die nicht ohne Schwindel über die Hecken ihres heimatlichen Nestes hinausschauen können, ist noch überaus zahlreich. Da zeigt es sich denn als ein wahres Glück, wenn sich, wie in der Kolonialgesellschaft, Männer zusammentun, um das Volk vor dem Zurücksinken in bie alte träumerische Trägheit zu bewahren, um den Blick für das Weite ihm offen zu halten und das Bewußtsein in ihm zu pflegen und zu stärken, daß man nirgends im Leben ohne Kampf und Wagnis mit Erfolg und Ehre bestehen kann. Möge solches Streben der Kolonialgesellschaft in immer weiteren Kreisen anerkannt werden und dem Vaterlande reiche Früchte bringen!"
Das sind Worte, die man nicht eindringlich genug unserem, zu einer gewissen beschaulichen Philisterhaftig-
Keuilleton.
s Schulschiffe der deutschen Marine.
Technische Studie von Edgar N. Möller.
III.
Armierung und Bemannung.
Armierung nennt man die Zahl der an Bord befind- n Geschütze, einschl. Maschinengewehre. Dem gellen Schiffe dienen zehn 15 Centimeter-Kanonen alte- Systems, zwei 8,8 Ccntimeter-Schnellfeucrkanoncn, 6 Centimeter-Bootskanonen, sechs 8,7 Centrmeter- llverkanonen und zwei Maschinengewehre zu seiner teidigung. Von den 15 Centimeter-Kanonen stehen ; auf dem Vordeck, vor dem Fockmast, und acht in der ierie, je 4 auf jeder Seite. Es sind, wie gesagt, Gc- w älteren Systems, welche noch mit Taljen geschwcnkt den, wobei die Lafette, eine Rahmenlafctte, mrtge- enkt wird. Die 8,8 Schncllfcuerkanonen sind solche wer Konstruktion und haben auf dem Achterdeck ihre Stellung gefunden, wo eine an Steuerbord (rechte :e) und die andere an Backbord (linke Seite) steht, se werden mittelst mechanischer Steuerung ö - enkt und gerichtet. Die Revolverkanonen sind beun >r Schiff" (Gefechtsrolle) oder beim Eyerzicrclr auf Regeling angebracht, je drei auf jeder Sei , 1 -
n sie sonst auf Zurrpivots auf dem Achterdeck stehen. :i feuern von der Back, zwei von der Regelrng, nntt, fs daneben den Fallreeps jSchiffstrepP-n nr d e Bord kommenden und von Bord gehenden Per w. welche an den Außenwänden augebracht sind) Vorderkante des Großwant und zwei von der Ach -
»regeling. Die Dlaschinengewehre bauen stch an der
terkantc des Bootsdccks ans der Regeling auf. Bootsdeck stehen die beiden Bootskanonen, die j i ein Schisssgefecht nicht in Betracht kommen, sond
beim Landungsmanöver Verwendung finden. Eine
'wmt die Ruderpinasse, die ««dere die Ruderbark sA
Dampspinasse wird bann noch tnit ei „..x Stand one versehen. Dieses wären die Kaliber und Stam- ebenso die Anzahl der Geschütze, und wmit die Ar
feit hinneigenden Volke und ganzen politischen Parteigruppen zurufen kann, die sich noch immer in kindlicher Naivität dem Streben des deutschen Volks, aus ein.er europäischen eine Weltmacht zu werden, entgegensetzen und am liebsten die Schiffe, die sie auf das weite Meer, in die fernen, dem Reiche einverleibten zukunftsreichen Gestade hinausführen sollen, verbrennen möchten. Aber das Streben nach einer Weltstellüng, nach eigenem Besitz außerhalb der uns gesteckten engen Reichsgrenzen, der uns durch seine Produkte von anderen Staaten unabhängig machen soll, ist schon zu tief in den einsichtsvolleren Teil des Volks eingedrungen, als daß eine Rückkehr, eine Drangabe möglich wäre. Drum sollten wir uns doch in der uns gestellten hohen Aufgabe einigen und auch in unserem Reichstag nicht als kurzsichtige Vertreter unseres Volkes erscheinen und die Erreichung der gesteckten Ziele nicht durch nörgelnde Kritik verzögern. Wir müßten im Gegenteil mit Meilenschritten vorangehen, um es den übrigen Weltmächten gleich zu tun, die den deutschen Peter oder Michel noch nicht für ausgewachsen ansehen, die aber erfahren sollen, daß , er sich in jugendlicher Kraft erhoben hat und nicht gewillt ist, sich vor schlechtem Weiter zu scheuen und wie ein begossener Pudel umzukehren und das Gewonnene aufzugeben. Unsere Jugend ist es, auf der vor allem unsere Hoffnung steht, sie, die in einer neuen Weltanschauung aufgewachsen ist und mit weiterem Blick in die Welt schaut. Sie möge die Interessen unseres Vaterlandes weiter und weiter stecken und in treuer Arbeit das Wohl der Heimat fördern, wie wir Alten es in der Gegenwart durch eine hoffnungsfrohe Kolonialpolitik zu tun uns bestreben. _ W.
Deutsches Deich.
Graf Hoensbroech über die Wahlen.
■ In den bekannten Streiflichtern des Grafen von Hoensbroech schreibt dieser im Juliheft seiner Monatsschrift „Deutschland" (Verlag von C. A. Schwetschke und Sohn, Berlin) unter anderem folgendes:. Neben dem schwarzen Banner, das bisher vom Reichshause wehte, flattert jetzt die rote Fahne. Ein entscheidender Sieg der Sozialdemokratie auf der ganzen Linie ist das Ergebnis der Wahlen. Ein Königreich, Sachsen, ist ganz sozialdemokratisch vertreten; alle großen Städte senden „Genossen" in die Volksvertretung und auch das platte Land hat in erheblichem Maße „rot" gewählt. Der Ernst dieser Tatsache läßt sich nicht verkennen. Aber je ernster sie spricht, um so mehr gilt es, ruhiges Blut zu bewahren. Schon jetzt werden Stimmen laut, die nach Ausnahmegesetzen, nach Abänderung des Wahlrechts verlangen, und dieser Chor der „Scharfmacher" wird zweifellos noch anschwellen. Hoffen wir,
mierung. Auf die einzelnen Bestandteile der Geschütze kann ich des mir zur Verfügung stehenoen beschränkten Raumes wegen nicht näher eingehen. Wie gesagt, kam, nachdem alles für gut befunden war, der Befehl, das Schiff in Dienst zu stellen, das heißt, die etatsmäßigeu Offiziere und Mannschaften an Bord zu nehmen und Flagge und Wimpel (lange, dreieckige, weiße Flagge, in welche ein schwarzes Kreuz genäht ist, woran man auch die Kriegsschiffe der Marine erkennt) zu hiffen. Das Kommando des Schiffes, der Kommandant, im Range eiues Fregattenkapitäns, der erste Offizier, im Range eines Corvetten- kapitäns, der Navigations- und der Battericoffizier, beide im Range eines Kapitänleutnants, sowie der Schiffsadjutant, gewöhnlich ein Oberleutnant zur See, bestellen nun bei der Matrosen- und der Werftdivision die benötigten Offiziere, Deckoffizicre, Unteroffiziere und Mannschaften. Bei ersterer das seemännische, bei der letzteren das Maschinen- und Heizerpcrsonal. Die Schiffsjungcn-Ab- tcilung schickt die Schiffsjungen und die Marine-Akademie die Fähnriche zur See und die Seekadettcn an Bord. Das Schiff hat einschließlich der Civilpersonen, als Marinc- psarrer, Civilkoch für die Offizicrsmessc, desgleichen für die Messen der Fähnriche zur See und Seekaöctten, wie des Barbiers, 4M Personen an Bord. Jeder Mann erhält nun sofort, wie er an Bord kommt, seine Schiffs nummer, welche in den einzelnen Rollenverteilungen vorgesehen. Die geraden Nummern gehören zur Backbord-, die ungeraden zur Stcuerbordwachc, welche beide Wachen später noch in Hälften geteilt werden. Die Leute stauen ihr aus der Kaserne mitgebrachtes Zeug in die ihre Schiffsnummer tragenden Klciderkisten, hängen ihre Handwaffen, Gewehre und Seitengewehre in Regalen unter Deck auf, wobei sie aber immer ihre Nummer zu beachten haben und werden dann an den Backen jHänge- tische zum Speisen) verteilt; die Steuerbordwache an Steuerbord, die Backbordwache an Backbord. Die Hänge- niatren werden nun eingczurrt, diese tragen auf der unteren die Schiffsnummer des Inhabers und den Mannschaften wird der ihre Schisfsnummer tragende Platz zum Aufhängen in den Räumen angewiesen, worauf man die Leute die übrige Zeit des Tages zufrieden läßt, damit sie sich umsehcn können. Sobald alles eingerichtet ist, geht
daß der gesunde Sinn und der politische Takt des deutschen Volkes vor solch verhängnisvollen Wegen uns behüten. -— Aber eben weil ich sie (die Sozial
demokratie) gründlich kennen gelernt habe, ist meine Überzeugung unerschütterlich geworden, daß Ausnahmegesetze und Gewaltmatzregeln gegen die Sozialdemokratie der Gipfel der Torheit wären. Wir stehen nun einmal vor der Tatsache, daß die Sozialdemokratie eine tiefgründige Volksbewegung darstellt. Daran ändert die andere, von den „Scharfmachern" hervorgekehrte Tatsache nichts, daß in der sozialdemokratischeir Partei weit mehr wie in allen anderen Parteien gewissenlose Hetzer und Verführer, echte und rechte Volksbetrüger tätig sirtd> die den Klassenhaß schüren, die systematisch die Unzufriedenheit züchten, deren Broterwerb und Lebensunterhalt auf Lüge und Entstellung aufgebaut ist. Aber trotz allem und allem haben wir es in der Sozialdeywkratie mit einer, ich wiederhole, tiefgründigen Volksbewegung zu tun; einer Bewegung, die •— und das ist für ihre Beurteilung und für dieWahl derAbwehrmaßregeln gegen sis das Entscheidende — in bestehenden Mißständen ihren Ursprung und in der Erreichung berechtigter Forde- rungen ihr Ziel hat. Mißleitet, verhetzt ist der sozialdemokratische Teil unseres Volkes in vielem,, gewiß; aber diese Wahrnehmung darf uns nicht verhindern, anzuerkennen, daß unsere wirtschaftlichen, unsere sozialpolitischen Zustände der Besserung bedürftig sind, und diese Besserung will — das ist die Wahrheit — die Sozialdemokratie. Jahrzehntelang haben die sogenannten herrschenden Parteien schwer am Volkswohl gesündigt; ihren Fehlern und Sünden ist das ungeheuere Anwachsen der Sozialdemokratie zuzuschreiben. Man werfe nur einen Blick aus das Königreich Sachsen. Daß _ über diesem ganzen Lande jetzt die rote Fahne weht, ist die Schuld der sächsischen konservativen Partei. Sie hak durch ihre jämmerliche Finanzwirtschaft die Steuerlasten bedeutend vermehrt; sic hat vor allem durch das neue sächsische Drei-Klassen-Wahlsystem eine Erbitterung im Volke erzeugt, die ihren naturgemäßen Ausdruck in den Reichstngswahlen gefunden hat. Unsere Parteien wandeln unentwegt, unbekümmert um den Wechsel von Zeiten und Verhältnissen, altgewohnte Pfade. Ob sich das Alte, was sie als Fetisch verehren, „konservativ" oder „liberal" nennt, tut nichts zur Sache: es ist versteinerte Masse, eine dem Leben entfremdete, der Schablone dienende Theorie. Daß so etwas keine Werbekraft besitzt, liegt auf der Hand. Partei-Konservatismus und Partei-Liberalismus haben abgewirtschaftet; sie haben keinen Boden mehr in den breiten Schichten des Volkes., Das Volk der Gegenwart will Fortschritt, will Aufklärung; wo es diese findet, dorthin wendet es sich und nimmt dabei Auswüchse, Entartungen mit in den Kauf. Diese Wahrheiten sind deutlich durch die Wahlen zum Ausdruck gebracht. Werden sie beherzigt, so sind die dies-
das Rollenexerziercn los. Die reine Springerei, wobei
so mancher sich seinen „kleinen Kopf" etwas „verändert". Jede Nummer hat einen bestimmten Posten bei jeder Rolle zuerteilt erhalten. Die einzelnen Rollen sind: „Klar Schiff" (Gefechtsrolle), „Manöverrolle" (Bedienung der Segel), „Fcuerrollc" (Feuer im Schiff, wobei der brennende Raum luftdicht abgeschlossen werden muß und die Pumpenmannschaften sich an den einzelnen Pumpen verteilen), „Schotten dicht" (das Schiff hat ein Leck bekommen, die einzelnen Abteilungen werden wasserdicht abgeschlossen und die Pumpen angeschlagen) und die „Bootsrollc" (Verteilung in den Booten beim Landungs- manöver und beim Verlassen des Schiffes). Es dauert garnicht lange und ein jeder Mann weiß, wo er bei den einzelnen Rollen hingchört. Nun beginnt die seemännische und artilleristische Ausbildung, besonders für die Schiffsjungen und Kadetten, aber auch für die Matrosen, da diese nur in der Kaserne im Fußdienst auSgebildet wurden. Klappt das Nollenexerzittum einigermaßen, so wird das Schiff von dem jeweiligen Stationschef einer Seeklarbc- sichtigung unterzogen und macht nun kleinere übungs- rciscn, welche sich allmählich vergrößern und mit einer 7- bis 8-monatigen Auslandsreise in die Tropen enden. Die Bemannung setzt sich etwa so zusammen: Der Kommandant, der erste Offizier, der Navigationsoffizier, der Batterieoffizier, 4 Oberleutnants und 6 Untcrlentnants zur See, 1 Stabsarzt und 1 Assistenzarzt, 1 Maschinen- Jngenieur, l Zahlmeister und der Marinepfarrer, welche zu den Offizieren gehören. An Decksoffiziercn: 1 Ober- Steuermann, 1 Verwalter, 1 Feuerwerker, 4 Maschinisten, 1 Wachtmeister, 1 Bootsmann und I Zahlmeister- Applikant. Fähnriche sind etwa 20 und Scekadetten etwa 40 bis 45 an Bord. Schiffsjungen etwa 150. Die übrige Bemannung setzt sich aus den verschiedenen Unteroffizieren, als Obcrbootsmannsmaate, Obersignalmaatc, Oberscuerwerksmaate, Obermachtmeistersmaatc, Oberfeuermeistersmaate, Obermaschinistenmaate, BootSmanns- maate, Signalmaate, Feuerwerksmaate, Wachtmcisters- maatc, Feuermeistersmaate, Maschinistenmaate, Budde-
I licrs- und Lazarettgchülfen, den Matrosen und dcir Heizern zusammen. Somit werde ich auch dieses Kapitel schließen und zu einem etwas interessanteren übergehen.
