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irsbaitatrr Saplatt.

«• Jahrgang.

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“ ^ttttltj)ttt£ erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzeigen-Aufnahme an bestimmt vorgeschriebcnen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jed och nach Möglichkeit Lvrge getragen.

Uo. 294 . «erlagS.Fern,precher No. 295». SaMStttg» de« 27 . IUM.

Rebaktivus-Fernfprechcr No. 52.

1903 .

Abend - Ausgabe.

m 1 " " 11 """ ^ —

§für öcrs 3. gmartaC 1908

auf das

„Wiesbadener Tagblatt"

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im Kerlag Kanggasse 27 , bei den AnsgabesteUen,

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Die Deichstags-Stichwahlen.

Tas Urteil über den Wahlausfall steht fest, ist gewissermaßen Gemeingut aller Parteien, da die Ergebnisse der Hauptwahlen wie der Stichwahlen so klar und deutlich sprechen, daß es nur einer rechyerischen Zusammenfassung der Resultate bedarf. Die frühere Mehrheit ist kaum erschüttert worden, und sie mag mit Recht eine Erleichterung darin erblicken, daß das extreme Bündlertum eine schwere Niederlage erlitten hat. Die Sozialdemokratie aber wird auch im neuen Reichstag nur soviel Macht ausüben können, wie ihr die von den anderen Faktoren des Parteilebens gewährten Möglichkeiten dar- bieten, also unter Umständen so gut wie keine. Alles wird daraus ankommen, ob die Regierung die Lehren des Wahlausfalls beherzigt und eine Politik einschlägt, die sich wirklich die „ausgleichende -Gerechtigkeit" angelegen sein läßt, wie sie Graf Bülow zum Überdruß häufig ver- heißen hat. Sie kann es eher als früher, da sie erlebt hat, wie hohl die Grundlagen sind, auf denen der Bund der ' Landwirte sein schwindelhaftes Gebäude anfzuführen ge­dachte. So sehr nun aber die Bewertung des Wahl­ausfalles durch die Verteilung der Mandate gegeben ist, so bieten sich im einzelnen, auch abgesehen von der Zer­trümmerung der Bündler und von der Zunahme der Sozialdemokratie, manche bemerkenswerte Momente dar. Der Verlust von 7 Mandaten, den das Zentrum zu be­klagen hat, bedeutet immerhin, daß der „feste Turm", wenn der Sturm nur richtig geleitet wird, ganz gehörige Risse bekommen kann. Das Ereignis ist um so wrchtrger, als es nicht bloß der Abbröckelung der katholischen Rrbeitcrmassen, sondern auch den lebhaften Angriffen der

Nationalliberalen und anderer mittelparteilicher Ele­mente zu verdanken ist. Daraus wird sich unter Um­ständen ergeben, daß die Bemühungen, eine Gemeinsam­keit zwischen Zentrum und Nationalliberalen herzustellen, schwerer als früher zum Ziel führen dürften. Auf der anderen Seite ist das Verhältnis zwischen Zentrum und Polentum nicht mehr das alte, kann nicht mehr das alte sein, nachdem die Polen erobernd in die schlesischen Zen­trumswahlkreise eingedrungen sind und sich auch sonst auf Kriegsfuß zum deutschen Klerikalismus gestellt haben.

Rest der Stichwahl-Resultate.

Wittenberge: Dove (freis. Ver.s, nicht kons. — Jüterbogk: v. Oertzen (kons.). — Schwetz: Holtz (Reichsp.). — Hofgeismar: Reventlow (Antis.). — Bensheim-Erbach: Haas (nat.-lib.). — P y r i tz - Saatzig: Kroesell (Antis.). — Danzig-Land: Dörksen (Reichsp.).-- Hagen: Rettich (kons.).— Hoyerswerda: Graf Arnim (Reichsp.).

hd. Berlin, 26. Juni. Nach neueren Meldungen ist bei der Reichstagsstichwahl in Cöslin-Colberg Malkewitz (kons.) gewählt worden, Dr. Barth (freis. Ver.) ist also unterlegen. In Lüneburg ist doch, wie zuerst gemeldet, Jänn'eke (natlib.) und nicht der Welfe v. Wangenheim gewählt. In Geislingen-Ulm ist Dietrich (Soz.), nicht Storz gewählt, in Neustrelitz Lueth (Soz.), nicht Nauck (Reick,sp.), in Pletz-Rybnik Faltin (Zentrum), nicht Kowalczyk (Pole), in Schwerin der Konservative, nicht Groth (Soz.).

Die Reichstagszusammensetznug.

Nach den Meldungen über den Verlauf der 178 Stich­wahlen von Donnerstag — zwei sollen erst noch heute stattsinden — stellt sich, nach der „Tägl. Rundsch.", das

Konservative . . . Deutsche Reichspartei Antisemiten ....

Zentrum.

Nationalliberale . .

Freisinnige Volkspartei

Deutsche Volkspartei . Sozialdemokraten . .

Bund der Landwirte

Polen

Welfen

endgültig

bisherige

Zuwachs

gewählt

Parteistärke

od. Verlust

52

52

0

19

26

— 1

9

12

— 3

166

— 7

51

53

— 2

20

28

— 8

g .

10

15

— 5

6

7

— 1

81

58

+ 23

und

Md

7

11

— 4

17

14

+ 3

5

3

+ 2

9

10

— 1

10

8

+ 2

Im weißen Kleide.

Roman von M. Böhme (O. Sandor).

(37. Fortsetzung.)

Gottburgsens Augen vergrößerten sich vor lauter Er- staunen, daß er verliebt sein sollte. „Verliebt?" sagte er beinahe entsetzt. „In wen oder in was, wenn ich bitten darf?"

„In wen? In was? Natürlich, in ein schönes Mädchen. Machen Sie doch nicht so furchtbare -lugen, als ob Sie mich verschlingen wollten, lieber Meister, tzst es so schrecklich, daß ich Ihr Geheimnis erraten habe?

„Aber Sie sagen mir etwas, das rch selber nicht weiß —"

Die Fürstin lachte leise auf. „Aha! So schwer zu taten war das iricht. Aus Ihrem ganzen Wesen und Verhalten habe ich es gemerkt. Und heute habe ich es schwarz ans weiß, dokumentarisch bewiesen gefunden. Wenn man das Köpfchen eines schöiien Mädchen hundert­mal in sein Notizbuch zeichnet, ans jedem ftewn Fleckchen, sa ist das meines Erachtens doch ein deutliches Zeichen, daß besagtes Köpfchen Ihnen nicht nur m der Phantasie

sondern — hm — da haben Sie's.

Helene Lusekoff zog Gottburgsens Notizbuch mw i er

Tasche uiid hielt cs ihm aufgeschlagen hm. . »^ck fand es beute Mittag oben auf der Terrasse, wo sie es verloren haben. Ich war so indiskret, ein wenig darin zu blättern. Geschriebenes steht ja weiter nichts drin, aber da^> aller­liebste Köpfchen — wie gesagt "7 zahlte mir eme ganze Geschichte, es gab mir sozusagen des Rätsele Losung. .Mn ober offenes Visier, lieber Freund! Wer ist sie? Wie öeißt sie?"

Ä Gottburgsen blickte einigermaßen fassungslos auf Wand Dickens liebliches Gesicht, das die Bleistiftskizze m seiner ganzen Anmut Zug um Zug wledergab. ^ Augenblick war er um eine Antwort verlegen.

Helene Lusekoffs lustiges Anflachen wirkte ansteckend, er stimmte plötzlich mit ein. , . „„

. »Das ist ja mein künftiges Marienmodell , sag e er dann ich babe Ilmen doch erzählt, daß ich eine <,utogie Monuinentalcr Christusbitder schaffen soll, und die junge

mit • • • * • • - - —

Einige kleine Korrekturen dürften sich wohl noch er­geben

Dame da habe ich auf eine

Fürstin lächelte ein wenig ungläubig: aber wäh­rend der Professor die Erzählung von seiner ersten ergen- tümlichen Begegnung mit Maud zum besten gab, wre er das Zusammentreffen in der Kirche schilderte, wo sie ihn als Modell benutzte, um dann später unter seinen Augen und seiner Anleitung das Porträt zu vollenden, inckte sie zustimmend. „Richtig. Und da geschah das Unerhörte: Sie verliebten sich in Ihre Schülerin. Kein Wunder, sie ist wirklich reizend, könnte mir auch gefallen, wenn ich Mann wäre. Was soll denn auch dabei sein! — Ach Gott, wenn Sie nur wüßten, wie sehr ich Ihnen ein großes Glück gönne."

Helene Lusekoff verstummte plötzlich und über ihre heiteren, lachenden Züge lief ein Schatten, Sie legte dre schöngeformten, bis zu den Ellbogen entblößten Arme, an denen das müde Grün der Türkisen schimmerte, kreuz- weise vor sich auf den Gartentisch und sah ein paar Mnuten träumerisch ins Weite.

Ich habe es Ihnen ja damals — in Berlin — schon aesagt, Sie müssen wieder heiraten", fuhr sie nach emer Weile fort. „Für Sie ist die Ehe eine gute glück­bringende Einrichtung. Sie eignen sich zur Ehe, das tut nicht jeder. Ich zum Beispiel nicht. Ich passe nicht, für die Ehe — vielleicht deshalb nicht, weil ich das alte Bibel- wo-'t von dem Herrsein des Mannes in der Ehe nicht an- erkenne. . . Naturen wie ich gehen am besten ihren eigenen Weg; in dein Zusammenleben mit einem anderen wird ihnen nie ein ganz vollkommenes Glück erblühen. Ick bin zu selbständig, zu selbstbewußt; ich brauclie keine Ergänzung, mir ist am wohlsten in der Unabhängigkeit meiner persönlichen Freiheit — glücklicherweise denken die wenigsten so wie ich . . . Sehen Sie zum Beispiel meinen Vetter Gregor und seine Frau, das sind glückliche Menschen, ich könnte sie beneiden, wenn ich nicht eben so ganz anders wäre und sogleich auch mein Glück in anderen Dingen als in dem Aufgehen in einer anderm Seele fände . . . Aber Sie-"

Die Fürstin brach wieder unvermittelt ab und lauschte den Tonwcllen, die — ein Gewoge von scltsani düsteren , Dissonanzen — vom Schlüsse herüber drangen.

Das „frische Blut" im Reichstage

Unter den 397 Erkorenen des Volkes befinden sich nach den bisherigen Ergebnissen — zwei Stichwahlen fin­den bekanntlich erst heute statt — nicht weniger als 130 parlamentarische Neulinge. Die konservative Partei zählt deren 17, davon sind in der Hauptwahl 7, in der Stichwahl 10 gewählt: die Reichspartei 1 (v. Dtrckscn, Stichwahl), das Zentrum 24 (Hauptwahl 20, Stichwahl 4), die Natio­nalliberalen 23 (Hauptwahl 3, Stichwahl 20), die frei­sinnige Volkspartei 7 (Stichwahl), die freisinnige Ver­einigung 3 (Stichwahl), die Sozialdemokraten 29 (Haupt­wahl 13, Stichwahl 16), die Antisemiten bei 8 Mitgliedern,

6 (Stichwahl), die deutsche Volkspartei 5 (Stichwahl), die Wilden 5 (3 Hauptwahl, 2 Stichwahl), die Welfen 1 (Cols- horn, Stichwahl), der Bauernbund 2 (Stichwahl), der Bund der Landwirte 1 (Hauptwahl), die Polen 6 (Hanpt- wahl 4, Stichwahl 2).

Von Parteiführers: und bemerkenswerten Persönlich­keiten des alten Reichstags werden, wie zum Teil schon erwähnt, in den neuen Reichstag infolge von Niederlagen nicht mehr einziehen: die Konservativen Dr. Oertel, Schrempf, Jacobskötter, Dönhoff-Friedrichsstein, die Bündler Rösicke, Hahn, Lucke, die NationalliberalenI Bassermann, Büsing, Hasse, Esche, die Freisinnigen Schräder, Brömel, Frese, Hünel, Fischbeck, Beck-Koburg, die Sozialdemokraten Antrick, Albrecht, die Zentrums­mitglieder Letoucha, Braun, die Fraktionslosen Ahlwardt und Prinz Hohenlohe-Schillingsfürst. Weiter wird der Reichstag einige bekannte Persönlichkeiten nicht mehr sehen, weil sie sich nicht mehr haben aufstellen lassen, so: Freiherrn v. Wangenheim, Kropatschek, Grafen Roon, Langerhans, Cegielski, v. Dziembowski, Graf Kwilecki. Dafür wird Entschädigung geboten durch folgende neue Persönlichkeiten, die allgemein bekannt sind: Dr. Braun, Gemahl der Frauenrechtlerin Lilli Braun, geb. v. Kretsch- mann, den Nationalsozialen Gerlach, dte Antisemiten Bruhn, Bäckler, Grasen ReveNtlow und die beiden Groß, polen Cowalczky und Korfanty.

M. Berlin. 27. Juni. Wie dem „Vorwärts" auS H ö ch st telegraphiert wird, ist daselbst endgültig Bruehne (Soz.) gegen Jtschert mit einer Majorität von etwa 506, Stimmen gewählt worden. Demnach haben die Sozial­demokraten 82 Mandate.

Berlin, 26. Juni. Die „Post" und die „Kreuzzeitung" teilen mit, und zwar unter genauer Angabe von Namen und Wahlbezirken und unter direkter Beschuldigung der Sozialdemokratie, daß in Berlin in ausgedehntem Matze Stimmzettel für Wähler abgegeben worden sind, die teils tot, teils im Gefängnis, teils verzogen sind. Es ist be­reits behördlich Anzeige erstattet.

lick. Berlin, 26. Juni. Dem „V. T." zufolge kam eS anläßlich der Reichstagswa hl in der letzten Nacht in

„Rouen spielt", sagte sie, „und wie er wieder spicltl Wunderliche Phantasieen."

„Wahrscheinlich setzt er die Tragödie der jungen Tscherkesfenfrau in Töne", gab Gottburgsen zurück. Direktor Löbner erzählte uns vorhin die Geschrchte, als wir nach der Bedeutung des steinernen Kreuzes fragten."

Die Fürstin folgte mit den Augen seinen Blicken, die nach dem weißen Kreuze wunderte, das vom Berge herüberwinkte.

„Ach — die Geschichte. Ja, das wax in ber Tat eins Tragödie. Ich habe die Ärmste gut gekannt und mich für'sie interessiert. Sie war so wunderschön und so gescheit. Ihr tragisches Ende hat mich damals auch tief ergriffen. Und es wäre nicht einmal notwendig ge­wesen."

„Wie? Ich dächte, sie hätte ihren Mann vergiftet."

„Freilich, aber es wäre ihr nicht allzu schlimm er- gangen, wenn sie sich dem Gericht gestellt hätte. Der Mann hatte sie schlecht behandelt und ihr nachweislich selbst nach dem Leben getrachtet — aus Eifersucht — zu­dem pflegen die Richter hier zu Lande die Leidenschaft des Volksempfindens in Betracht zu ziehen; genug, ihr Ver- halten hätte die denkbar mildeste Beurteilung erfahren, Man würde sie zu zwei oder drei Jahren Gefängnis ver- urteilt haben, und der Zar hätte ihr die Hälfte der Straf- zeit auf dem Gnadenwege erlassen."

„Ja, du lieber Gott, sie hatte aber doch die Blutschuld auf dem Gewissen."

Ein etwas mitleidig herablassender Blick aus den schwarzen Augen der Fürstin streifte den Sprechenden.

„Die Schuld hätte sie durch die Strafe gesühnt. Ich weiß, Ihr Occidentalen urteilt in solchen Dingm schwer- fälliger und meiner Ansicht nach ungerechter als wir. Es gibt'Vergehen und Verbrechen, die man bei uns nur mit Blut sühnen kann, aber dazu gehört keine Tötung wie

diese — die war eigentlich nur Notwehr.-Und int

übrigen ist doch die gesetzliche Strafe die Sühne der Schuld. Wer seine Schuld biißt, ist ihrer quitt, damit Punktum."

“ „Ist das wirklich Ihre Ansicht, Fürstin?"

Ter heisere, fiebernde Klang seiner Stimme machte sie etwas stutzen.