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si. Jahrgang.

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|jt0. 891. Verlags^ernsprecher No. 29b».

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Itür öcts 3. ßmctrfaC 1903

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Schuld und Sühne.

„Man hat Exempel, daß man den Mord liebt und >en Mörder straft!" Vielleicht wird Peter I., der nun­mehr den serbischen Königsthron bestiegen hat, in den Mußestunden, die ihm seine Regententätigkeit läßt, über den Tiefsinn jenes Wortes cnis dem „Wallenstein"

S "'eln, welches wie zugeschnitten ist aus die prekäre ation Peters I. Peter I. .verdankt seinen Königs- chron den Mördern Alexanders und Dragas, und da ver­langt man von ihm, daß er diejenigen, denen er seinen Thron verdankt, der strafenden Gerechtigkeit ausliesern pll.

Ter neugebackene Serbenkönig befindet sich mithin in einer wenig beneidenswerten Lage. Mcht nur sind die Finanzen Serbiens zerrüttet und die Staatskassen zeigen eine gähnende Leere, sondern er sieht sich zugleich einer herrschsüchtigen Volksvertretung, welche die günstige Situation zur Erweiterung ihrer Rechte ansnutzt, und einem Offizierkorps gegenüber, das sich als die eigent­lichen Königsmalher betrachtet und die herrschende Rolle, die es sich angeeignet hat, nicht so leicht abgeben dürfte. Zu alledem kommt noch das insbesondere von seiten Rußlands, Österreich-Ungarns und Englands zum Aus­druck gebrachte Verlangen, daß der neue König dieselben Mörder bestrafen soll, die ihrerseits von Peter I. eine Be­lohnung ihrer Mordtat heischen.

Der arme König! Er möchte im Grunde seines Herzens sicherlich gern dem Verlangen der Mächte Nach­kommen und brat Worte entsprechend handeln, daß man ^>en Mord liebt und den Mörder straft. Denn gehen die Mörder nicht nur straflos aus, sondern werden sie noch als die „Retter des Vaterlandes" gefeiert, so würde ißeter I. damit einen sehr gefährlichen Präzedenzfall

FerriUetorr.

Feldzüge gegen das Mickenvolk.

Von vr. I. Wiese.

Nichts vermag uns in sommerlicher Zeit den Aufent- >alt in Gottes freier Natur mehr zu verleiden als die «mherschwärmenden Mücken, die, säst unbemerkt gekom­men, ebenso unbemerkt verschwinden, nachdem sie dem tvrper des Menschen hier und da in hinterlistigem Über­all wenn nicht gefährliche, so doch mindestens unangenehm einigende Stiche versetzt haben. Man kann es also wohl erstehen, wenn vorsichtige Leute vorher Erkundigungen Anziehen, ob in diesem oder jenem Jahre in einem wegen Üeser Insekten übelbeleumundeten Badeorte die lästigen 8äste in verstärktem Maße ihren Einzug gehalten )aben, und danach ihre Wahl treffen. Gewisse Miicken- ttten sind aber nicht nur lästig, sondern wegen ihrer die Gesundheit des Menschen gefährdenden Tätigkeit geradezu sine volkswirtschaftliche Plage, die schwer auf den von ihnen heimgesuchten Gebieten und Ländern lastet und eines der Haupthindernisse für deren Entwickelung und Gedeihen bildet.

Bis in die neuere Zeit hat der Mensch kein wirksames Mittel zur Bekämpfung der Mückenplage und der durch Mücken erzeugten Krankheiten gehabt: weil er ihre Ur­sache nicht kannte, konnte er auch nicht die nötigen ckb- lvehrmatzregeln treffen. Das ist heute anders. Man weiß jetzt, daß besonders zwei Mückenarten, die Anophele ilnd die Stegomyia, die von der Natur ausersehenen Haupt­träger zweier großen Krankheiten sind. Das Sumps- fieber würde nicht ohne Anophele, das gelbe Fieber nicht ohne die Stegomyia existieren: ohne sie würden sie auf der Stelle erlöschen. Keine Mücken, keine Epidemie — und deshalb haben verschiedene Nationen ihnen entweder aus ihrem Boden oder in ihren Kolonieen den Krieg er­klärt. Sie stehen sogar auf dem Sprunge, über sie zu triumphieren, und würden es wegen dieses friedlichen Sieges verdienen, unter den Wohltätern der Menschheit

tifJUTtCTCXt

Am besten ist dank der Energie und Initiative einiger italienischen Gelehrten das Sumpffieber studiert worden.

schassen und der Armee oder sonst irgend welchen Ver­schwörern die Berechtigung zuerkennen, auch mit ihm einst­mals, wenn seine Regierung nicht gefällt, in gleicher Weise zu verfahren.

Aber König Peter ist in Wahrheit außer stände, dem Verlangen nach einer Bestrafung der Könrgsnwrder Folge zu leisten. Seine Autorität ist in Serbien noch so schwach und wird dies auf lange Zeit hinaus sein, daß dm: Versuch, die Königsmörder gegen den Willen des serbi­schen Volkes zur Verantwortung zu ziehen, leicht den An­stoß zu einer neuen Katastrophe geben tonnte, bei der Peter I. die leidende Rolle zusallen würde. . In dieser Erkenntnis hat denn auch König Peter bereits erklärt, er sei ein konststutioneller Monarch und müsse den Be­schluß der Nationalversammlung, die der Armee ihren Dank ausgesprochen hat, respektieren; er könne sich un­möglich zu den gesetzgebenden Körperschaften in Wider­spruch setzen, auch seien ja die betreffenden Beschlüsse schon vor seiner Wahl gefaßt worden. Das heißt also, König Peter lehnt die Verantwortlichkeit ab und- er will der Forderung, eine Bestrafung der Königsmörder zu veraÄassen, nicht Nachkommen aus dem einfachen Grunde, weil er ihr nicht Nachkommen kann. Es fragt sich nun, ob Rußland, aus dessen Haltung es ja hier in erster Reihe ankommt, auf seiner Forderung bestehen wird. Nicht mit Unrecht hat man in Serbien der Verwunderung darüber Ausdruck gegeben, weshalb man gerade in Ruß­land in diesem Punkte so empfindlich sei. In der Tat enthält gerade die russische Geschichte Vorgänge, welche sich von den jetzigen blusigen Vorgängen in Serbien in nichts unterscheiden. Die Offiziere, welche den Zaren Peter III. erdrosselten, wurden von seiner Nachfolgerin Katharina II. nicht etwa bestraft, sondern vielmehr zu den höchsten militärischen Stellen befördert. Und Alexander I. zog sich dadurch aus der Affäre, daß er die am meisten kompromittierten Mörder seines Vaters Paul ans Petersburg in die Provinz abschob, wobei er ihren ferneren Lebensweg mit Gold pflasterte.

Vielleicht wird Peter I. von dieser letzteren Methode lernen, wenn Rußland auf seiner Forderung der Be­strafung der Mörder bestehen sollte. Solch eine Sühne- komödie, wobei man die Herren Mörder mit einem Sack Goldes aus eine Vergnügungsreise ins Ausland schickt, von wo sie nach einigen Jahren in die Heimat zurückkehren können, läßt sich ja leicht arrangieren. Aber es ist frag­lich, ob der Zar auch nur hierauf bestehen w-ird, obwohl er infolge des Anwachsens der nihilissischen Bewegung im russischen Heere und infolge seiner Furcht vor Attentaten ein starkes Interesse an irgend einemSühneakt, wie wenig auch dahinter steckte, hätte.

Aber es ist wahrscheinlicher, daß der Zar die prekäre und gefährliche Lage des Serbenkönigs berücksichtigt und sich stillschweigend damit einverstanden erklären wird, daß

sie hatten einen Schwur geleistet, ihr Vaterland von der Malaria zu befreien, und ihr Erfolg wäre schon heute ein vollständiger, wenn sie es nur mit den Mücken zu tun hätten. Leider müssen sie ebenso sehr mit den Menschen, d. h. mit der Unwissenheit, Lebensgewohnheit, Vorur­teilen und dem nackten Egoismus rechnen, Hindernisse, die man immer und überall im Verfolg jedes Fortschrittes trifft, der Disziplin und Opfer erfordert. Die Menschen sind es, die den Direktor Celli und seine Mitarbeiter in ihrem patriotischen Unternehmen aufhalten werden.

In wissenschaftlicher Hinsicht ist ihr Werk getan. Ihre Beobachtungen und Erfahrungen, oft wiederholt und be­stätigt von Gelehrten anderer Länder, haben erwiesen, daß das Snmpffieber sich nicht ohne die Hülfe der Anophele verbreitet, und daß andererseits die Anophele nicht das Snmpffieber erzeugt: ihre Rolle beschränkt sich darauf, es zu übertragen. Sie „braucht" einen schon Fieberkranken, den sie sticht, und das ist der Ausgangspunkt, der An­steckungsherd, von dem aus die Epidemie ihren unheil­vollen Siegeszug unternimmt.

Die Anophele saugt mit dem Blute dieses ersten Fieberkranken „den Parasiten der Malaria", beherbergt ihn im eigenen Körper und erlaubt ihm so, seine Entwicke­lung zu vollenden, denn, wohlgcmerkt, nur an bestimm­ten Stellen wird er fähig, sich zu vervielfältigen. Er er­reicht seine volle Entwickelung nur unter der Bedingung, daß er provisorisch aus dem menschlichen Körper heraus­geht, und man kennt bis jetzt bei ihm kein anderes Kul­turgebiet als den Magen, die Gewebe und den Speichel des Malaria-Infektes. 'Nach einer gewissen Anzahl von Tagen ist dieses letztere ein mit tödlichen Keimen ange- füüteS Reservoir. Es inokuliert das Sumpffieber allen denen, die es sticht, und die Epidemie bricht aus.

Dagegen bleibt das Insekt, wenn es nicht auf einen Kranken trifft, bei dem es sich mit Parasiten versorgen kann, unschädlich. Der Fall ist in den Bereinigten Staaten beobachtet und eingehend studiert worden. Die amerika­nischen Arzte haben fcstgestellt, daß von dieser besondere» Mückcnart besuchte Orte nichtsdestoweniger von der Epidemie verschont blieben, so lange nicht ein Fieber­kranker dorthin kam oder irgend ein Gefährt, z. B. die Eisenbahn, aus einer anderen Gegend Insekten brachte, die Gelegenheit hatten, von dem vergifteten Blute zu

Redaktio«6>Fer«lpreLer N». iS. 1803 »

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die Sühneaffäre im Sande verläuft. Eine Jntervension von seiten einer anderen Macht kommt überhaupt nicht in Frage. Aber abgesehen von der Jnterventionsfrage dürfte auch kaum irgend eine Macht einen ernsthaften Protest gegen die Nichtbestrafung der serbischen Könrgs- mörder erheben oder gar verfolgen. Was die deutsche Regierung betrifft, so wird sie hierbei dem Grundsätze gemäß handeln, den Fürst Bismarck in einem Briefe an den Grafen von Arnim vom 20. Mai 1869 zum Aus­druck gebracht hat: „Protest einzulegen ist immer eine undankbare Mühe und hat dann nur eine Bedeutung, wenn es in der Macht des Protestierenden liegt, das­jenige zu verhindern, wogegen er protestiert."

*

Intimes aus dem Konak. Der Belgrader Korrespon- dent des „Giornale d'Jtalia", der sich über die absichtliche Schweigsamkeit und die geheimnisvollen Gfiten beklagt, die bei den serbischen Würdenträgern seit der Ver­schwörung Mode geworden sind und die Aufgabe der Korrespondenten sehr erschweren, ist auf die Idee ver­fallen, den italienischen Kammerdiener des Königs Alexander zu interviewen. Das „Tagebuch" eines Kammerdieners ist sicher oft bei weitem instruktiver als alle diplomatischen Protokolle, und die Konaktragödie in der Beleuchtung der Hirsterstube ist durchaus nicht ohne Interesse. Überdies fungierte Beniamino del Ffibbro bereits neun Jahre als Kammerdiener des Serbenkönigs und war in alle Intimitäten des Konakpalastes einge- weiht. Der König vertraute ihm unbedingt, ließ sich von ihm auf seinen Reisen begleiten, zu Bett bringen, das Frühstück servieren und bei Tisch, bedienen. Der Kammer­diener, der über den Untergang seines Herrn ehrliche Tränen vergossen hat, hat sich jetzt freilich bereits zu trösten gewußt. Er hat nicht wie die wenigen anderen Getreuen des Königs die Flucht ergriffen, sondern der- sieht seinen Dienst weiter bei der neuen Regierung. Immerhin war das erste, was er seinem Interviewer er- zählte, eine Anerkennung der Güte des Königs. „König Milan, ja, der war ein Grobian", meinte Benjamin, „aber König Alexander — Friede seiner Seele — war sehr leutselig und nachgiebig. Man konnte ihn sogar für furchtsam halten, und das war er auch, er hatte z. B. Furcht, allein im Dunkeln zu schlafen. Seit seiner Der- heiratung schlief er auch immer in demselben Zimmer wie die Königin. Zuerst ließ er sich von mir zu Bett bringen, dann legte sich auch die Königin hin; sie war immer die letzte und schloß die Türen." „Und sie liebten sich wirklich?" „Der König betete die Königin Draga an, und sie besaß eine Kunst darin, sich Liebe zu erwerben. Sie verstand es eben, den König ganz zu beherrschen. Es war so weit gekommen, daß er nichts mehr ohne die Königin tun konnte." „Eine Art Suggession also . .

saugen. Man sieht dann Gegenden, die bis dahin stets gesund gewesen waren, tags darauf krank werden, ohne daß sich scheinbar irgend etwas in ihren hygienischen Ver­hältnissen geändert hat: man hat nur eine Eisenbahnlinie eröffnet, die einen Ort durchzieht, wo die Malaria herrscht.

Das einzige Mittel, dieser Geißel zu entgehen, ist, sich nicht von den Mücken stechen zu lassen. Die italienischen Arzte haben ein System höchst sinnreicher Verteidigung gefunden, das überall ausgezeichnete Resultate ergeben hat. Es besteht darin, mit metallischen Geweben alle Öffnungen der Wohnungen zu garnieren und den Ein­wohnern aufs strengste zu gebieten, vor Sonnenunter­gang zu Hause zu sein. Diejenigen, die durch ihre Be­schäftigung unbedingt bei Nacht auszugehcn gezwungen sind, legen Schleier und Handschuhe an. Jeder, der sich diesen Vorsichtsmaßregeln untrrwirft, kann ruhig und ge­fahrlos die römische Campagne und die Umgebungen von Pästum bewohnen: er wird kein Fieber haben, so lange er den Vorschriften gemäß handelt. Wie notwendig eine solche Strenge aber ist, mag daraus entnommen werden, daß in den Pontinischen Sümpfen Männer bis vor kur­zem nicht alt werden konnten: Vierzigjährige machen den Eindruck von Greisen, und ältere gibt es dort nicht. Die meisten Bewohner, z. B. von Sezze und Sormoneta, er­reichen kaum das dreißigste Lebensjahr, und die Frauen, die bereits mit 13 oder 14 Jahren heiraten, gehen mit völliger Gleichgültigkeit eine zweite, dritte und vierte Ehe ein. Ein Weib von 20 Jahren gilt als alt und hat leine Aussicht mehr, einen Mann zu bekommen. Nicht wenige tragen unter dem blauen Himmel Italiens die Spure» der Malaria in den erdfarbigen Gesichtern, die vielfach römischen, griechischen und sarazenischen Schnitt zeigen. Sie reden von der fast unvermeidlichen Krankheit, wie man anderswo von Zahnschmerzen und Rheumatismus redet: sie gehört zu den Wcchselsällcn, denen sie sich un­weigerlich aussetzen müssen, wenn sie ihr karges. Brot, genauer, ihre polenta, nicht verlieren wollen.

Mit den genannten Maßregeln ist besonders im letz­ten Jahre ein guter Erfolg erzielt morden. Aber das Mittel ist hc»t: man muß zu sehr abgeschlossen leben. Die Amerikaner, die solche Unbeguemlichkeiten hassen, sind auf die Suche nach einem anderen gegangen und hielten fest