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289. BerlagS-Fernsprecher No. »88».

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ötrfdiroinütt der beiiW MittklAÄ?

Wer diese tvichtige Frage beantworten will, der hat sich vor allem den Schlagworten der einseitigen Tages­politik zu entziehen. Wer auf sie schwört, der wird zu Mnz anderen Ergebnissen Äs die Wissenschaft ge­langen, die, unbestechlich über dem Lärm des Wahl­kampfes thronend, die Wahrheit hütet. Seit einer Reihe von Jcchren sind gröblich unrichtige Anschauungen über den deutschen Mittelstand im politischen Parteiinteresse stehend geworden. Die Redensart „der Mittelstand geht zurück" wird kritiklos weiter gegeben ; sie ist so fest in das öffentliche Bewußtsein übergegangen, daß es heute ge­wissermaßen Anstandspflicht ist, dem Wort unbesehen Glauben zu schenken. Im letzten Wahlkarnpf hat dieses Wort eine größere Rolle als jemals gespielt. Man malte das Verschwinden des Mittelstandes mit düsteren Farben aus, man sah eine verhängnisvolle Entwickelung bereits die deutsche Zukunft bedrohen und rief dann mit dem bekanntenBrustton der Überzeugung eine kräftige „Mittel­standspolitik" als Nothelferin an. So etwas wirkt in manchen Wahlversammlungen. Wer wenn man zehn dieser Wahlversammlungs-Msttelstandspolitiker um ihre Ansicht über die beste „Mittelstandspolitik" fragen würde, so fielen die Antworten so verschieden aus, daß kein Staatsmann, der nicht aus Zweckmäßigkeitsgründen Augenblickspolitik treibt, mit ihnen etwas cmfangen könnte.

Die politische Weisheit der Wahlversammlungen haben wir schon immer sehr gering eingeschätzt. Wenn man irgend einen Ort sucht, wo man vergessen will, daß wir Deutschen einst das Volk der Denker genannt wurden, dann muß man in derartige Versammlungen gehen. Wir nehmen keine Partei aus, denn man sündigt überall be- wußt und unbewußt. Ja, wie könnte es auch anders sein, denn der akademische Lehr- und der moralisierende Kanzelton würde sanften Schlaf der Versammelten und den politischen Tod des Redners heraufbeschwören. Die

Donnerstag» den 23. Juni.

meisten Hörer verlangen nur, daß ihre Interessen kräftig betont werden. Wenn man sich aber auch längst daran gewöhnte, im Wahlkampfe nicht ruhige Sachlichkeit, Vor­urteilslosigkeit und geistige Ofseiwarungen zu finden, so haben doch die letzten Wochen, wir gestehen das mit Be­schämung, selbst sehr bescheidene Erwartungen nicht er­füllt. Ta gab es Reichstagskandidaten, die in des Wortes stärkster Bedeutung politisch „ein gänzlich unbeschriebenes Blatt" waren; zart ausgedrückt. Nach ihren Kandidaten­reden wissen diese Auchpolitiker von allen Dingen, über die sie ein gereiftes Urteil haben sollten, weniger als gar nichts, denn eine falsche Vorstellung von einer Sache ist schlimmer als gar keine. Tie Kandidatennot des Tages machte diese Männer Plötzlich zu „öffentlichen Persönlich­keiten" ; als Reichstagsabgeordnete würden sie das Spiel­zeug der Partei. Ta sie selten Zeit haben, sich mit der lärmenden Tagespolitik vom höheren Standpunkt wissen­schaftlicher Erkenntnis auseinander zu setzen, so werden fie im gewohnten Trott der Partei mitlaufen. Sie wer­den mit dem überkommenen Handwerkszeug arbeiten; sie finden ein Arsenal erprobter Schlagwörter, und ver­stehen sie diese Waffen geschickt zu benutzen, so werden sie eines Tages Politiker von Rang und Einfluß.

Das mag bitter klingen, aber es ist die Wahrheit. Hat einer jener Politiker, die im Wahlkampf den llntergang des Mittelstandes in düsteren Farben malten, überhaupt auch nur daran gedacht, das schöne Schlagwort stattsüsch zu beweisen? Vorurteflslose Wahrheitssuchcr sind in der Politik selten geworden. Das ist auch ein Schaden und kein geringer; denn unter einer Gesetzgebung, die von politischen Schlagworten beeinflußt wird, kann die Volks- Wohlfahrt nicht gedeihen. Keine Politik ist verhängnis­voller als die A u g e n b l i ck s p o l i t i k. Wir wollen aus Höflichkeit auf deutsche Beispiele nicht mit dem Finger zeigen, aber in Österreich hat nran die Erfahrung gemacht. Das dortige Gesetz über dm Befähigungs­nachweis der Handwerker ist so ein Augenblicksprodukt. EL hat dem Handwerk in Österreich bekanntlich unsägliche Scherereien und keinen Vorteil gebracht; gleichwohl ge­hört noch immer bei uns in Deutschland der Befähignngs- Nachweis zu dem Vorrat der Schlagwörter aus dem Arsenal für „Untergang des Mittelstandes".

Nachdem diese Redensart im Wahlkampfe ihre Schuldigkeit getan hat, wollen wir sie doch einmal unter die Lupe der Statiftik nehmen. Wir betrachten sie als ein typisches Beispiel, um an ihr einmal nachzu­weisen, wie hohl derartige Schlagwörter sein, wie schroff sie mit den wirklichen Verhältnissen im Widerspruch stehm können. Also der Mittelstand „geht unter" oder er „geht zurück", so lautet der Gemeinplatz. Die Wissmschaft ver­steht unter Mittelstand natürlich nicht nur das Hand- l werk. Es ist nötig, das zu betonen, dmn in den Köpfen

Re-aktionS-Fernsprccher No. 88. 1900«

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mancher „Politiker" scheint der Begriff in der Tat ein so enger zu sein. Den Mittelstand bildet bte große, sich aus allen Berufskreisen zusammensetzende Bevölkerungs­schicht, die in ihren unteren Lagen in Erwerb und Lebens­haltung sich über die proletarische Existenz noch erhebt, in ihren Spitzen ober, mu volkstümlich zu sprechen, an die „oberen Zehntausend" heranreicht. Man hat den Mittel­stand in einen oberen und unteren zerlegt. Schmoller rechnet zu den oberen Mittelstandsschichten den größten Teil der höheren Beamten, die Juristen, Ärzte, Unter­nehmer, Künsller, Rentiers rc., zu den unteren Schichten Kleinbauern, Handwerker. Kleinhändler, Unterbeamte« Im gewöhnlichen Sprachgebrauch versteht man unter Mittelstand nur diese letzten Schichten und nur in Be­ziehung auf sie spricht man von Rückgang und Ver­schwinden.

Was sagt nun die Statistik? Nach der letzten Berufs­zählung haben sich in der Zeit von 1882 bis 1895 die dem Mittelstände angehörigen Bauem in Deutschland um 74 000 vermehrt, und zwar bewirtschastetm von ihnen 46 000 eine Fläche von 5—60 ha, 28 000 eine solche von 2—5 ha. Tie Zahl der landwirtschaftlichen Großbetriebs ist dagegen zurückgegangen, ebenso die Zahl der landwirt. schaftlichen Arbeiter, wie das ja bekannt ist. Also i tt den Dörfern i st der Mittel st and nicht ge­ringer geworden, sondern erheblich an­gewachsen. Schmoller führt das auf die landwirt­schaftliche Krise zurück; der Mittel - und Klein­bet r i e b ist nach diesem Gelehrten denilandwirt, s ch a f tl i ch e n G r o ß b e t r ieb derart über­legen, daß für Deutschland an eine Auf­saugung der ersteren durch den letzteren g a r n i ch t z u d e n k e » i st. Im Kleingewerbe ist m der Zeit von 1861 bis 1895 die Zahl der Handwerks-, betriebe nur um 30 Prozent gestiegen, während die Be­völkerungsziffer sich um etwa 38 Prozent erhöhte. Hiev hat also relativ ein geringer Rückgang stattgefunden. Man muß sich erinnern, daß seit 1861 zahlreiche Handwerks ganz oder zum größten Teil verschwunden sind. So dis Spinner, Weber, Wirker, Färber, Nagelschmiede, Mützen­macher rc. Betrachtet man sich jedoch das Ganze, so be­merkt man, daß an Stelle dieser verschwundenen Mittel­standsberufe zahlreiche Neubildungen von Mittelstands- fchichten getreten sind, daß nur eine Verschiebung stattge- funden hat. Aus den fr üherenHand werkern find kleine Unternehmer geworden. Bei der letzten Berufszählung gab es 73 441 Großindustrielle aber 653 980 Mittelindustrielle und 1% Millionen Klein- und Hausindustrielle. Wenn auch diese letzteren zum Teil dem Arbeiterstande zuzuzählen sind, so sieht! man, welche starke Mittelstandsfchicht hier an Stelle dev abgestorbenen einzelnen Handwerke erstanden ist, denn

FemUetorr.

Die Bäder.

Bon vr. weck. R. Ebing.

I.

Das Wajserbad.

Ars Bad bezeichnet man das kürzere oder längere Zeit dauernde Eintauchen des Körpers in ein flüssiges, luftförmiges, oder festes Medium. Daher unterscheidet man die drei Hauptgruppen: Wasser-, Luft- und Sandbad.

Der Gebrauch des Wasserbades ist der älteste non den Oteieit und läßt sich bis in die erste Zeit der menschlichen Kultur verfolgen. In der altindischen Zeit finden wir die „Aitharr", das heißt die „heiligen Badeanstalten in jedem Tempel. Den Israeliten sind in der Bibel Wasch­ungen und Bäder als religiöse Übungen empfohlen.

Im sonnigen Griechenland standen die öffentlichen Badednstalten in unmittelbarer Verbindung mit den Gymnasien.

Den größten Luxus in öffentlichen und privaten Badeanstalten haben von allen Völkern wohl die Römer betrieben. Schon in der Zeit 300 vor bis 100 nach Christi Geburt entstanden in Rom 800 öffentliche Bäder, darunter solche mit 2—3000 Marmorsitzen.

Sechshundert Jahre nach Christi findet man kaum noch eineSpur von diesen einst so blühenden und glanzen­den Badeeinrichtungen. Auch in Deutschland kam um jene Zeit das Baden immer mehr und mehr in Abnahme And erst die Kreuzzüge brachten dann eine Wendung zum Besseren, da die eingeschleppten Hautkrankheiten ohne warme Bäder nicht zu heilen waren. Es wurde in Italien wie in Deutschland wieder die altrömische Sitte erneuert, daß jeder Wohlhabende sein eigenes Bade­zimmer im Hause hatte, und jeder Bürger leicht, bequem und oft die Badeanstalten besuchen konnte.

Auch die Verwendung der natürlichen Warmbader, der sogenannten Thermen, zw Heilzwecken reicht bis in die älteste historische Zeit zurück. Erzählt doch schon die Bibel von der Wnnderwirkung gewisser Quellen, von der Heilung der Blinden durch die Siloaqucllc, von der Heilung Lahmer und Schwindsüchtiger durch den «reim Bethesda.

! Jn altindischer Zeit wurden zahlreiche Heilquellen in Dekha, Hindostan und Himalaya zu Bädern benutzt. In Griechenland waren die Schwefelthermen von Hypate, die Natronthermen der Thermopylen, sowie die warmen Quellen von Ota schon im frühen Altertum in Gebrauch.

Beim Wasserbade ist das wichtigste und eingretfcndste Moment die Temperatur des Wassers. In zweiter Linie kommt die Dauer des Bades in Betracht. Wir kennen in unserer Heilmethode die sogenannten „prolongierten Bäder", bei welchen der Patient bis zu 6 bis 12 Stunden im Warmbade bleiben muß. Es liegt auf der Hand, daß solche Bäder nur unter ärztlicher Aufsicht genommen werden dürfen. Sie kommen in neuester Zeit gegen hartnäckige Hautleiden sehr in Aufschwung.

Die alten Kulturvölker kannten im allgemeinen nur das Warmbad. Unsere Zeit aber schwärmt mehr für das kalte Baden. Gibt es doch Badesrennöe, die stets den Ruf ertönen lassen: „Kaltes Wasser ist ein Wunder­mittel! Auf, in das kalte Wasser! Ein jeder muß kalt baden." Es gibt in unserer verwöhnten Zeit eine Menge Personen, denen das kalte Bad stets und unter allen Umständen schädlich ist. Nervösen Menschen tut am besten das warme Bad in Höhe der Körpertemperatur, also von 35 bis 36 Grad Celsius. Nur Gesunde können ohne ärzt­liche Verordnung kalt baden. Beim kalten Baden strömt das Blut von der Oberfläche des Körpers zurück, fließt nach inneren Organen, namentlich nach Gehirn, Herz, Leber und Lunge. Die Hautausöünstung wird so lange unterbrochen, als die Kälte und der Wasserdruck im Bade andauert. Ist diese Dauer zu lang, so können beim Baden sich die schlimmsten Folgen einstellcn, wie Schwindel, Kopfschmerz. Brustbeklemmungen, ja, selbst Schlagfluß.

Es ist die erste Wirkung des kalten Bades also innere Blutüberfüllung. Daraus geht schon hervor, daß man in der ersten Zeit niemals lange im kalten Wasser bleiben darf. Der Körper muß langsam und vorsichtig daran gewöhnt werden. Verläßt man also bald das kalte Bad, dann tritt die zweite, die heilsame Wirkung, ein, wenigstens bei gesunden Personen. Das Blut strömt

I dann von den inneren Organen nach der Haut zurück. Dieses geschieht um so stärker, je kräftiger man den Körper reibt, was durch das Abtrocknen geschieht. Durch das Zurückströmcn des Blutes gegen die Haut wird die

Körperwärme erhöht und die Ausdünstung verstärkt. Die gereinigten und geöffneten Poren begünstigen den Atmungsprozetz der Haut. So fühlt sich der gesunde Mensch nach einem kalten Bade leichter, frischer und mutiger. Das erklärt bei vielen Menschen das Schwärmen für das kalte Baden.

Warme Bäder wirken ganz anders. Das warme Bad, also das von 35 bis 38 Grad Celsius, reizt die Nerven gar nicht, das Blut behält seinen gewohnten Lauf; nur wenn das Bad von langer Dauer ist, dann öffnen sich die Poren immer mehr, die Gefäßnetze er­weitern sich und das Blut strömt von den inneren Or­ganen oft so sehr nach der Haut, daß den Badenden das Gefühl der Schläfrigkeit befällt. Warme Bäder im Über­maße genommen, schwächen deshalb durch Haut, erschlaffung und Herabstimmen der Nerventätigkeit. Warme Bäder eignen sich für die frühe Jugend und spätes Alter, für nervöse und geschwächte Personen.

Gesunde Personen sollen besonders im Sommer nur kalt baden, aber niemals unter 20 Grad Celsius. Im Interesse des Gemeinwohles sollte man darauf achten, daß im Sommer alle Kinder, Knaben wie Mädchen, kalt baden. Dagegen soll man kleine oder gar neugeborene Kinder niemals kalt baden. Diese Unsitte ist von Eng­land zu uns gekommen und hat schon viel Unheil an- gerichtet. Kinder sollen bis zum vollendeten sechsten Monat stets in Wasser gebadet werden, welches die Körpertemperatur, also 35 bis 88 Grad Celsius, hat. Nach dem sechsten Monat kann man langsam anfangcn, das Wasser etwas kühler zu nehmen, etwa jede Woche um einen Grad. Niemals aber darf die Temperatur deA Badewaffers unter 25 Grad Celsius sinken.

Erwachsene Personen, die an Herz- oder Lungen» fehler kranken, welche an Asthma, Epilepsie, Krampf- zuständen, an Nervosität und chronischem Kopfschmerz leiden, dürfen niemals kalt baden. Sobald jemand beim kalten Baden wiederholt Gltcderzittcrn, Kopfschmerz, Herzklopfen oder gar Krampf bekommt, soll er davon abstehen. Mit der Abhärtung der Haut durch Külte, sei cs durch kaltes Wasser oder kalte Luft, beginne man beim Kinde nicht vor Vollendung des fünften Lebens­jahres, denn kleine Kinder gedeihen wie junge Pflanze» nur bei Wärme und Sonnenschein.

Ebenso wichtig, wenn nicht noch wichtiger, wie dag Waffcrbad. ist daS Luftbad. Darüber ein andermal.