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rtr. 203. Mittwoch, 1. September.
(4. ÖotKeeung.)
Roman von Anny
„Sag' nmt, Friodel, was rodete Exzellenz Rinacher eigentlich von einem Zwist, den du mit Hans gehabt?" forsclüe Gräfin Sorhagen und sah ihrer Tochter aus- merksam in tva-8 an'gerogtc Antlitz.
„T-as weiß ich nicht, Maina, und ich begreife auch gar nicht, wie Hans dazu kommt, der bekannten Klatschbase derartiges zu sagen."
„Griedel, du sprichst von einer Freundin unseres HauseS". glaubte die Gräfin sie unterbrechen zu müssen.
..Franndinl" lächelbe bitter ,das junge Mädchen. „Jedenfalls ist Exzellenz Rinacher selig, wenn sie ihre Rebenmenschen kränken und quälen kann, und heute rst sie nur gekommen, um uns mitzuteilen, das; Hans gestern allein im Theater war und sich für Magda Bergen interessiert. Das letztere ist natürlich direkt lächerlich, einfach lächerlichl — Gewiß, ich halte gestern vormittag mit Hans einen kleinen Streit, wenn die Sache das Wort „Streit" überhaupt verdient. Wir debattierten über kleidsame und nnkleidsaine Farben, und da wir uns über unseren verschiodenen Geschmack nicht zn einigen vermochten, ging Hans etwas verstimmt fort; das ist alles. Das braucht er -er „Freundin unseres Hauses" — sie betonte diese Worte — ,/doch nicht auf die Rase zu binden", schloß sie.
Wenn es sich um weiter nichts handelt", die Gräfin atmete ans innerlich mußte sie iiber ihr Mädel lächeln.
Wie Friede! sich nur darüber erregen konnte, daß Hans von dieser Meinlinqsvevschiedenheit gesprochen, bas war doch nkbensächlich; dagegen tat sie das Wichtigere, die Verdächtigung, die Erzellenz Rinacher — sehr vorsichtig allerdings — bezüglich Buckenbach und der schönen Schauspielerin ausgesprochen, mit einem Lächerlich, einfach lächerlich! ab. Zur Eifersucht schien Friede! keine Anlage zn haben.
Doch würdc Gräfin Sorbagen ihre Meinung über ihre Tochter sehr geändert haben, hätte sie sie wenige Minuten später in Friedels Mädchcnstübchen sehen können. Vor der großen Photographie, die auf dem Tische stand lag Friedels schmale Gestalt auf den Kirren, und au§ den braunen Augen tropften dicke schwere Tranen, NÄhrend sic leise und inbrünstig flüsterte: „HanL, mein Hans, behalt mich lieb, sonst muß ich sterbenI" Und immer wiederholte sie ernst und überzeugt dasselbe mit ihrer jungen zitternden Stimme.
^as Fenster stand osten, und die schneeigen, dicht zusanimengezogcnen Tüllgavdinen blähten sich leicht.
Ein dumpseS Rollen in der Ferne schreckte Friedel endlich aus, ein Gewitter war im Anzüge. ,,Sie zog die Gardine zurück und schloß die Fenster, doch mußte sie sich gleich geblendet abwenden, Aus dem gelblich rauen Himnrelsvorhang züngelte in schnellen Win- ungen Blitz auf Blitz hernieder. Von den Taunus- bergen her zog daS Wetter, grollend kam der Donner näher und näher, schneller folgte ein Schlag dem anderen und der Ainimel schien nun ein gewaltiges Flammenmeer. Endlich fielen die ersten Tropfen, und dann strömte der Regen wie ein Wolkenbvuch her-
Cid)?. «Nachdruck verboten.»
von PanhuyS.
nieder. Das erste Gewitter in diesem Jahre, dachte Friedel, und sie fand etwas Verwandtes in dem wilden Aufruhr der Elemente da draußen und dein wilden Aufruhr in ihreni Innern. Und da daS Wetter stiller ward, kam auch ihr allinählich Ruhe und Gleichmaß zurück.
Durch kleinlichen Argwohn, den das Geschwätz der Exzellenz in ihr stfacht, wollte sie sich ihre sonnige kraftvolle Liebe nicht wankend machen lassen, und einer Idee folgend, die ihr plötzlich gokomnren, begann sie in ihrem Kleiderschrank herumzukramen; dabei zeigte ihr Gesicht einen so ernsten, sinnenden Ausdruck, ails gelte cs, eine sehr wichtige Lebensfrage zu lösen.
Ihre schlanken Finger wühlten zwischen den Kleidern und zogen endlich ein weißes, reichgefticktcs Tuchkleid daraus hervor. Das hatte ihr die Mutter letzthin zum Geburtstag geschenkt und sie hatte es noch niemals getragen.
Vorsichtig legte Friedel das zarte Geivand über die Chaiselongue, und nachdem sie mit Hilfe von kaltem Wasser die letzten Tränenspnren beseitigt hatte, frisierte sie ihr Haar loser und lockerer wie gewöhnlich. Das stand chr besser; die reiche Fülle des blonden von Natur leicht gewellten Haares legte sich weich um chr Gesicht und nahm ihm das allzu Heede, Kühle. Mit den Finger- spitzen zupfte Friedel die schiinmernden Fäden immer noch ein wenig tiefer in die Stirn. Fast feierlich warf sie dann das Kleid über und betrachtete sich lange un- eingehend in demSpiegel, der chr Bild getreulich zurückwarf. Schlank und prall schmiegte sich der weiche Stoff um ihren Körper, und ihre Gestalt verlor in -er Umhüllung der grellen weißen Farbe die jugendliche Eckigkeit und wirkte runder, ausgeglichener. Wie sich Friedel so ansall, lange und aufmerksam, erstand in chren braunen Augen ein goldenes Leuchten, goldene selige Zukunftsträume erwachten in chren Angen und glänzten auf. und Friedel Sorhagen war in -iesoni Augenblick wnndersclwn; gut hätte sie neben Magda Bergen bestehen können. Aber an Magda Bergen /dachte die Komtesse jetzt nicht, sie dachte nur daran, wie gut chr das weiße, geschmackvoll verzierte Kleid stand, das weiße Kleid. Hans mochte sa gern Weiß an chr, das hatte er sechst gesagt. Sie lächelte, ein Liedchen summend, vergnügt vor sich hin, wie ein Mensch, -er eine freudige Überraschung vorbereitet. AuS ihrem Schmuckkästchen wählte sie noch die einreihige Perlenkette, die sich in chrsm matten Glanz kaum von dem weißen Stoff abhob. Dann ging sie hinunter, denn eben riefen drei Gongschläge zu Tisch, und Hans, der nie unpünktlich war, würde wähl schon bei Mutter sein. Er aß ja heute hier. Als Friedel ins Ziurmer trat, erhob sich Graf Buckenbach von seinem Stuhl, auf dem er neben seiner Tante gesessen, und starrte verblüfft seine Braut an; Gräfin Sorhagen aber lachte: „Was ist denn heute loö, Friedel, -aß du dein neuestes und elegantestes Kleid zum einfachen Mittagsmahl im engsten Familienkreis anziehst?"
