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Beilage nun Wiesbadener TagblaN.

28V. Morgen-Ausgabe. Donnerstag, de« 25. Juni.

öl. Jahrgang. 1803. '

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,roei Spiegel sind, worin sich selber schaut mit Wonne Die dope Himmels- und die höchste Geistersonnc:

Ein Spiegel ist da« Meer, von keinem Sturm empört. Ein and'rer das Gemüt, von keinem Drang verstört.

Rück-rt.

(9. Fortsetzung.!

Leutnant Lämmchens Abenteuer.

Tine heitere Geschichte von G. v. Stokmans-Germauis.

Der Brief war durchaus modernen und profanen Ursprungs und lautete, wie folgt:

„Den 16. 8. früh 6 Uhr. Geliebteste! Ich flehe dich an, komme heute abend noch einmal zum letztenmal, in die Bibliothek. Ich werde jedenfalls zur gewohnten Stunde zur Stelle sein. Ein Jammer ist's, daß wir uns dort nicht mehr treffen sollen, wo wir so glückliche Stunden verlebten, aber du hast Recht, wie sind unvor­sichtig gewesen und müssen nun um so vorsichtiger sein.

1 Geschwätz der drei alten Schachteln, der „Göister- r", wie du sie spottweise nennst, könnte der Domina die Wahrheit verratm, und dann wäre alles aus. Wo über sollen wir uns vor nun an unbemerkt treffen? Seit unser, letztes Stelldichein in so unerwarteter und unbe­greiflicher Weise gestört wurde, habe ich dich nur noch in Gegenwart der anderen gesehen, und das, mein Liebling, halte ich nicht aus. Du meintest die Einquartierung sei unseren Plänen günstig, mir scheint sie höchst lästig und unbequem, und ich werde den Augenblick segnen, wo sie wieder das Haus verläßt. Meine Lage wird immer pein­licher und unerträglicher. Ich darf keine Rechte gellend machen und muß es ruhig mit ansehen, wenn du mit anderen kokettierst, um die Domina auf eine falsche Fährte zu führen. , Du verstehst das Komödiespielen aber besser als ich. Dir, ist es ein amüsanter Sport, dessen Gefahr den Reiz erhöht, mir nur eine täglich sich erneuernde, bittere Oual. Ich hasse meine Unfreiheit und ab­hängige Stellung, ich finde es feige und verächtlich, meine Liebe zu verbergen wie eine schwere Schuld. Immer wieder packt mich der Wunsch, der elenden Heuchelei ein Ende zu machen und mit scharfem Hieb dm .Knoten zu zerhauen, aber du willst es ja nicht, mein Herzblatt, hältst Ofsenhell für verfrüht und gefährlich und predigst Selbst- beherrschung und Vernunft. Du magst Recht haben. Wmn man uns ttennte, statt uns zu vereinm, es wäre schrecklich, aber du mußt meine Geduld auch nicht zu hart prüfen. Ein verstohlener Händedruck, ein eilig geflüstertes Liebeswort sind mir nicht Glück und Trost genug. Ich bin Besseres gewähnt und kann und will es auf die Dauer nicht mehr entbehren. Also sinne auf einm neuen Aus- toeg, mein kluges Lieb, und sage mir heute abend, wann und wo ich dich hinfort erwartm darf. Ein so geeigneter Ott, wie die Bibliothek, wird sich im Schloß wohl nicht wehr finden."

Schluß und Unterschrift fehlten, und Lämmchm wachte die Überraschung ganz verwirrt. Ohne zu be­denken, daß er eine Indiskretion beging, iiberflog er die rng gedrängten Zeflm immer wieder und wieder und konnte, trotz seiner geringen Erfahrung, nicht daran «Weiseln, daß er einen echj^n Liebesbrief in Händen hielt.

Der Ausdruck „Domina" bezog sich auf die Hausfrau, vre man, ihres gebieterischen Wesms halber, im Familien­kreise scherzhaft so nannte, mit den Geistersehem warm augenscheinlich die Haushälterin, Tante Rippchen und

alte Friedttch gemeint, und die Spukgeschichte der Letztgenannten fand ihre natürliche Erklärung durch das «ntriguenspiel der heimlich Liebmdm. Sie hattm bis vor kurzem, vielleicht lange Zeit hindurch, die abgelegene Und halbvergessme Bibliothtt zu heimlichen Zusammen­künften benutzt und sich schließlich dort so sicher gefühlt, daß sie die nötige Vorsicht außer acht ließen. Das Ge­räusch, das man wiederholt gehört, der Lichtschein, den

man gesehen hatte, rührte einfach von ihnen her; wie aber waren sie ohne Schlüssel in das Gemach gelangt, wohin verschwunden, als man die Tür von außen öffnete?

Lämmchm geriet bei diesen Erwägungen in nicht geringe Aufregung. Sein Leben war bisher unbeschreib­lich nüchtern und einfach verlaufen, aber das Geheimnis­volle zog ihn an, das Romantische besaß für ihn einen eigenen Reiz, und seine Phantasie arbeitete, wenn ange­regt, mit großer Lebhaftigkeit und Geschwindigkeit. Allerlei Möglichkeiten drängten sich ihm in schneller Folge auf, und schließlich glaubte er zweierlei mit Bestimmt- heft annehmm zu können.

Das Liebespaar, um das es sich hier handelte, war dasselbe, dessm bessere und schönere Hälfte ihm im dunklm Buchmgange so unerwartet an den Hals geflogen war. <sn dem Briefe geschah des vereitelten Stelldicheins ja eigens - Erwähnung, und wenn die enthusiastische Be­grüßung der jungm Dame ihm damals auch auf ein Wiedersehen nach langer Trmnung hinzudeutm schim, während aus dem Briefe deuttich hervorging, daß man sich in Gegenwart der Anderm täglich sah, so legte er diesem scheinbarm Widerspruche doch keine allzu große Bedeutung bei. Nach allmr, was er gehört hatte, be­nutzten Liebende gewohnheitsmäßig den Superlativ, und ivenn sie sich ein paarTagenichtungestöttsahm, sprachmsie gleich von grausamer Trennung und schmerzlicher Sehn­sucht, gleichsam als habe die Erwartung «Äkunden und Minuten in stunden verwandelt. Maßgebmd erschim Lämmchm die Erwähnung des täglichen Zusammm- treffens nur in anderer Beziehung.

Von Anfang an hatte er geglaubt, daß die Unbekannte aus dem Buchengang eine der Twielmdorfschen Damen sei, nun zeigte es sich, daß auch der damals von ihr Er­mattete zu dm Bewohnern des Schlosses gehörte, und das gab der Frage nach seiner Persönlichkeit eine viel leb­haftere Färbung und engere Begrenzung.

Es wohnten nämlich ständig nur zwei junge Herren im Schlosse selbst: Baron Max, der Sohn des Hauses, und Herr Mörk, der Rendant, der auch an dm gemein- samm Mahlzeiten teilnahm.

Der junge Baron kam kaum in Bettacht. Drei der jungen Damm warm sttne Schwestern und Magdalis, die ihm von den Eltern zugedachte Frau; Mannia, seine Cousine, behandelte, ihn mit der kühlen Überlegenheit einer älteren Schwester, und Missy, die kleine Engländerin, war allerdings gut Freund mit ihm, aber in einer fast jugmdhaftm, kameradschaftlichm Art, und ihre naive Unbefangenheit schloß dm Gedankm an Heimlichkeiten und Liebesintriguen vollständig aus.

Anders verhielt es sich mit Herm Mött. Der Rmdant war ein auffallmd hübscher und stattlicher junger Mann mit gutm Manieren, dessm tiefbrünettes Antlitz ein leichter Anflug von Melancholie und düsterer Ver­schlossenheit vortrefflich stand. Sein Platz am unterstm Ende der Tafel mißfiel ihm entschieden, und Lämmchm hatte schon wiederholt bemettt, daß sein Blick ihn und die Kameraden mit einer gewissen Feindseligkeit stteifte. Die bunten Gäste waren ihm offenbar ein Dom im Auge, Und wenn er wirklich eine der jungm. Damen liebte, ja sogar heimlich mit einer verlobt war, mußte die Situation für ihn sehr pttnlich sein.

Daß er sich vor der Domina fürchtete, war dann kein Wunder und der Wunsch, ihre Einwilligung zu einer Heirat zu erlangm, ein kühnes Unterfangm, zu dem viel Klugheit und Mut gehörte. Wer aber war die Auser- wählte? Mannia, Magdalis, Marie Luise oder gar

Malve? --Wieder, wie nach dem erstm Abenteuer,

fühlte er sich in Fragen und Zweifel gestürzt, und dann, als seine Blicke gedankenvoll dm schönm Raum durch- schweiftm, nickte er ganz befttedigt vor sich hin.

Das war ihm nämlich nun auch zur Gewißbeit ge- worden, daß die Bibliothek außer der sichtbaren Tür noch einen zweiten, geheimen Zugang besitzm mußte, dm die

Liebenden kannten und stets benutzten, und dieser Ziigang hatte wohl auch schon frühere Vorgänge vermittelt, welch« abergläubische Leute für übernatürliche hieltm. Der Ge­danke, diesen verborgenen Zugang zu suchen und zu finden, erhielt plötzlich für ihn einm ganz seltsamen, dämonischen Reiz, und wie die Faller zum lockenden Lichte, so kehrten seine Vermutungen immer wieder zurück zu den beiden Porträts, die gleich von Anfang in das^ Gemach mit hineingebaut sein mutzten und darum wohp auch ihren besonderm Zweck hattm.

Hinter dieser: hohen, benmlten Flächen, welche die Aufmerksamkeit des Beschauers fesselten und zugleich von anderem ablenkten, konnte sich recht gut eine Tür ver- bergm und zwischen den großen Räumen mit ihren dicken Mauern ein schnraler, lichtloser Gang liegen, der in un­geahnter Weise dieses Zimmer mit einen: anderen ver­band. Es fragte sich nur: welches war das richüge Brld, und wo fand sich das wunderwirkmde Sesam, welches den geheimen Zugang bloßlegte?

Grübelnd und wägend stand Lämmchen vor dem nmen Problem, ungewiß, wo er mit seinm Nachforschun- gm beginnen solle, da erklang die Tischglocke zum, ersten Mal und ettnnette ihn daran, daß es hohe Zeit für ihn sei, Toilette zu machm.

So mußte er sich denn von den interessanten Büchern und dem noch interessanteren Rätsel trennen und den Ver­such zur Lösung desselben auf später verschieben, aber er beschloß, sobald als möglich zurückzukehren und inzwischm nach dem Liebespaar zu forschen, das ja entschieden unter den Tischgästen war. ,

Mit großer Vorsicht verließ Lämmchm die Bibliothek, schlich leise dm langen Korridor hinab und traf glücklich in; seinem Zimmer ein, ehe noch die anderm vom Tennis­platz hereinkamen. Auch peinliche Fragm nach seinem Verbleib bliebm ihm zum Glück erspart. Panthenau war ganz erfüllt von seinen'eigenm Angelegenheiten, und da man Lämmchm mit dem Baron hatte fottgehm scheu, glaubte man, er habe dm ganzm Vormittag auf Reb­

hühner ge;agt. „ ,

Bei Tisch war er zuerst auffalleird zerstreut. raffte fid> dann aber auf, um zu vergleichen und zu beobachten, und. fand auch reichliche Gelegenheit dazu.

Ihm gegmüber saß, wie immer, Mannia von Twielen­dorf. Sie trug ein ganz Helles, meergrünes Kleid auS duftigem Stoff, und Lämmchm frappierte es, wie hübsch sie aussah. Wirklich ganz melusinenhaft. Mt einem liebmswürdigm, vettührerischm Lächeln lauschte sie einer Erzählung des Lmtnants von Spalding, der an ihrer rechten Seite saß, gab mitunter dm Dienem stumme, wohlverstandene Winke und kokettiette mehr denn je mit ihrem Tischherm, Leutnant von Panthmau.

Dieser geritt, wie es schim, immer tiefer in ihre» Bann. Er machte aus seiner Bewunderung für sie kem Hehl, und da er ihre vielsagmdm, verschleierten Blicke für bare Münze nahm, glaubte er, sie ser ebenso entzückt von ihm, wie er von ihr. .. t . _ .

Auch der Rittmeister war seltsam verandett. Er, dev sich sonst jungen Damen gegenüber sehr ablehnend ver- bielt und die Freuden der Tafel gem in schweigender An­dacht genoß, hatte sich mit der lleinm Witwe offenbav anqeftmndtt und die sanfte, verschüchterte Frau zun» Sprechen gebracht. Sie gab sich ihm gegmüber heitere« und unbefangener als sonst, und wenn, es ihm beliebt^ sie auszufragen, dachte sie nicht daran, chm die Antwort vorzumthaltm. Heute war die Unterhaltung ganz b* sonders eifrig gewesen, und zum Schlüsse sagte der Jtut* meister mit gedämpfter Stimme:,

„Ich möchte nicht indiskret sein, gnädige Frau, abev davon müssm Sie mir noch mehr erzählen. Wenn'S Ihnen recht ist, machen wir nachher emm klemm Gaii- durch dm Garten. Ta sind wir ganz ungestört und Haber» keine zufälligen Lauscher und Beobachter zu fürchten."

.{.»Ta* 1

1988

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