51. Jahrgang.
erschein» in zwei Ansgaben. — Bezugs-PreiS: durch den
den Verlag so P-st » Ml. so Pf,
Ansgaben zusammen.
gaben. — Bezugs-Preis: Pfg. monatlich, durch die . vierteljährlich für beide
Verlag: Langgasse 27.
19,000 Abonnenten.
Anzeigen-PreiSr
Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeige« 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden SO Pfg., für auswärts 1 Mk.
~ i fiir die Abend»Ansaabe bis 12 Nbr mittags für die Margen »Ausgabe bis 3 Nhr nachmittags. — Für die Aufnahme fpliter cingereichter Anzeigen zur nächst»
Au;rrgen- Annahme NcheinenomAuMbewie für di- AnzKgenLüsnahme an bestimmt vorgeschriebencn Tagen wird keine Gewähr übernommen, 1 -doch nach Mogbchkeü Sorge getragen.
390 « BerlagS^ernsprecher No. 295 t.
Donnerstag, den 25. Juni, w.1903.
Abend ■Ausgabe.
§?ür öcrs 3. gmcnrfaC 1903
auf das
„Wiesbadener Tagblatt"
»f Bezugspreis 1 Mk. 50 Pf. vierteljährlich zu abonnieren, findet sich Gelegenheit
im Verlag Kanggaffe 27 , bei den Ausgabestellen, den Zweig-Erpeditionen
der Nachbarorte,
und zum Bezugspreis von 2 Mk. 50 Pi. vierteljährlich
bei sämtlichen deutschen Reichspostaustalte».
Die ungarische Krise.
t. Budapest, 22. Juni.
Die ungarische Krise, die sich gegenwärtig aus der unseligen Wehrvorlage heraus entwickelte, ist diesmal oon ganz ungewöhnlicher Bedeutung. Sie ist nicht nur eine Kabinettskrise, wie sie zeitweilig allerorten auftritt, sie ist auch gleichzeitig eine Krise des ungarischen Parlaments, in welchem sich einschneidende Partei-Änderungen vorbereiten, und so in natürlicher Folge auch eine Krise des ganzen Landes, das mit fieberhafter Erregung die nmen Dinge, die neuen Männer und die neuen Partei- Konfigurationen erwartet. Die liberale Majoritäts- Partei des unaarischen Reichstages, die seit 1875, das ist seit 28 Jahren, in Ungarn herrscht, aus der feit dieser Zeit alle Regierungen hervorgegangen sind und hervorgehen mußten. kracht in allen ihren Fugen, und die großen Risse, die durch die Partei gehen, müsse:: in kürzester Zeit ;um Zerfalle dieser bisher so festen Blehrheits-Basis aller ungarischen Regierung führen. Den Keil, der diese bedauerliche Sprengung verursacht — bedauerlich schon deshalb, weil die künftigen Kabinette Ungarns kaum so bald wieder eine so kompakte Majorität finden werden, die ihnen eine solch solide Grundlage bieten wird, als dies bei der liberalen Partei der Fall gewesen — hat Koloman SM in diese Partei Hineingetrieben, als er bei fernem Regierungsantritte die unglücklicheJdee hatte, die liberale Partei mit der nationalen Apponyi-Partei zu verschmelzen, die einesteils eine Menge nationaler Asp:- rationen, anderenteils aber auch mannigfache versteckte rntiliberale Tendenzen mitbrachte, welche dre große liberale Partei nicht in sich ausnehmen, noch weniger aber
Im weißen Kleide.
Roman von M. Böhme (O. Sandor).
(36. Fortsetzung.)
Di« majestätische Ruhe des Waldes versetzte Gott- vurgsen in eine träumerische Stimmung. Die grüne Dämmerung erinnerte ihn lebhaft an jenen Spaziergang durch den Wald nach Hundekehle, den er mit Maud zu- stimmen in den ersten Tagen des Mar gemacht hatte. Der Gedanke an Maud verließ ihn während der ganzen Reise keine Minute. Ihr und der Erinnerung an das letzte peinliche Zusammensein hatte er entfliehen wollen, aber sie war mit ihm gegangen und begleitete ihn unsichtbar, wohin er sich wandte. Auch jetzt, während er mit ge- schlossenen Augen und verschränkten Armen sich m den Fond des Wagens zurücklchnte, sah er sie deutlich ihm gegenüber sitzen. Eine sanfte Trauer lag aus ihren bleichen lieblichen, vom Goldgespinste der blonden Haare umtahmten Antlitz, er fühlte wieder den ernsten voi> wurfsvollen, erstaunten Blick ihrer blauen Augen auf sich ruhen, und wieder erfaßte ihn die quälende Unruhe, die er durch die Ablenkungen und Zerstreungen dieser Reise abzuschütteln und zu überwinden gehofft hatte.
„Genesen Sie von Ihrer Schwäche!" .
Wo er ging und stand, glaubte er den cmschmeicheln- den Wohllaut ihrer iveichen Stimme zu Horen, die ihm die Worte zurief. Unwillig riß er die Augen auf und schüttelte den traumhaften Zustand ab.
„Willkominen! Willkommen! Da haben wir ihn, unseren lieben Meister!"
Auf dem weichen Waldbodcn versanken die Hufschlage der heransprengenden Pferde beinahe lautlos; mit seinen »sanken iind Reminiszenzen beschaftigr, batte Gott- burgsn das Nahen der beiden Reiter, die letzt, aus einem Seitenwege kommend, plötzlich neben dem Wagen auf- lauchten, weder gehört noch gesehen. ,
Fürstin Helene streckte ihrem Gaste die Hnnd entgegen. ..Sie haben also doch Wort gehalten", fuhr fte: fort, »«• rend Gottburgsen ihre feinen elfenbeingelben Fsnger mit den Lippen berührte, „ich dachte wirklich, L>ie hatten mich
^Jch^wäre doch gekommen! Dennoch bin ich Ihnen für Ihre Zeilen unendlich.dankbar. .
verdauen konnte, ohne hierbei politische Indispositionen zil empfinden. So wurde diese seiner Zeit vielgepriesene Fusion, bei der sich die liberale Partei den Magen verdarb, zum Ausgangspunkte des Zerfalles der Majorität. Heute zählt diese größte Partei des ungarischen Mge- ordnetenhauses bereits drei offen getrennte Fraktionen: 1. die Altliberalen, ca. 110 Mann stark, unter Führung des Exministers Hieronymi und des Grafen Stefan Tisza; 2. die ehemalige National-Partei, 70 Mann, unter Führung des Grafen Albert Apponyi und des. Ilbgeord- neten Szensivänyi; 3. die aristokratische Kasino-Partei unter Führung der Grafen Hadik und AndrLssy (26 Mann). Die erstere Fraktion will nur einem echtliberalen, auf der unverfälschten 67-er Basis stehenden Ministerpräsidenten Gefolgschaft leisten, die National- Liberalen wünschen von dem neuen Mann vor allem nationale Armee-Zugeständnisse, und die Kasino-Partei wieder acceptiert die auf die Vermehrung der Armee Bezug habenden Forderungen auf alle Fälle und ebenso jeden für die Regierung tauglichen Mann, den die Krone auserkürt. Und wer soll dieser große Mann sein, der all diese Gegensätze unter einen Hut bringen kann, und der gleichzeitig iin stände wäre, die Obstruktion der äußersten Linken, die sich vorderhand ganz zuwartend verhält, zu brechen und die parlamentarische Maschine wieder in Gang zu setzen, damit endlich die für das Land so un- gemein wichtigen Staatsnotwendigkeiten (Budget, Ausgleich und Zoll-Verträge) gesichert erscheinen können? Dem Grafen Tisza ist diese Mission nicht gelungen und nun soll — Graf Khuen-Hedervary, der Banus von Kroatien, kommen, welchen, wie die Feinde der liberalen Partei hämisch bemerken, diese Partei bereits einmal — nach dem Abgänge Weckerles — entschieden zurück- qewiesen hat. Blau vergißt jedoch hierbei, daß die liberale Partei damals noch homogen war, während sie heute aus 3 Gruppen besteht und von einem einheitlichen Willen kaum die Rede sein kann. Sicher ist jedoch eines: sympathisch ist der Banus von Kroatien, dem man sehr ge- walttätige Tendenzen zumutet, höchstens einer reichstägigen Partei: der Volkspartei, die in ihm einen klerikalen Einschlag vermutet. Weshalb also, so fragt alle Welt, gerade Graf Khuen-Hedervary? Personen, welche die Intentionen der Krone gut zu kennen glauben, er- klären, daß das Kabinett Khuen-Hedervary in Ungarn eine ähnliche Bsission zu erfüllen haben, werde wie in Österreich die Beamten-Kabinette, die einen Übergang vorzubereiten haben. Die Krone wünsche heute unbedingt ein kräftiges Kabinett Tisza. Derzeit seien jedoch die Partei-Wirrnisse das größte Hindernis für die Bildung eines politischen Kabinetts. Graf Khuen-Hedervary ist farblos und bringt er aus Wien eine Konzession, wenn
„Nicht wahr, so schön hätten Sie sich meine Heimat nicht vorgestellt?"
„Der Anblick von dem römischen Tor aus übertrifft das Schönste, was ich jemals gesehen habe."
Tie Fürstin lächelte befriedigt und klopfte den Hals ihres schwarzen, seidigglänzenden Rappens. Dann wandte sie sich ihrem Begleiter zu, einem schönen, noch jugendlichen Kavalier mit kühn gewirbeltem Schnurrbart und lebhaften schwarzen Augen.
„Mein Vetter, Prinz Gregor Koronzow — mein Freund, Professor Gottburgsen." Und während die Herren höflich den Hut lüfteten, setzte sie hinzu: „Der Prinz ist auch Künstler . . . freilich kein Maler. Aber wir freuten uns königlich über dieses Zusammentreffen, nicht wahr, Gregor? Hoffentlich haben Sie recht viel Zeit mitgebracht, Meister?"
„Ich bleibe so lange, bis Sie mich selber an die Luft setzen", entgegnete Gottburgsen scherzend.
„Das soll ein Wort sein. Es bleibt dabei."
Die Fürssin gab dem Kutscher einen Wink. , weiterzufahren. Prinz Gregor ritt an der linken Seite des Wagens, ivährend die Dame an der rechten Seite blieb und ihr Geplauder mit Gottburgsen fortsetzte.
Gottburgsen hatte auf den ersten Blick konstatiert, daß die Fürssin vorteilhaft verändert aussah. Eine heitere Zufriedenheit glänzte in ihren Zügen und legte in das tiefaebräunte Frauengesicht einen annnitigen Ausdruck, der das Unregelmäßige desselben verwischte und vergessen machte. Auf dem edel-schönen Pferde, das mit unruhig geblähten Nüstern tänzelnd neben dem Wagen herschritt, kam die Grazie ihrer vollendeten Gestalt erst richtig zur Gelsimg.
Überraschend schnell brach die Dämmerung herein. Es war plötzlich fast dunkel unter den Bäumen, aber als der Waldweg sich öffnete, lag die Landschaft im zauberhaften Glanze des unvcrhüllten Vollmondes vor den Blicken der Nahenden. Seitwärts, gleichsain an die Felswand geklebt, lag unter dem Schatten gewaltiger Wallnußbäume das Tatarendorf, das zu der Lusekoffschen Besitzung gehörte. Die siefe feierliche Stille wurde hier nur durchbrochen von dem Rausche,: und Rieseln zahlreicher Quellen und Wässerchen, die kaskadenartig die Felstreppen hinabfiolen und sich unten in steinerne Bassins ergossen. Etwas weiter erblickte man das in halber Höbe
auch nur in Form der provisorische:: Absetzung der Mili
tär-Vorlage, so habe er, so kalkuliert man in Hofkreisen^ vorläufig gewonnenes Spiel. Er kann so lange regieren, bis sich unter ihm die innerpolitische Situation, d. h. dis neue Partei-Bildung geklärt hat, und dann werde jedermann froh sein, wenn der Graf, der so wenig Sympathie besitze, einem Ministerium Tisza Platz mache. Qui vivra, verra! Und da erschallt jetzt auch noch das Kriegsgeschrei der äußersten Linken: Wiedereröffnung des Reichtagesl
*
hd. Berlin, 25. Juni. Wie dem „V. L.-A." aus B u d a p e st gemeldet wird, fanden daselbst gestern abend stürmische Demonstrationen vor dem Klub der Unabhängigkeitspartei statt, weil ein Teil ihrer Anhänger die gestern beschlossenen Vereinbarungen mit dem Banus mißbilligt. Der Tumult pflanzte sich auf die Straße fort, die von berittener Polizei gesäubert wurde. Graf Khuen Hcdervary reiste gestern abend nach Wien, von wo er morgen mit dem Auftrag zur Kabinettsbildung zurückkehren dürfte. Nach dem „B. T." dürste das neue Kabinett die meisten jetzigen Minister beibehalten, und nur zwei oder drei Ressorts wechseln, um die Mitglieder der verschiedenen Gruppen der Liberalen zu befriedigen.
wt>. Berlin, 25. Juni. Die „Nat.-Ztg." meldet aus Budapest: Über die Zusammensetzung des künftigen Ministeriums unter dem Grafen Khuen Hedervary verlautet in unterrichteten Kreisen, daß Hieronymi zum Handelsminister und Herzeviezy zum Unterrichtsminister ausersehen sei. Alle übrigen verbleiben im Amte, nur der Honvedministcr Fejervary werde demnächst aus dem Amte scheiden.
Die Vorgänge in Serbien.
hd. Berlin, 24. Juni. Uber den Einzug König Peters in Belgrad wird dem „B. L.-A." telegraphiert: Der Extrazug lief um Punkt 10 Uhr ein. Die Ehrenwache präsentierte und die Musik intonierte die Serbenhymne. Der König, der die große serbische rote Generals-Uniform trug, verließ sofort den Salonwagen und trat auf die Minister zu, an deren Spitze Minister-Präsident Avakumovitsch, der in kurzer Rede im Namen Serbiens den König begrüßte. Er ließ seine Ansprache in ein allgemein begeistert aufgenommenes Zivio auf den König ausklingen. Dieser dankte mit leiser, nur der aller» nächsten Umgebung verständlichen Stimme. Wiederum ertönten Zivio-Rufe. Dann ließ sich der König die Minister vorstellen und schritt darauf die Ehrenwache ab, die er mit einem „Guten Morgen!" begrüßte, worauf prompt ein gemeinsames „Wir danken Euer Majestät!" erschallte. Es folgte eine kurze Ansprache des Stadt-
des Berges liegendeSchloß, das, ganz aus schneeig-weißem Material erbaut, mit seinen langen Säulenreihen und. den pompösen Terrassen in dem märchenhaften Silberlichte des Mondes wie ein Wunderban aus Lausend und Einer Nacht erschien.
Der Weg verschmälerte sich wieder etwas, so^ daß die beiden Reitenden hinter dem Wagen Reiben :nußten. In einer kleiner: Viertelstunde war das Schloß erreicht.
Aus den offenen Mitteltüren des imposanten Gebäudes quoll die weiße Lichtflut einer großen elektrischen Lampe über die breit vorspringende Treppe und den mit silberfarbenem Kiese bestreuten Schloßplatz. Beim Nahen des Wagens eilten von verschiedenen Seiten Diener herbei. alle in der malerischen Tracht ihrer Heimat, an der nrrr kleine, einzig dem Kenner bemerkbare Abzeichen die Zugehörigkeit des fürstlichen Hausstandes kennzeichneten«
„In einer Stunde erwarten wir Sie zun: Souper —- vorausgesetzt, daß Sie nicht zu müde sind", sagte big Fürstin, „in diesem Falle wird Ihnen das Souper auf Ihrem Zimmer serviert. Sie dürfen sich hier durch keinerlei Rücksichten genieren lassen. Wir sind hier auf dem Lande und entre nous."
Gottburgsen versicherte, daß er durchaus keine Ermüdung verspüre und pünktlich zur Stelle sein werde. Tann überließ er sich der Führung des Dieners, der sein Handgepäck trug und der ihn in die für ihn bestiinmten Gemächer führte. Gleich danach wurden auch seine Koffer gebracht.
In dem an das Schlafzimmer stoßenden Baderaums nahm Gottburgsen zuerst ein Bad. Das erfrischte ihn wunderbar; in der Tat empfand er nichts von der Erschöpfung, die sich sonst nach einer langen Reise einzustellen pflegt. Mit großer Sorgfalt machte er Toilette, befestigte die Miniaturpalette von Brillanten in seiner weißen Krawatte und stäubte etwas Parfüm auf Nockärmel und Taschentuch. Dann begab er sich, von einem an der Tür seines Zimmers wartenden Diener geführt, in den zu ebener Erde gelegenen Speisesaal, in tvelchem schon die übrigen Mitglieder des kleinen häuslichen Kreises versammelt waren.
Die Fürstin stellte den Professor ihren übrigen Gästen vor, der Gemahlin des Fürsten Koronzow, Prinzessin Marie, einer höchstens zwanzigjährigen jungen Frau vo:: wunderbar zarter Schönheit, und einen: noch jungen
