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Die Stichwahlen.

In 184 Wahlkreisen haben die Hcmptwcchlen keine endgültige Entscheidung gebracht und wird diese erst in den Stichwahlen fallen. Spricht bei den Hauptwahlen die politische Überzeugung das entscheidende Wort, so tritt diese bei den Stichwahlen in zahlreichen Fällen zurück vor der Theorie vom „kleineren Übel". Bei den Haupt­wahlen genießt der Wähler die volle Freiheit- seiner Überzeugung Ausdruck zu geben. Bei den Stichwahlen dagegen kann er in zahlreichen Fällen seinen eigenen An­schauungen, wenn der Vertreter derselben nicht in die Stichwahlen gekommen ist, nicht mehr zum Siege verhel­fen. Es befindet sich in solchenFällen in einer Zwangslage, bei der er sich von zwei Kandidaten, die ihn: beide nicht genehm sind, für denjenigen entscheiden soll, den er als das kleinere Übel erachtet. Denn die Enthaltung von der Wahl würde auch in diesem Falle eine Unterlassungs­sünde sein, durch die er es mit verschuldet, wenn von den beiden in die Stichwahl gekommenen Kandidaten der­jenige gewählt wird, den er als das größere Übel ansicht.

Die Gruppierung der Parteien bei den Stichwahlen cst, das lassen die zahlreichen darüber vorliegenden Mel­dungen erkennen, eine sehr verschiedenartige, und die Ver­suche, die einzelnen Parteien zu einer einheitlichen Stellungnahme zu veranlassen, haben nicht viel Erfolge gehabt, da hier die lokalen Verhältnisse in den einzelnen Wahlkreisen in entscheidenderWeise mitsprechen.Jn etlichen Wahlkreisen gehen die Konservativen mit dem Zentrum, in anderen mit den Nationalliberalen zusammen. In etlichen Wahlkreisen haben Zentrum und Nationalliberale kin Wahlbündnis geschlossen. In wieder anderen gehen Rationalliberale und Freisinnige, in anderen Zentrum und Freisinnige zusammen. In einigen Wahlkreisen

unterstützen die Konservativen den freisinnigen Kandi­daten und umgekehrt, und in wieder anderen Kreisen sind die freisinnigen Wähler gewillt, dem^ Sozialdemokraten gegenüber dem Konservativen zum Siege zu verhelfen. In einzelnen Wahlkreisen unterstützen sich Zentrum und Polen, in anderen bekämpfen sie sich. Kürz, die Gruppie­rung der Parteien bei den Stichwahlen bietet ein recht mannigfaltiges Bild, wie das freilich in der Natur der Sache liegt.

Auch der mit besonderem Eifer betriebene Versuch, die gesamten bürgerlichen Parteien zu einer geschlossenen Stellungnahme gegen die Sozialdemokratie zu veran­lassen, ist nicht durchweg gelungen. Die von seiten der Regierung warm befürwortete Parole „Gegen die Sozial­demokratie!" ist nur von den nationalliberalen und den beiden konservasiven Parteien mit völliger Rückhalts- losigkeit ausgenommen worden. Die offiziellen Organe dieser Parteien haben diese Parole zur Parteiparole ge­macht, und sie wird bei den Stichwahlen am Donnerstag zweifellos auch in der Praxis befolgt werden. Dagegen ist man anscheinend in den Kreisen des Bundes der Land­wirte weniger geneigt, dieser gegen die Sozialdemokratie gerichteten Parole in den Wahlkreisen nachzukommen, wo ein freisinniger Kandidat mit dem sozialdemokratischen in der Stichwahl steht. Das Berliner Organ des Bundes hat sogar eine Zuschrift veröffentlicht, worin ausdrücklich der Sozialdemokrat dem Freisinnigen gegenüber als das „kleinere Übel" bezeichnet wird.

Auch die Zentrumspartei bat keinerlei einheitliche Wahlparole ausgegeben. Das Berliner Organ der Partei betont, daß das Zentrum keine Zentrat-Wahlleitung be­sitze, von der eine generelle Stichwahlparole ausgegeben werden könne. Die Entscheidung liege vielmehr bei den Provinzialcomitds, bezw. bei den Landescomitss. Trotzdem tritt aber nach den vorliegenden Nachrichten das Zentrum fast durchweg für die Unterstützung der bür­gerlichen Kandidaten gegenüber den Sozialdemokraten ein. So hat das Provinzialwahlcomitd der schlesischen Zentrumspartei einstimmig die Unterstützung der bürger­lichen Kandidaten gegenüber der Sozialdemokratie be­schlossen. Ebenso unterstützen sich Nationalliberale und Zentrum gegenseitig in Hessen-Nassau, in etlichen rheinischen und westfälischen Wahlkreisen und in Hessen. Dagegen hat die badische Zentrumspartei in Pforzheim, Karlsruhe und Mannheim, wo Nationalliberale und Sozialdemokraten um den Wahlkreis kämpfen, Wahlent­haltung beschlossen, und in Kaiserslautern-Kirchheim­bolanden soll das Zentrum sogar angeblich die Unter­stützung der Sozialdemokraten beschlossen haben.

Auch die Haltung der freisinnigen Parteien ist keine einheitliche. Eine Kollektivparole ist von keiner der beiden freisinnigen Parteien ausgegeben worden, doch scheint es, daß insbesondere die Mitglieder der frei­

sinnigen Vereinigung, wo es sich bei den Stichwahlen um die Wahl eines Vertreters der Rechten oder eines Sozialdemokraten handelt, überwiegend für den letzteren eintreten werden. Ziemlich einheitlich scheinen die süd­deutsche Volksparieile r und die Sozialdemokraten für einander einzntreten. Eine Art Tohuwabohu herrscht endlich in Bezug auf das Verhalten der Polen. In Oberschlesien haben Polen xm& Sozialdemokraten ein Stichwahlkartell gegen das Zentrum abgeschlossen­während in mehrerenPosenschen Wahlkreisen dasZentrum die polnischen Kandidaten unterstützt. Alles in allem ist das Stichwahlbild ein so buntes, daß sich keinerlei Schlüsse auf den Ausfall der Stichwahlen ziehen lassen.

Die sAMnerWn MeduiM ln England.

Unser Londoner n-Korrespondent schreibt unter dem 20. d. M.: Wenn auch zugegeben werden muß, daß der Engländer von seinem Standpunkte aus alle Ursache hatte, sich durch die Stellungnahme der Deutschen, namentlich aber der deutschen Presse, anläßlich des süd» afrikanischen Krieges schwer gekränkt zu fühlen, so war es doch immerhin recht auffallend, daß er allen anderen Nationen die gleiche Sünde so schnell vergab. Der feind- liche Ton, den man vor etwa einem halben Jahre in der Presse gegen Deutschland mit erneuter Energie anschlug, und der seitdem auch oft aus dm Äußerungen englischer Politiker herausklang, hatte um so mehr Überraschendes an sich, als gleichzeitig in auffallender Weise mit Frank­reich geliebäugelt wurde. Dabei war man aber gerade über letzteres während des Krieges ungeheuer empört gewesen, weil das französische Publikum ganz besonderen Gefallen an den Angriffen seiner Presse auf die ver­storbene greise Königin Viktoria gefunden hatte. Heut­zutage erscheint die erneute Deutschenhetze nicht länger befremdlich. Wiewohl andere Länder ungleich mehr von ihren Industrie-Erzeugnissen nach England senden als Deutschland, empfindet man doch im Volke die soge­nannte deutsche Invasion allein, da es sich bei ihr zumeist um eine Unmenge kleiner billiger Artikel für den täglichen Gebrauch, Spielzeug und dergleichen handelt, deren Her­stellung in England nicht tunlich ist, weil kein Engländer für die Löhne arbeiten würde, die z. B. in der Spiel­warenindustrie im sächsischen Erzgebirge bezahlt werden^ Zudem ist der Deutsche hier auch so wie so schon weit un­beliebter als Angehörige irgend einer anderen Nation, und da Mr. Cbamberlain, um die nöüge patriotische Begeisterung für seine Pläne zu erregen, seine Landsleute stets aus irgend jemand zu hetzen für nötig hält, so fiel seine Wahl natürlich auf Deutschland. Als Cecst Rhodes s. Zt. auch noch den Transvaal zu besitzen wünschte, wurde das Publikum bekanntlich durch die schamlosesten Lügen

Feuilleton.

Aus üer Geschichte des Alpensports.

Saisonplauüerei von Theodor zur Mühle».

Wer die Natur in ihrer ganzen Großartigkeit kennen lernen will, hat nur die Wahl zwischen zwei Reisezielen, dem Meere und dem Hochgebirge. Als die erhabensten Schöpfungen der beiden Urgewalten, des Wassers und der im Erdinnern hausenden plutonischen Kräfte, die dem Antlitz unseres Sternes sein heutiges Aussehen Modelliert haben, sind sie mit Recht die heißerstrebten Reiseziele aller derer, die im Sommer dem Häusermeer der Städte entfliehen, um eines Natnrgenusses teilhaftig Äit werden, üer über die bescheidenen Reize des Flach-e landwaldes und der Hügellandschaft ytnansgeht. Während aber der Mceresstrand, zum ruhigen Genießen ein­ladend, dem Gebrauche der Körperkraft enge Grenzen setzt, fordert die Hochgebirgsnatur zum Kampfe mit ihrer Kelsen- und Gletscherwelt förmlich heraus und bietet dem- lenigen, der über kräftige und gesunde Glieder verfügt, ein Feld der Betätigung, wie er cs in den Bädern und Sommerfrischen des Meercsstranöes nicht findet. Das Bergsteigen wird aber, so sehr man seine Auswüchse und m betrübenden Unglücksfällen führenden Übertreibungen auch verurteilen mag, zu einem edlen Sport geadelt, öer dem Stahlbade gleicht, das aus Geist und Körper neu- belebend wirkt.

Wenn man der Menschheit an der Schwelle des zwan­zigsten Jahrhunderts oft den Vorwurf macht, daß sie, des idealen Strebens bar, nur den materiellen Vorteilen and Genüssen nachjage, so beweist die Geschichte des Alpen­sports gerade das Gegenteil. In immer weitere Kreise bringt daS noch vor hundert Jahren kaum vorhandene Bedürfnis, im intimsten Verkehr mit der Natur der Hoch­gebirge Herz und Gemüt sich ausleben zu lassen, und un­gezählte Tausende von Großstädtern vertauschen, sobald her Juli ins Land zieht, den Bureaurock mit der Loden­joppe und greifen zum Rucksack und eisenbeschlagenen t Bergstock, um zu den Spitzen hinanszukraxeln, auf die sich -der Lackschuh deö TalMcichers nicht verirrt.

» In früheren Zeiten war von einem wirklichen Berg­sport keine Rede, weil den Menschen von dazumal das empfindende Organ für die Schönheiten der Bergwelt vollkommen abging. Während die Dichter des alten Roms nimmer müde werden, die fast subtropischen Reize italienischer Landschaften zu besingen, haben sie für die Gebirgswelt kein Wort des Lobes übrig. Sie reden von den „Alpes tremendae", den „fürchterlichen Alpen", deren wilde Bewohner ihnen ein allerdings sehr begreif­liches Entsetzen einjagen. Aber auch dort, wo die Ge- birgsländer vollständig der Römerherrschaft unterworfen wurden, finden wir nirgends Anzeichen, daß das Volk der Quirlten sich mit dem Hochgebirge näher befreundet, und die Touristen und Globetrotters, die es in gewissem Sinne auch damals gab, gehen lieber nach Griechenland und Kleinasien als in die Felsenwildniffe Rhätiens und Noricums.

Das Mittelalter übernahm diese Vorurteile, die sich auch bis weit in die Neuzeit hinein in nngemindertem Umfange zu konservieren wußten. Noch vor 200 Jahren wurde in wissenschaftlichen Büchern das Geschwätz aufge­tischt, daß der Mensch, dessen Adern man sich damals noch nicht mit Blut, sondern mit Lebenslust angefüllt dachte, auf hohen Bergen bersten müsse wie ein in das Vakuum der Luftpumpe gebrachter Frosch und ein Professor der Universität Rostock konnte mit gelehrten Worten die Be­hauptung verfechten, daß die Alpenluft, im Vergleich mit derjenigen seiner Obotritenstadt, unrein sei.

An vereinzelten Freunden des Bergsteigens hat es aber auch schon damals nicht gefehlt. Voll prophetischen Geistes erschauten schon Dante, Petrarca und Leonardo da Vinci den späteren Ruhm der alpinen Welt und laute Verkündiger erstanden demselben in Konrad von Gesner, dem „deutschen Plinius" und dem Züricher Oberstadtarzi und Professor Johann Jacob Scheuchzer, der die Ergeb­nisse seiner alljährlichen Alpenreisen in dem vierbändigen Buche „Itinera alpina" niederlcgte und freimütig ge­steht, „an dergleichen wilden und einsamen Orten größere Belustigung und Aufmerkung zu spüren, als bei den Füßen des großen Aristoteles, Epiknr und Kartesiiis". Mehr noch als diese haben aber Albrecht von Haller und Rousseau dazu beigetragcn, die Sehnsucht nach den Bergen in den Bewohnern der Ebenen zu erwecken.

Selbstverständlich waren schon undenklich lange vor­her die Hochgebirgstäler bis hart an die Grenze des ewigen Schnees von Menschen für ihre Ansiedelungen und Wirtschaftsbetriebe in Besitz genommen worden. Von vielen Almen läßt sich mit Sicherheit Nachweisen, daß sie schon länger als 1000 Jahre im Betriebe sind und einer der besten Kenner der Alpen, L. Purtscheller, schätzt bei manchen die Zeit, seitdem sie der Viehwirtschaft dienen, sogar auf das Doppelte und Dreifache. Auch die Jägers­leute hatten längst ihre Reviere bis zu den Firnfelöern hinauf abgestreift, und zwar waren dies nicht ausschließ­lich Einheimische, sondern auch fremde Reisende und hoch­fürstliche Personen, wie Kaiser Maximilian I., dessen aus dem Jahre 1500 stammendes „Haimlich Gejaiöt Pucch" für die Geschichte des Alpensports in mehr als einer Be­ziehung interessant ist. Wir erfahren daraus, daß schon vor 400 Jahren in allen Hochtälern Nordtirols Reitwege existierten, die zu den 80 Gehegen führten, in denen der Kaiser sein „Gambsen-Gejaid" abhalten konnte. Der fürst­liche Jägersmann, der sich im Jahre 1493 auf der Martinswand so gründlich verflieg, daß der Pfarrer von Zirl mit vielem Volke anszog, um dem anscheinend dem Tode Verfallenen von ferne die Monstranz mit der Hostie zu zeigen und ihn auf diese Weise zu absolvieren, war aber nicht nur ein guter Schütze, sondern auch ein erfah­rener Tourist, dessen in dem genannten Jagdbuch enthal­tenen Ratschläge über Bergschnhe, Farbe und Schnitt der Kleider, Handschuhe und Gamaschen und über die beste Methode des Gehens und Kletterns noch heut aller Be­achtung wert sind. Endlich hat auch noch der Goldberg­bau in den hohen Tauern, deren Reichtum an Edelmetall schon im zweiten Jahrhundert nach Christus wohlbekannt war, dazu beigetragen, dem modernen Alpinismus vorzu­arbeiten, indem nicht nur Wege bis nahe an die Gipfel und zu den Stollen hart am Rande des Gletschereises an­gelegt, sondern auch Geologen in das Gebirge gelockt wurden, die dessen Schönheiten zu einer Zeit kennen lern­ten, wo es den Städtern nicht eingefallen wäre, die höch­sten Alpengegenden um ihrer selbst willen zu besuche».

Zwei der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte des Alpensports waren die Eroberung des Mont-Blanc im Jahre 1787 durch Horace Benedikt de Saussure und die durch den Fürstbischof von Gurk, Grafen Salm im Jahre