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Beilage nun Wiesbadener Tagklatt.

t. 887 . Morgen-Ausgabe.

^ Wohltaten still und rein gegeben,

Sind Tote, die im Grabe leben, J

Sind Blumen, die im Sturm besteh'», )».

Sind Sternlcin, die nicht untergeh'n. »

Claudius.

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(8. Fortsetzung.)

Leutnant Karnmchens Abenteuer.

Eine heitere Geschichte von G. v. Stokmans-Germanis.

„Gewiß, Herr Baron, aber nur äußerlich. Innerlich ist sie mit tausend Ketten gebunden —- und wenn drese Ketten auch Pietät und Dankbarkeit heißen, drücken tun sie darum doch." . ,

Me Haushälterin war augenscheinlich geneigt, chm weitere vertrauliche Mitteilungen zu machen, er lehnte dieselben jedoch in höflicher Weise ab, und kam wieder auf sein Anliegen zurück.

„Also, wie steht es mit der Bibliothek?" fragte er „Ist sie verschlossen iind können Sie Mir den Schlüssel ohne Aufsehen verschaffen? Ich bin sonst nicht für Heim­lichkeiten und möchte um keinen Preis indiskret sein, aber wenn die anderen erfahren, wo ich bin. werde ich ohne Er- barmen zum Tennis geschleppt und meiner sogenannten Gelehrsamkeit wegen noch obendrein verlacht. Falls Sie also meinen, daß ich niemand störe und mich mit gutem Gewissen kn dem unbenutzten Gemach aufhalten kann, so verhelfen Sie mir zur Erfüllung meines Wunsches."

Frau Klingebeil, die zuerst so diensteifrig gewesen war, hatte nun allerlei Bedenken und meinte zögernd: ,

„Die Herrschaften haben gewiß nichts dagegen, die halten nicht viel von dem gelehrten Kram — aber Sie selbst, Herr Baron — ich weiß nicht, wie Sic über ge­wisse Mnge denken. Es ist nämlich nicht ganz geheuer in der Bibliothek."

„Nicht geheuer?" Ein spöttisches Lächeln umzog seinen Mund. die Alte aber fuhr ganz ernsthaft fort:

„Ja, ja, ob Sie's nun glauben oder nicht, wahr ist's — es geht um dort oben — nicht nur am späten Abend, auch am helllichten Tag. Schon früher war immer die Rede davon, und jetzt, seit Jahr und Tag, ist der Spuk wieder da."

's „Wie sieht er denn aus?"

„Der Geist, meinen Sie?" Frau Klingebeil bekreuzte sich und sah sich scheu nach allen Seiten um. „Das weiß ich nicht. Gesehen hat chn oder sie — denn es miissen mehrere Geister sein — noch kein Mensch, aber hören tut man sie oft und deutlich genug. Da gibt es ganz der- dächtige Geräusche, wie Stühlerücken, Schritte, mensch­liche Stimmen und dumpfes Gepolter."

Lämmchen lachte. „Das wird wohl mit natürlichen -Dingen zugehen. Frau Klingebeil."

„Gott bewahre I" eiferte diese, „Me Bibliothek hat nur eine einzige Tür, und diese Tür ist verschlossen. Der Schlüssel hängt in meinem Zimmer am Schlüsselbrett zwischen all den anderen, und während man chn hängen sieht, geht oben der Radau los,"

,/Dann gibt es einen zweiten Schlüssel, den man ohne Ihr Wissen'benutzt."

„Nein, dm gibt es eben nicht. Das Schloß ist ein Kunstschloß und der Schlüssel ganz eigenartig geformt. Unsere einfachen, kleinstädtischen Hand-werker bringm io etwas nicht fetttig."

„Dann hausm Ratten und Marder zwischm Decke

und Diele." t ,

Me Haushälterin lachte. „Den Lärm, den die machen, dm kmne ich, der ist anders. Außerdem — solches Getier brennt kein Licht, und mitunter, mittm in der Nacht, smd die Bibliothekfenster matt erleuchtet. Vom Garten aus kann man es dmllich sehen. Einmal, vor zwei Momrten etwa, bemerkte ich es auch wieder; da holte ich mir schnell entschlossen dm Friedrich, dm alten Diener, der „auch immer meint, er habe das Gruseln nicht gelemt, über­zeugte ihn erst von der Tatsache und ging dann mit ihm hinauf. Wir steckten den Schlüssel ins schloß, drehten ihn um, öffneten die Tür — ich mit zitternden Händen und bebenden Knieen, und —- sahen nichts I Es war ganz dunkel im Zimmer und mäuschenstill, „als der Friedrich aber mit der Lampe hineinleuchtete, hörte er ein leises, geisterhaftes Spottgelächter — und seitdem mag er mit der Geschichte nichts mehr zu tun haben."

„Und was sagm die jungm Damm dazu?

„Gar nichts, baut sie wissen nichts davon, und wenn ich es ihnen erzählte, würden Sie mich doch nur aus- lachm. Tante Nippchm aber, das alte Fräulem von Twielmdorf, hat dasselbe gesehm und gehört tme wir, und meint, man habe es hier offenbar mit bösen Geistern zil tun. Weil sie im Leben viel Unheil angerichtet haben, können sie auch im Tode keine Ruhe finden. und wenn nian ihnen nicht aus dem Wege gehe, könne man noch allerlei Schlimmes erlebm."

Lämmchen seufzte vor Ungeduld. Uber dem torrchtm Geschwätz verstrich die Zeit, und sie war ihm zu kostbar, um sie hier zu vergeuden: aber er durfte die dienstwillige Haushälterin nicht erzürnen, und so sagte er nur mit einer

gewissen Hast: . ., ., . „

„Wenn eine so kluge Dame das.sagt, werde ich mit der Zeit auch noch bekehrt -—aber nun lassen Sie uns gehm, Frau Klingebeil. Ich bin furchtbar neugierig, wie es da oben aussieht und will vor allem die Geister beschworen, die in den alten Büchem stecken, , Die sind mitunter noch mächtiger und gefährlicher als die anderm."

Kopfschüttelnd geleitete sie chn hinauf, auf der ober- sten Treppmstufe aber blieb sie noch einmal stehm und sah ihn forschend an.

„Fürchten Sie sich denn wirklich mcht?" fragte sie zaghaft,

„Nein", erwiderte er lachend, „ganz und gar mcht, und nun lassm Sie sich nicht länger von Ihren Geschaftm zurückhaltm, Frau Klingebeil: wenn Sie mir dm

Schlüssel anvertrauen wollen, öffne ich selbst."

Im nächsten Augmblick betrat er die Bchliothek und empfand zuerst nichts als reines Entzückm und staunende Bewunderung.

Das hohe, große, achteckige Gemach war rm remm Rokokosttl eingerichtet und noch sehr gut erhalten. Hohe Glasschränke und Bücherregale mtt vergoldetem Schnitz- werk bedecktm die Wände und reichtm fast bis zur Decke empor, die Fensterpfeiler waren mit vergoldetem Stuck reich dekoriert und die beiden Flächen, welche die inneren Winkel des Zimmers abstumpsten, durch zwei lebens- große Porttats in Rokokotracht ausgefüllt. Dieselben ruhten mit ihren kostbaren, breiten Rahmen auf dem Parkett und überragten mit chrer Bekrönung die Höhe der Bücherschränke, denen sie sich andererseits so harmonisch einfügten, daß es aussah, als seien diese in die Mauer eingelassen.

Das eine der Bilder stellte euren Herrn, das andere eine Dame dar.

Der Kavalier, augenscheinlich ein sehr vornehmer Herr^

trug einen dunklere Sammetrock mit mehreren Orden und reicher Goldstickerei, eine lichtblaue Seidenweste mrv darüber ein mächtiges Spitzenjabot, dazu Knrehosen, Escarpins und Schnallenschuhe, aber keine Perrucke wie es schien. Das Haar war nur gepudert und der harschen­den Mode gemäß kunstvoll frisiert. Sein Gepcht trug den Ausdruck großer Klugheit und Kühnheit, rmd em ver­bindliches Lächeln umspielte seinen Mund.

Me Dame war jung, von großem Liebreiz und elmrso prächtig gekleidet, wie er. Juwelen schmückten Hals und den viereckigen Ausschnitt der grumten Damastrobe, eine kostbare Perlenschnur wand das hochgetürmte Haar, und die schöne Hand, welche oen Fächer hielt, war mit Ringen bedeckt.

Unwillkürlich fesselten die Bilder, die von emetn Künstler lebenswahr gemalt waren, zuerst ^ummch Aufmerksamkeit, aber bald wandte er stch dm gelteb en Büchern zu und schwelgte formltch m dem ^ubltck, E stch einen berauschten Blicken nun bot, Em w<ch-ver £ } 5 von schöner Literatur war hier sorgsam aufgespnchert. Er fand in- und ausländische Klassiker tu den seltensten Attsgaben, geschichtliche und kartogrtchhtsche ^rke v hohem antiquarischem Wert, zrerlrche ^lzevtrbandchen rmd dicke Foliantm. dre wre Meßbücher anssahen, mW allerlei sonst, was seinem eigenartigen personlrc^n^^Ge­schmack gerade entsprach. Wenn er em Buch nach fluch­tiger Betrachtung zögernd zuruckschob, streckte er schon wieder verlangend die Hand nach einem anderm a r , er verlor ganz das Gefühl für, dre Gegenwart und dre schnell verrinnende Zeit und schritt immer wieder pnlflsid und musternd die langen Bücherrechen entlang, dw hier so unbeachtet standen und ihm so begehren-wert schienen wie kaum ein anderes irdisches Gut m seiner nächsten Um- gebung. . „ ,

Endlich, nachdem Stunden verronnen waren, verspürte er den Wunsch, sich gemütlich mederzulassen und setzte sich an einen großen, runden Tisch, der, von bequemen Sesseln umgeben, in der Mitte des Zimmers stand. Er war mit Büchern und Mappen ganz bedeckt, und, uni Platz zu gewinnen, schob er diese ein wenig zur Sette. Dabei fiel ihm ein unangenehmer Duft auf der mtt Staub und Moder nichts zu tun hatte, und ihn bet semmi Studimn störte. Lämmchen war sehr Epftndlrch gegen schlechte Gerüche und entdeckte auch bald die U rsache der Störung in Gestalt einer halbaufgerauchten Cigarre, drs er zwischen den Büchern fand. Nun, dachte er, schmur^elnd^ da sieht man es ja, welcher Art Frau Klmgebefls Ge- spenster sind. Wie heißt doch der schone Dms? „Woman raucht, da magst du ruhig harren. " böse Mmschen oder in diesem Falle Geister — rauchm mcht Cigarren , und mtt spitzen Fingern.hob er den Stunuitel mrpor^ ihn zu verwahren und spater der furchtsamen Hm»- hälterin als Beruhigungsmittel und Gegenbeweis für ihren Geisterglauben zu überreichen Er hatte aber weder eine Cigarrentasche bei sich, noch sonst etwas, m das er den dufttgeii Gegenstand einwickeln konnte: unverhullt wollt« er ihn auch nicht in die Tasche stecken, und ,0 nahm er em zusammengeballtes Stückchm Papier auf. das, auf dem Fußboden in einem Winkel der tiefen Fensternischen lag Es war ein eng beschriebenes Briefblatt, und wahrend er es entfaltete und glättete, blieb sem Bück an dm Worten haften, die er zuerst halb unbewußt, dann aber mtt immer steigendem Interesse las.

. (Fortsetzung folgt.)

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