Wiksbs-ener UM,
fil. Jahrgang.
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Mk». 288. Berlags-Fernfprecher R». Agil.
Mittwoch, de« 24. I««i.
Redaktions-Fernsprecher No. dl. 1903»
Abend -Ausgabe.
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Werlag des „Wiesbadener Fagölatt".
Das DundreLsehest.
Von Eduard Engel (Berlin).
Ich nenne es noch immer mit seineni ursprünglichen Namen, denn so und nicht „zusammenstellbares Fahrscheinheft" toixö 1 es tatsächlich von den Reisenden selbst genannt. — Lohnt es noch, das, was ich über und gegen die Rundreisehefte auf dem Herzen habe, einmal zusammenzufassen? Es hat sich in den etwa 20 Jahren seines Bestehens in dm Kreisen der Reisendenwelt, besonders der Sommerreisenden, so fest eingebürgert, daß der Gedanke, es könnte eines Tages ganz verschwinden, selbst solchen Reisenden fast erschreckend kommt, die einer gründlichen Vereinfachung und allgemeinen Verbilligung der Eisenbahnkarten, wie ja nur natürlich ist, durchaus zustimmen würden. Hervorgegangen ist diese Begeiste- vmg für das Rundreiseheft aus dem eine:: Umstand, daß es eine leidliche Ermäßigung gegenüber der sogenannten Normalkarte gewährt und dem Reisenden eine größere Freiheit in der Wahl des Weges läßt, als die Rückfahrkarte. Hierzu kommt die Annehmlichkeit, für eine ganze längere Reise im voraus alle Eisenbahnkarteir auf einmal zu erwerben, also nicht mehr gezwungen zu sein, dor Antritt jedes Abschnitts der längeren Reise an den Schalter zu gehen. Man stelle aber eininal den Reisenden vor die Wahl: willst du dieselbe Ermäßigung, die du jetzt für das Rundreisehest genießest, auch für die einfache Fahrkarte genießen, ohne gezwungen gu sein, Wochen oder Monate voraus dich für deinen Reiseweg zu binden — so bin ich fest überzeugt, kaum einer von hundert Reisenden würde das Rundreischeft vorziehen. Dabei spreche ich noch gar nicht von der Verweigerung des Frei- gepäcks für Rundreisehefte gegenüber der Gewährung für einfache Fahrkarten.
Wenn dereinst nach der Beseitigung des ganzen fetzigen Wirrwarrs im Fahrkartenwesen eine Geschichte üer Eisenbahntarife geschrieben werden sollte, so wird in -inem Abschnitt, der je nach der Person des Geschicht
schreibers mehr oder weniger lustig ausfallen kann, an der Geschichte des Rundreisehestes die ganze Psychologie der Eisenbahnverwaltungen vorgetragen werden können. Tie Reisendenwelt vergißt ja die einzelnen Stufen einer Verkehrseinrichtung gar bald. Wer hat denn auch Neigung und Zeit, sich mit der Entwickelung einer Einrichtung zu beschäftigen, die nicht war und nichts ist, als der Ausdruck für die Hilflosigkeit der Eisenbahnverwaltungen, große, stets wachsende Bedürfnisse des Verkehrs durch einfache klare Einrichtungen zu befriedigen. Der Grundzug des ganzen europäischen Eisenbahnwesens ist der unausrottbare Hang der Verwaltungen zum Verwickelten. Ich kenne keine einzige europäische Eisenbahnverwaltung, die von diesem krankhaften Hange frei wäre. So ist es denn gekommen, daß in den meisten Ländern, Deutschland leider immer vornan, ein Zustand der Per- sonentarise herrscht, in dem weder die Reisenden noch die Verwaltungen sich zurechtfinden, Die Eisenbahnverwaltungen wissen so gut wie die Reisenden, daß die strenge Durchführung dessen, was sie Normaltarif nennen, unmöglich wäre; der Normaltarif, das fühlen sie, ist so verkehrsfeindlich, daß ein Massenverkehr dabei nicht bestehen könnte. Wollte die Eisenbahnverwaltung z. B. für eine Reise von Berlin nach der Schweiz oder auch nur nach Basel den vollen „normalen" Fahrpreis erheben, der für die dritte Klasse 40 Mark 60 Ps. beträgt, also hin und zurück 81 Mark 20 Pf., so würde sie erfahren, daß die hohen Fahrpreise nur sehr niedrige Einnahme!: bringen. Zu dieser Erkenntnis sind denn auch olle Eisenbahnver- woltungen ziemlich früh gekommen, haben aber nicht die einzig richtige Folgerung daraus gezogen, nämlich die Fahrpreise überhaupt herabzusetzen, sondern, da dies einfach gewesen wäre, sie aber durchaus nicht einfach sein wollen noch können, sondern als BNceankraten inner allen Umständen verwickelt sein müssen, so haben sie einen er- niäßigtenFahrpreis gewährt, ihn aber an eine engherzige, zu Verwickelungen führende Bedingung geknüpft, nämlich an die Rückkehr auf einem bestimmt vorgeschriebenen Wege unter Ausschluß anderer, dem Reisenden vielleicht bequemerer Wege und an die Jnnehaltung einer bestimmten, möglichst kurzen Frist. Hinzu kamen Gründe des Wettbewerbs: die ursprünglichen Privatbahnen wollten in den Fällen, in denen der Reisende den Rückweg vielleicht über eine, andere Linie hätte nehmen können, ihn auf ihre Linie locken, und so entstand Me. ermäßigte Rückfahrkarte. Das ging etwa ein Menschenalter leidlich, bis durch den Ausbau des europäischen Eisenbahnnetzes, durch die immer größere Engmaschigkeit der Linien in den Ländern der großen Verkehrskultur die Rückfahrkarten dem gewaltigen Reiseverkehr, namentlich dem sommerlichen Vergnügungsverkehr, nicht mehr genügten. Die Reisenden wollten und konnten nicht mehr auf derselben Bahn zurückkehren, wie sie ja auch nicht
immer in gerader Linie ein bestimmtes Ziel aufsuchen, sondern durch eine Reise kreuz und quer und rund herum die allerverschiedensten Ziele erreichen wollten. Anstalt nun durch dieses neue Verkehrsbedürfnis sich endlich zu der einfachen Reform drängen zu lassen, den Kilometer- preis der Rückfahrkarte zum Normalpreis zu machen« kam der Eisenbahnbureaukrat, dank seinem innersten Triebe zu immer neuen Verwickelungen, auf den Gedanken des Rundreiseheftes. Er kam sich dabei ungemein schlau und findig vor, und die Reisenden hatten begreiflicherweise eine solche Freude an der Ermäßigung« die immerhin in den Rundreiseheften steckte, daß sie die Eisenbahnverwaltung in dem Glauben bestärkten, sie hätte etwas Unübertreffliches ersonnen. Es wäre eine sehr hübsche Doktorarb-eit für einen jungen National- ökonomen, eine Geschichte des Rundreiseheftes oder vielmehr der Bestimmungen über das Rundreisehest zu schreiben. Diese Geschichte würde zugleich eine vollständige Psychologie der Eisenbahnverwaltungen enthalten. Zwei Grundzüge lassen sich von Schritt zu Schritt, nahezu von Fahr zu Jahr in diesen Bestimniungen Nachweisen: der uns schon bekannte Hang zur Verwickelung, die rabies complicatoria der Eisenbahnverwaltungen, und der Grundsatz: in allen Zweiselfällen immer zu Un- gunsten der Reisenden. Die Eisenbahnverwaltungen haben nicht das mindeste Interesse daran, innerhalb! welcher Frist ein Rundreisehest „abgefahren" wird. Im Gegenteil, wie jeder Kaufmann hätten sie höchstens das Interesse, die Gegenleistung für die ja im voraus empfangene Bezahlung des Rundreisehestes, also die Eisenbahnfahrt, so spät wie möglich zu leisten. Anstatt also einfach zu bestimmen: Rundreiseheste gelten ein ganzes Kalenderjahr, tvurde mit ängstlicher Knauserei eine knappe Frist festgesetzt, und weil auch dies noch zu einfach gewesen wäre, wurden Unterschiede gemacht nach der Kilometerzahl: 45 Tage bis zu 600 Kilometer, 60 Tage für 601 bis 2000 Kilometer. Natürlich haben sich die europäischen Eisenbahnverwaltungen nicht einmal hierüber völlig einigen können, dieJtaliener haben anders Fristen, die Schweizer wieder andere.
Ausgegangen war die Anregung zu dem ganzen Rundceisetvesen von den preußischen Staatsbahnen, dig durch die Verstaatlichung vor 20 Jahren 3 : 1 m größten Eisenbahnnetz der Welt geworden und dadurch eine Art von Führung, wenigstens für Mitteleuropa, erlangt hatten. Was wäre nun natürlicher gewesen, als daß man für die Preisbemessung der Rundreisehefte einfach .die Sätze der Rückfahrkarte zu Grunde gelegt hätte? Jawohl, einfach ! Das will und kann eben eine Eisenbahn- Verwaltung nicht sein. Irgend ein kleines Unterschied- chen mußte gemacht, irgend eine neue Verwickelung mußtg erdacht werden, »nb so entstanden die Kilometerpreise der Rundreisehefte, die zwar billiger tvaren als die
Im Meißen Kleide.
Roman von M. Böhme (O. Sandor).
(38. Fortsetzung.)
„Das empörte mich auch. Ich weiß genau, daß er Gottburgsen zu Dank verpflichtet ist, und daß Gottburgsen
jeder Stunde für ihn Mntritt, wenn er in irgend einer Weise angegriffen wird. Deuzmann ist ein kleinlicher, neidischer, boshafter Charakter, das habe ich längst heraus. Diese bösartige Klatscherei stammt ohne Zweifel von der Schwägerin des Teuzmann, die Gottburgsen engagiert
hat. Eine unausstehliche alte Schachtel.-- Aber
gleichviel, so harmlos die Sache an und für sich sein niag und jedenfalls auch ist, offen gestanden, verstehe ich doch nicht, wie Gottburgsen die junge Dame durch ein derartig unvorsichtiges Verhalten in ein Gerede bringen konnte. Etwas daran muß doch Wohl sein. Ich wünschte Gottburgsen wäre zur Stelle, daß man ihn danach fragen könnte."
Schönfeld zuckte die Achseln. „Ich würde meine Hand für Gottburgsens Ehrenhaftigkeit ins Feuer legen. Und sje junge Dame, diese Amerikanerin — ich kenne sie frei- »ch nicht —"
„Ebenfalls über jedem Zweifel erhaben. Wie gesagl die Sache würde sich, wenn man Gottburgsen danach nagen könnte, jedenfalls als durchaus harmlos Herausstellen."
„Vorläufig werde ich mit dem boshaften Kolporteur dieser schändlichen Verleumdung abrechnen."
.. „Sie tun recht. Wenn Sie mir nicht zuvorgekommen u>ären, hätte ich die Sache ausgesuchten. Also bis auf weiteres. Natürlich stehe ich jederzeit zu Ihrer Ver- lugung, Herr Rittmeister."
Mit einem kräftigen Händedruck trennten sich die Herren.
*
Vier Tage später fand in einem entlegenen Winkel des Grunewvldes das Duell zwischen Schönseld und Assessor Teuzmann statt. Die Bedingungen waren nicht ^stzu scharf; beim zweiten Kugelwechscl erhielt der Assessor -ine starke Fleischwunde in der Schalter. Da der Arzt
ihn des starken Blutverlustes wegen füe kampfunfähig erklärte, war die Sache damit ausgetragen.
Obgleich die Verwundung keineswegs gefährlich war, stellte sich hinterher doch ein ziemlich hohes Fieber ein; immerhin mußte der Assessor sich einige Wochen von seinen Amtsgeschäften dispensieren lassen und das Zimmer hüten. Von den unmittelbar am Duelle beteiligten Persönlichkeiten hatte natürlich keiner etwas von der Angelegenheit verlauten lassen; dennoch waren allerhand Gerüchte über den Zweikampf und die Ursache desselben an die Öffentlichkeit gedrungen.
Fräulein Sontheim wurde plötzlich mit Einladungen zu Kaffee- und Teegesellschaften überschüttet. Waren die alltäglichen Gesprächsstoffe durchgehechelt, so begann man ganz diskret auf den sensationellen Tagesklatsch anzuspielen. Professor Gottburgsen und dies Fräulein Dirken
— Deutsch-Amerikanerin — man kannte sie kaum dem Ansehen nach — und es war auch kaum dem zu glauben
-_ oder ob doch vielleicht? — — Aus nichts kommt
doch nichts-. Schließlich war der Professor noch in
seinen besten Jahren, und diese — hm — diese Dame sollte sehr schön sein.
Die Sontheim zuckte nur vielsagend die Achseln. Ihre Diskretion verbiete ihr, über die intimen Angelegenbeiten des Hauses, in dem sie weile, zu reden. —
— Aber der Herr Professor sei eben Künsller, und Gelegenheit macht Diebe. Wenn man, wie diese Amerikanerin, einen Mann förmlich überlaufe, sie sei ja schon
frühmorgens gekommen, und außerdem-Hier
stockte die Sontheim verschämt und markierte ein Erröten, indem sie sich mit dem Taschentuch über die geschminkten Wangen fuhr, um dann mit affektierter Eile zu einem anderen, minder heiklen Thema überzugehcn.-
Ahnungslos, in welcher Weise ihre Person den müßigen Zungen desjenigen Teils der Berliner Gesell- schast, welche die Mauerburg noch nicht verlassen hatte, um in Seebädern und Sommerfrischen Erholung zu suchen, Stoff zur Unterhaltung gab, verlebte Maud in der grünen Heimat ihrer Mutter eine Reihe stiller Tage. In dem Foifthause ihres verstorbenen Großvaters hatte sic Wohnung gefunden. Die Förstersleute hatten sie für Geld und gute Worte gern ausgenommen und ihr
aus ihre Bitte sogar das Zimmer im Giebel eingeräumt, in dem sie vor Jahren mit ihrer Mutter schon geschlafen hatte. Stundenlang streifte sie einsam in der idyllischen Gegend umher. Ter Friede des Waldes, den sie so liebte, teilte sich ihr allmählich mit und gab ihrer Seels das gewohnte Gleichgewicht, ihrem Wesen die harmonische Ruhe wieder. Noch immer beschäftigten sich ihre Ge- danken mit Gottburgsen und seinem Schicksal, aber die Wogen zorniger Empörung wichen immer weiter zurück von ihrem Empfinden, und nur ein weiches, wehes, ihr selber in seiner Art unverständliches Mitleid klärte sich von den bitteren, cinklagevollen, mit Entrüstung und Verachtung durchsetzten Gefühlen, die sie anfänglich erfüllten, ab.
„Wenn er genesen möchte —" dachte sie wieder und wieder, und ihr Herz klopfte dabei in lauten, seltsam erregten, sehnsüchtigen Schlägen.-
10. Kapitel.
Gottburgsen hatte die Reise von Berlin nach Athen ohne größere Unterbrechungen zurückgelegt. Vor Jahren hatte er schon Griechenland besucht, um sich auf dem alten geheiligten Boden der Kunst neue Anregung für sein eigenes Schaffen zu holen. Damals brachte er statt der erhofften Inspiration eine große Enttäuschung mit heim, und das gleiche Gefühl der Ernüchterung ver- stimmte ihn auch diesmal wieder, als er die öden Fluren mit ihren sonnenversengten Trümmern, Gräbern und Ruinen durchwanderte. Ter Vergleich zwischen dem Griechenland von heute mit dem antiken Hellas wirkte ans den Menschen ernüchternd, ans den Künstler ent- mutigend. Alt-Hellas ist gestorben, und das moderne Griechenland ist sein Sarg — sein Grab, und nicht einmal ein blmnenbedccktes. Dieselben Stätten, die ein>'t blühende Ströme göttlicher Kunst durchpulsten, einst Tempel der Olypier, sind heute verfallene Totenäcker, wüste Trümmerfelder, die in ihrer Öde und in ihrem tiefen Schweigen beredtsam von der Vergänglichkeit aller irdischen Tinge predigen.
Aller irdischer Tinge! Meister Gottburgsen seufzte, wie er da im Abendscheine auf einer zerborstenen Tempel- quadcc von Olympia saß und umflorten Blickes das
