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285* «erlagS-Ferusprecher R». 285».
Dienstag» de« 23* Juni.
RebaktiouS-Fernfprecher No. S2.
1803.
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Gablet gegen Combes.
Unser Pariser Korrespondent schreibt: Unter dem Titel Ost allons-nous? (Wohin steuern wir?) veröffentlicht der frühere Ministerpräsident Renä Goblet in oer „Revue politique et parlementaire" einen Aufsehen erregenden Artikel, in welchem er die vom gegenwärtigen Kabinettschef Emile Combes verfolgte Politik in scharfen, aber maßvollen Ausdrücken verurteilt. Goblet ist kein prinzipieller politischer Gegner von Combes, da sich sein Ministerium (in den Jahren 1886—1887) auf die radikale Partei stützte, und war, als er sich vor längerer Zeit vom politischen Leben zurückzog, Präsident der radikal - sozialistischen Gruppe der Deputiertenkammer. Sein Angriff gegen Combes kommt mithin aus dem eigenen Lager und verdient um so mehr die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, als die hervorragenden staats- männischen Eigenschaften Goblets von niemandenernst- lich bestritten werden. Der ehemalige Ministerpräsident beginnt seinen geharnischten Aufsatz mit der Behauptung, daß niemals, seitdem die Republik von Republikanern regiert worden ist, d. h. seit der Präsidentschaft Grävhs, Frankreich sich in einer kritischeren Lage befunden hätte und der Ausblick in die Zukunft so trüb und verhüllt gewesen sei wie jetzt. Unter dem Vorwand, die moralische Einigkeit des Landes zu sichern, hätte man seit mehreren Jahren einen erbitterten Kampf gegen das, _ was man den Klerikalismus nannte, unternommen, ein Kampf, der sich von Tag zu Tag verschärft, dessen Ausgang unmöglich vorauszusagen ist und dessen klarstes Resultat darin besteht, daß das Land in einen Zustand der Teilung versetzt ist, wie man ihn bisher noch nicht erlebt. Niemals hätten weder monarchistische Unternehmungen, noch der Boulangismus oder der Nationalismus (den Dreyfus-
Handel übergeht Goblet merkwürdigerweise mit Stillschweigen) die Bevölkerungsklassen in ihren Tiefen so aufgewühlt, wie der gegenwärtige Religionskrieg, dessen Folgen sich auch in der Armee, in der Verwaltung und Justiz, kurz ans allen Gebieten des öffentliche Lebens deutlich fühlbar machten. Soziale Reformpläne, die noch vor kurzem das Parlament und die öffentliche Meinung lebhaft beschäftigten, seien völlig in den Hintergrund gedrängt worden und das Rstmen gegen die Kirche beherrsche die politische Welt ausschließlich. In ähnlicher Weise fährt Goblet in langen Ausführungen in seiner Fehde fort und kommt zu dem Schlußsatz: „Die gegenwärtige Politik bis zum Ende durchzuführen, bedeuiet vielleicht, die schlimmste der Reaktionen hervorzurusen; aus halbem Wege stehen zu bleiben, hieße die Feinde der Republik ermutigen. Wohin also steuern wir?"
Rens Goblet kann sicherlich nicht des Klerikalismns geziehen werden, macht er sich doch das Wort Gambettas zu eigen: „Der Klerikalismus ist unser Feind." Er tadelt die Geistlichkeit und die Kongregationen energisch, wenn sie sich in die Politik mischen, und erinnert daran, daß er, als er am Staatsruder saß, die schädlichen Manöver der Klerikalen heftig bekämpft habe, aber er kann sich mit den Maßregeln Combes' nicht befreunden, die ihm als „unwirksame, unkluge Kampfmittel, welche den öffentlichen Frieden gefährden und Frankreichs Stellung zu anderen Mächten (Anspielung auf das Bündnis mit Rußland und die dort letzthin lautgewordenen Stimmen gegen Combes) unnötig erschweren", erscheinen. Goblet ist ferner der Meinung, daß die gegenwärtigen Verfolgungen gegen die Kirche manchen, der bisher in religiösen Dingen gleichgültig war, zum Feind der Regierung machen werden, weil ihm diese Verfolgungen als absolute Verleugnung der vielgerühmten französischen libprts Vorkommen müssen.
Weiß aber der ehemalige Ministerpräsident, indem er in wuchtigen Worten den Block niederdonnert, etwas Besseres an die Stelle der Politik Combes' zu setzen? Im Kritisieren zeigt sich Goblet stark — wir wollen nicht untersuchen, inwieweit politische Eifersucht seine Feder geleitet hat; er ist im Jahre 1828 geboren und dürste kaum noch auf einen Ministerposten spekulieren — aber in der Angabe eines neuen Weges für die französische Politik wollen uns -seine weitläufigen Erörterungen ziemlich schwach erscheinen. Er hat selber, wie oben erwähnt, ein Anhalten auf halber Bahn für untunlich erklärt und weiß nichts Bessers zur Lösung der jetzigen Verworrenheit vorzubringen, als daß er sagt, „im Kampf gegen den Klerus hätten strenge Maßnahmen gegen die Zunahme der toten Hand und Maßregeln gegen die Vermögen und nicht gegen die Personen genügt." Wenn er weiterhin erklärt, daß es besser gewesen wäre, die Kongregationen mit einem Schlage zu unterdrücken, als
sie vorher in autorisierte und nichtautorisierte einzuteilen und hinterher den letzteren sämtlich mit einem Male die Genehmigung zu versagen, wird ihm mancher recht geben, der der halb dreisten, halb zaghaften Winkelzüge der jetzigen französischen Politik überdrüssig geworden ist. Ebenso kann man ihm beistimmen, wenn er den Leichtsinn geißelt, mit dem die Freiheit des Unterrichts aufgehoben wurde, ohne daß sich bisher für die geschlossenen Schulen ein genügender Ersatz gefunden hätte, und wenn er sagt, daß die Unterdrückung der Gewissensfreiheit notwendig nicht bloß zu einem religiösen, sondern auch zu einem Bürgerkrieg die Wege bahnt. Emphatisch ruft Goblet aus: „Welche Rolle kann eine Nation in der Welt spielen, die sich unfähig zeigt, sich selber zu regieren?" Es fragt sich noch, ob Goblets Worte tieferen Eindruck hinterlassen werden. Für uns Deutsche ist es auf jeden Fall interessant, zu beobachten, wie sich zwei radikale Ministerpräsidenten schroff gegenüberstehen.
Die Dorgiinge in Serbien.
Budapest, 18. Juni. Dem „Pester Lloyd" wird aus Berlin gemeldet, daß der uneheliche Sohn des Königs Bdilan demnächst nach Deutschland gebracht werden soll« um in die Obertertia eines Gymnasiums einzutreten. Der Sohn Milans ist gegenwärtig 13 Jahre alt. Er wurde ür erster Linie deutsch erzogen, beherrscht jedoch auch die serbische, russische, griechische und französische Sprache. Er ist ein bescheidener junger Mann und hat von seiner Herkunft keine Ahnung. Seine Abstammung soll ihm auch so lange als möglich -ein Geheimnis bleiben. König Milan hat nie denVersuch gemacht, von den ca. 150 Briefen und Schriftstücken an die Mütter seines Sohnes auch nur eines wieder zurückzuerhalten. Diese Dokumente enthalten neben absoluten Beweisen für die Abstammung des jungen Milan wichtige politische Mitteilungen. König Alerander hat bei seinem letzten Besuche in Konstantinopel den Sultan gebeten, ihm diese Dokumente zu verschaffen, da hiervon das Glück seiner Dynastie abhänge. Hierauf wurden ca. 100 Briefe, die vorher photographiert wurden, an König Alexander übersandt. Die resllichen Briefe und die Photographieen der an König Alexander übersandten Briefe und Schriftssticke besitzt Frau Chrissttsch,
Serbiens neue Krone. Serbien war, wie dev „Gaulois" schreibt, in den letzten Jahrzehnten ohne Krone. Früher besaß es wohl eine prächtige Krone, die aber verschwunden ist, man weiß nur nicht, wann und wie. König Alexander, König Milan, Fürst Michael sind . . . ohne Krone gekrönt worden. Sie wurden gesalbt, aber das äußere Zeichen ihrer Macht wurde ihnen nicht aufs Haupt gesetzt. Am Dienstagabend hat deshalb der Prinz Arsäne Karageorgiewitsch, der sich nach! Genf
Kenilleton.
Eisberge.
Von vr. Leonh. Croner.
Die Erdnatur wirkt und schafft unaufhörlich; „und aus den untersten Bezirken dieser Natur schlingt sich Leben herauf an das Tageslicht"; das Angesicht der Erde ändert sich fort und fort. Und diese sich stets vollziehende „Umgestaltung" bleibt nicht ohne Eindruck auf das Geistesleben und Gemüt der lebenden Menschengeschlechter. Von einem unwiderstehlichen Drange ge- stieben, eilen die Masten der Reiselustigen, wie Ameisen geschäftig, durch alle Zonen des Erdplaneten, um über die Wunderscenen zu staunen, die sich in der Natur abspielen. Besonders gern eilt man aber in die Wildnis der Hochgebirgsnatur, weil da „Erhabenes mit Schrecklichem" sich zeigt. Die Firnfelder und Gletscher sind cs vor allem, die für die Reisenden eine große Anziehungskraft besitzen. Und diese großartigen Bilder der Natur entfalten immer neue Reize für das staunende Meuschcn- auge. „Gletscher und Firnfelder", das sind Zauberworte geworden, die mächtig auf die Phantasie wirken, zumal, wenn man im gemütlichen Heim sitzt und irgend ein Bild einer Naturscene behaglich beschaut, die uns auf dem Papier gar zierlich fein einen solchen gemalten Eiskoloß vorführt. Anders nimmt sich die Sache natür- lich in der Wirklichkeit aus. Könnten wir nur den ernsten Forscher begleiten, der sich in jene Regionen der Gletscherwelt begibt, dann würden wir nicht mehr nur „kalt staunenden Besuch" jener Eiswelt abstatten, der uns wenig Nutzen bringt; sondern wir würden beim An- schauen jener Alpenwnnder eine Ahnung bekommen von den geheimwirkenden Gesetzen, die stetig die Kolossalgebilde der schauerlich wilden Eiswelt formen und un- sormcn. Wir würden erkennen, daß auf den scheinbar stillen Kuppen und Spitzen der Alpen heute noch ein Riesenkampf fortdauert, der schon Jahrhunderte lang in jenen Höhen großmächtige Veränderungen hervorbringt. Steigen wir hinauf zu den wüst-wilden, glitzernden Schnecflächcn, die das Auge blenden I Betreten wir die Eisgefildc, die wie ein „gefrorenes Meer im Glanze der Sonne flimmern und in ewiger Erstarrnis vor unS
zu liegen scheinen. Klimmen wir auf die leuchtenden Spitzen der Berge, die wie von Duft umwoben hernieder schauen auf die festgegründete, dauernde Erde. Da oben, hoch über den Häuptern der wandelnden Menschenkinder, ist die beängstigende und herzbeklemmende Öde und wüstenschaurige Einsamkeit unseres Erdplaneten, zu der selten oder gar nicht des Menschen Fuß vordringt. Hier, in weiten Räumen, die kein Fuß mißt, scheint der belebende Odem der Schöpfung still zu stehen und «er allmächtige Puls der großen Natur auszusetzen; hier auch, in dieser starren Schauerwildnis, scheint das Reich des Organischen aufzuhören, und selbst der sonst so belebende Sonnenstrahl gleitet kalt über die Kolossalmaffen der Eisgebilde hin.
Nur hier und da reckt aus den ttbereinanderge- stürzten Eisblöcken ein dunkelgefärbter Fels seine Spitze, die sich mitten in Schnee- und Eiskolosten gar seltsam ausnimmt. Ein einsamer Vogel sitzt auf ihr und hält Umschau voll Fratzbegier nach Beute. Und hier oben wehen die Lüfte so kalt, alö wollten sie alles Leven ertöten; und von Zeit zu Zeit tobt die Windsbraut so unheimlich gewaltig, als sollten von ihrem wuchtigen Anstürme die alten, grauen Felszacken erdrückt und nieder- gerissen werden. Und dazwischen saust und braust es von Schlossen und Regen; und in das Toben der unbändigen Elemente mischt sich ein fortdauerndes, seltsames Krachen und Ächzen und Klirren; denn die übereinander getürmten Eismassen rutschen und schieben nach seitwärts und abwärts. Große Klüfte gähnen aus dem Eiswalle gen Himmel; Risse und Spalte öffnen sich; und fürchterliche Abgründe tun sich auf. Und von den dunkelragenden Felsen stürzen in wilden Kaskaden die silberschäumigen Gletscherbäche und suchen ihren Weg zum Tale. Und wie heute, so arbeiten seit Jahrhunderten die entfesselten Riesenkräfte der Berg- und Gletschcr- welt, und des Kampfes hier oben ist noch lange kein Ende ... Es wurde gesagt, daß es, von unten aus gesehen, scheine, als blieben die Berghäupter mit ihren Eis- und Schneekoppen in ewiger Unveränberlichkeit, als habe hier die Natur die Kreise ihres Lebens und Wirkens abgeschlossen.
Aber der Schein trügt; nirgends in der Natur ist Ruhe und Stillstand; und die Kräfte der Elemente weben hin und her, auf und ab — Geburt und Grab
wechselt unaufhörlich; Werden und Vergehen, Gestaltung und Umgestaltung ist allenthalben im Reiche der Natur; und auch die starr erscheinende Berg- und Gletscherwelt macht keine Ausnahme von dem Schicksale alles Gewordenen, alles Seienden, so lange dies ewigen Naturgesetzen unterworfen ist.
Und welches ist hier oben die geheimnisvolle Kraft, die unmerklich aber stetig, Jahrhunderte, ja Jahrtausende hindurch die „starren Gletschcrkoloffe" bewegt und regt und sie schmelzen macht? — Nun, die Sonne sendet ihre goldigsten und wärmsten Strahlen zu den kahlen Bergriesen; und langsam und unaufhörlich fließt das Gletschereis geschmolzen zu Tale. Und dieses stete Hinabströmen des Eiswasters zerbröckelt auch die härtesten Felsen und macht sie verwittern; und sie lösen sich und stürzen hinab zur Tiefe. Und im Laufe von Äonen hat die Gletscherwelt ein anderes Aussehen erhalten; und Felsen- und Eisgipfel, die einst gen Himmel starrten, sinken; und so ebnen sich auch die zackig-schroffsten Höhenzüge . . . Die norddeutsche Tiefebene ist reich mit Spuren eines solchen Riesenkampfes der Elemente und ihrer feindlich gegeneinander wirkenden Kräfte versehen. Und die Wandersteine oder erratischen Blöcke und die an tiefen Seeen liegenden Steinhügel bezeichnen noch jetzt die Grenzen längst verschwundener Gletscher. Durch Urfluten wurden die Überbleibsel jener Gletscher in Länder gebracht, wo heute auch nicht die geringste Spur eines Gebirges vorhanden ist. Wie bemerkt, ist z. B. der größte Teil Norddeutschlands ein Tiefland, das sich nach der Ost- und Nordsee hin absenkt; in diesem Tiefland befinden sich Ebenen, die vor unvordenklichen Zeiten Meeresboden waren. In diesem Flachlande nun treffen wir viele erratische Blöcke alsFremdlinge; cs sind größere oder kleinere Steine von Granit, Gneis ober anderen kristallinischen Felsarten, die ihrer Beschaffenhekt nach nicht von den nüchstgelcgenen deutschen Gebirgen stammen, sondern, nach Annahme der Geologen, auf schwimmenden, riesigen Eisschollen aus Skandinavien und Finnland herübergekommcn sind. In Skandinavien und Finnland starrten einst vor vielen Jahrhunderten mäch- tige Glctscherbcrgc gen Himmel; mit dem Wechsel der Erdtempcratur und durch die Kraft der Sonne kamen die Gletschermasien nach und nach in Fluß. Eisblöcke von ungeheuren Dimensionen lösten sich mit der Zeit
